Die politische Philosophie Thomas Hobbes´ stellt einen entscheidenden Einschnitt in der Geschichte politischer Ideen dar. Dominierte vor ihm der politische Aristotelismus, dessen Grundthese, der Mensch sei ein ζώον πολιτικόν, die nicht hinterfragte Prämisse des politischen Denkens des europäischen Mittelalters war.
Gemäß dieser Prämisse wird das menschliche Leben von Natur aus politisch interpretiert. Das heißt, dass das Zusammenleben in politischen Gemeinschaften die grundlegende und im Menschen angelegte Form der Vergesellschaftung sei.
Dementsprechend ist die grundlegende Frage der Politischen Philosophie nicht die nach dem Warum von Staatlichkeit gewesen, sondern immer nur die nach dem Wie.
Staatlichkeit stellt für Aristoteles die Vorraussetzung für ein eudaimonisches Leben dar, da nur der geordnete Staat das Medium zur Erlangung des höchsten Gutes sein könne, welches in der Etablierung einer geordneten Gesellschaft und der Ermöglichung einer philosophischen Lebensweise bestehe. Folglich wurde in der Politischen Philosophie primär die Frage nach der besten Staatsform verhandelt. Die Frage nach der Legitimität von staatlicher Gewalt wurde so nicht gestellt.
Hobbes bricht mit dieser abendländischen Tradition, dass Staatlichkeit zu mehr dienlich sein könne, als zum bloßen Selbsterhalt des Menschen. Entscheidend weist er die Existenz eines höchsten Gutes (maximum bonum) zurück.
Gleichzeitig konstruiert Hobbes einen vermeintlichen Naturzustand des Menschen, welcher Gesellschaft zunächst als Ansammlung atomisierter miteinander in erbarmungsloser Konkurrenz stehender Individuen beschreibt.
Bemerkenswert daran ist zunächst, dass die vermeintliche Natürlichkeit staatlicher Gemeinschaften verworfen wird und sich damit die grundlegende Fragestellung Politischer Philosophie vom Wie hin zum Warum verschiebt. Hobbes selbst beantwortet diese Frage durch die hypothetische Konstruktion einer menschlichen Natur, aus der sich der zutiefst destruktive Naturzustand und in Konsequenz auch die durch Autorisierungs- bzw. Herrschaftsvertrag konstituierte Staatlichkeit deduziert. Der Staat wird als menschliches Werk betrachtet und dementsprechend können die Maßstäbe zur Bewertung eben jenes Staates nur menschliche sein.
Dieser Systematik folgend kann die Frage nach der Natur des Staates und seiner Funktionen nicht mehr von der Frage nach der Natur des Menschen getrennt werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitende Gedanken
- Anthropologische Grundannahmen: Zweckrationalismus, Konkurrenzsubjekt und Besitzindividualismus
- Kritik
- Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Der Text analysiert die politische Philosophie Thomas Hobbes und seine anthropologischen Grundannahmen im Leviathan. Es wird untersucht, wie Hobbes den Naturzustand des Menschen beschreibt und wie daraus die Notwendigkeit von Staatlichkeit entsteht.
- Die Kritik am politischen Aristotelismus und die Einführung eines Naturzustands
- Die anthropologischen Grundannahmen von Zweckrationalismus, Konkurrenz und Besitzindividualismus
- Die Rolle des methodischen Egoismus im Naturzustand
- Die Ableitung der Staatlichkeit aus dem Naturzustand durch einen Herrschaftsvertrag
- Die zentrale Bedeutung der Anthropologie für Hobbes' politische Philosophie
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitende Gedanken
Das Kapitel stellt den Kontext von Hobbes' politischer Philosophie im Vergleich zu Aristoteles dar. Hobbes bricht mit der Tradition, dass Staatlichkeit ein Mittel zur Erreichung des höchsten Gutes sei und konstruiert einen Naturzustand des Menschen als Ansammlung atomisierter Individuen in Konkurrenz.
Anthropologische Grundannahmen: Zweckrationalismus, Konkurrenzsubjekt und Besitzindividualismus
Dieses Kapitel analysiert die anthropologischen Grundannahmen von Hobbes. Es wird gezeigt, dass der Mensch als zweckrationaler Akteur dargestellt wird, der immer nach der Befriedigung seiner Bedürfnisse strebt. Die Konkurrenz und der methodische Egoismus, der die individuellen Interessen über die der anderen stellt, sind zentrale Elemente im Naturzustand.
Schlüsselwörter
Thomas Hobbes, Leviathan, Naturzustand, Zweckrationalismus, Konkurrenzsubjekt, Besitzindividualismus, methodischer Egoismus, Herrschaftsvertrag, Staatlichkeit, Anthropologie, politische Philosophie, Aristotelismus
Häufig gestellte Fragen
Was ist das Hauptwerk von Thomas Hobbes zur politischen Philosophie?
Sein zentrales Werk ist der "Leviathan" (1651), in dem er die Begründung von Staatlichkeit und Macht analysiert.
Wie beschreibt Hobbes den Naturzustand?
Der Naturzustand ist ein hypothetischer Zustand ohne staatliche Ordnung, geprägt von einem "Krieg aller gegen alle" aufgrund von Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht.
Wie bricht Hobbes mit der Tradition des Aristoteles?
Hobbes lehnt die Idee ab, der Mensch sei von Natur aus ein "Zoon Politikon" (politisches Wesen). Er sieht den Staat nicht als natürliche Gegebenheit, sondern als künstliches Menschenwerk zum Selbsterhalt.
Was bedeutet "Besitzindividualismus" bei Hobbes?
Es beschreibt die anthropologische Annahme, dass das Individuum primär als Eigentümer seiner selbst und seiner Fähigkeiten agiert und in ständiger Konkurrenz zu anderen steht.
Warum ist der Herrschaftsvertrag laut Hobbes notwendig?
Um dem zerstörerischen Naturzustand zu entkommen, übertragen die Menschen ihre Rechte durch einen Vertrag auf einen souveränen Herrscher (den Leviathan), der Frieden und Sicherheit garantiert.
- Quote paper
- Magister André Keil (Author), 2007, Anthropologie, Naturzustand und die Begründung von Staatlichkeit im Leviathan Thomas Hobbes', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161407