Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit - Darstellung und Kritik


Seminararbeit, 2007

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Krise der Moderne und Linguistic Turn

3 Biographische Skizze – Jean-Francois Lyotard

4 Philosophie des Widerstreits
4.1 Grundlegende Ausführungen
4.2 Exkurs: Holocaust und Widerstreit

5 Kritik an Lyotards Konzept diskursiver Gerechtigkeit Gerechtigkeit auf welcher Basis?

6 Literatur

1 Einleitung

Im Folgenden soll Jean-Francois Lyotards Hauptwerk Der Widerstreit einer genaueren Betrachtung unterzogen werden. Dabei erscheint es dem Autor notwendig das Werk in einen Kontext zu allgemeinen Tendenzen der westlichen Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert zu stellen und auch die Persönlichkeit Lyotard näher zu beleuchten, denn sowohl der Ansatz als auch die Konsequenzen der Ausführungen im Widerstreit werden von Autor als kritischer Reflex auf die Krise der Moderne und ihrer Erzählungen und Versprechen verstanden. Diese Kritik der Moderne kann aber nur richtig eingeordnet werden, wenn verstanden wird warum Lyotard eben dieser Moderne eine kritische Absage erteilt und ein gewissermaßen postmodernes Konzept von diskursiver Gerechtigkeit an ihre Stelle setzt. Zum Abschluss sollen einige kritische Anmerkungen getroffen werden, insbesondere in Bezug auf die Möglichkeiten der praktischen Umsetzbarkeit von Lyotards Konzepten.

2 Die Krise der Moderne und der Linguistic Turn

Lyotards Widerstreit muss im Kontext der allgemeinen Entwicklungen der Geisteswissenschaften im 20. Jahrhundert interpretiert werden. Die Hinwendung zur Sprache und konsequente Interpretation der Welt nach dem linguistischen Paradigma sind keine willkürlichen Entwicklungen, sondern ein kritischer Reflex auf das politische Scheitern totalitärer[1] Weltinterpretationen.

Die Moderne war geprägt von Emanzipationshoffnungen, die auf allumfassenden, alles erklärenden – im eigentlichen Sinne totalen - Prinzipien basierte. Sei es die Hoffnung der Emanzipation von religiösem Aberglauben durch die rationale Durchdringung und Beherrschung der Natur oder die Hoffnung der Emanzipation und Befreiung des Menschen[2] selbst durch den Sozialismus. Die Versuche diese Versprechen auch praktisch-politisch zu verwirklichen können spätestens nach 1989 als gescheitert - oder doch zumindest als in der Krise begriffen – angesehen werden. Die rationale Beherrschung der Natur verdrängte zwar archaische Abergläubigkeit und Mythen, ersetzte diese aber letztlich durch moderne Mythen von Sachzwängen und schuf gleichzeitig Mittel und Methoden die Unmündigkeit des Menschen zu perpetuieren. Die vom Sozialismus im Namen der Menschlichkeit angestoßene Bewegung pervertierte sich in den Versuchen ihrer Verwirklichung und verkehrte sich durch die teilweise Unmenschlichkeit ihrer Politik in ihr Gegenteil.

Das Vorhandensein der Krise scheint offensichtlich. Derzeit existiert kaum ein Entwurf, kaum ein Projekt, dass sich in Reichweite und Zielen mit den großen Entwürfen der Moderne vergleichen ließe. Die gewissermaßen konsequenteste These zu dieser Krise des Fortschrittsglaubens stellte der amerikanische Historiker Francis Fukuyama auf, in dem er an Hegel angelehnt das „Ende der Geschichte“[3] verkündete. Fukuyama greift dabei einen Impuls der zeitgenössischen Geisteswissenschaft auf, der sich auch bei Lyotard widerspiegelt.[4] Es geht nicht mehr um das vermeintliche Realexistierende, nicht um ontologische Fragestellungen, sondern darum, wie eben diese Welt repräsentiert und sozial verhandelt wird. Um die Frage wie Bedeutungen produziert und durchgesetzt werden.[5] Aussagen über die Dinge zu treffen, das tut kaum ein Geisteswissenschaftler mehr. Viel mehr rückt das Ding oder der soziale Fakt in den Hintergrund und an ihre Stelle tritt die Frage nach den Diskursen über die Dinge – nach der sozialen Konstruktion eben dieser. Dabei verschiebt sich auch die Methode. Nicht mehr die materialistische Analyse des Sozialen ist zentral, nicht mehr ökonomische Analysen definieren und klassifizieren Gesellschaft, sondern Sprache und Kommunikation als grundlegendste menschliche Verkehrsformen.[6] Gesellschaft entsteht erst durch Kommunikation und ihre Struktur wird durch Sprache und Diskurse geformt. Die zentrale Frage der Philosophie ist demnach die nach der Ordnung der Diskurse.[7]

Eben diese Ordnung kann nur untersucht werden, wenn auch die Struktur der Sprache untersucht wird. Genau das versucht Lyotard, indem er die soziale Kommunikation zur Grundlage seiner Theorie der Gerechtigkeit macht.[8]

3 Biographische Skizze – Jean-Francois Lyotard

Lyotard wurde 1924 in Versailles bei Paris geboren und studierte an der Pariser Sorbonne Philosophie.[9] Zu den prägendsten Einflüssen während des Studiums gehörte Edmund Husserls Phänomenologie, über die er auch eine viel gelesene Kurzdarstellung verfasste. Zu Beginn der 1950er Jahre war Lyotard Gymnasiallehrer im französisch besetzten Algerien, wo er Zeuge des beginnenden algerischen Unabhängigkeitskampfes wurde. Die Auseinandersetzung mit den Grausamkeiten des Krieges führt bei Lyotard zu einer Politisierung, die zunächst zu einem Engagement in der traditionell kommunistisch geprägten Gewerkschaft CGT führte. 1954 löste sich Lyotard von der allzu orthodoxen CGT und schloss sich der linkssozialistischen Intellektuellengruppe Socialisme ou Barbarie[10] an, welche eine gleichnamige Zeitschrift herausbrachte. Diese Gruppe war primär ein Intellektuellenzirkel in dem sich Akademiker verschiedenster fachlicher Provenienzen zu Fragen linker Theorie und Politik austauschten. Gegen Ende der 1950er Jahre traten jedoch zunehmend ideologische Spannungen in der Gruppe auf. Die Frage nach der Aktualität der marxschen Theorie führte zu einer Polarisierung innerhalb der Gruppe, in der sich eher am traditionellen Marxismus orientierte Positionen und andere sich zunehmend vom Marxismus lösende Positionen gegenüberstanden. Kern des Konfliktes war die Frage danach, ob die Begriffe der marxschen Theorie überhaupt noch in der Lage waren, die Entwicklungen des sich zunehmend verändernden Kapitalismus zu fassen. Letztlich wurde infrage gestellt, ob die gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt noch durch den zentralen Begriff des antagonistischen Verhältnisses von Arbeit und Kapital zu fassen waren. Zwar positionierte sich Lyotard zunächst für die eher traditionellen Marxisten, dennoch wirkte dieser Streit in seinen späteren Arbeiten nach. Die Frage, inwieweit nach Auflösung strebende Konflikte zur Entwicklung von Gesellschaften führen, spiegelt sich auch im Widerstreit wieder. An die Stelle eines Modells gesellschaftlichen Fortschritts im Sinne einer materialistischen Dialektik tritt das Modell einer Koexistenz verschiedenster Konflikte, Anschauungen und Erzählungen, die inkommensurabel sind - von dem keine Auflösung im Sinne des dialektischen Dreischritts aus These, Antithese und Synthese zu erwarten ist. Letztlich ist diese Abkehr vom Marxismus und die Hinwendung zur Vermittlung von Konflikten und der Koexistenz von verschiedensten Positionen das Kernstück der Philosophie des Widerstreits. Diese postmoderne Verabsolutierung des Pluralismus ist letztlich auch ein Reflex auf die eigene Biographie, den eigenen Versuch anhand eines in Totalitäten argumentierenden Paradigmas Gerechtigkeit zu erreichen.

4 Die Philosophie des Widerstreits

4.1 Grundlegende Ausführungen

Der Widerstreit erschien 1983 und knüpft gewissermaßen an verschiedene Fragestellungen der vorangegangen Werke Lyotards an. Und zwar in ihrer spezifischen gesellschaftlichen Ausprägung. Setzte sich Lyotard in Das postmoderne Wissen vor allem mit der Struktur moderner Wissenschaften und den spezifisch postmodernen Konditionen wissenschaftlicher Erkenntnis auseinander, so bricht Lyotard, die in Das postmoderne Wissen angefangenen Gedankengänge auf den Bereich der Politik und daraus folgend in den Bereich der Ethik und Gerechtigkeit. Grundlegend ist der skeptisch gefärbte Zugang zum Thema Gesellschaft. Genauer, die Frage danach, was Gesellschaft eigentlich konstituiert? Lyotard geht einen denkbar einfachen Weg, indem er postuliert, dass der einzige nicht mehr bestreitbare soziale Fakt der Satz ist.[11] Und dabei vor allem das Ereignis des Satzes, das „Geschehen“.[12] Bestreiten zu wollen, der Satz existiere nicht, würde in sich schon den Satz selbst implizieren. Der Satz ist also der elementarste Baustein von Kommunikation. Und Kommunikation wiederum, die Grundlage von Soziabilität – zumindest dann, wenn Gesellschaft nicht als willkürliches Aggregat, reines nebeneinander von Menschen verstanden wird, sondern in gewisser Weise immer als miteinander gedacht wird. Dieses Miteinander bedeutet Interaktion, und die einfachste Form der Interaktion ist der Satz (unabhängig davon, durch welche Form der Artikulation er sich manifestiert). Interessant hierbei ist, dass Lyotard davon ausgeht, dass auch nicht viel mehr als der Satz existiert. Metakonstrukte wie z. B. Sprache, sind rein ideelle Abstrakta, die jedoch in der realen Welt keine Entsprechungen finden. Würde die Annahme, es würde ein universelles Regelsystem - wie die Sprache - existieren sich doch in die klassischen Denkstrukturen der Moderne einreihen.[13] Mit dieser Zurückweisung universell anwendbarer Regelsysteme zeigt Lyotard das eigentliche Problem des Widerstreits auf. Es geht ihm darum, zu untersuchen nach welchen Regeln Sätze geschehen und jeweils durch neue Sätze aktualisiert werden. Wenn nun zu Beginn erwähnt wurde, dass es sich beim Widerstreit um eine Theorie der diskursiven Gerechtigkeit handelt, so muss definiert werden, worin diese Gerechtigkeit bzw. die mögliche Ungerechtigkeit besteht.

[...]


[1] Hier erscheint es angebracht den Begriff totalitär von seiner Verwendung im politik-wissenschaftlichen Kontext zu trennen. (Anmerk. d. Autors)

[2] Marx spricht ja sogar selbst von der „menschlichen Emanzipation“, wenn er über die Überwindung des Kapitalismus spricht. (Anmerk. des Autors)

[3] Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?, München 1992

[4] Der vermeintliche Stillstand der Geschichte ist gemeint. Keine großen Veränderungen sind mehr zu erwarten. Was passiert sind keine Prozesse mehr, die auf ein vermeintliches Ziel hinstreben, sondern wie Lyotard immer wieder formuliert „Vorkommnisse“. (Anmerk. d. Autors)

[5] Den Leitspruch eben jener Hinwendung zur Sprache formulierte Ludwig Wittgenstein: „ Alle Philosophie ist Sprachkritik. “ (Tractatus 4.0031), vgl.: Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Frankfurt a. M. 1963

[6] Die Hinwendung der Philosophie zur Sprache mit besonderem Augenmerk auf ihre Ideengeschichte bei Hacking. Siehe: Hacking, Ian: Die Bedeutung der Sprache für die Philosophie, Königstein 1984

[7] Foucault zu Folge ist der Diskurs das, was zu einem Ding gesagt werden könnte. Die Ordnung des Diskurses wird durch vermachtete Struktren bestimmt. Macht ist auch der entscheidende Faktor darüber, welche Aussagen dann tatsächlich auch gesellschaftlich relevant getätigt werden. Siehe: Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt a. M. 1993

[8] Denn letztlich ist der Widerstreit nichts anderes als eine Theorie der diskursiven Gerechtigkeit. (Anmerk. d. Autors)

[9] Ein Großteil der hier gemachten biografischen Angaben stammen aus: Resse-Schäfer, Walter: Lyotard zur Einführung, Hamburg 1989

[10] Angelehnt an das Rosa-Luxemburg-Zitat von der Wahl zwischen „Sozialismus und Barbarei“. Dies zeigt die Ausrichtung der Gruppe im Sinne einer eher undogmatischen Auslegung der marxschen Theorie. (Anmerk. des Autors)

[11] „Das einzige, was unzweifelhaft ist: der Satz, weil er unmittelbar vorausgesetzt wird (daran zweifeln, daß man Sätze >setzt< ist in jedem Falle >setzen< ebenso das Schweigen).“ vgl.: Lyotard, Jean-Francois: Der Widerstreit, München 1987 S. 9f

[12] Eine stark auf der Beschreibung des „Geschehens“ bei Lyotard ausgerichtete Auslegung liefert Bennington. Siehe: Bennington, Geoffrey: Lyotard, Writing the event, Manchester 1988

[13] Das Vorurteil widerlegen, das sich in ihm über Jahrhunderte von Humanismus und >Humanwissenschaften< hinweg festgesetzt hatte: Daß es nämlich den >Menschen<, die >Sprache<, dass jeder sich dieser >Sprache< zu seinem eigenen Zwecken bedient, dass das Verfehlen dieser Zwecke auf dem Mangel einer ausreichenden Kontrolle über die Sprache beruht, einer Kontrolle >jener< Sprache mittels einer >besseren< Sprache.“, vgl.: Lyotard, Widerstreit, S. 11

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Details

Titel
Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit - Darstellung und Kritik
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Philosophie gesellschaftlicher Kommunikation
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
13
Katalognummer
V161411
ISBN (eBook)
9783640752775
ISBN (Buch)
9783640752935
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean-Francois Lyotard, Der Widerstreit, Postmoderne, Holocaust, Linguistic Turn
Arbeit zitieren
Magister André Keil (Autor), 2007, Jean-Francois Lyotard: Der Widerstreit - Darstellung und Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161411

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