Die jüngere Geburtenentwicklung im europäischen Vergleich


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung

3. Geburtenrückgänge in Deutschland:
3.1 Fertilität im vorindustriellen Deutschland
3.2 Die erste demographische Transformation
3.3 Die zweite demographische Transformation
3.4 Geburtenrückgänge in der DDR

4. Europäische Fertilitätsvergleiche:
4.1 Die demographische Transformation in Europa
4.2 Unterschiede zwischen Nord-, Süd-, West- und Reformstaaten
4.3 Der Zusammenhang von Heirat und Geburt

5. Theorien der Fertilität:
5.1 Einflüsse auf die Geburtenentwicklung
5.2 Die Bevölkerungstheorie von Gerhard Mackenroth
5.3 Das Mikro-Meso-Makro-Modell von Jürgen Bähr

6. Diskussion

7. Literatur

8. Anhang

1. Einleitung

Diese Hausarbeit vergleicht den Prozess der Geburtenrückgänge in den Ländern Europas. Zunächst werden Begriffe und wichtige statistische Maße erklärt. Es folgt eine Analyse der Geburtenrückgänge in Deutschland, wobei DDR gesondert betrachtet wird. Darauf aufbauend werden europäische Fertilitätsentwicklungen erläutert, wobei Europa in Ländergruppen eingeteilt wird um diese miteinander zu vergleichen. Im Anschluss werden theoretische Ansätze zur Erklärung von Geburtenrückgängen vorgestellt. Schließlich wird die Frage aufgeworfen, inwiefern die europäische Geburtenentwicklung ein Problem darstellt.

2. Begriffsbestimmung

Der Begriff Fertilität (lat. fertilis = fruchtbar) bedeutet im biologischen Sinn Fruchtbarkeit, bzw. die Fähigkeit, sich geschlechtlich fortzupflanzen. In der Demographie wird der Begriff jedoch ausschließlich für die Zahl der realisierten Lebendgeburten, d.h. die Anzahl der Kinder, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt, benutzt (Mackenroth 1953: 55).

Die Geburtenstatistik ist komplex, da nicht festgelegt ist, dass jede Frau einmal in ihrem Leben ein Kind zur Welt bringt. Dieser Vorgang kann biologisch 0 – 15 mal pro Frau geschehen (Bähr 2004: 158). Deshalb gibt es eine Vielzahl von statistischen Maßen, die wichtigsten werden im Folgenden vorgestellt.

Die „rohe allgemeine Geburtenrate“ (engl.: crude birth rate, kurz: CBR) ist definiert wie folgt:

CBR = B/P * 1000

B = Zahl der Lebendgeborenen im betrachteten Kalenderjahr

P = Bevölkerungszahl zur Jahresmitte

z.B. Deutschland 1999: 9,4 ‰, (Bähr 2004: 160).

Kritisch ist bei diesem Maß, dass die Zahl der Lebendgeborenen ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gesetzt wird. Die Altersstruktur der Gesamtbevölkerung kann daher die Werte beeinflussen, je nach dem ob der Anteil der Frauen im gebärfähigen Alter hoch oder niedrig ist. Um diese Verzerrung zu vermeiden wird bei der „allgemeinen (weiblichen) Fruchtbarkeitsrate“ (engl.: general fertility rate, kurz: GFR) die Zahl der Lebendgeborenen und die Zahl der Frauen in der reproduktiven Periode (15-45 oder 15-49 Jahre) ins Verhältnis gesetzt: GFR = B/F * 1000

B = Zahl der Lebendgeborenen im betrachteten Kalenderjahr

F = Anzahl der Frauen in der reproduktiven Periode

z.B. Deutschland 1999: 39,1‰, (Bähr 2004: 159f.).

Meistens wird die „zusammengefasste Geburtenziffer“ oder „totale Fruchtbarkeitsrate“ (engl.: total fertility rate, kurz: TFR) benutzt. Es handelt sich dabei um eine standardisierte Ziffer, die den Altersaufbau nicht berücksichtigt, sondern eine Gleichverteilung von 1000 Frauen pro Altersjahrgang voraussetzt. Die Summierung der altersspezifischen Geburtenraten führt dazu, dass man die Zahl der Kinder erhält, die eine Frau im Laufe ihrer reproduktiven Periode durchschnittlich zur Welt bringen würde. „Tempo-Effekte“ wie das Aufschieben der Geburten oder die Reduzierung des Erstgebäralters beeinflussen diese Rate (Bähr 2004: 159f.).

Die Bruttoreproduktionsrate wird ebenfalls gemessen durch die Summierung altersspezifischer Geburtenraten, allerdings werden hier nur die Mädchengeburten pro Frau berücksichtigt. Diese Rate zeigt an, inwiefern die Anzahl der Mädchengeburten die Generation der Mütter ersetzen kann. Allerdings wird die Wahrscheinlichkeit, dass die geborenen Töchter vor oder während ihrer reproduktiven Phase sterben, nicht mitberechnet. Diese Mortalitätswahrscheinlichkeit wird bei der Nettoreproduktionsrate (engl. net reproduction rate, kurz: NRR) miteinbezogen (Mackenroth 1953: 98f.). Ist die NRR kleiner eins, schrumpft die Bevölkerung. In Deutschland betrug der Wert der NRR 1999: 0,65 (Bähr 2004: 160).

Das Bestandserhaltungsniveau ist diejenige totale Fruchtbarkeitsziffer, die bei einem bestimmten Niveau der Mortalität benötigt wird um eine Bevölkerungszahl langfristig konstant zu halten. Das Bestandserhaltungsniveau liegt in entwickelten Ländern bei 2,1 Kindern pro Frau.

Die zusammengefasste Erstheiratsziffer ist wichtig, wenn man den Zusammenhang von Heirat und Geburten untersucht. Analog zur zusammengefassten Geburtenziffer werden altersspezifische Eheschließungsziffern der 15 bis 50-jährigen in einem Kalenderjahr summiert, z.B. werden in der Gruppe der 30-jährigen diejenigen, die zum ersten Mal heiraten, zur gesamten Gruppe der 30- jährigen in der Bevölkerung ins Verhältnis gesetzt. Es ist somit die Wahrscheinlichkeit, dass man zwischen 15 und 50 zum ersten Mal heiraten wird.

3. Geburtenrückgänge in Deutschland

3.1 Fertilität im vorindustriellen Deutschland

Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit lag die zusammengefasste Geburtenrate in Deutschland (ohne Berücksichtigung kurzfristiger und örtlicher Schwankungen) bei durchschnittlich 6 Kindern pro Frau (Hradil 2006: 47). Bei unbegrenzter Fortpflanzung aller Bevölkerungsgruppen hätte ein deutlich höherer Wert entstehen können. Aber damals durfte nicht jeder heiraten. Man musste erst nachweisen, dass man eine Familie ernähren konnte. Deshalb blieb ein großer Teil der Bevölkerung, z.B. Knechte oder Mägde, oft ein Leben lang unverheiratet und dadurch kinderlos. Außerdem heiratete man spät um möglichst für nur kurze Zeit oder gar nicht in einem Drei-Generationen-Haushalt zu leben. Denn solange die eigenen Eltern noch lebten, musste man diese auch miternähren und das konnte zum Problem werden (Bähr 2004: 187f.). In dieser vorindustriellen Agrargesellschaft ist der Bevölkerungszustand geprägt durch eine konstant hohe Geburten- und Sterbeziffer, die Ausgangssituation des ersten demographischen Übergangs (Abb. 1).

3.2 Die erste demographische Transformation

Der erste Geburtenrückgang begann in Deutschland bereits Ende des 19. Jahrhunderts (siehe Abb. 2). Die Sterberate war bereits früher gesunken, als Folge von sinkender Säuglingssterblichkeit und zunehmender Lebenserwartung. Ursachen hierfür waren „Fortschritte in der Medizin, Gesundheitsvorsorge, Hygiene und Unfallverhütung sowie die allgemeine Wohlstandssteigerung“ (Geißler 2006: 50). Der Geburtenrückgang folgte dem Sterberückgang erst verzögert, was kurzzeitig zu einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum führte (Abb. 1). Die zusammengefasste Geburtenziffer lag im Jahr 1875 bei fast 5 Kindern je Frau (Hradil 2006: 48). Noch bevor der 1. Weltkrieg ausbrach, war die zusammengefasste Geburtenziffer auf unter 4 Kinder je Frau gesunken. Ungefähr 1925 wurde das Bestandserhaltungsniveau das erste Mal unterschritten wurde (Dorbritz 1998: 199). Die durchschnittliche Zahl der Geburten pro Frau sank noch weiter bis 1934, in diesem Jahr erreichte die TFR 1,8 Kindern je Frau. Auch die Politik der Nazis zur Steigerung der Geburtenanzahl zeigte nur kurzfristigen Erfolg (Hradil 2006: 48f.). Die Geburten- und Sterberate pendelten sich auf niedrigem Niveau ein, womit die erste demographische Transformation in Deutschland abgeschlossen war.

3.3 Die zweite demographische Transformation

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland zum sogenannten „Baby-Boom“. Geburten wurden „nachgeholt“, die während des Krieges unmöglich gewesen waren, die Menschen blickten aufgrund des „Wirtschaftswunders“ positiv in die Zukunft und man sprach vom „golden age of marriage“. Die TFR stieg in Westdeutschland von 1952 bis Mitte der 1960er von 2,1 auf 2,5 Kindern pro Frau (Hradil 2006: 49). Da die TFR über dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 lag, kam es zum natürlichen Bevölkerungswachstum (Abb. 2). In Ostdeutschland verlief dieser Prozess beinahe parallel. Insgesamt aber setzte dieser Geburtenanstieg keinen langfristigen Trend. Ab 1965 kam es zum sogenannten „Pillenknick“, dem zweiten demographischen Übergang. Die Geburtenrate fiel innerhalb von 10 Jahren unter die Sterberate (Bähr 2004: 202). Die TFR sank in ganz Deutschland bis 1975 auf 1,4 Kindern pro Frau. Seit dieser Zeit ist die TFR in Westdeutschland konstant, d.h. seit mehr als drei Jahrzehnten kommen nur zwei Drittel der Kinder zur Welt, die für das Bestandserhaltungsniveau nötig wären.

3.4 Geburtenrückgänge in der DDR

In Ostdeutschland stieg die zusammengefasste Geburtenrate ab 1975 wieder an, da die Regierung der DDR verschiedene politische Maßnahmen zur Familienbildung einführte, z.B. verbesserte Kinderbetreuung oder bezahlte Freistellung von erwerbstätigen Müttern. Anfang der 1980er lag die TFR in Ostdeutschland bei 1,8 Kindern pro Frau. Danach begann die Rate jedoch wieder zu sinken und erreicht kurz vor der Vereinigung in etwa wieder das Niveau von Westdeutschland (Abb. 2). Bevölkerungssoziologen sind deshalb skeptisch was die Wirksamkeit familienpolitischer Maßnahmen betrifft (Hradil 2006: 49).

Nach der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland sank die TFR in Ostdeutschland vorübergehend auf 0,77 Kinder je Frau, ein bisheriger „Negativ Weltrekord“(Kröhnert et al. 2008: 21). Bähr nennt drei Ursachenbündel für diesen drastischen Einbruch:

1. Der Umbruch führte zu einer Krisensituation, Arbeitslosigkeit breitete sich aus, von der vor allem die Frauen betroffen waren, viele Menschen hatten finanzielle Probleme und viele Kinderbetreuungseinrichtungen wurden geschlossen.
2. Die Wahlfreiheiten stiegen an, es gab alternative Lebensformen zu einer frühen Heirat und einem jungen Erstgebäralter, man orientierte sich an der späteren Familienbildung in Westdeutschland.
3. In der Wertehierarchie stand nun nicht mehr die Familie an erster Stelle, sondern der Arbeitsplatz und materieller Wohlstand.

(Bähr 2004: 203)

Ab 1995 stieg die zusammengefasste Geburtenrate in Ostdeutschland wieder an, aber im Jahr 2000 lag sie mit 1,21 immer noch unter der westdeutschen TFR von 1,41 Kindern je Frau (Bähr 2004: 202). Berlin hat mit nur 1,18 Kindern pro Frau die niedrigste Fertilität in Deutschland, trotz der großen Anzahl an Zuwanderfamilien, die durchschnittlich mehr Kinder bekommen (Kröhnert et al. 2008: 13). Insgesamt ist bis heute ein deutliches West-Ost-Gefälle in Deutschland betrifft die Geburtenrate vorhanden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die jüngere Geburtenentwicklung im europäischen Vergleich
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Insitut für Geographie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V161431
ISBN (eBook)
9783640746088
ISBN (Buch)
9783640861743
Dateigröße
1855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geburtenentwicklung, Vergleich
Arbeit zitieren
Anna-Katharina Dhungel (Autor), 2010, Die jüngere Geburtenentwicklung im europäischen Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161431

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die jüngere Geburtenentwicklung im europäischen Vergleich



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden