David Hume. Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral

II. Abschnitt: Das Wohlwollen


Essay, 2010
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

David Hume

Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral „Gewöhnlichen Bettlern Almosen zu geben, wird üblicherweise gelobt, da es den Notleidenden und Bedürftigen Erleichterung zu bringen scheint; aber sobald wir bemerken, daß dadurch Faulheit und Ausschweifung gefördert werden, halten wir diese Art von Barmherzigkeit eher für eine Schwäche als für eine Tugend.

Freigebigkeit bei Fürsten gilt als ein Zeichen von Güte; wenn es sich aber herausstellt, daß dadurch das einfache Brot der Ehrlichen und Arbeitsamen häufig in köstliche Leckerbissen für Faule und Verschwender umgewandelt wird, ziehen wir unser unbedachtes Lob zurück. Das Bedauern eines Fürsten, einen Tag verloren zu haben, war edel und hochherzig; hätte er aber die Absicht gehabt, ihn mit freigebigen Handlungen gegenüber seinen gierigen Höflingen zu verbringen, so wäre es besser, den Tag zu verlieren als ihn auf derartige Weise zu mißbrauchen.“

(Hume 2002: S. 99)

David Hume (*1711 in Edinburgh; f 1776 ebenda) zählt neben vielen anderen - wie beispielsweise Rosseau, Voltaire, Berkeley und Locke - zu den größten Denkern der damaligen geistesgeschichtlichen Epoche - der Aufklärung. Unter anderem ist es ihm zu verdanken, dass das Zeitalter der Aufklärung „zum Gegenstand so vieler ausgezeichneter Darstellungen und Untersuchungen gemacht worden“ (Kopper 1996: S. VII) ist.

Die beiden zitierten Textstellen (siehe S. 1/7) stammen aus Humes Werk „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“ - Zweiter Abschnitt, „Über das Wohlwollen“, Zweiter Teil, S. 99. Beide Passagen stehen in einem gewissen Kontext zueinander und sollen daher auch in diesem analysiert werden. Dieser Zusammenhang besteht unter anderem darin, dass David Hume kurz zuvor im selbigen zweiten Abschnitt von „Über das Wohlwollen“ darauf eingeht, dass, wenn sich eine bis dato als richtig geltende Meinung als überholt und somit falsch herausstellt - zum Beispiel durch neue Erfahrungen (Vgl. Hume 2002: S. 98 /99) - es die Aufgabe der Gesellschaft ist, die „Grenzen des moralisch Guten und Schlechten“ (Hume 2002: S. 99) neu zu bestimmen. Bei den beiden zitierten Stellen handelt es sich nach der Auffassung Humes um derartige neu zu bestimmende Fälle, die wiederum von ihrer Art her - zum einem Barmherzigkeit und zum anderen Freigebigkeit - dahingehend im Kontext stehen, dass es sich vordergründig um die Frage dreht, wen ich an meinem „Reichtum“ teilhaben lasse und ob dies überhaupt zu rechtfertigen ist. Des Weiteren soll anhand dieser zwei Textstellen - im Gesamtkontext mit dem Abschnitt „Über das Wohlwollen“ - analysiert werden, inwiefern Hume im Gegensatz zu antiken Denkern - im Speziellen Aristoteles - in Bezug auf Tugenden, wie beispielsweise die der Freigebigkeit, einen anderen Standpunkt einnimmt.

Zur kurzen vorherigen Erläuterung, wie laut Hume der Vorgang zur Unterscheidung zwischen „moralisch Guten und Schlechten“ vonstattengeht, lässt sich das Folgende sagen: Nach Hume besteht „zwischen moralischen und ästhetischen Eigenschaften“ (Kulenkampff 2003: S. 107) eine Analogie dahingehend, wie wir sie erfassen. Ästhetische Eigenschaften werden unmittelbar erfasst und lösen ein Urteil aus (Vgl. Kulenkampff 2003: ebenda). Gleiches gilt für moralische Einschätzungen. Wenn sich dieses moralische Urteil allerdings im Laufe der Zeit, wie schon zuvor angesprochen, etwa durch neue Erfahrungen, wandelt, dann wird sich auch die daraus resultierende Meinung, wie demnächst in einer solchen Situation zu handeln sei, ebenfalls ändern.1 Nach Humes Ansicht festigt Wohlwollen die besonderen zwischenmenschlichen Beziehungen, wie zum Beispiel die der Liebe und der Freundschaft (Vgl. Hume 2002: S. 96). Selbst die Gesellschaft erfährt aus dem Umgang mit einem wohlwollenden Menschen „Glück und [...] Befriedigung“ (Hume 2002: S. 96). Somit erhebt Hume das Wohlwollen auf eine der höchsten Stufen der menschlichen Fähigkeiten (Vgl. Hume 2002: S. 95/96). Ein entscheidender Punkt in Bezug auf die zwei zu Anfang zur Analyse gestellten Textpassagen findet sich bei Hume vorangestellt: “Liebesbindungen werden durch Wohlwollen [...] gefestigt [...], da er [gemeint ist der wohlwollende Mensch innerhalb dieser Bindung; Anmerk. d. Verfassers]jede Gelegenheit wahrnimmt, anderen einen gefälligen Dienst [Hervorhebung durch Verfasser] zu erweisen“ (Hume 2002: S. 96). In diesem Zusammenhang lässt sich der Ausdruck eines „gefälligen Dienstes“ - bezugnehmend auf die in den zitierten Stellen ausnutzenden Bettler und die verschwenderischen und gierigen Höflinge - nach Hume nicht mehr anwenden. Dadurch, dass man ihnen2 augenscheinlich hilft und etwas von seinem eigenen Hab' und Gut an sie abgibt, erweist man ihnen keinen gefälligen Dienst im Hume'schen Sinne, wodurch wiederum in der Konsequenz ein zurückgegebenes wohlwollendes Verhalten gegenüber dem edlen Spender seitens der Bettler oder Höflinge3 auch als nicht erstrebenswert angesehen werden kann.Vielmehr sind diese als Schmarotzer anzusehen, deren Faulheit durch den Deckmantel angeblicher Tugenden, wie die der Barmherzigkeit und Freigebigkeit, gefördert wird. Im Sinne Hume verkehrt sich Barmherzigkeit - gleiches gilt auch für die Freigebigkeit - in derartig gelagerten Fällen von einer charakterlichen Stärke, also von einer Tugend, zu einer Schwäche, wodurch wiederum die bis dato ausschließlich positive Besetzung dieser Begriffe - im Speziellen bei deren Anwendung innerhalb der Philosophie - erstmalig einen durchaus negativen Touch bekommen. Wenn man realisiert, und sozusagen in der Handlung des Freigebigseins und Barmherzigseins die inhärente moralische Verwerflichkeit erkennt, dann wird man weder dem Einen noch dem Anderen weiterhin etwas von seinem Vermögen abgeben.

[...]


1 Dieser sinnbildliche Vergleich zum Erfassen von ästhetischen und moralischen Qualitäten soll an dieser Stelle zur Erklärung des Vorgangs der Unterscheidung des moralisch Guten und Schlechten reichen, da eine intensiverere Beschäftigung allein schon einen Essay füllen würde, hier aber nicht mein Thema ist.

2 Gemeint sind mit „ihnen“ an dieser Stelle die in den Textpassagen vorkommenden Bettler und Höflinge. Insgesamt kann man allerdings sagen, dass Hume Barmherzigkeit und Freigebigkeit im Sinne materieller Güter als Spende gegenüber all denen als unangebracht ansieht, deren Faulheit und Ausschweifung damit gefördert wird.

3 An dieser Stelle sei gesagt, dass sich die Art der „Spende“ an einen Bettler von der an einen Höfling natürlich unterscheidet (was Hume natürlich auch weiß). Anhand dieser beiden Extrembeispiele soll nur verdeutlicht werden, dass Hume eben beide Arten der „Spende“ für gefährlich betrachtet, in Bezug auf diejeweilige Eigenmotivation des „Spendenempfängers“, sich selber Geld zu verdienen und somit auch wieder „Nutzen“ für die Gesellschaft zu bringen. Spende an einen Bettler in Form von Geld, bei Höflingen eher im Sinne von kostenloser Kost/Logis und Teilnahme an fürstlich-dekadenten Festen u. ä.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
David Hume. Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral
Untertitel
II. Abschnitt: Das Wohlwollen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Vorlesung/Proseminar:Philosophiegeschichte - Neuzeit und Aufklärung.
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
8
Katalognummer
V161454
ISBN (eBook)
9783640773800
ISBN (Buch)
9783640774050
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
David Hume, Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, II. Abschnitt, Neuzeit und Aufklärung, Philosophie, Philosophiegeschichte
Arbeit zitieren
Florian Winkler (Autor), 2010, David Hume. Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161454

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