Die Philosophie des Konfuzius

Werk, Kontexte und Wirkungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Kontexte
2.1 Der frühe Konfuzianismus als achsenzeitliches Phänomen
2.2 Die Zeit der Streitenden Reiche –Der Konfuzianismus als Antwort auf die politische Krise des antiken China
2.3 Konfuzius als Erneuerer und Bewahrer

3 Die Analekten des Konfuzius (Lun-yu)
3.1 Überlieferung und Darstellung
3.2 Mensch und Gesellschaft bei Konfuzius
3.3 Ethik und soziale Pflichten

4 Ist China heute konfuzianisch? – Wirkungen und Wirkungsgeschichte

5 Literatur

1 Einleitung

Der Konfuzianismus gehört neben dem Buddhismus und dem Daoismus zu den prägendsten geistigen Strömungen Chinas und seiner Nachbarn.[1] Anders als der Begriff vermuten lassen würde, handelt es sich dabei jedoch nicht um ein geschlossenes philosophisches System, sondern viel mehr um eine von westlichen Rezipienten geschaffene Bezeichnung für eine Vielzahl von Denkern und Werken, die alle ähnlichen Grundfragen nachgingen und ähnliche Grundaussagen vertraten. In seiner über 2000-jährigen Geschichte hat der Konfuzianismus eine Reihe von Wandlungen erfahren, sodass heute nicht mehr klar unterscheidbar ist, ob es sich um eine Philosophie, eine politische Doktrin oder gar um eine Religion handelt. Wahrscheinlich kann der Konfuzianismus aber mit all diesen Kategorien nur unzureichend beschrieben werden. Und zwar eben deswegen, weil er Anteile all dieser Aspekte aufweist, ohne dass er sich auf einen von ihnen reduzieren ließe.

Gerade angesichts des gestiegenen Interesses an China und seiner Kultur, das sich aufgrund der zunehmenden ökonomischen Bedeutung des Landes entwickelt hat, erscheint eine Beschäftigung mit dem Konfuzianismus geboten. Nicht zuletzt auch weil mit dem ökonomischen Aufstieg des Landes unter kapitalistischen Vorzeichen auch Fragen nach Demokratisierung und Menschenrechten aufkommen, die allzu oft mit dem Verweis auf die vollständig andere geschichtliche und philosophische Entwicklung Chinas zurückgewiesen werden.

In diesem Zusammenhang erscheint ein Blick auf die Anfänge des Konfuzianismus sehr sinnvoll – gerade unter dem Aspekt, ob die Grundaussagen zu Mensch, Gesellschaft und Ethik tatsächlich so grundverschieden zu denen antiker westlicher Philosophen sind. Zu diesem Zweck sollen hier im Folgenden die Analekten des Konfuzius (Lun-yu) einer genaueren Betrachtung unterzogen werden.[2] Es handelt sich hierbei um die einzige Überlieferung, die Aussagen enthält, die mehr oder weniger direkt Konfuzius zugeordnet werden können, wenngleich es sich um eine posthume Kompilation handelt, die wahrscheinlich von seinen Schülern stammt.[3]

Die Fragen danach, welche Stellung der Mensch in der Welt hat, wie das Spannungsverhältnis von Individuum und Gesellschaft gedacht wurde und welche konkreten Handlungsanweisungen sich daraus ergeben, sollen diese Untersuchung strukturieren. Abschließend wird ein Ausblick gegeben, welche möglichen Anknüpfungspunkte sich aus den Antworten auf diese Fragen für einen interkulturellen Diskurs über Menschenrechte ergeben könnten.

2 Kontexte

2.1 Der frühe Konfuzianismus als achsenzeitliches Phänomen

Im Anschluss an Karl Jaspers wird die Zeit zwischen 800 und 200 v.u.Z. als „Achsenzeit“ bezeichnet.[4] Charakteristisch für diese Epoche sei ein Übergang von mythischen Vorstellungen über Natur, Mensch und Gesellschaft hin zu Erklärungsversuchen, die sich auf das menschliche Erkenntnisvermögen stützten. Diese Bewegung weg vom Mythos hin zum Logos sei ein Phänomen gewesen, das sich parallel sowohl im Nahen Osten (Judentum, Zoroastrismus), Indien (Hinduismus, Buddhismus), in Griechenland (klassische Philosophie) aber auch in China (Konfuzianismus, Daoismus) vollzogen habe.[5] Entscheidend für die Beurteilung sind vor allem die in dieser Zeit entstandenen schriftlichen Überlieferungen, die nun zum ersten Mal nicht mehr ausschließlich Mythen und Legenden tradierten, sondern sich mit dem Menschen selbst und seiner Stellung in der Welt beschäftigten. Dies spiegelte eine veränderte (Selbst-)Wahrnehmung des Menschen wieder, aber auch das Bedürfnis nach Antworten auf Fragen, die sich durch eine mythische Weltdeutung nicht mehr beantworten ließen. Selbst wenn ein Großteil der in dieser Zeit entstandenen Schriften quasi Gründungsdokumente vieler heutiger Weltreligionen darstellen, so bedeutete doch das Abstecken des Bereichs der Religion gleichzeitig auch die Konstitution eines Bereiches in dem vor allem der Mensch, seine Fähigkeiten und Handlungen als zentraler Betrachtungspunkt galten. Die Frage danach, wie Menschen welche Ziele anstreben sollten – also die Frage nach dem guten und gelungenen Leben – ist so erst möglich gewesen, nachdem bestimmte Ereignisse nicht mehr als Produkt göttlicher Fügung oder des Eingreifens metaphysischer Wesen gedeutet worden, sondern als Ergebnis menschlichen Handelns selbst. Wodurch dieser Wandel genau verursacht wurde, ist nicht mehr rekonstruierbar. Wahrscheinlich spielten immer komplexer werdende soziale Strukturen und krisenhafte Erscheinungen dabei eine zentrale Rolle. Zudem ist mit dem Aufkommen der Philosophie in den verschiedenen Kulturkreisen auch die Herausbildung einer neuen sozialen Schicht verbunden, die weder reine Funktionselite im Staat war noch ausschließlich zur Priesterschaft gehörte.[6]

Das überlieferte Bild des Konfuzius scheint dies widerzuspiegeln. Als Sohn eines verarmten Adelsgeschlechts aus dem Staate Lu widmete er ein Großteil seines Lebens dem Studium und der Bearbeitung überlieferter Schriften, aber auch der Tätigkeit als Lehrer. Dies schloss aber nicht aus, dass Konfuzius auch als Berater für verschiedene Fürsten tätig war, sich aber genügend Distanz zu den einzelnen Herrschern bewahrte, um seine Zeit und das politische Leben kritisch zu reflektieren.[7] Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass bei Konfuzius zwar Rituale und Traditionen eine entscheidende Rolle spielen, aber eben als soziale Institutionen und nicht als rein religiöse Phänomene. Lebensführung, Zusammenleben in Gesellschaften und die Kunst des guten Regierens wurden zu zentralen Themen bei Konfuzius, gerade auch weil sie als Phänomene gesehen wurden, die direkt dem Willen und der Gestaltung des Menschen unterworfen waren. Gerade in dieser Konzentration auf die praktische Philosophie liegt – bei aller Differenz - das verbindende Element der verschiedenen aufkommenden Geistesströmungen der sogenannten „Achsenzeit“.

2.2 Die Zeit der streitenden Reiche – Der Konfuzianismus als Antwort auf die politische Krise des antiken China

Den Horizont für die Lehren des Konfuzius bildete eine krisenhafte Entwicklung der antiken chinesischen Gesellschaft.[8] Die sogenannte „Zeit der streitenden Reiche“ war geprägt durch einen permanenten Zustand der Konkurrenz und der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen zuletzt sieben Staaten. Vorausgegangen war der Verfall der Zentralmacht der Dynastie der Östlichen Zhou, die abgelöst wurden durch eine Vielzahl von lokalen Fürsten, die sich teilweise selbst in den Stand von Königen erhoben. Im Zuge dieses permanenten Kampfes um die Hegemonie wurden überkommene Traditionen verworfen und einschneidende Reformen in den einzelnen Staaten durchgeführt, in der Hoffnung sich dadurch entscheidende Vorteile zu verschaffen. Neben verschiedenen Modernisierungsleistungen im Bereich der Technik wurde vor allem auch die Verwaltung der Staaten effektiver gestaltet. So sollten Ämter nicht mehr vererbt werden, sondern nach Eignung vergeben werden. Wie es häufiger in der Geschichte zu beobachten ist, ermöglichte ein Zustand gesellschaftlicher Krise eine ungewöhnliche soziale Mobilität, die aber auch neue Fragen aufwarf.[9] Wenn der geeignetste Kandidat ein Amt bekleiden sollte, so stellte sich die Frage nach den Kriterien der Bewertung. Welche Eigenschaften sollte ein Beamter aufweisen, damit er als geeignet für ein Amt gelten konnte? Nicht zufällig handeln viele Aussprüche des Konfuzius davon, was einen „Edlen“ ausmacht. Dabei ist der Begriff des „Edlen“ zweideutig – einerseits spricht er moralische Qualitäten an, unabhängig von der sozialen Stellung des Betroffenen, andererseits ist er aber auch als ein Appell an die Funktionseliten des Staates zu verstehen.

Ein weiterer Aspekt des konfuzianischen Denkens, der sich aus dem historischen Kontext ergibt, sind die vielen Bezüge auf eine gute Regierungsführung. In einer Zeit, in der konkurrierende Fürsten eine hegemoniale Stellung für sich beanspruchten, erschien es notwendig Maßstäbe zu formulieren, an denen sich diese Ansprüche messen lassen mussten. Aus Mangel an dynastischer Legitimation bedurfte es anderer Maßstäbe, mit denen sich der Herrschaftsanspruch begründen ließ. Dazu zählte nach konfuzianischer Lesart die korrekte Lebensführung des Herrschers selbst, der durch seine Tugendhaftigkeit als Vorbild der Gesellschaft als Ganzer dienen sollte.

[...]


[1] Eine sehr gute Zusammenstellung und englische Übersetzung der bedeutendsten chinesischen Denker findet sich in: Ivanhoe, Philip J. / Van Norden, Bryan W.:(Hg.): Readings in Classical Chinese Philosophy, New York – London 2001

[2] Hierbei wurde folgende Übersetzung verwendet: Konfuzius: Gespräche (Lun-yu). Aus dem Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Ralf Moritz, Stuttgart 1998

[3] Eine kurze Zusammenfassung des philologischen Forschungsstandes zu den Lun-Yu findet sich im Kommentar der verwendeten Übersetzung. Siehe: Konfuzius: Gespräche (Lun-yu). Aus dem Chinesischen übersetzt und herausgegeben von Ralf Moritz, Stuttgart 1998 S. 174 ff.

[4] Siehe: Jaspers, Karl: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, München 1963

[5] Eine sehr umfassende Darstellung der Herausbildung der verschiedenen Kulturen in dieser Epoche findet sich bei: Eisenstadt, Shmuel Noah (Hg.): Kulturen der Achsenzeit. Ihre Ursprünge und ihre Vielfalt (5 Bd.), Frankfurt a. M. 1987

[6] Eine interessante Einführung zur Entstehung von Beamtenschaft, Philosophie und Religion im alten China findet sich bei: Küng, Hans / Ching, Julia: Christentum und Weltreligion. Chinesische Religion, München 1999, S. 27ff.

[7] Eine kompakte Darstellung zum Leben des Konfuzius mit einer Benennung der wichtigsten zeitgenössischen Quellen findet sich in: Van Ess, Hans: Der Konfuzianismus, München 2003 S. 12 ff.

[8] Eine kompakte Zusammenfassung der historischen Ereignisse mit Erklärung der sozialgeschichtlichen Veränderungen findet sich bei: Schmidt-Glintzer, Helwig: Das alte China. Von den Anfängen bis zum 19. Jahrhundert, München 1995 S.9 ff.

[9] Detailliertere Informationen zu Verlauf der Kriege und den sozialen Veränderungen infolge verschiedener Reformen am Beispiel des am Ende siegreichen Staates Ch´in beziehungsweise Qin finden sich in: Bode, Derk: The state and empire of Ch´in, in: Twichett, Denis / Loewe, Michael (Hg.): The Cambridge History of China, Vol. 1, Cambridge 2006 S.20-102

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Philosophie des Konfuzius
Untertitel
Werk, Kontexte und Wirkungen
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Einführung das fernöstliche Denken
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V161467
ISBN (eBook)
9783640752744
ISBN (Buch)
9783640752911
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konfuzius, Lun Yu, Chinesische Philosophie, Fernöstliches Denken, Konfuzianismus, China
Arbeit zitieren
Magister André Keil (Autor), 2009, Die Philosophie des Konfuzius, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161467

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