Schnitzler zeigt in zehn Szenen wie zehn Menschen unter der physischen Einwirkung des Geschlechtstriebes alle individuell menschlichen Züge verlieren und rein animalisch und uniform ihre Handlungen auf das eine Ziel, die Befriedigung des Triebes, ausrichten.
Das Prinzip des Reigens wird durch das Abspielen einiger Motive von mehreren Partnern und einiger stereotyper Redewendungen durchexerziert. Die Motive bilden eine gedankliche und bildliche Verbindung der einzelnen Szenen und Figuren.
Die Beziehungen zwischen Mann und Frau verlaufen disharmonisch:
Die Frau wechselt von spröder Ablehnung zu zärtlicher Anhänglichkeit, der Mann von sinnlicher Erregung zu kalter Ablehnung. Die Unmöglichkeit gemeinsamen Glücks wird offenbar.
Die Begebnisse des Reigens implizieren die These, daß allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrem Sozialstatus ein elementares Verlangen zukommt, das keineswegs immer auf Liebe und Ehe zielt.
Inhaltsverzeichnis
1. Zehn Motive
2. Das Prinzip des Reigens
3. Die disharmonischen Beziehungen
4. Die These der Begebnisse
5. Schnitzlers Brief zum Werk
6. Rezeptionsgeschichte und Uraufführung
7. Schnitzlers Beobachterposition
8. Konstruktion als Zyklus
9. Soziale Schichtung und Typisierung
10. Episodenstruktur
11. Sozialer Status und soziale Möglichkeiten
12. Ritual der Verführung
13. Die Schauspielerin als Ausnahme
14. Bedeutung der 5. Szene und Doppelmoral
15. Analyse der Motive im Detail
16. Beleuchtung der Figur „das süße Mädel“
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert Arthur Schnitzlers „Reigen“ als einen Zyklus von zehn Einaktern, der die soziale und sexuelle Dynamik seiner Zeit entlarvt. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schnitzler durch die Verwendung repetitiver Motive die Illusion individueller Liebesbeziehungen dekonstruiert und die zugrunde liegende soziale Doppelmoral sowie die universelle menschliche Triebhaftigkeit offenlegt.
- Die Analyse der zehn Leitmotive als verbindendes Element der Szenen.
- Untersuchung der sozialen Schichtung und ihrer Auswirkung auf zwischenmenschliche Interaktionen.
- Darstellung der Entfremdung und Liebesunfähigkeit innerhalb der patriarchalen Gesellschaft.
- Kritische Betrachtung des „süßen Mädels“ als literarischer und sozialer Typus.
- Die Rolle der Schauspielerin als Gegenentwurf zur unterworfenen Frauenrolle.
Auszug aus dem Buch
Die Disharmonie der Geschlechter
Die Beziehungen zwischen Mann und Frau verlaufen disharmonisch: Die Frau wechselt von spröder Ablehnung zu zärtlicher Anhänglichkeit, der Mann von sinnlicher Erregung zu kalter Ablehnung. Die Unmöglichkeit gemeinsamen Glücks wird offenbar.
Die Begebnisse des Reigens implizieren die These, daß allen Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrem Sozialstatus ein elementares Verlangen zukommt, das keineswegs immer auf Liebe und Ehe zielt.
Schnitzler führt eine weibliche Figur ein, die sich nicht erniedrigen läßt: Die Schauspielerin. Sie bevorzugt es, den männlichen Part zu übernehmen, und sie beherrscht ihn sehr gut. Sie hat sich also vom Status der unterlegenen und unterworfenen Frau emanzipiert. Der Preis der Emanzipation ist die ungewollte Ähnlichkeit mit dem männlichen Widerpart. In ihrer Figur nehmen die Anstrengungen Gestalt an, die Frauen aufzubieten hatten, um ihrer psychischen wie sozialen Unterlegenheit in der patriachalischen Gesellschaft zu entgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Zehn Motive: Auflistung der wiederkehrenden Verhaltensmuster, die die Norm der Figuren im Reigen prägen.
Das Prinzip des Reigens: Erklärung der motivischen Verknüpfung der Szenen, die eine gedankliche Einheit des Werkes schafft.
Die disharmonischen Beziehungen: Untersuchung des Gefälles zwischen männlicher Erregung und weiblicher Anhänglichkeit, die das gemeinsame Glück unmöglich macht.
Die These der Begebnisse: Herleitung der These, dass ein elementares Verlangen soziale Unterschiede und die Institution Ehe transzendiert.
Schnitzlers Brief zum Werk: Einordnung der Selbsteinschätzung des Autors bezüglich der literarischen Bedeutung und kulturellen Sprengkraft seines Werkes.
Rezeptionsgeschichte und Uraufführung: Darstellung der gesellschaftlichen Skandale und rechtlichen Konsequenzen, die zur Sperrung des Stückes führten.
Schnitzlers Beobachterposition: Analyse der ärztlichen Perspektive Schnitzlers, die ihn als distanzierten Analytiker der menschlichen Natur charakterisiert.
Konstruktion als Zyklus: Beschreibung der formalen Anlage als 10-Einakter-Struktur mit einem festen Personal von 10 Typen.
Soziale Schichtung und Typisierung: Erörterung der Repräsentationsfunktion der Figuren, die weniger Individuen als vielmehr soziale Typen verkörpern.
Episodenstruktur: Analyse der zyklischen Verknüpfung der Akte, bei denen immer ein Partner in die nächste Szene übernommen wird.
Sozialer Status und soziale Möglichkeiten: Untersuchung der strikten sozialen Hierarchien, die bestimmen, welche Figurenkonstellationen überhaupt möglich sind.
Ritual der Verführung: Dekonstruktion der variierten Verhaltensweisen, die alle auf das Ziel der sexuellen Befriedigung ausgerichtet sind.
Die Schauspielerin als Ausnahme: Würdigung der Figur, die durch die Übernahme männlicher Rollenmuster ihre Emanzipation vollzieht.
Bedeutung der 5. Szene und Doppelmoral: Analyse der Ehebruch-Szene als Zentrum des Werkes, das die gesellschaftliche Doppelmoral bei der Erziehung von Mann und Frau entlarvt.
Analyse der Motive im Detail: Ausführliche Interpretation spezifischer Motive wie Angst, Eile, Licht- und Temperaturverhältnisse.
Beleuchtung der Figur „das süße Mädel“: Einordnung dieses literarischen Typus zwischen ästhetischer Fiktion und realem Sozialcharakter der Wiener Vorstadt.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Reigen, Liebesunfähigkeit, Gesellschaftskritik, Doppelmoral, Sexualität, soziales Milieu, das süße Mädel, Verführung, Geschlechterrollen, Emanzipation, Wiener Moderne, Repräsentationsfiguren, disharmonische Beziehungen, Motivik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Arthur Schnitzlers Theaterstück „Reigen“ und untersucht, wie dieses Werk die soziale und sexuelle Entfremdung der Gesellschaft um 1900 thematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit konzentriert sich auf die zyklische Struktur der Szenen, die wiederkehrenden Motive, soziale Hierarchien sowie die tiefe Diskrepanz zwischen menschlichem Trieb und gesellschaftlicher Moral.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Schnitzler durch die Reduzierung seiner Figuren auf soziale Typen und die Verwendung repetitiver Verführungsmuster die Unmöglichkeit von echtem zwischenmenschlichem Glück in der damaligen Gesellschaft darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Interpretation, kombiniert mit einer Analyse der sozialen Typisierung und der motivischen Struktur des Dramas.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die zehn Leitmotive, die soziale Schichtung, die spezifischen Geschlechterrollen und die moralische Doppelmoral innerhalb des „Reigens“ detailliert untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Liebesunfähigkeit, patriarchale Gesellschaft, soziale Schichtung, die Figur des „süßen Mädels“ sowie die motivische Verknüpfung durch sexuelle Begierde.
Warum ist die Schauspielerin eine so besondere Figur im „Reigen“?
Die Schauspielerin ist die einzige weibliche Figur, die sich den patriarchalen Erniedrigungsmechanismen entzieht, indem sie aktiv die kulturell männlich besetzte Rolle übernimmt und sich so emanzipiert.
Was sagt der Autor zur Funktion der Dunkelheit?
Die Dunkelheit dient als Symbol, um Scham zu verdecken und Skrupel zu vergessen, womit sie die Anonymität und Austauschbarkeit der Partner im sexuellen Akt unterstreicht.
Inwiefern zeigt die 5. Szene die gesellschaftliche Doppelmoral?
Sie thematisiert den legitimen Ehebruch, bei dem der Mann als Abenteurer gesellschaftlich akzeptiert ist, während die Frau zur sexuellen Enthaltsamkeit erzogen wird, was die Trennung von Liebe und Lust zementiert.
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- Andrea Rieger (Author), 1999, Arthur Schnitzler - Der Reigen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1615