Die Minne – Exkurse im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg

Auf der Suche nach dem Ideal


Seminararbeit, 2007

17 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Funktion der Exkurse

3. Die Minne – Exkurse
3.1. Gesamtüberblick
3.2. Die „rede von den guoten minnen“
3.3. Die Minnegrotten – Allegorese
3.4. Der „Huote – Exkurs“

4. Schlusswort

5. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

Mehr als neunzehntausend Verse umfasst das grandiose Werk „Tristan“, in dem Gottfried von Straßburg mit seinem Leser in die Welt der Minne eintaucht. In kunstvoller Weise lässt er den Leser des senften herzesmerzen der beiden Liebenden Tristan und Isolde, „der innerhalp des herzen / sô rehte sanfte unsanfte tuot“[1] miterleben und Zeuge einer Liebe werden, die viele Hindernisse überwinden muss. Immer wieder gewaltsam durch die huote der Gesellschaft unterdrückt und von Betrug sowie Eifersucht bestimmt, scheint das Erreichen des vollkommenen Minneglückes beinahe unmöglich.

Der Gipfelpunkt der Liebe - dargestellt in der Allegorie der Minnegrotte - liegt weit ab vom Hof und von der Realität. Doch ob die Liebenden dort dem wahren Zauber der Minne verfallen und wunschlos glücklich sind, wird an späterer Stelle noch zu erörtern sein. So müssen die Protagonisten erfahren, dass die Liebe, so erstrebenswert sie auch sein mag - denn jeder strebt nach dem „wunder, / daz man an liebe vünde“ (12210 f.) - unberechenbar sein kann.

Neben der unvergleichbaren Erzählweise sind es besonders die zahlreichen Exkurse, die die Besonderheit dieses Werkes ausmachen. Ich möchte mich in meiner nun folgenden Hausarbeit mit den kurzen und langen Exkursen beschäftigen, die sich dem Thema der Minne gewidmet haben. An konkreten Beispielen werden dabei relevante Wesenszüge der Minne hervorgehoben oder spezielle Aspekte der Handlung auf die Allgemeinheit bezogen. Reichhaltiger und systematischer als bei seinen Zeitgenossen eingesetzt, gliedern und erläutern Gottfried von Straßburgs Exkurse die Handlung und werden als Gegengewicht zu der irrationalen Tristanminne eingesetzt.[2] Doch besteht dennoch eine Einheit zwischen der Handlung und den Exkursen oder widersprechen sie sich womöglich? Wie sind sie formal in das Erzählgefüge eingegliedert?

Diese Fragen werde ich ausführlich erläutern, wobei ich mich vor allem auf die wichtigsten und größten Minne - Exkurse (die „ rede von den guoten minnen“, die „Allegorese“ und den „ huote – Exkurs“), die das Ideal der Minne, ihre Voraussetzungen und Auswirkungen sehr anschaulich verdeutlichen, stützen werde.

2. Funktion der Exkurse

Um die Funktion der Exkurse näher zu bestimmen, ist es unumgänglich den Begriff des Exkurses zuvor zu fixieren. Als „bewusste Abschweifung von einem Thema“ ist er als Eintrag im Lexikon zu finden[3]. Dabei ist seine dichterische Form, welche dem Exkurs noch in der mittelalterlichen Literatur zugeschrieben wurde, mit der Zeit scheinbar verloren gegangen. Eine vorläufige Definition gibt auch Lore Pfeiffer: „Als Exkurs sollen solche Kommentare und Erzählbemerkungen gelten, die das epische Präteritum durchbrechen und die Erzählung nicht weiterführen.“[4] Doch ist der Exkurs wirklich nur als Abschweifung anzusehen, der die Handlungsabfolge unterbricht oder kann man ihm eine eigene Selbstständigkeit zuordnen? Diese Frage lässt sich nicht eindeutig klären. Auf der einen Seite scheinen die Exkurse nicht willkürlich platziert zu sein, sondern stehen auch thematisch im direkten Bezug zur Handlung. Andererseits werden auch allgemeine Gedanken zur Liebe geäußert, so dass viele Exkurse auch für sich stehen könnten. Dabei erfüllen die Exkurse verschiedene Funktionen. Einleitende Exkurse leiten in Episoden ein, die die äußere Handlung des höfisch –gesellschaftlichen Lebens betreffen (zum Beispiel herze und ouge 17817 –17831), während andere Exkurse Abschnitte beenden, in denen die innere Handlung (die Beziehung zwischen den Hauptpersonen) im Vordergrund steht (beispielsweise die rede von den minnen 12183 – 121357 nach der ersten Vereinigung).[5] Wie im Falle der Allegorese betont ein Exkurs den Höhepunkt einer Handlung.

Die Beziehung zwischen Handlung und Exkurs des Werkes ist in der Forschung sehr umstritten. Friedrich Ranke oder F. Maurer sehen eine enge Verbundenheit und Einheit von Exkurs und Handlung. Als „ethisch“ und „sittlich wertend“ haben sie nach Meinung Maurers eine essentielle Bedeutung für das Gesamtwerk.[6] H. De Boor oder J. Schwietering nehmen die Gegenposition ein. Exkurse sind vor allem dazu da, das „Wesen der Tristanminne“ zu schützen und dieses zur „sinnlich-geistigen Macht“ zu erhöhen[7].

Inwieweit die Exkurse inhaltlich von der Handlung abweichen, wird an den nun folgenden konkreten Beispielen noch erläutert werden.

3. Die Minne – Exkurse

3.1. Gesamtüberblick

Unglaubliche sechzehn kleinere und größere Exkurse widmen sich dem Thema der Minne. Dabei werden bestimmte Verhaltensweisen erläutert, die durch den Einfluss der Minne hervorgerufen werden oder kontrastierend dazu Verhaltensweisen, die nicht zu der Erfüllung einer idealen Minne führen und diese sogar verhindern. Eine dritte Gruppe bilden allgemeine Reflexionen über die Minne, in welcher sowohl positive wie auch negative Seiten beschrieben werden. Da eine ausführliche Behandlung aller Exkurse den Rahmen dieser Hausarbeit erheblich sprengen würde, möchte ich mich mit der Nennung der Textstellen der einzelnen Exkurse begnügen und im Folgenden nur auf die drei wichtigsten näher eingehen. In der Vorgeschichte gibt es lediglich zwei Exkurse, die sich mit dem Thema der Minne auseinandersetzen : der ungewisse minnen muot (8094 ff.) und gelimete minne (785 – 956).

In der ersten Gruppe der Minne – Exkurse des Hauptteils wird der enorme Einfluss, den die Gesellschaft auf die Minne ausübt, verdeutlicht und Wesenszüge der Minne charakterisiert. Zu dieser Gruppe gehören:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Themen der Exkurse der zweiten Gruppe finden (bis auf den ersten Exkurs) eine Entsprechung in dem Verhalten Markes. Auch ihn quälen Zweifel und Argwohn und blind vor Liebe will er seinen beständigen Verdacht (Isoldes Liebe zu Tristan) nicht wahr haben und verschließt die Augen vor der Realität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die letzte Gruppe der allgemeineren Reflexionen zur Minne bilden die drei großen Minne – Exkurse.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[8]

3.2. Die „rede von den guoten minnen“

Der erste große Minne – Exkurs (12183 – 12357) ist der Vorgeschichte zuzuordnen. Die beiden Liebenden Isolde und Tristan haben ihre Liebe zueinander erkannt und die treue Brangäne in ihr Geheimnis eingeweiht. Doch der Kummer, den Geliebten nur geheim sehen zu können, schmerzt sie sehr.

Der Erzähler macht hier einen bewussten Einschnitt, um besondere Eigenschaften, die die Minne auszeichnen, zu charakterisieren. Im stetigen Wechsel erscheint dabei die Minne als höchstes Glück oder wird im Kontrast dazu als von den Menschen verdorbene Minne dargestellt.

Aufgrund der Vielzahl der Exkurse fallen diese häufig relativ kurz aus. Auch wenn dies bei diesem Exkurs nicht unbedingt zutrifft, leitet Gottfried seinen Exkurs dennoch als „kurz rede von guoten minnen / diu guotet guoten sinnen“ (12185 f.) ein. Im typischen Kreuzreim verfasst, kann Gottfried sich dank diesen vier Versen der Aufmerksamkeit des Lesers sicher sein. Auffällig ist zudem, dass der Erzähler die „epische Vergangenheit verlässt“ und aus der „Gegenwärtigkeit des Autors über die Gegenwart zur Gegenwart der Hörer“ spricht.[9] Darauf folgt zunächst eine Beschreibung des Erzählers, der von seinen eigenen Erfahrungen berichtet. Auch wenn er des lieben leides (12188) nicht an eigenem Leib erfahren hat, versucht er sich in die Liebenden hineinzuversetzen. An dieser Stelle betont der Erzähler den Aspekt des engen Zusammenhanges von Liebe und Leid, welcher immer wieder im „Tristan“ hervorgehoben wird. Die Verse 12200 – 12208 verbinden die Vergangenheit der Erzählung und die Gegenwart des Exkurses und fungieren als „zurückgewandtes Erinnern“.[10] Der Erzähler, der persönlich hervortritt, beschreibt seine Sehnsucht nach einem Ideal, welches in der Zukunft liegt (12206 - 08). Der nächste kurze Abschnitt beschäftigt sich mit dem Minneglück, welches die beiden Liebenden – trotz aller Hindernisse – empfinden:

Swenne ich bedenke sunder

daz wunder und daz wunder,

daz man an liebe vünde,

der ez gesuochen künde;

waz vröude an liebe laege,

der ir mit triuwen pflaege (12209 – 12214)

Doch nur einige Verse später wird das falsche Verhalten der Menschen angeprangert (12227 ff.). Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe, doch die Menschen wissen nicht mit ihr umzugehen. Mit Hilfe einer Metapher werden die Zusammenhänge erläutert. Der Mensch sät giftige Samen aus (hier gleichzusetzen mit Betrug und Falschheit) und erwartet, dass blühende Rosen zum Vorschein kommen. Ermahnend betont der Erzähler „wir müezen daz her wider lesen, / daz dâ vor gewerket wirt“ (12232 f.) . Die Verantwortlichkeit für die Verwirklichung der idealen Minne liegt demnach in der Hand des Menschen selbst. Die Liebe selbst ist dabei völlig schuldlos (12245 – 12250). Für das Gute der Liebe ist der Mensch blind und nimmt nur misselinge und ungeschiht (12265) wahr. Denn staete vriundes muot (12269) - wieder ein wichtiger positiver Aspekt des Minne - Ideals - ist uns allen versagt und in der Gegenwart nicht vorhanden (12266-12277). Der nächste Abschnitt stellt die Minne als bettelndes, armes Opfer dar:

[...]


[1] Ranke: Gottfried von Straßburg, Tristan, Stuttgart 2005, Verse 12189 – 12191. Im Folgenden werden alle Zitate der Ausgabe in Klammern hinter den jeweiligen Zitaten im Fließtext aufgeführt.

[2] vgl. Pfeiffer: Zur Funktion der Exkurse im „Tristan“, Göppingen 1971, S.212.

[3] Meyers enzyklopädisches Lexikon, Mannheim 1973.

[4] Pfeiffer: Zur Funktion der Exkurse im „Tristan“, Göppingen 1971, S.10.

[5] Vgl. Ebd. S.132.

[6] Maurer: Die Welt des höfischen Epos, Bern/München 1954, S.205.

[7] Vgl. Pfeiffer: Zur Funktion der Exkurse im „Tristan“, Göppingen 1971, S.100.

[8] Vgl. Textstellen: Pfeiffer: Zur Funktion der Exkurse im „Tristan“, Göppingen 1971, S.166; 184; 193.

[9] Christ: Rhetorik und Roman, Meisenheim am Glan 1977, S.225.

[10] Pfeiffer: Zur Funktion der Exkurse im „Tristan“, Göppingen 1971, S.194.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Minne – Exkurse im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg
Untertitel
Auf der Suche nach dem Ideal
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Literaturwissenschaftliches Proseminar: „Gottfried von Straßburg: Tristan“
Note
2,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V161520
ISBN (eBook)
9783640754106
ISBN (Buch)
9783640754489
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Minne, Exkurse, Gottfried, Straßburg, Suche, Ideal
Arbeit zitieren
Corinna Groß (Autor), 2007, Die Minne – Exkurse im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161520

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