Verben im bayerischen Dialekt: Das Suffix –(e)l(n) und das Präfix der- im Vergleich zur Standardsprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Verben im bayerischen Dialekt: Das Suffix –(e)l(n) und das Präfix der- im Vergleich zur Standardsprache
2.1 Das verbale Suffix –(e)l(n) in der Standardsprache
2.2 Die verbalen Präfixe er-, ver- und zer- in der Standardsprache
2.3 Verben auf –(e)l(n) im bayerischen Dialekt
2.3.1 Untersuchung der –(e)l(n) -Verben an Ludwig Zehetners Wörterbuch „Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern“
2.3.2 Besondere Verben auf –(e)l(n) zur Beschreibung der Wetterverhältnisse im bayerischen Dialekt
2.4 Das bayerische Präfix der-
2.4.1 Verschiedene semantische Gruppen von der- Verben
2.4.2 Beispiele von der- Verben im Vergleich zu den hochsprachlichen Entsprechungen mit den Präfixen er-, ver- und zer-
2.5 Verben mit dem Suffix –(e)l(n) und dem Präfix der- in der bayerischen

Literatur

3 Schluss

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Im Folgenden untersuche ich wie das verbale Suffix –(e)l(n) im bayerischen Dialekt verwendet wird. Dabei vergleiche ich den Gebrauch in Dialekt und Standardsprache. Weiterer Untersuchungsgegenstand dieser Seminararbeit ist das im Bayerischen vorherrschende verbale Präfix der-. Dieses stelle ich seinen Entsprechungen in der Hochsprache, er-, ver- und zer-, gegenüber. Es soll genauer überprüft werden, ob beim verbalen Suffix und Präfix in Dialekt und Standardsprache Unterschiede in Bezug auf die Semantik der Verben und deren mögliche Basen auftreten. Deshalb bestimme ich zuerst sowohl für das Suffix –(e)l(n) als auch für die Präfixe er-, ver- und zer- die Funktionen, die möglichen Basen und semantischen Gruppen in der Standardsprache. Anschließend folgt dasselbe Vorgehen für das Suffix –(e)l(n) und das Präfix der- bei den Verben im bayerischen Dialekt. Dafür verwende ich Beispiele aus Ludwig Zehetners Wörterbuch „Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern“. Ich werde Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen verbalen Gruppen in Dialekt und Standardsprache aufzeigen. Beim Suffix –(e)l(n) ergibt sich noch eine besondere Gruppe von Verben für die Bezeichnung der Wetterverhältnisse im bayerischen Dialekt. Diese soll in einem gesonderten Punkt noch genauer betrachtet werden. Das bayerische Präfix der- ist nicht immer so einfach in eine semantische Gruppe von Verben einzuordnen. Auch in der Forschung besteht keine absolute Einigkeit darüber. Ich stelle verschiedene Ansätze der semantischen Untergliederung der der- Verben im Bayerischen dar und veranschauliche diese an Beispielen aus Ludwig Zehetners Wörterbuch. Für die unterschiedlichen Ansätze stütze ich mich auf die Ausführungen Ludwig Zehetners und Ludwig M. Eichingers sowie auf Ludwig Merkles „Bairische Grammatik“. Die Beispiele der der- Verben vergleiche ich mit ihren Entsprechungen in der Hochsprache. Diese Gegenüberstellung ist jedoch nicht unproblematisch, da nicht alle dialektalen Verben ein direktes Gegenstück in der Standardsprache besitzen. Außerdem ergeben sich zwischen Dialekt und Standardsprache Unterschiede im Bedeutungsspektrum. Anschließend möchte ich die konkrete Verwendung des Suffixes –(e)l(n) und des Präfixes der- in der bayerischsprachigen Literatur untersuchen. Als Beispiel dienen Karl Valentin und Josef „Bäff“ Piendl. Es soll analysiert werden, welche semantischen Gruppen der Verben mit dem Suffix –(e)l(n) und dem Präfix der- bei diesen Autoren am häufigsten verwendet werden, ob man die Bedeutung aus dem Kontext erschließen kann und welchen Effekt die einzelnen Verben in den jeweiligen Texten haben.

2 Verben im bayerischen Dialekt: Das Suffix –(e)l(n) und das Präfix der- im Vergleich zur Standardsprache

2.1 Das verbale Suffix –(e)l(n) in der Standardsprache

-(e)l(n) gehört zu den nativen verbalen Suffixen. Laut Altmann/Kemmerling stammt es ursprünglich von substantivischen Basen mit der Endung - el, z. B. Kugel, Hagel oder Zügel. Altmann und Kemmerling betrachten diese Basen jedoch als Substantiva und Verben zugleich.[1] Da diese Basen sehr häufig auftreten, erfolgte wahrscheinlich eine morphologische Fehlsegmentierung. Dies bedeutet, dass -el- als desubstantivisches Verbalisierungssuffix interpretiert und schließlich auch für verbale und andere Basen verwendet wurde.[2] Das Suffix –(e)l(n) kann an folgende Basen angehängt werden:

a, Verben: äuge(l)n, dränge(l)n. Das Suffix –(e)l(n) dient besonders zur Suffigierung
einfacher Verben: lachenlächeln.[3]
b, Substantive: fädeln, frösteln.
c, Derivate von Eigennamen: hänseln, schwäbeln.
d, Adjektive: blödeln, klügeln.
e, synchron unklar: betteln, tippeln.
f, Schallnachahmung: lispeln, krabbeln.

Die Verben mit dem Suffix –(e)l(n) lassen sich in verschiedene semantische Gruppen einordnen. Fleischer und Barz nehmen eine semantische Zweiteilung vor. Die erste Gruppe hat die Bedeutung ‚etwas in eine bestimmte Form bringen’, z. B. stückeln, fälteln. Die zweite Kategorie ist diminuierend-iterativ. Daneben gibt es noch einige idiomatisierte Bildungen, z. B. hänseln und wursteln.[4]

Auch Peter Eisenberg betont die iterative Bedeutung des Suffixes –(e)l(n).[5] Laut Duden Grammatik gehören die Verben auf –(e)l(n) zu den atelischen Verben und haben meist diminuierend-iterative Bedeutung.[6] „Atelische (imperfektive) Verben beschreiben statische Zustände und Relationen oder dynamische Vorgänge, Prozesse, Aktivitäten, die keinen Kulminations- oder Endpunkt voraussetzen […].“[7]

Die genauste semantische Untergliederung der –(e)l(n)-Verben nehmen Altmann/Kemmerling vor. Die Suffigierung mit –(e)l(n) führt zu folgenden Gruppen:[8]

1. Desubstantivische Verben:

a, Ereignisverben: hageln, herbsteln

Paraphrase: ‚Hagel fällt’ ‚Der Herbst beginnt/setzt ein’

b, Zustands-/Vergleichsverben: schwäbeln, pendeln

Paraphrase: ‚x spricht wie ein Schwabe’ ‚x bewegt sich wie ein Pendel’

c, Übergangsverben: bröckeln

Paraphrase: ‚x geht in Brocken über’.

d, effizierend: bündeln, stückeln

Paraphrase: ‚x macht y zum Bündel’ ‚x macht y zu Stücken’

e, instrumental: radeln

Paraphrase: ‚x fährt mit dem Rad’

2. Deadjektivische Verben:

a, Durativa (Zustandsverben): ähneln

Paraphrase: ‚x ist ähnlich’

b, Ingressiva (Verben des Zustandseintritts): kränkeln

Paraphrase: ‚krank werden’

c, Verhaltenscharakterisierende Verben: frömmeln, blödeln

Paraphrase: ‚x verhält sich blöd’ ‚x verhält sich fromm’

3. Deverbale Verben:

Iterativa (Wiederholungsverben): hüsteln, spötteln

Paraphrase: ‚wiederholt ein wenig husten’ ‚mehrfach/ein wenig spotten’

2.2 Die verbalen Präfixe er-, ver- und zer- in der Standardsprache

Nach Altmann/Kemmerling gehören er-, ver- und zer- zu den echten verbalen Präfixen.

Diese haben folgende Eigenschaften:[9]

a, Sie sind reine Wortbildungselemente, also gebundene Morpheme, die nicht parallel als freies Morphem auftreten können.
b, Sie tragen nicht den Akzent.
c, Man kann die echten verbalen Präfixe nicht trennen, d. h. das Partizip Perfekt wird ohne ge- gebildet und beim Infinitiv I wird zu vorangestellt, das nicht eingeschoben werden kann.
d, Diese Präfixe sind nicht kategorieverändernd.
e, Bildungen mit diesen Präfixen sind häufig idiomatisiert.

Die Präfixe er-, ver-, zer- können mit den folgenden Basen auftreten:[10]

a, Verben: erringen, verbrauchen, zerschneiden
b, Substantive: ergaunern, verarzten, zerstäuben
c, Adjektive: erblassen, verlängern, zermürben
d, ver- kann zusätzlich noch Partikel als Basen haben: verneinen

Bei den Präfixen ist es nicht so einfach, die semantische Funktion festzulegen, da viele Beispiele idiomatisiert sind. Die Präfixe sind ursprünglich aus Präpositionen entstanden, aber die Bedeutung ist heute nicht mehr durchsichtig.[11] Folglich können die verbalen Präfixe viele verschiedene semantische Funktionen einnehmen. Ein Präfix kann also nicht auf eine bestimmte einheitliche Bedeutung festgelegt werden.[12] Dennoch ergeben sich bestimmte semantische Gruppen der Präfixe und ihrer Funktionen, die relativ häufig auftreten. Altmann/Kemmerling liefern hier erneut eine sehr übersichtliche Gliederung.[13]

Das Präfix er- führt oft zur Transitivierung. Folgende semantische Typen werden gebildet:

a, Ingressiva: erblühen, erbleichen

Paraphrase: ‚zu blühen anfangen’ ‚bleich werden’

b, Imperfektiva: erkranken

Paraphrase: ‚krank werden’

c, Perfektiva: erlernen

Paraphrase: ‚bis zu Ende lernen’

d, direktional: erklettern, ersteigen

Paraphrase: ‚in Aufwärtsrichtung klettern’ ‚in Aufwärtsrichtung steigen’

e, intensivierend: erretten, erdulden

Paraphrase: ‚vollständig/wirklich retten’ ‚wirklich dulden’

Auch das Präfix ver- wirkt oft transitivierend. Die semantischen Untergruppen sind:

a, Perfektiva: verheilen, vermessen

Paraphrase: ‚bis zu Ende heilen’ ‚bis zu ende messen’

b, Imperfektiva: verblöden, verdicken

Paraphrase: ‚blöd werden’ ‚dick werden’

c, ornativa: verglasen, versilbern

Paraphrase: ‚y mit Glas versehen’ ‚y mit Silber versehen’

d, direktional: verreisen

Paraphrase: ‚woandershin reisen’

e, verkehrte Durchführung einer Handlung: verlesen, verwählen

Paraphrase: ‚falsch/verkehrt lesen’ ‚falsch/verkehrt wählen’

f, über ein Maß hinaus: versalzen

Paraphrase: ‚zu sehr salzen’

g, Intensivierung: vergönnen

Paraphrase: ‚wirklich gönnen’

Das verbale Präfix zer- führt ebenfalls oft zu einer Transitivierung. Es lassen sich drei semantische Gruppen feststellen:

a, Perfektiva: zerplatzen

Paraphrase: ‚endgültig platzen’

b, Faktitiva: zermürben

Paraphrase: ‚y mürbe machen’

2.3 Verben auf –(e)l(n) im bayerischen Dialekt

2.3.1 Untersuchung der –(e)l(n) -Verben an Ludwig Zehetners Wörterbuch „Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern“

Verben mit dem Suffix –(e)l(n) sind eine typische Erscheinung im bayerischen Dialekt und sind dort wesentlich häufiger vertreten als in der deutschen Standardsprache. Die Verben im Bayerischen übernehmen typische semantische Funktionen, wobei meist ein iterativer oder pejorativer Sinn im Vordergrund steht. Die Bedeutung kann jedoch auch ein diminuierendes Element aufweisen.[14] Ludwig Zehetner untergliedert das Bedeutungsspektrum der –(e)l(n) -Verben im bayerischen Dialekt noch weiter. Gruppe a, sind Verben mit der Bedeutung ‚gerne, häufig, intensiv beschäftigt sein’, z. B. broteln, gàrteln. Dazu gehören auch Verben mit Ableitungen von Substantiven auf –el oder –l, z. B. odeln, bürsteln. Gruppe b, besteht aus Verben mit der Bedeutung ‚mit einem Körperteil oder Werkzeug agieren, in Bewegung setzen’: köpfeln, stàngeln. Zu Gruppe c, gehören Verben mit einer Bedeutung im Sinne von ‚sich verhalten wie…’, z. B. böhmàckeln, pfälzeln. Daneben gibt es noch eine Gruppe d, mit Verben der Bedeutung ‚riechen/schmecken (meist unangenehm) nach …’: fischeln, gràbeln. Die Gruppen a, und b, haben iterativen Sinn, bei c, und d, steht der pejorative Sinn im Vordergrund. Mehrgliedrige Verben, d. h. solche, die auch noch präfigiert sind, kann man nicht so eindeutig in eine semantische Gruppe einordnen.[15] Als Basen der bayerischen Verben auf - (e)l(n) können wie auch in der Standardsprache Substantive, Verben und Adjektive auftreten. Sie lassen sich auch den semantischen Funktionen der deutschen Hochsprache zuordnen. Das Problem beim Vergleich mit der Standardsprache bilden bayerische Verben, deren Bedeutung idiomatisiert und in der Hochsprache völlig unbekannt ist. Hier ist es sehr schwer, die Basis eindeutig festzulegen.

Im Folgenden sollen einige Beispiele aus Ludwig Zehetners Wörterbuch genauer analysiert werden. Die Analyse beschränkt sich jedoch auf solche –(e)l(n) -Verben, die nicht noch zusätzlich präfigiert sind. Dabei steht immer der Vergleich mit der Standardsprache im Vordergrund. Die einzelnen Beispiel-Verben lassen sich durchaus in die semantischen Gruppen der Hochsprache einordnen. Man kann jedoch von der Basis aus nicht so einfach auf das jeweilige Bedeutungsspektrum schließen, wenn man nicht mit dem bayerischen Dialekt vertraut ist.

[...]


[1] Altmann/Kemmerling: Wortbildung fürs Examen, 65.

[2] Altmann/Kemmerling: Wortbildung fürs Examen, 66.

[3] Duden. Grammatik, § 1084.

[4] Fleischer/Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartsprache, 310.

[5] Eisenberg: Das Wort, 272.

[6] Duden. Grammatik, § 1084.

[7] Duden. Grammatik, § 566.

[8] Altmann/Kemmerling: Wortbildung fürs Examen, 67-70.

[9] Altmann/Kemerling: Wortbildung fürs Examen, 71.

[10] Duden. Grammatik, § 1049. Altmann/Kemmerling: Wortbildung fürs Examen, 72.

[11] Altmann/Kemmerling: Wortbildung fürs Examen, 71-73.

[12] Duden. Grammatik, § 1054.

[13] Altmann/Kemmerling: Wortbildung fürs Examen, 73-75.

[14] Zehetner: Bairisches Deutsch, 116.

[15] Zehetner: Bairisches Deutsch, 116.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Verben im bayerischen Dialekt: Das Suffix –(e)l(n) und das Präfix der- im Vergleich zur Standardsprache
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Wortbildung
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V161526
ISBN (eBook)
9783640748181
ISBN (Buch)
9783640748198
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verben, Dialekt, Suffix, Präfix, Vergleich, Standardsprache
Arbeit zitieren
Michaela Kertesz (Autor), 2007, Verben im bayerischen Dialekt: Das Suffix –(e)l(n) und das Präfix der- im Vergleich zur Standardsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161526

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