Zur Gewalt Jugendlicher mit Migrationshintergrund

Empirische Befunde und Erklärungsansätze


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Problemaufriss: Gewalthandeln bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund

3 Empirische Befunde zum Gewalthandeln Jugendlicher mit Migrationshintergrund
3.1 Zur Auswahl des Datenmaterials
3.2 Daten der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS)
3.2.1 Zur Methode der Datenerhebung
3.2.2 Befunde aus der PKS Berlin 2007
3.3.3 Interpretation der empirischen Befunde der PKS Berlin 2007
3.3 Schülerbefragung 2005 des KFN
3.3.1 Zur Methode der Datenerhebung
3.3.2 Befunde der KFN-Schülerbefragung 2005
3.3.3 Interpretation der Ergebnisse der KFN-Schülerbrefragung 2005
3.4 Fazit aus den empirischen Befunden

4 Erklärungsansätze und Kritik an ihnen
4.1 „Kultur der Ehre“
4.2 Kritik am Konzept der „Kultur der Ehre“
4.3 Gewalt als Ausdruck sozialer Desintegration

5 Fazit: Gewalt Jugendlicher mit Migrationshintergrund als Problem der ganzen Gesellschaft

6 Literatur

1 Einleitung

Der Diskurs um Migration und Integration ist in Deutschland mittlerweile überwiegend zu einem Problemdiskurs geworden. Phänomene wie Jugendgewalt, ethnische Segregation verbunden mit Gettoisierungstendenzen, Prekarisierung und selbst das Aufkommen von religiösem Fundamentalismus werden in direkten Zusammenhang mit Migration gestellt. Eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung dieser Probleme spielt die mediale Darstellung beziehungsweise Inszenierung spektakulärer Fälle wie der gewalttätige Übergriff zweier junger Männer mit Migrationshintergrund auf einen Rentner in einer Münchner U-Bahn im Dezember 2007.[1] Der durch solche Vorfälle angeheizte Diskurs spiegelt dabei das ganze Spektrum politischer Meinungen in Bezug auf Migration wieder – von ablehnenden, teilweise rassistisch gefärbten Argumentationsmustern bis hin zur Forderung nach verstärkten Integrationsbemühungen und einer weiteren Öffnung der Gesellschaft.[2] Diese Vorkommnisse und die dazugehörigen Diskussionen zeigen, dass Migration mittlerweile als gesellschaftliche Realität anerkannt wird. Sie offenbaren aber auch eine gewisse Ratlosigkeit darüber, welche Konsequenzen Migration für die deutsche Gesellschaft hat und in welchem Zusammenhang beispielsweise Probleme wie Jugendgewalt mit Migration stehen. Die Vielzahl der diskutierten politischen Handlungsoptionen verweist auf eine ebenso große Zahl von Problem- und Ursachenanalysen. Es kann kaum verwundern, dass auch der fachwissenschaftliche Diskurs zu diesem Thema keineswegs einer einheitlichen Linie folgt, sondern in vielen Punkten rege und kontroverse Debatten geführt werden.

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob jugendliche Migranten tatsächlich in höherem Maße als Straftäter auftreten als vergleichbare Gruppen und andererseits auch, wie miteinander konkurrierende Interpretationsansätze dieses Phänomen interpretieren und zu erklären versuchen. Dazu wird zunächst versucht, anhand von empirischem Material eine ungefähre Bestimmung der Gewaltbelastung jugendlicher Migranten vorzunehmen. Hierfür werden die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Landes Berlin als Hellfeld-Statistik und eine Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) als Dunkelfeld-Studie herangezogen. In der anschließenden Diskussion des empirischen Befundes werden zwei derzeit sehr prominente Erklärungsansätze gegeneinandergestellt werden: Das Desintegrationstheorem nach Wilhelm Heitmeyer und der in Deutschland vor allem von Christian Pfeiffer vertretene Ansatz, wonach die hohe Gewaltbelastung jugendlicher Migranten vor allem durch deviante, kulturell bedingte Wert- und Normvorstellungen bedingt ist. Letztlich soll versucht werden, anhand der Diskussion beider Ansätze die Frage zu beantworten, ob sich tatsächlich migrationsspezifische Faktoren finden lassen, durch die sich Gewalthandeln erklären lässt.

2 Problemaufriss: Gewalthandeln bei Jugendlichen mit Migrations- hintergrund

Wie schon erwähnt werden die Folgen von Migration in zunehmendem Maße in der Öffentlichkeit thematisiert und problematisiert. Dabei fungiert die Problematisierung von Gewalt durch Jugendliche mit Migrationshintergrund in besonderem Maße als Generatorthema, mit dem nicht allein die Fakten selber verhandelt werden, sondern durch das insgesamt versucht wird, eine allgemeine Beurteilung der Zuwanderung nach Deutschland zu artikulieren. Im gleichen Maße, in dem einzelne Problemfälle wie der brutale Übergriff zweier Jugendlicher auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn im Dezember 2007 von den Medien als typisch für das Verhalten jugendlicher Migranten beschrieben werden, in dem Maße wird auch die Wahrnehmung von Migration als Problem gefördert.

Diese öffentliche Wahrnehmung führt zu einem steigenden Handlungsdruck auf die politischen Entscheidungsträger, die sich dann wiederum in teils ratlosen, teils populistischen Forderungen mit rassistischen Untertönen artikulieren können.

Bei der Betrachtung einzelner empirischer Untersuchungen fällt jedoch in der Tat auf, dass insbesondere jugendliche – meist männliche – Migranten gerade im Bereich der so genannten „Rohheitsdelikte“ überrepräsentiert sind. Bei aller Vorsicht, mit der gerade Hellfeld-Statistiken wie beispielsweise die Polizeilichen Kriminalstatistiken zu betrachten sind, kann konstatiert werden, dass der Anteil jugendlicher Migranten innerhalb der Gruppe der jugendlichen Gewalttäter signifikant höher liegt als ihr Anteil an der Gesamtgesellschaft.

Aus solchen Feststellungen lässt sich jedoch außer dem Konstatieren der reinen Faktenlage recht wenig herauslesen. Relevanter ist hier die Interpretation der Zahlen. An dieser Stelle zeichnet sich gerade auch innerhalb der fachwissenschaftlichen Debatte eine grundlegende Konfliktlinie ab. Grundsätzlich lassen sich dabei zwei Argumentationslinien ausmachen, die sich jeweils auf unterschiedliche theoretische Prämissen beziehen. Einerseits gibt es einen eher strukturalistisch argumentierenden Ansatz, der individuelles Handeln aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu erklären versucht und andererseits einen eher dem methodischen Individualismus verpflichteten Ansatz, der die Ursachen für Handlungen aus der Persönlichkeit des einzelnen Handelnden und den ihn prägenden Einflüssen zu erklären versucht. So eindeutig wie hier angedeutet ist diese Trennlinie jedoch nicht, es handelt sich vielmehr um verschieden starke Gewichtungen diverser Einflussfaktoren, die letztlich als ursächlich für Gewalthandlungen angesehen werden. Und genau diese Ursachenanalyse führt letztlich auch zu sehr unterschiedlichen Handlungsvorschlägen an die Politik – zum einen ein verstärktes sozialpolitisches Engagement zugunsten von Migranten, zum anderen sicherheitspolitische, teilweise auch sozialtechnologische und sozialpädagogische Handlungsstrategien.

Aus den jeweils vertretenen theoretischen Prämissen ergeben sich in der Folge auch verschiedene Interpretationen der empirischen Befunde in Bezug auf das Gewalthandeln jugendlicher Migranten. Die Vertreter des eher strukturalistischen Desintegrationstheorems interpretieren Gewalthandeln als Reaktion auf Veränderungen auf der Makroebene, die sich beispielsweise in der Auflösung vormals stabiler sozialer Bindungen und dem zunehmenden Verlust gesellschaftlicher Teilhabe widerspiegeln. Dadurch werde Dissoziationsprozessen Vorschub geleistet, die sich letztlich auch in gesteigerter Gewaltbereitschaft und in der abnehmenden Verankerung und Internalisierung allgemeingültiger Normen äußere.

Individualistisch argumentierende Forscher suchen die Ursache eher in sozialpsychologischen bzw. sozialisationsbedingten Faktoren. Dazu gehören Gewalterfahrungen in der Familie, die Wirkung von Medien wie Filmen und Computerspielen oder auch abstraktere Faktoren wie kulturell überformte Normen und Wertvorstellungen.

Grob zusammengefasst stehen sich also zwei Argumentationen gegenüber: eine, die Migranten als in besonderem Maße von Desintegrationsprozessen betroffen sieht und so die hohe Gewaltbelastung zu erklären versucht, und eine, die das deviante Verhalten eher als Ausdruck abweichender Norm- und Wertvorstellungen sieht. Diese seien insbesondere kulturell bedingt, da mit den Menschen eben auch deren Kultur migriert sei – und diese sei in besonderem Maße durch einen maskulin-gewaltaffinen Habitus geprägt. Wie die Argumentationen en detail verlaufen, wird im Folgenden noch ausgeführt werden. Zunächst werden nun die empirischen Befunde einer genaueren Betrachtung unterzogen.

3 Empirische Befunde zum Gewalthandeln Jugendlicher mit Migrationshintergrund

3.1 Zur Auswahl des Datenmaterials

Die empirische Erfassung devianten Verhaltens wie zum Beispiel Gewalthandlungen erweist sich als außerordentlich schwierig. Der Begriff Devianz selbst ist nur unzureichend zu operationalisieren, da sein Inhalt stark davon abhängt, was als gemeingültige Norm verstanden wird und was nicht. Hinzu kommt das Problem der entsprechenden Erfassung. Selbst wenn eine praktikable Eingrenzung des Untersuchungsfeldes erfolgt ist, können fast nie alle entsprechenden Handlungen erfasst werden. Es verbleibt immer ein nicht vollständig erfassbares Dunkelfeld, dessen Ausmaße sich allerhöchstens schätzen lassen. Aus diesem Grund ist es auch allgemein mehr als fragwürdig, inwiefern sich überhaupt verlässliche Zahlen zum Phänomen Gewalt gewinnen lassen. Umso schwerer wiegen diese Einwände, wenn man spezifische gesellschaftliche Gruppen betrachten möchte. So kann eine besondere Gewaltbelastung Jugendlicher mit Migrationshintergrund nur dann nachgewiesen werden, wenn entsprechende Zahlen zum gesamten gesellschaftlichen Gewalthandeln vorliegen. Da dies nicht der Fall ist, können auch kaum entsprechende Aussagen getroffen werden.

Die Auswahl der beiden empirischen Befunde hat dieser Problematik Rechnung getragen. Es wurden die Polizeiliche Kriminalstatistik des Landes Berlin als Hellfeld-Statistik und eine Schülerbefragung zum Thema Gewalt des KFN als ergänzende Dunkelfeld-Analyse herangezogen. Aus diesen Quellen kann zumindest ein etwaiger Eindruck der Gewalthandlungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gewonnen werden, auch wenn die empirischen Aussagen keineswegs repräsentativ sind. Sie werfen allerhöchstens Schlaglichter auf die Problematik und erlauben eine ungefähre Annäherung an das Thema.

3.2 Daten der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik Berlin (PKS)

3.2.1 Zur Methode der Datenerhebung

In den Polizeilichen Kriminalstatistiken wird jedes Jahr eine Reihe von relevanten Daten aus den Polizeidienststellen der Länder erfasst. Dazu gehören Angaben zu den bekannt gewordenen Straftaten, Vergehen und strafbedrohten Versuchen. Darüber hinaus werden nach Möglichkeit auch Angaben zu Geschlecht, Alter, Wohnort und Ethnie der Täter, der Tatverdächtigen und auch der Opfer erfasst.[3] So wird in der PKS Berlin für 2007 für jede Deliktart immer auch der Anteil der so genannten „nicht-deutschen“ Tatverdächtigen angeben. Darunter fallen in der Regel alle Menschen, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Es kann sich dabei um Touristen, Durchreisende und Illegale handeln, aber auch genauso gut um Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die ihren Wohnsitz in Berlin haben. Daraus ergibt sich, dass verlässliche Angaben zur Gewalt- und Kriminalitätsbelastung der Wohnbevölkerung mit Migrationshintergrund nur schwer zu ermitteln sind. Das liegt einerseits daran, dass viele Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile ohnehin die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und daher nicht gesondert statistisch erfasst sind, andererseits daran, dass eben nicht alle „nicht-deutschen“ Tatverdächtigen zur migrantischen Wohnbevölkerung Berlins gerechnet werden können.[4] Der einzige Bereich, für den einigermaßen aussagekräftige Daten vorliegen, ist der Bereich „Jugendgruppengewalt“ des LKA Berlin, dort wird auch bei Jugendlichen mit deutschem Pass der etwaige Migrationshintergrund miterfragt. Die Aussagen, die aus den Daten der PKS Berlin zu ermitteln sind, können also nur ungefähre Nährwerte sein.

3.2.2 Befunde aus der PKS Berlin 2007

Allgemein lässt sich feststellen, dass die so genannten nicht-deutschen Tatverdächtigen (TV) in Berlin stark überrepräsentiert sind. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der TV beträgt 26,5%[5], wohingegen der Anteil der nicht-deutschen Wohnbevölkerung in Berlin nur 13,9% beträgt.[6]

[...]


[1] Siehe: „Junge Raucher schlagen Rentner brutal zusammen“ (http://www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/994/149634/ , letzter Zugriff 23.3. 2008 15:35)

[2] Als Beispiele seien hier nur folgende zwei Artikel erwähnt: „Koch warnt vor kriminellen Ausländern“ (http://www.stern.de/politik/deutschland/:Nach-U-Bahn-%DCberfall-M%FCnchen-Koch-Ausl%E4ndern-/606448.html?nv=rss, letzter Zugriff 23.3. 2008 15:42 Uhr) und „Jugendgewalt ist kein Ausländerproblem“ (http://www.tagesspiegel.de/berlin/Jugendgewalt;art270,2466016 , letzter Zugriff 23.3. 15:56)

[3] Vgl.: Der Polizeipräsident in Berlin (Hg.): Polizeiliche Kriminalstatistik Berlin 2007, Berlin 2008 S. 3ff.

[4] Vgl.: ebd., S. 12

[5] Aus der Zahl von 26,5 % sind bereits die von Touristen und Durchreisenden begangenen Delikte herausgerechnet. Ebenfalls nicht berücksichtigt bei dieser Zahl sind die ausländerrechtlichen Vergehen, wie Verstöße gegen die so genannte „Residenzpflicht“ von Asylsuchenden oder illegaler Aufenthalt / illegale Einreise. Die Zahl von 26,5 % spiegelt also den Anteil der nicht-deutschen Wohnbevölkerung an der Gesamtzahl der ermittelten TV wieder.

[6] Vgl.: PKS Berlin 2007, S. 12

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zur Gewalt Jugendlicher mit Migrationshintergrund
Untertitel
Empirische Befunde und Erklärungsansätze
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Migrationssoziologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V161531
ISBN (eBook)
9783640750702
ISBN (Buch)
9783640751389
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Gewalt, Kriminalität, Jugend, Kriminalstatistik, Devianz
Arbeit zitieren
Magister André Keil (Autor), 2008, Zur Gewalt Jugendlicher mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161531

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