Therapeutische Wirkung von Tanz

Eine Untersuchung der Heilung im Tanz unter den Gesichtspunkten des Rituals und der Tanztherapie


Hausarbeit, 2006
43 Seiten, Note: "keine"

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Tanz als Anthropologie

3. Die Rolle des körperlichen Ausdrucks und der Performanz im Ritual

4. Aspekte der therapeutischen Wirkung von Tanz
4.1 Trance – Tanzekstase - Tanzrausch
4.2 Die Ebene des Symbols
4.3 Tanz als Ventil- Katharsis
4.4 Tanzdynamik - Eigendynamik des Tanzens

5. Vergleich mit tanztherapeutischen Ansätzen

6. Kollektive Heilung/Therapie im Tanz
6.1 Der estado de santo im afrobrasilianischen Candomblé, Brasilien
6.2 Europäische Beispiele: Alte Tänze- Neue Tänze

7. Individuelle Heilung und therapeutische Dimensionen im Tanzritual: Beispiele aus der Tanztherapie

8. Ausblick: Heilung durch Tanz

Literatur

1.Einleitung

Heilung durch Tanz- was passiert genau im Prozess des Tanzens und auf welchen Ebenen? Welche Rolle spielt die rituelle Einbettung von Tanz im religiösen Ritual und in der Tanztherapie? Auf diese Fragen soll hier eine Antwort gefunden. Ausgehend von der ethnologischen Tanz- und Ritualforschung, die ich als eine Bestandsaufnahme der bisherigen Forschung zur Bedeutung von Tanz für den Menschen und in der Heilung in den ersten beiden Kapiteln darstelle, will ich neue Ansätze in der Tanztherapie vorstellen, die sich mit dem Zusammenhang von Tanz und Heilung auseinandersetzen. Denn ein weiterer interessanter Aspekt sind Rituale in der Therapie, wie ich anhand von Beispielen aus dem therapeutischen Bereich zeigen werde. Ich möchte auf einige Parallelen zwischen dem tänzerischen Ausdrucks im Rahmen eines Rituals und der modernen Tanztherapie hinweisen.

Vor allem auf die Aspekte, die die Eigendynamik von Tanz im Ritual oder außerhalb eines Rituals beschreibt, sollen hier dargestellt werden. Daraus erklärt sich auch die therapeutische Wirkung des Tanzes. In der ethnologischen Forschung wurden vor allem die symbolische Ebene von Tanz und seine soziale Funktion untersucht. Ich möchte hier explizit die Punkte hervorheben, die zwar von Tanzforschern erfasst, aber meiner Meinung nach nicht nach der heilsamen- sei es im Kollektiv oder individuell- Wirkung von Tanz hinterfragt worden sind.

Auf welchen Ebenen passiert Heilung? Zwei Beispiele aus unterschiedlichen Kulturen sollen diese Ebenen aufzeigen. Die Besessenheit im afrobrasilianischen Candomblé- Ritual durch die Götter bewirkt eine kollektive Heilung. Das europäische Beispiel für eine Tanzekstase soll anhand des süditalienischen Tarantella- Tanzes veranschaulichen, wie gesellschaftlich-historische Umstände ein körperliches Phänomen mit einer kathartischen Wirkung hervorbringen kann. Bei der Betrachtung von Tanzritualen wurde in meinen Augen die Eigendynamik von Tanz und seiner transformativen Sprengkraft und als Katharsis zu wenig in der bisherigen Ritualforschung und Tanzethnologie untersucht. Gerade hier aber liegen die Potentiale des körperlichen Ausdrucks und Ausagierens verborgen. Um mich dem Phänomen anzunähern, werde ich interdisziplinär die therapeutischen Erklärungsansätze heranziehen, die Heilung im Ritual durch Tanz wenn nicht zu erklären, so doch zu erhellen vermögen. Ausgesuchte Beispiele, wie Rituale in den Körpertherapien erfolgreich Einzug gehalten hat, werden meinen Punkt, so hoffe ich, bestärken.

2.Tanz als Anthropologie

Tanz wird als Grundaktivität des Menschen angesehen (Espenak 1985). Er begleitet die Menschen in ihrer gesamten Geschichte. Neben seinem Einsatz als Kommunikationsmittel scheint der Tanz „eins der ältesten, vielleicht das älteste Medium überhaupt zu sein, durch das der Mensch, sei es im Kollektiv oder als Individuum, in das Mysterium der Transformation eingehen konnte“, schreibt Hoffmann (Hoffmann 1986, 93). Koch formuliert es in ihrer „anderen Kulturgeschichte des Tanzes“ so: „Das Aufkommen des Homo sapiens beschreibt gleichzeitig auch das Aufkommen des Homo saltans und umgekehrt. Beide stehen in enger, ja symbiotischer Verbindung.“ Koch meint, bei der Ausbildung von Ordnung als solcher spiele der Tanz, im konkreten das Tanz-Ritual, eine zentrale Rolle.

Tanz und Anthropologie gehen vom Körper aus- hier wie dort wird das Wissen vom Menschen repräsentiert, vermittelt und aktualisiert. Tanz als Anthropologie verweist auf eine zugleich spezifische und umfassende Praxis, auf einen Schauplatz der Transposition und Transformation kollektiver und individueller Bilder vom Menschen. Die neuere Diskussion in der Ethnologie wie auch Theaterwissenschaft wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis das praktische Wissen des Tanzes zu den Methoden der wissenschaftlichen Disziplinen steht.

Die Geschichte der Tanzethnologie- einen kurzen Abriss über die bisher veröffentlichten Schriften über Tanzethnologie und ihrer Diskussion bietet Kaeppler’s Artikel „Dance in Anthropological Perspective“ (Kaeppler 1978: 31). Kaeppler bezeichnet Tanz als eine kulturelle Form, die aus dem kreativen Prozess resultiert, der den menschlichen Körper in Zeit und Raum strukturiert. „The cultural form produced, though transient, has structured content, is a visual manifestation of social relations, and may be subject of an elaborate aesthetic system- surely the domain of anthropologist.” (Kaeppler 1978: 32). Die Zahl derjenigen Ethnologen, die Ästhetik, oder die ästhetische Erfahrung, die als ein höherer Bewusstseinszustand mit Trance in Verbindung gebracht werden kann, ist klein. Daher plädiere ich für einen verstärkten interdisziplinären Diskurs mit den Theaterwissenschaften und anderen verwandten Wissenschaften, um sich dem Phänomen Tanz in all seinen Aspekten anzunähern. Wichtig für die Untersuchung von Tanz aus der ethnologischen Perspektive ist Franz Boas. Er meint, dass der Mensch ein Bedürfnis nach Struktur und Rhythmus hat- dieses Bedürfnis erklärt nach Boas die universelle Existenz der Kunst. Boas betont auch, dass man Generalisierungen vermeiden sollte, da sie der kulturellen Vielfalt nicht Rechnung trägt (In: Kaeppler 1978: 33: Boas 1944). „Dance is a universal human phenomenon. …Each culture, however, has a unique configuration of dance characteristics for movement patterns, styles, dynamics, value and raison d’etre of dance which are distinguished when comparing dances from one culture with those of another.“ (Boas: 1944).

Der mögliche Beitrag von Tanz in der ethnologischen Perspektive ist der, was Tanz uns über Gesellschaften und Kulturen erzählen kann und dass der Mensch unterschiedliche kulturelle Systeme geschaffen hat, so Kappler (Kaeppler 1978: 41).

Die Interpretation von Tanz in der Anthropologie stellt sich die Frage nach dem inneren Erleben des Tänzers: Wie kann man überhaupt in die unartikulierten emotionalen Tiefen der Menschen einer anderen Kultur blicken?

Rudolf Laban, der versucht hat, eine Sprache für die universellen Prinzipien des Tanzes zu finden, sagt selber: „It was up to the individual dancer to interpret the manifestations of human mind and spirit, as perceivable through dance. “

Den Tanz einer anderen Kultur zu erlernen, reicht nicht aus, um die tiefere Bedeutung auch wirklich zu spüren. Die Anthropologie versucht, das Thema Tanz zu öffnen: den weiteren Kontext erfassen und nur das über das Innenleben erfahren, was die Tänzer selber weitergeben wollen. Alle Formen und Sinnzuschreibungen des Tanzens sind kulturell geprägt und vermittelt. Es entspringt den projektierten Sehnsüchten eines modernen Primitivismus, von einer ursprünglichen Einheit von Tanz und Kult zu sprechen, oder Tanzen als vorkulturellen, unbewussten Ausdruck einer primären Erfahrungsqualität anzusehen, die Tänze so genannter „Naturvölker“, wie man es noch bei Curt Sachs (1933) und Dorothee Günther (1962) lesen kann. Trotzdem soll ihr Beitrag zur Tanzforschung und der beeindruckenden Materialfülle, die sie geliefert haben, nicht geschmälert sein.

„Ethnologische Untersuchungen geben zu verstehen, dass der Tanz global in jeder Ethnie präsent ist.“ (Koch). Die Frage sollte aber nicht nach der globalen Verbreitung des Phänomens Tanz sein, sondern in welcher Funktion und Wertung der Tanz in den jeweiligen Kulturen betrachtet wird. Der Tanz zeige sich als integrierter Bestandteil kultureller Repertoires und jeweiliger Kosmologien. Eingebunden in ein autoritatives Ritual, verschaffen sich die Menschen Zugang zum Heiligen. „Der Tanz ist ihr Gebet.“, so Koch.

Aus den meisten Ethnographien geht hervor, dass Tanz anscheinend eher die Bindungen zwischen Menschen stärkt, als dass er diese Bindungen aufbricht. Das Element der religiösen Ekstase, die sich verändernden Grenzen, die Transformation von Zeit selber spiegelt vielmehr die Gemeinschaft als die Loslösung von ihr. Anlehnend an Turner, der mit Communitas und Struktur die beiden sich ergänzenden Arten der sozialen Interaktion beschreibt, kann man auch Tanz beschreiben: Tanzen ist nicht nur eine gesellige und sozial gleichmachende Aktivität, sondern auch oft marginal und anomal. Es schafft einen Kontrast zum Alltag und versetzt den Tänzer in einen zeitlosen Zustand außerhalb seiner strukturierten Routine. Wichtig ist auch die Eingebundenheit der Mitglieder der Gemeinschaft in den religiösen Kontext auch und besonders durch den Tanz. Schon bei der frühesten Sozialisation der Kinder spielt der Tanz eine zentrale Rolle. Diese Verbundenheit durch Feste und Tanz bildet eine zentrale Stellung innerhalb der Gemeinschaften. In vielen Kulturen stellt Tanz eine wichtige Kulthandlung dar. Der Tanz kann somit ein sichtbares Phänomen von Religiosität sein.

Die ethnologische Tanzforschung, aber auch die aktuelle Diskussion in den Theaterwissenschaften, versuchen herauszufinden, was genau beim Tanz passiert. Es kann eine Transformation stattfinden beim Tänzer oder beim Publikum. Transformation kann bedeuten, dass der Tänzer in einen anderen Bewusstseinszustand gerät, dass er durch bestimmte Vorbedingungen eine Statusveränderung erfährt, dass das Publikum eine religiöse Energie empfängt (durch das Zuschauen oder die Teilnahme) oder eine Heilung erfährt.

Die Trennung von profanen und religiösen Anlässen ist nicht immer eindeutig vorzunehmen.

Dabei taucht die Frage auf, ab wann ein Tanz nicht mehr religiös ist, wenn „allerlei Formen des profanen Tanzes auf ihren religiösen Ursprung zurückgeführt werden können.“ (Van der Leeuw) Andersherum kann man auch von der Religion im Tanz sprechen: unabhängig von ihrem kulturellen Standpunkt sprechen viele Tänzer (von Berufstänzern bis zu Ravern) vom Tanzen in Begriffen „spiritueller“ und mystischer Erfahrung. (Metzler’s 1999). Tanz scheint religiös aufgeladen. Tanz steht somit persönlichen, rituell ungebundenen Formen einer erlebniszentrierten Religiosität näher als abstrakte Theologie. Es gibt Tänze, die nicht an eine bestehende Religion gebunden sind (z.B. Biodanza), oder Tanzenden gehören nicht der Religion an, deren Tanz sie ausüben (z.B. von Nicht-Hindus ausgeführter Klassischer Indischer Tanz) (Sonnemann 2000). Es gibt Definitionen, die die Religiosität eines Tanzes allein an der Einstellung der Tanzenden festmachen. Sequeira schreibt z.B.: „Der Tanz an sich kann aber nicht religiös sein, vielmehr ist es der Mensch, der den Tanz verwendet als Ausdruck seiner Religiosität.“ (Sequeira 1978, S. 28). Im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Wortes „religare“ (zurückbinden, wiederverbinden) wird religiöser Tanz als das angesehen, was Tanzende mit dem verbindet, was für sie im Moment des Tanzens wichtig ist und was für sie grundsätzlich ursprüngliche Bedeutung hat. Der Tanz ist ihr Ausdrucksmittel (Sonnemann 2000, S. 21).

Man unterscheidet idealtypisch zwischen einer diszipliniert einstudierten Körperkontrolle mit strenger Formgebung (klassisches Ballett, klassischer Indischer Tanz) und einem rasend-„dionysischen“, spontanen Tanz oder Trance (ekstatisch).

Koch spricht zwei Komponenten des ritualisierten Tanzes an, das Symbol und das Ritual:

Sie betrachtet zunächst das Ritual. „Seien es die Zeremonien der Voodoo-Kulturen Haitis, die Derwischtänze des Sufismus’, das Menuett an den frühneuzeitlichen Höfen Mitteleuropas, der bürgerliche Wiener Walzer zur Hochzeit oder nur das gegenseitige Händeschütteln zur Begrüßung- jede Handlung, die sich zu formalisierter Wiederholung eignet, birgt in sich die Grundzüge eines Rituals. In diesem Sinne können Tänze als rituelle Performanzen betrachtet und untersucht werden. Die Diskussion geht von der Grundannahme aus, dass religiöser Tanz Performance ist, da er nicht ohne Rahmen oder Publikum geschieht.

3. Die Rolle des körperlichen Ausdrucks und der Performanz im Ritual

Die rhythmisch gebundene Körperbewegung des Tanzes ist eine global verbreitete Lebensäußerung des Menschen. Tanz agiert die Grundphänomene Körperlichkeit und Bewegungsdrang aus, formt Raum und Zeit dynamisch- periodisch und macht sie sinnlich erfahrbar. Er kann Gefühle von Trauer, Ergriffenheit, Stärke, Liebe und Erotik nicht nur ausdrücken, sondern auch erzeugen und kanalisieren. Als „gesteigertes Leben“ (Sachs 1933) vermag das Tanzen, Harmonie, Lebensintensität und eine Transzendierung des Augenblicks zu vermitteln. Tanz lässt sich nicht scharf von anderen Körpertechniken abgrenzen, wie z.B. dem Schreiten in einer Prozession oder dem Kultdrama.

Was immer Heilung heißt, es bedeutet immer eine Veränderung, Transformation. Tanz bedeutet Dynamik, Tanz bedeutet Darstellung. Was kann der Tänzer im Ritual mit seinem Tanz erreichen, in welchen Zustand kann die Tänzerin sich selber oder ihr Publikum versetzen? Da es vor allem um das Ausagieren gehen soll, rückt der Körper als Ort des Geschehens in den Mittelpunkt der Untersuchung. Tanz als körperlicher Ausdruck und Darstellende Kunst soll im Folgenden untersucht werden. Die Rolle des tänzerischen Ausdrucks für die Transformation der Wirklichkeit und der Wahrnehmung des einzelnen Tänzers oder des Publikums bedarf genauerer Untersuchung. Transformation ist vor allem erfahrbar durch eigenes Erleben.

Tanz kann eine Transzendierung des Augenblicks vermitteln, siehe Rouget, der von einer veränderten Wahrnehmung von Zeit und Raum spricht durch Musik und Tanz. „It is a slice of time experienced under an identity other than the one of everyday life...“

Tanz kann die alltägliche Wahrnehmung sprengen. Zum Beispiel sprechen tanztherapeutische Strömungen oder tanzende Esoterikgruppen vom Tanz als einer Transzendierung oder Erlösung (Metzlers 1999). Tanz kann Gefühle nicht nur ausdrücken, sondern auch erzeugen und kanalisieren. Ekstatischen Tänze, die eher einen spontanen Charakter besitzen oder sich nicht in fest einstudierter Körperkontrolle bewegen, sind ein wirksames Mittel, das Individuum und die religiöse wie soziale Ordnung zu verändern. „Sie können Formen auflösen, Schranken niederreißen und eine neue Ordnung, Identität, Gemeinschaft und Vision erzeugen“ (Metzlers 1999).

Oftmals ist die Transformation des Tänzers oder des Publikums die Zielsetzung von rituellem Tanz. Um sich dieser Frage anzunähern, bedarf es vor allem der Untersuchung körperlicher Performanz im Ritual. Das schließt an die aktuelle Performance-Debatte an, wie sie in dem von Köpping und Rao in der Reihe „Performanzen: Interkulturelle Studien zu Ritual, Spiel und Theater“ herausgegebenen Buch „Im Rausch des Rituals“ über Performance geführt wird. Ich möchte meine Überlegungen dahin lenken, was Performance für die Wirkung von Tanz und die Effektivität von Ritualen bedeutet. Unter Heilung verstehe ich die Transformation, die mit einer Tanzaufführung einhergehen kann bzw. die bezweckt wird. Ich möchte erläutern, warum sich Rituale als transformierende Performanzen verstehen lassen. Der Begriff des Performativen wird angewandt auf die Formen reflexiven Denken und Handels wie Ritual, aber auch auf Spiel und Theater, die sich durch Darstellen und Ausüben kultureller und sozialer Ordnungen in einem spezifischen Rahmen auszeichnen. Sie können kulturelle Ordnungen konstituieren, können aber auch kulturelle Subversion beinhalten, oder sie können eine Transformation der Wirklichkeit hervorrufen. Das erklärt sich aus dem Spiel mit den Wahrnehmungsstrukturen innerhalb des Rituals, womit sich das reflexive Bewusstsein konfrontiert sieht. Köpping spricht von einem „echten Umformen des Verstehens der Realität“, was nur über das Erleben geht, wenn es nicht „eine reine Gedankenspielerei“ bleiben soll (Köpping 2000, 173). „Das Ritual erscheint als eine (in Teilen kreative) Performanz, die soziale Positionen von Menschen in gesellschaftlichen Strukturen und diese Strukturen selber zu verändern vermag.“ (Köpping/Rao). Mit dieser Aussage deuten Köpping und Rao das verändernde Potential an, welches ihrer Darlegung nach Ritualen und somit Performanzen innewohnt.

Genau auf diesen Punkt werde ich genauer eingehen, inwieweit nämlich eine Transformation die Ordnung auch destabilisieren oder sogar transzendieren kann. Ritual wird hier definiert „als eine Performanz im Sinne einer Aufführung, die durch ihre besondere Rahmung der Alltagswelt entzogen ist“ (Köpping/Rao).

Transformation kann im Sinne einer Statusveränderung einzelner Individuen oder Veränderung gesamtgesellschaftlicher Tatsachen verstanden werden. Das wäre der Ritualbegriff, wie ihn Turner (1989) vertritt. Der rituelle Prozess besteht nach Turner darin, dass im Ritual das Gemeinschaftsgefühl verstärkt wird, die so genannte communitas, in dem sich dann die Grenzen zwischen den Individuen aufheben. Des Weiteren spricht er von der Verwendung von Symbolen als verdichtete Bedeutungsträger. Auch Clifford Geertz (1997) spricht von einer Art sozialen „Heilung“ im Rahmen einer „dramatischen Inszenierung“. Gemeint ist von Beiden vor allem die Fähigkeit von rituellen Performanzen, sowohl Intellekt als auch Emotionen anzusprechen, aus der sich ihre Wirkkraft erklärt. Lane (1981) und Desjarlais (1996) bringen in die Diskussion um die Wirkweise von Ritualen die sensuelle, also die physische Ebene ein. Rituale werden nicht nur rhetorisch oder symbolisch vermittelt, also als eine verdichtete Kommunikation, sondern Aussagen werden auf sensueller Ebene übermittelt, die Person wird im Ritual z.B. physisch gereinigt und geschützt. Nach Kapferer (1979) wird im Heilungsritual eine Transformation angestrebt, die zwischen den „kulturell standardisierten Ausdruck von Gefühlen und dem realen, internen und privaten Gefühls- und Geisteszustand der Teilnehmer“ vermittelt. (Kapferer 1979: 153)

Der theoretische Hintergrund für diese Überlegungen geht nach Köpping und Rao auf Tambiah (1979) zurück. Ritual als transformierender performativer Akt bedeutet, dass die Effektivität von Ritualen vor allem auf ihre Handlung zurückzuführen ist, nicht nur auf ihren semantischen Ausdruck. Die Handlung wird unter Verwendung von Tanz, Musik und Liedern durchgeführt, was bedeutet, dass diese kulturellen Inszenierungen eine soziale Kommunikation in einer gesteigerten Form darstellen.

Die Sinnvermittlung im Ritual erfolgt vor allem als Praxis, und basiert nicht nur auf symbolischen Aussagen. Daraus ergibt sich dann, dass sich rituelle Performanzen damit als Bändigung des Körpers durch Gesten verstehen lassen, die aber durch ihren Vollzug zur Transgression führen können. Die sinnliche Erfahrung kann auch eine Transformation der gedanklichen Wahrnehmung herbeiführen. Das bedeutet, dass Realitäten durch die Verkörperung nicht nur zur Präsenz gebracht werden, sondern auch verändert werden können (Köpping/Rao 2000, 23).

Performanzen gelten demnach auch als risikobehaftet, denn sie besitzen das Potential zur Transformation bestehender Verhältnisse und festgelegter Denkschemata. „Vielmehr birgt die Freisetzung der im rituellen Prozess geweckten Emotionen auch immer die Gefahr, dass der Rahmen des Rituellen verlassen wird und die Performanz zum Auslöser für grundlegende, möglicherweise gewalttätige Veränderungen wird“ (Köpping 1997, 2000).

Was für meine Untersuchung im Vordergrund steht ist aber die Transformation, die sich auf psychologischer und auch physiologischer Ebene abspielt.

Haberman betont die dramatische Darstellung für den Prozess der Transformation: „The transformation of the identity is one of the defining salvation. In these terms, salvation involves a shift from a socially given identity to a new identity located in a reality believed to be ultimate. One of the most powerful techniques utilized for transforming identity has been dramatic acting. ...Embodying a paradigmatic identity through dramatic technique produces change; the religious world is attained as this role is enacted. “ (Haberman 1988: 9).

Der Theaterwissenschaftler Schechner spricht von einer psychologischen Transformation, wenn er von der Effektivität ritueller Performanz ausgeht. Catherine Bell schreibt von Schechner, das seine anthropologischen Schriften eine provokative Verbindung hergestellt hat zwischen Ritualen, Experimenten in Darstellender Kunst und der „cross-cultural dimensions“ expressiver Körperbewegung (Bell 1998). Zur Erzeugung von Gefühlen und der affektiven Wirkung von Performanzen schreibt Fischer-Lichte über die körperliche Aktivität, zu der man als Zuschauer in der Performance aufgerufen sein kann: „Starke physiologische und affektive Reaktionen werden ebenso herausgefordert wie ganze Handlungssequenzen. Der Zuschauer kann so in der Tat zum aktiven Teilnehmer werden. Die Provokation, die von einer Performance ausgehen mag, ist entsprechend auch im wörtlichen Sinne zu verstehen als eine Art des Hervorrufens von Haltungen, Widersprüchen und Erfahrungen.“ Sie weist auf den wichtigen Punkt hin, dass Gefühle erst im selben Moment der Performance erzeugt werden können durch die Kraft der Aufführung, und nicht lediglich Repräsentation bleibt. Religiöse Tänze im Sinne von rituellen Performanzen wirken gesellschaftskonform und stabilisierend, in den meisten Fällen. „Tanz als einer expressiven Verbindung innerlichster Regungen und höchster Transzendenz wohnt aber ein grenzüberschreitendes Potential inne mit einer ungeheuren Sprengkraft für die herrschende Ordnung“ (Metzlers 1999), wie ich weiter unten anhand der Argumentation von Rouget über die Körperdynamik unterstreiche. Der Mensch als aktiver Agens in der Gestaltung seiner Welt nimmt die Möglichkeiten und Potentiale innerhalb des Rituals als Performance wahr, die transformativen Potentiale auch zu entfalten.

Als äußerer Wandel (zur Vorbereitung auf eine neue Rolle im gesellschaftlichen Leben, als Statusveränderung oder als soziale Heilung) kann Transformation im Sinne Turners verstanden werden. Unter innerer Transformation wird die Verbindung mit Geistern oder Gottheiten, beim Verkörpern übernatürlicher Wesen, als Trance bei Besessenheit oder Ekstase im Schamanismus verstanden.

Äußere Hilfsmittel können Einfluss auf das Innere des Tanzenden haben (Sonnemann 2000, 61). Masken, Kostüme und Körperbemalung werden zwar äußerlich angewandt, dienen aber dazu, eine Gottheit deutlicher als nur durch die tänzerische Abbildung darzustellen. Unter Abbildung versteht Sonnemann die pantominenhafte Nachahmung von Gottheiten, Geistern, Tieren o. ä., die sich auf deren Aussehen, Charaktereigenschaften und Handlung beziehen kann. Als Grundlage können bildliche Darstellungen, mündlich oder schriftlich tradierte Vorstellungen dienen. In Ritualtänzen mit Maske werden die nicht-sichtbaren Gottheiten erst dadurch sichtbar gemacht, dass das Selbst des Tänzers hinter der Maske verborgen wird. „Die Transformation, die während der getanzten Performanz durch die Eigendynamik des Körpers zustande kommt, wird erst durch die Maske ermöglicht.“ (Köpping 2000,184). Vorbedingung für die Transformation, so beschreibt Köpping den Vorgang, ist die Umwandlung des Körpers des Tänzers. Der Körper des Tänzers wird „beseelt“ mit der Wirklichkeit der Gottheit, die in der Maske repräsentiert wird. Zum Beispiel führt erst die Übermächtigung des Körpers durch eine Gottheit zur Transformation. Die Vorstellung von Körper und der Beziehung des Tänzers zur Gottheit kann dabei sehr unterschiedlich sein.

Trotz unterschiedlicher Transformationsebenen handelt es sich aber vor allem um körperliche Performanzen. „The identification experienced by the individual with the gods he embodies takes place through dance and because of it. It is also through dance that this identification is made manifest in the eyes of others. This second function is as important as the first, since apparently the very existence of possession cults requires that possession be public behaviour“(Rouget 1985).

Die Idee von der therapeutischen Wirkung von Tanz stammt aus der Zeit der Tanz-Epidemien im Mittelalter, der so genannte Veitstanz. Die Vorstellung, man könnte auftretenden Krämpfen mit Tanz begegnen stammt aus dieser Zeit. Tatsächlich führte Tanzen zu einer Erleichterung von den Symptomen. Die befreiende Wirkung von Tanz, um aufgebaute Spannungen zu lösen, wird in der ethnologischen Literatur immer wieder angesprochen. Z.B. Herbert Spencer, Evans-Pritchard (über die Tänze der Azande) und Margaret Mead: sie schreibt, dass der informelle Tanz samoanischer Kinder Spannungen gegenüber der Erwachsenenwelt abbaut.

Lorna Marshall schreibt über die !Kung in Afrika: die Menschen bauen im Tanz Frustrationen des Alltags ab, und sie kommen im Tanz zusammen. Oder in Besessenheitskulten, wie sie z.B. Lewis beschreibt, führt Tanz oft zu einer Katharsis (In: Spencer: 1985).

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Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Therapeutische Wirkung von Tanz
Untertitel
Eine Untersuchung der Heilung im Tanz unter den Gesichtspunkten des Rituals und der Tanztherapie
Note
"keine"
Autor
Jahr
2006
Seiten
43
Katalognummer
V161596
ISBN (eBook)
9783640753031
ISBN (Buch)
9783640753260
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Therapeutische, Wirkung, Tanz, Eine, Untersuchung, Heilung, Gesichtspunkten, Rituals, Tanztherapie
Arbeit zitieren
M.A. Alexa Junge (Autor), 2006, Therapeutische Wirkung von Tanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161596

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