Jürgen Habermas: Kommunikatives Handeln und Ich-Identität - ein Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangspunkte der Habermasschen Theorieentwicklung
2.1. Theorienverknüpfung
2.2. Grundannahmen

3. Kommunikatives Handeln und Ich-Identität
3.1. Handlungstypen
3.2. Kommunikative Kompetenz / Ich-Identität

4. Sozialisation nach Habermas
4.1. Stufenweise Identitätsentwicklung
4.2. Lebenskrisen und ihre Bedeutung für die Persönlichkeit

5. Resümee und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der deutsche Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas zählt zu den bedeutendsten Gesellschaftstheoretikern des 20. Jahrhunderts. Er war hauptsächlich in Frankfurt am Main tätig und arbeitete Ende der 1950er Jahre als Assistent von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung. Die verstärkte Systemkritik junger Menschen in den 1960er Jahren - wie zum Beispiel die Hippie-Bewegung und die weltweiten Protesten gegen den Vietnamkrieg -, regte ihn dann zur intensiven Auseinandersetzung mit Sozialisationstheorien an. 1981 veröffentlichte er daraufhin sein zweibändiges Hauptwerk ‚Theorie des kommunikativen Handelns’1, das bis heute viel diskutiert und rezitiert wird. Darin versucht er unterschiedliche klassische soziologische Theorien zur Analyse und Beschreibung moderner Gesellschaften zusammenzuführen und somit dem Sozialisationsprozess auf den Grund zu gehen. Interessant erscheint es nun herauszuarbeiten, wie Habermas die unterschiedlichen Ansätze klassischer soziologischer Theoretiker in seinem Werk vereint und wie sich der Sozialisationsprozess somit nach Habermas vollzieht.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, Habermas Theorie des kommunikativen Handelns vorzustellen und seine Sicht auf den Sozialisationsprozess zu rekonstruieren. Dabei gilt es vor allem die zentralen Begriffe ‚Kommunikatives Handeln’, ‚Kommunikative Kompetenz’ und ‚Ich-Identität’ zu definieren. Somit wird im dritten Kapitel den Fragen nachgegangen: Was unterscheidet kommunikatives Handeln von anderen Handlungsformen? Was zeichnet eine Persönlichkeit mit Ich-Identität und kommunikativer Kompetenz aus?

Zunächst soll im zweiten Kapitel aber Habermas’ Theorieentwicklung rekonstruiert werden. Inwiefern macht Habermas unter anderem den Kognitivismus und die Psychoanalyse also für seine Theorie fruchtbar? Die Rolle der Sprache und seine Grundannahmen zur Entwicklung des Individuums werden knapp vorgestellt. Dabei stütze ich mich überwiegend auf die Arbeiten von Franzjörg Baumgart (2008), Klaus-Jürgen Tillmann (2008), Andreas Hetzel (2001) und Lothar Krappmann (1972).

Baumgart und Tillmann geben jeweils einen zusammenfassenden Überblick über die sehr komplexe Theorie Habermas’. Andreas Hetzel geht an das umfangreiche Werk der Theorie des kommunikativen Handelns durch einige Interpretationsansätze heran, wohingegen sich Krappmann auf die allgemein-soziologische Dimension der Identitätsbildung konzentriert.

Im vierten Kapitel wird schließlich geklärt, wie sich nach Habermas der Sozialisationsprozess vollzieht. Hierbei stütze ich mich exemplarisch auf Lawrence Kohlbergs Modell zur Bildung der moralischen Urteilsfähigkeit, das die Identitätsentwicklung in einem stufenweisen Prozess beschreibt und das Habermas unverändert in seinem Theoriekonstrukt verarbeitet hat. Darüber hinaus soll in diesem letzten Kapitel geklärt werden, unter welchen Bedingungen es einem Individuum gelingt, das Ideal der Ich-Identität zu entwickeln und wann ihm dieses Ziel verwehrt bleibt. Ein zentraler Begriff ist hierbei die ‚Adoleszenzkrise’, den Habermas’ Mitarbeiter Rainer Döbert und Gertrud Nunner-Winkler näher definiert und empirisch untersucht haben, auf welche Weise sich Lebenskrisen auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Sie unterstützen mit ihren Forschungsergebnissen, was Habermas vermutet: Eine Integration in die Gesellschaft wird durch eine Abwehrhaltung gegen gesellschaftliche Verhältnisse im Jugendalter nicht verhindert, vielmehr verhelfen Lebenskrisen dem Individuum dazu sich kommunikativ mit der Umwelt auseinanderzusetzen und somit seine Persönlichkeit ideal auszuprägen.

2. Ausgangspunkte der Habermasschen Theorieentwicklung

Habermas’ gesamtes Werk ist stark vom Ziel einer ‚kritischen Theorie’ der bürgerlichen Gesellschaft geprägt, das Horkheimer und Adorno als Vertreter der Frankfurter Schule angestrebt haben. Doch in seiner Sozialisationstheorie grenzt sich Habermas von der Aufdeckung von negativ konnotierten Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen der Gesellschaft insofern ab, als er den komplexen von Macht und Geld geprägten Spätkapitalismus - also die gegenwärtige moderne Gesellschaftsform - und sein innewohnendes Legitimationsproblem als idealen Ort zur Entwicklung der Identität definiert. Um diesen Schluss nachvollziehen zu können, ist es nötig, Habermas’ Herangehensweise und Grundannahmen zu rekonstruieren.

2.1. Theorienverknüpfung

Grundlegend an Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns ist die Verknüpfung unterschiedlicher klassischer Theorien zu einem umfassenden Konstrukt.2 Er entwickelt auf diese Weise eine neue Gesellschaftstheorie, die sowohl historisch fundiert ist, als auch die einbezogenen Theorien auf die Probe stellt. Insgesamt bettet Habermas seine Deutung der modernen Gesellschaft somit „in eine umfassende Rationalitäts- und Handlungstheorie ein, deren Fokus eine Theorie sprachlicher Verständigung bildet“ (Hetzel 2001, S. 249).

So leitet Habermas einen seiner Kernbegriffe ‚Kommunikative Kompetenz’ beispielsweise aus dem symbolischen Interaktionismus von George Herbert Mead und den linguistischen Konzepten Austins ab. Mead erklärt das Bewusstsein des Menschen als Produkt der Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt, worin die Kommunikation eine essentielle Rolle einnimmt. Darüber hinaus definiert John L. Austin in seiner Sprechakttheorie das Sprechen nicht nur als Akt der Äußerung von Sachverhalten, Argumenten und Behauptungen, sondern auch als eine Handlung, mit der das Individuum die Realität aktiv verändern kann. Habermas geht im Zusammenhang von Mead und Austin also davon aus, dass „[i]ndem Subjekte in Kommunikation mit anderen treten, […] sie ihre Identität und ihre kommunikative Handlungsfähigkeit [entwickeln]“ (Tillmann 2000, S. 222).

In der Psychoanalyse und dem Kognitivismus wird dagegen die Persönlichkeitsentwicklung als ein Prozess verstanden, der in Etappen vonstatten geht. Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud und Erik H. Erikson geht von einer Ich-Entwicklung im Zuge unterschiedlicher Reifungskrisen (ödipale Krise - Adoleszenzkrise) aus, wobei nach jeder Lebenskrise ein neuer höherer Entwicklungsabschnitt erreicht wird. Krisen treiben demzufolge den Entwicklungsprozess und die Identitätsbildung voran.

Nach Jean Piagets kognitivistischem Erklärungsansatz vollzieht sich die Persönlichkeitsentwicklung in unterschiedlichen Stufen des Denkens. Dieser Prozess beginnt im frühen Kindesalter mit der unsystematischen Ordnung der Welt (präoperationales Denken) und geht über das konkrete Operieren (konkretoperationales Denken) bis hin zum formalen Operieren (formaloperationales Denken). Da Piaget aber davon ausgegangen ist, dass die Identitätsentwicklung mit circa 13 Jahren abgeschlossen ist, hat Lawrence Kohlberg darauf aufbauend ein neues entwicklungslogisches Stufenmodell geschaffen. Laut Kohlberg ist die Persönlichkeitsentwicklung mit 13 Jahren bei weitem noch nicht abgeschlossen ist.

Er definiert die kognitive Reife eines Menschen auf Grundlage der moralischen Urteilsfähigkeit. Demnach entsteht die Identität des Ich in sechs Stufen auf drei Ebenen. Kohlberg setzt das Ende der Persönlichkeitsentwicklung im Gegensatz zu Piaget viel später - etwa mit 23-24 Jahren - an. Außerdem geht er nicht davon aus, dass jeder Mensch alle sechs Stadien durchläuft. Vielmehr ist es möglich, dass das Subjekt in seiner Entwicklung auf der zweiten Ebene stehen bleibt. Vor allem dieses Stufenmodell der Moralentwicklung ist in Habermas’ Theorie eingeflossen, sodass es in einem späteren Kapitel noch einmal ausführlicher thematisiert wird.

Insgesamt ist festzustellen, dass Habermas’ sehr komplexes Theoriekonstrukt aus unterschiedlichsten theoretischen Konzepten zusammengesetzt ist. Er greift sich bestimmte Aspekte der jeweiligen Theorien heraus und führt diese mit den anderen Theorien zusammen. Darüber hinaus knüpft er alle Theorien durch eine Analyse des Sozialisationsprozesses im Spätkapitalismus an die für die Frankfurter Schule so bedeutende marxistische Gesellschaftstheorie an. Aus dieser Komplexität der Habermasschen Sozialisationstheorie ergibt sich, dass auch die Sozialisation selbst als ein überaus komplexer Vorgang verstanden werden muss, auf den unzählig viele innere und äußere Einflüsse einwirken.

2.2. Grundannahmen

Wie im vorherigen Kapitel aufgezeigt, stellt die Theorie des kommunikativen Handelns ein sehr verzweigtes Konstrukt dar. Dementsprechend sind auch Habermas’ Grundannahmen vielfältig. Franzjörg Baumgart (2008) versucht als einziger der einbezogenen Autoren, diese Grundauffassungen übersichtlich in sechs Einzelpunkten zusammenzufassen.

Demnach geht Habermas erstens davon aus, dass die „Sprach- und Handlungsfähigkeit des erwachsenen Subjekts […] das Ergebnis der Integration von Reifungs- und Lernprozessen“ ist (Baumgart 2008, S. 173). Das Subjekt ist also nicht von Geburt an dazu fähig, am gesellschaftlichen Leben in Form von Sprechen und Handeln teilzunehmen, sondern erlernt diese Fähigkeiten erst im Laufe des Heranwachsens im Sozialisationsprozess. Nur mithilfe der verbalen als auch der nonverbalen Kommunikation kann es gelingen, eine selbstbewusste und starke Identität zu entwickeln.

Zweitens durchläuft der Bildungsprozess „eine irreversible Folge diskreter und zunehmend komplexer Entwicklungsstufen, wobei keine Stufe übersprungen werden kann“ (ebd., S. 174). Das später näher betrachtete Stufenmodell von Lawrence Kohlberg findet in dieser Grundannahme seinen Ausdruck, indem der Entwicklungsprozess in Form eines Heranwachsens auf verschiedenen Entwicklungsstufen erklärt wird. Je weiter die Persönlichkeit entwickelt ist, desto komplexer ist die erreichte Entwicklungsstufe. Eine Entwicklungsstufe kann bei diesem Prozess weder übersprungen werden, noch kann das Individuum von einer einmal erreichten Entwicklungsstufe zurück auf eine vorher liegende Stufe fallen.

Drittens vollzieht sich der Bildungsprozess „nicht nur diskontinuierlich, sondern in der Regel krisenhaft“ (ebd.), wobei das Individuum viertens zunehmend unabhängigere Problemlösefähigkeit erlangt (vgl. ebd., S. 175). Lebenskrisen verhelfen dem Subjekt dazu seine Identität zu entwickeln und es wird durch sie dazu gezwungen, das Selbstbild immer wieder neu zu entwerfen. Jeder neue Lebensentwurf muss dabei umso unabhängiger als der vorherige von der Umwelt konstruiert werden, je heftiger die Krise durchlebt wird. Vor allem die später ebenfalls näher thematisierte Adoleszenzkrise spielt eine wichtige Rolle für die Reifung des Ich.

Fünftens bezeichnet die Ich-Identität nach Habermas, die Kompetenz „bestimmten Konsistenzforderungen zu genügen“ (ebd.). Das heißt, dass das Individuum seine Kompetenzen im Interaktionsprozess durch Vergesellschaftung verinnerlicht und sie dann durch die Individuierung zu individuellen Fähigkeiten umformt. Darauf aufbauend ist ein wichtiger Teil des Sozialisationsprozesses sechstens die Verinnerlichung äußerlicher Strukturen wie Regeln und Handlungsnormen in „Schemata der Auffassung des Denkens“ (ebd.). Zuvor auferlegte Regeln und Normen werden im Laufe des Sozialisationsprozesses zu eigenen Annahmen, sodass sich die Integration des Individuums in die Gesellschaft in der Umwandlung von Regeln und Normen zu individuellen Meinungen widerspiegelt.

Insgesamt zeigt sich in den hier aufgezeigten sechs Grundannahmen, dass sich nach Habermas die Sozialisation sowohl auf einer kommunikativen als auch auf einer gesellschaftlichen Ebene vollzieht. Gesellschaft, Interaktion und Sprache prägen den Sozialisationsprozess maßgeblich. Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen verschiedenen Formen des Handelns, worauf im folgenden Kapitel näher eingegangen wird.

[...]


1 Jürgen Habermas (1985): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. 3., durchges. Aufl. Frankfurt am Main (Suhrkamp). Alle Zitate dieser Quelle werden im Fließtext unter Angabe des Bandes in römischer Ziffer und der jeweiligen Seitenzahl aufgeführt.

2 Aus Platzgründen erhebe ich nicht den Anspruch in diesem Kapitel auf alle klassischen Theorien, die Habermas in seiner ‚Theorie des kommunikativen Handelns’ bespricht, eingehen zu können. Die hier ausgewählten näher thematisierten Theorien von Mead, Austin, Freud, Erikson, Piaget und Kohlberg sind lediglich Beispiele.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jürgen Habermas: Kommunikatives Handeln und Ich-Identität - ein Überblick
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Sozialisation in der ausdifferenzierten Gesellschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V161597
ISBN (eBook)
9783640750023
ISBN (Buch)
9783640750085
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jürgen, Habermas, Kommunikatives, Handeln, Ich-Identität
Arbeit zitieren
B.A. Julia Krüger (Autor), 2010, Jürgen Habermas: Kommunikatives Handeln und Ich-Identität - ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161597

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