Moral und Eigennutz? Gerechtigkeit, Harmonie, Wissen und die Rolle von Redner und Staatsmann bei Platons Suche nach der „Idee des Guten“


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung .

I. Methoden, Grundsätze, Begriffe und Denkart .

II. Die Idee des Guten .
II.1 Streben zum Guten? - Wissen und wahre Macht der Rhetorik
II.2 Unrechttun- und leiden - Polos’„Einschüchterung“
II.3 Callikles the immoralist? - Schönheit und Harmonie
II.4 Erziehung zum Guten und Inhaltlicher Wandel? - Ein kurzer Ausblick

III. Schlussfolgerungen und Bewertung .

Bibliographie .

Einleitung

„Jeder ist sich selbst der Nächste“ und „sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen.“ Typischer Sprachgebrauch in unserem gerne als „Ellenbogengesellschaft“ bezeichneten Miteinander. „Der Zweck heiligt die Mittel.“ Als clever gilt, wer sich nicht erwischen lässt. Was Sokrates in Platons Schrift „Gorgias“1 seinen Gesprächspartnern Polos und Kallikles plausibel machen möchte, ist scheinbar ein Bild, das heute vielen Menschen mehr durch biblische Märtyrer oder Helden aus längst vergangenen Zeiten bekannt ist. Ein Ideal, das sich bestenfalls in der ein oder anderen (Seifen-) Oper wiederfindet. Ist das Handeln nach moralischen Grundsätzen nur noch eine Tradition für sentimentale Idealisten, das regelmäßig in der Weihnachtszeit eine kurze Renaissance erlebt?

Zugegeben ein recht schwarzes Bild der Wirklichkeit, denn in der Tat stellt sich die Frage nach der Begründbarkeit der Moral. Ob gläubig oder nicht, fragen sich doch viele Menschen, wieso man moralisch handeln sollte, wenn man den Verweis auf „Gottes Willen“ einmal außen vor lässt. Was sind die Vorteile, die uns auch mal augenscheinliche Repressionen in Kauf nehmen lassen? In Platons Schrift „Gorgias“ versucht Sokrates seinem Dialogpartner Polos eben dies zu erläutern. Danach muss er sich auch gegen die heftige Kritik des Kallikles wehren. Abgesehen von der Frage nach dem Nutzen des „guten Lebens“, stellt sich nämlich auch die Frage, worin dieses gute Leben überhaupt besteht. Im Zuge dessen gelangen die Begriffe von „Gerechtigkeit“ und „Wissen“ bzw. „Meinung“ in den Mittelpunkt. Allerdings legt Sokrates nicht nur im „Gorgias“, sondern auch in vielen anderen Schriften im Laufe der Jahre ethische Überlegungen dar. Darum soll hier neben genanntem Werk auch ein kurzer Blick in die „Politeia“2 und „Timaios“3 geworfen werden und Sokrates’ Moralbegründungen, Ansichten von der richtigen Verfasstheit der Seele und Charakteristiken der Führungsschicht im Staat analysiert werden. Zum Verständnis der Thematik waren insbesondere die Artikel von P. Stemmer4, G. Römpp5 und W. Patt6 sowie die Bücher von U. Wolf,7 W. Pfannkuche,8 P. Gardeya9 und vor allem Pirkko Pitkänen10 eine große Hilfe. So einfach ist derweil die Untersuchung dessen, was Platon als Idee des Guten ist, nicht, wie schon Pfannkuche zeigt, der Hans Kelsen zitiert. Dieser bestreitet, dass Platon wirklich sagt, was ein ethisch korrektes Leben ausmacht.11 So soll diese Arbeit in erster Linie den Anspruch einer Einführung in die Thematik haben und einige inhaltliche und argumentative Probleme aufzeigen.

I. Methoden, Grundsätze, Begriffe und Denkart

Nach Platons Verständnis wurde die Welt vor langen Zeiten von einem „Demiurgen“ geordnet. Sein Gott muss sich also den stofflichen Gegebenheiten unterordnen. Das er das gut tut, heißt, dass alles maximal rational geordnet ist. Der Kosmos ist also innerlich nicht maximal gut, aber als Ganzes. So dient er als ideales Vorbild für den Menschen, der ebenfalls um eine harmonische Ordnung bestrebt sein muss. Wegen seiner Körperlichkeit ist der Kosmos jedoch kein völlig vollständiges Ideal.12 Im Gorgias sagt Sokrates, dass der Mensch einmal in einem „goldenen Zeitalter“ gelebt hätte, wo er gut und glücklich gewesen sei.13 Zwischen der Idee des Kosmos und der realen Stoffwelt steht die Seele nun als Mittler, der sich quasi an das richtige Ideal „erinnern“ soll.14 Wirkliches Wissen - episteme - kann man nur von den Ideen haben, da nur sie seiend sind. Daher kommt auch die Formulierung von der Idee des Guten. Der Kosmos, als das was wir sehen können, bildet das Göttliche ab und so ist das Gute - agathon - immer auch mit den Begriffen „schön“ oder dem Gegenpart „hässlich“ verknüpft. Schein und Sein können allerdings weit auseinander liegen, weshalb durchaus falsche Meinungen - pistis - entstehen können. Platons Schriften unterliegen deshalb in der Regel einem System, nachdem Sokrates dialogisch vorgeht. Mit Hilfe der mäeutischen Methode soll nicht unbedingt der Andere überzeugt werden, sondern dieser soll selbst die Richtigkeit entgegengestellten Argumentation des Gesprächspartners erkennen. Subjektive „Einschläge“ sollen vermieden werden, weshalb eine ständige Prüfung der Thesen durchgeführt wird und selbst Sokrates hofft nach eigener Aussage auf Belehrung, wenn er Zweifelhaftes von sich gibt.15 In der Praxis hilft aber das fachliche Wissen - techne - nur zur Erfüllung der Teilziele in einem abgesteckten Kompetenzbereich. Der Arzt kann dem Kranken eine wirksame Behandlung verschreiben. Das Wissen um „das Ganze“ und die „eudaimonia“, sowie die Beurteilung der Tat im Bezug hierzu ist jedoch nicht möglich. Die rhetorische Tätigkeit wird von Sokrates dann nochmals eine Stufe tiefer als praktische Geschicklichkeit - empeiria - eingeordnet.16

II. Die Idee des Guten

Das Gespräch, in dem Sokrates Protagoras, Hippias und Prodikos davon zu überzeugen versucht, dass jeder Mensch nach dem Guten strebt, erfreut sich großer Bekanntheit. Dort heißt es: „Ist es nicht auch so, daß Niemand aus freier Wahl dem Bösen nachgeht, oder was er für böse hält? […] und wenn er aber gezwungen wird von zwei Übeln eins zu wählen, niemand das größere nehmen wird, wenn er das kleinere nehmen darf?“17 Das Wesen des Menschen ist es also, das Gute zu tun. Warum nun? Was ist das Gute und dessen Vorteil und warum tun offenbar so viele Menschen Böses?

II.1 Streben zum Guten? - Wissen und wahre Macht der Rhetorik

Im Gorgias beschreibt Sokrates, dass jeder Mensch das Beste für sich will, weil es Glück mit sich bringt.18 Jeder Mensch möchte glücklich sein, aber jenes Glück besteht gerade im Erreichen des Guten und deshalb tut man alles um dessen Willen. „Gut“ heißt aber nicht unbedingt moralisch gut, sondern charakterisiert eine Handlung eher als nützlich und vorteilhaft. Der Grund warum aber doch viel schlechtes existiert, sind Schein und Irrtum. Darum kritisiert Sokrates auch die „techne“ - oder besser „empeiria“ - von Gorgias und seinen Rhetorenschülern. Seiner Meinung nach erregen diese in den Menschen eine Lust und bringen sie dazu, „unwissentlich“ eben nicht gut zu handeln.19 Sie handeln also unfrei und nicht nach ihrem eigentlichen Willen. Der Kernpunkt der Kritik ist aber Frage, ob der Redner um es zu lehren, auch Wissen vom Gerechten und somit Guten haben muss.20 Gorgias’ bejahende Antwort impliziert, dass der Redner also auch notwendig gerecht handeln muss. Dieses notwendig gerechte Handeln hatte er den Rednern zuvor aber nicht zugesprochen.21 Weil sie nur scheinbar das Beste tun, aber nicht das, was sie wirklich wünschen, haben sie auch kein wahres Wissen. Die Rhetoren tun zwar was sie (glauben zu) wollen, aber Sokrates bestreitet, dass dies das darstellt, was wirklich gut für sie ist.22 Ergo haben sie kein Wissen vom Guten.

Hier muss jedoch erst ein mal zwischen den Blickwinkeln auf das eigene Ich und auf das Ganze unterschieden werden. Das Gute für das Ganze ist bei Platon auch gut für mich. Die kurzfristigen Ziele sollten also weitsichtig mit Bedacht auf die Zweckhaftigkeit für das Gute aller gewählt und verwirklicht werden. Im Wort „weitsichtig“ steckt schon der Hinweis auf die sensuelle Wahrnehmung der Dinge.

[...]


1 Platon: Gorgias. oder Über die Beredsamkeit. hrsg. v. Hildebrandt, K., übers. v. Schleiermacher, F., Stuttgart 1989.

2 Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden. Band II. hrsg. von Loewenthal, E., Darmstadt 2004, Pol.

3 Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden. Band III. hrsg. von Loewenthal, E., Darmstadt 2004, Tim.

4 Stemmer, P.: Unrecht tun ist schlechter als Unrecht leiden. Zur Begründung moralischen Handelns im platonischen ,Gorgias’. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 4 (1985), S. 501-522.

5 Römpp, G.: Der Staat und die Seele. Zum politischen Zusammenhang der Ethikdiskussion in Platons Gorgias. In: Zeitschrift für philosophische Forschung, 4 (1986), S. 586-599.

6 Patt, W.: Zur Formierung der platonischen Staatsethik. In: Hermes. Zeitschrift für klassische Philologie, 128 (2000), S. 164 - 180.

7 Wolf, U.: Die Suche nach dem guten Leben. Platons Frühdialoge. Hamburg 1996.

8 Pfannkuche, W.: Platons Ethik als Theorie des guten Lebens. Freiburg, München 1988.

9 Gardeya, P.: Platons Gorgias. Interpretationen und Bibliographie. Würzburg 2007.

10 Pitkänen, P.: Platonische Philosophie des guten Lebens und moderne Orientierungslosigkeit. Berlin u.a. 1997. 3

11 Vgl. Pfannkuche, W.: Platons Ethik als Theorie des guten Lebens, S. 14.

12 Vgl. Pitkänen, P.: Platonische Philosophie des guten Lebens und moderne Orientierungslosigkeit, S. 21f.

13 Vgl. Gorg. 523aff.

14 Vgl. Pitkänen, P.: Platonische Philosophie des guten Lebens und moderne Orientierungslosigkeit, S. 28.

15 Vgl. Gorg. 470c.

16 Vgl. Wolf, U.: Die Suche nach dem guten Leben, S. 157. 4

17 Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden. Band I. hrsg. von Loewenthal, E., Darmstadt 2004, Prot. 358cd.

18 Vgl. Gorg. 467e.

19 Vgl. Ebd. 464a.

20 Vgl. Ebd. 460b.

21 Vgl. Ebd. 456b.

22 Vgl. Wolf, U.: Die Suche nach dem guten Leben, S. 159. 5

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Moral und Eigennutz? Gerechtigkeit, Harmonie, Wissen und die Rolle von Redner und Staatsmann bei Platons Suche nach der „Idee des Guten“
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V161658
ISBN (eBook)
9783640750061
ISBN (Buch)
9783640750115
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Moral, Eigennutz, Gerechtigkeit, Harmonie, Wissen, Rolle, Redner, Staatsmann, Platons, Suche, Guten“
Arbeit zitieren
Martin Gerasch (Autor), 2009, Moral und Eigennutz? Gerechtigkeit, Harmonie, Wissen und die Rolle von Redner und Staatsmann bei Platons Suche nach der „Idee des Guten“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161658

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