Die Tradition des Hässlichen im Expressionismus

Am Beispiel von Gottfried Benns "Schöne Jugend"


Zwischenprüfungsarbeit, 2003

32 Seiten, Note: 3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Gottfried Benn: „Schöne Jugend“
2.2 Rezeption der Morgue-Gedichte
2.3 Zur europäischen Tradition des Hässlichen im 19. Jahrhundert
2.4 Arthur Rimbaud: „Ophelia“
2.5 Georg Heym: „Die Tote im Wasser“

2.6 Zum Motiv der Wasserleiche in Kunst und Literatur
2.7 Rainer Maria Rilke: „Morgue“
2.8 Zur Verfallsästhetik und dem Motiv der „Morgue“ im Expressionismus
2.9 Interpretation „Schöne Jugend“

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Laut DTV-Lexikon ist der Expressionismus eine <künstlerische Bewegung, die im frühen 20. Jahrhundert besonders in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern als Kunst des seelischen Ausdrucks dem Impressionismus entgegentrat>.

Gottfried Benn war Expressionist. Seine frühe Lyrik sollte nicht allein schockieren, was sie natürlich trotzdem getan hat, sondern auch das Seelenleben des Dichters preisgeben, ein Umstand, der bei dem heutigen Umgang mit Lyrik selbstverständlich erscheint, zur Zeit des Erscheinens der Morgue-Gedichte aber oftmals außer Acht gelassen wurde.

Diese Arbeit wird sich mit dem Seelenleben Gottfried Benns, mit den Merkmalen des Expressionismus und der Reaktion der Menschen auf die Lyrik Benns, aber in diesem Zusammenhang auch mit dem Hässlichen und der Faszination am Hässlichen in der Kunst und Literatur beschäftigen.

Das Gedicht „Schöne Jugend“ wird exemplarisch für die Dichtkunst Benns, aber auch für den Expressionismus stehen und auf diese beiden Punkte hin eingehend untersucht.

2.1 Gottfried Benn: „Schöne Jugend“

Schöne Jugend (1912)

Der Mund eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte,

sah so angeknabbert aus.

Als man die Brust aufbrach, war die Speiseröhre so löchrig,

Schließlich in einer Laube unter dem Zwerchfell

fand man ein Nest von jungen Ratten.

Ein kleines Schwesterchen lag tot.

Die anderen lebten von Leber und Niere,

tranken das kalte Blut und hatten

hier eine schöne Jugend verlebt.

Und schön und schnell kam auch ihr Tod:

man warf sie allesamt ins Wasser.

Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!

2.2 Rezeption der Morgue Gedichte

Als Gottfried Benn 1912 26-jährig und gerade als Arzt zugelassen seinen Gedicht-Zyklus „Morgue“ veröffentlichte, erregte sein Erstlingswerk enormes Aufsehen.

Seine Gedichte, die zunächst als Flugblatt erschienen und später sogar ganz verboten wurden, sorgten allerdings zum größten Teil für Empörung und Entsetzen, aber natürlich auch aus genau diesen Gründen für die Popularität Benns.

Die meisten Kritiker verrissen seine Gedichte oder weigerten sich, seine Stücke überhaupt als Lyrik anzuerkennen.

So schrieb zum Beispiel Hans Friedrich in „Aus einer Sammelrezension über Lyrik:

„Da wir nun einmal bei scheußlichen und Ekel erregenden Phantasieprodukten sind, sei hier gleich das einundzwanzigste Flugblatt des Verlages A. R. Meyer besprochen, Gottfried Benn, <Morgue und andere Gedichte>.

{ … }

Wenn früher jemand verrückt war, so sah er nur weiße Mäuse tanzen. Jungberlin hat hierin entschieden einen Fortschritt gemacht, es sieht Ratten.

{ … }

Über die Perversität dieser Gedichte zu schreiben, ist als Lyrikkritiker nicht meine Sache. Ich überlasse diesem interessantem Fall den Psychiatern.“[1]

Auch Hans Wegener findet keine besonders warmen Worte für Benns Lyrik – Debüt:

„Unverständlichkeit, barer Unsinn, Perversität und Erotik sollen eine Gewähr sein für dichterische Begabung. Da ist z.B. dieser Herr Benn, der sich wie ein unreifer Mediziner in den ersten Semestern aufspielt.

{ … }

Was aus diesen Versen spricht, ist eine ekelhafte Lust am Hässlichen, Unflätigen, an schamlosen Offenheiten. Ein schreiender Naturalismus will hier nur einem Zweck dienen: épater le bourgeois. Mag man der Kunst die Behandlungsmöglichkeit derartiger Stoffe auch zugestehen, bei B. kann von irgendwelcher künstlerischen Bewältigung nicht die Rede sein.“[2]

Immerhin kann sich Wegener am Ende seiner Rezension zur folgenden Schlussfolgerung durchringen:

„Talent soll ihm jedoch nicht abgesprochen werden. Er muß sich erst einmal austoben.“2

Es gab aber nicht nur negative Kritiken.

Ernst Stadler zum Beispiel war sich von Anfang an der Neuheit, Besonderheit und auch Schönheit der Lyrik Benns bewusst, wie er in „Lyrische Flugblätter“ beschreibt:

„ Mit einer unheimlichen Schärfe und Sachlichkeit lässt Benn den Vorgang aufleben, erst mit ein paar Meisterstrichen die Situation andeutend, dann in Rede und Gegenrede überspringend, ohne alles Sentiment, fast brutal, als handele es sich um nichts als einen nackten ärztlichen Operationsbericht, aber in jeder Zeile, in der Gedrängtheit der Folge, der Verteilung der Kräfte, der Macht der Vergegenständlichung den Künstler verratend.

{ … }

Wer Lebensvorgänge mit solcher Knappheit und Wucht zu gestalten und in so schicksalsvollen Geschichten auszuweiten vermag, ist sicherlich ein Dichter.“[3]

Ernst Stadler schien einer der wenigen zu sein, der, anstatt sich über die vermeintlich „kranken“ Themen in Benns Lyrik aufzuregen, wie es nahezu alle anderen Kritiker taten, begriff, wie viel Kraft in seiner Lyrik steckt.

Else Lasker-Schüler gar, zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der „Morgue – Gedichte“ 17 Jahre älter als Benn und mit mehreren veröffentlichten Gedichtbänden bereits als Lyrikerin etabliert, schwärmt beinahe wie ein Schulmädchen, wenn sie in „Doktor Benn“ schreibt:

„Er steht unentwegt, wankt nie, trägt das Dach einer Welt auf dem Rücken. Wenn ich mich vertanzt habe, weiß nicht, wo ich hin soll, dann wollte ich, ich wäre ein grauer Samtmaulwurf und würfe eine Achselhöhle auf und vergrübe mich in ihr. Eine Mücke bin ich und spiele immerzu vor seinem Gesicht. Aber eine Biene möchte ich sein, dann schwirrte ich um seinen Nabel. Lang bevor ich ihn kannte, war ich seine Leserin, sein Gedichtbuch - <Morgue> - lag auf meiner De> { …}

Gottfried Benn ist der dichtende Kokoschka. Jeder seiner Verse ein Leopardenbiß, ein Wildtiersprung. Der Knochen ist sein Griffel, mit dem er das Wort auferweckt.“[4]

Eine intensive Beziehung hatten Benn und Lasker-Schüler definitiv, ob sie eine Liebesbeziehung hatten, ist bis heute umstritten, da es keine eindeutigen Beweise wie Liebesbriefe oder ähnliches gibt, aber wenn man die oberen Zeilen liest, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass Benn nicht nur als Dichter, sondern auch als Mann einen bleibenden Eindruck bei Frau Lasker-Schüler hinterlassen hat.

Bezog sich die literarische Kritik beim Erscheinen der „Morgue-Gedichte“ meist allein auf den Inhalt und stigmatisierte diesen als pervers und krank, begann man in den dreißiger Jahren, die Gedichte erneut zu betrachten und versuchte zu interpretieren, was hinter dem Inhalt eigentlich steckt.

Peter Hamecher schrieb etwa in „Dichter des Irrationalen“:

„Die frühen medizinisch-naturalistischen Gedichte Gottfried Benns aus der Zeit der <Morgue> weisen auf den Beruf, den der Dichter ausübt, und sind Ausbruch eines jungen Ekelempfindens vor dem Beruflichen. Aber viel tiefer sind sie Ausbruch des Ekels vor den Wirklichkeiten, und Sehnsucht nach anderen Welten, nach anderen Horizonten brennt in ihnen. Der Dichter in Benn träumt, über die Zeiten des Gehirns und der Normungen hinweg, von Südlichkeiten, von lernäischen Gefilden, von scheuendem Rausch und Traum. Aus dem Mathematischen und Kategorischen des Denkens will er zurück zum schöpferisch Intuitiven; aus der geordneten und gefügten Formwelt zu dem, was vor aller Form ist, zum Urgesicht des Seins. Ist die Zeit von Wirklichkeiten besessen, so ist er mythenbesessen, und seine Dichtung sprengt überall die Wirklichkeiten um der Schau willen. Es ist überall bei ihm ein Zurückgehen aus der Gehirnzeit zu den Zeiten der Frühe, die vor der Stunde des Hirns gelegen sind.“[5]

Nun kann man diese Interpretation gelinde gesagt weit hergeholt finden, sie soll aber auch nur exemplarisch für einen neuen Umgang mit Benns Lyrik stehen; nach dem ersten „Schock“ beim Erscheinen des Zyklus und folgendem Desinteresse an Benns Lyrik in den zwanziger Jahren, begann mit den dreißiger Jahren ein neuer reflektierter Umgang mit der Lyrik Gottfried Benns.

Der beginnende Nationalsozialismus allerdings bereitete dem aufkeimendem „Comeback“ Benns ein schnelles Ende.

Zwar sympathisierte Benn mit der Ideologie der Nationalsozialisten, war aber ebenso bekennender Expressionist und wollte es auch bleiben. Im Nationalsozialismus galt der Expressionismus allerdings als entartet, folglich wurden auch Benns Werke boykottiert und verboten.

Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges und den Jahren des Wiederaufbaus, begann in den fünfziger Jahren eine ganze Generation, den Dichter Gottfried Benn für sich zu entdecken. Die jungen Intellektuellen dieser Zeit, noch traumatisiert vom Krieg, entwickelten einen Nachkriegs-Existentialismus, der an den Existentialismus der zwanziger Jahre in Deutschland anknüpfte und sich an Größen wir Jaspers und natürlich Sartre in Frankreich orientierte.

Egon Vietta beschreibt es anschaulich in „Kaffeehaus und Ewigkeit“:

„Neunzehnhundertdreizehn ist ein kleiner Gedichtband herausgekommen: der stammt von Gottfried Benn und besang die kleine <Aster>, den <Kreislauf>, die <Negerbraut>, nichts als abscheuliche realistische Bilder, wie wir sie von Breughel oder Bosch gewohnt sein sollten, aber wovon wir damals, kurz vorm Ausbruch des ersten Weltkrieges, nichts wissen wollten. Diese <Morgue> wurde dann von der deutschen Lyrik vergessen; nicht Benn, Rainer Maria Rilke wurde das Vorbild der deutschen Jugend.

[...]


[1] Hohendahl, 1971, 96-97

[2] Hohendahl, 1971, 97-98

[3] Hohendahl 1971, 95-96

[4] ebd., 98

[5] Hohendahl, 1971, 154-155

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Die Tradition des Hässlichen im Expressionismus
Untertitel
Am Beispiel von Gottfried Benns "Schöne Jugend"
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Moderne Lyrik
Note
3
Autor
Jahr
2003
Seiten
32
Katalognummer
V16166
ISBN (eBook)
9783638210898
ISBN (Buch)
9783638644457
Dateigröße
812 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tradition, Hässlichen, Expressionismus, Moderne, Lyrik
Arbeit zitieren
Tanja Ridder (Autor), 2003, Die Tradition des Hässlichen im Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16166

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