Gottfried Benn war Expressionist. Seine frühe Lyrik sollte nicht allein schockieren, was sie natürlich trotzdem getan hat, sondern auch das Seelenleben des Dichters preisgeben, ein Umstand, der bei dem heutigen Umgang mit Lyrik selbstverständlich erscheint, zur Zeit des Erscheinens der Morgue-Gedichte aber oftmals außer Acht gelassen wurde.
Diese Arbeit wird sich mit dem Seelenleben Gottfried Benns, mit den Merkmalen des Expressionismus und der Reaktion der Menschen auf die Lyrik Benns, aber in diesem Zusammenhang auch mit dem Hässlichen und der Faszination am Hässlichen in der Kunst und Literatur beschäftigen.
Das Gedicht „Schöne Jugend“ wird exemplarisch für die Dichtkunst Benns, aber auch für den Expressionismus stehen und auf diese beiden Punkte hin eingehend untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Gottfried Benn: „Schöne Jugend“
2.2 Rezeption der Morgue-Gedichte
2.3 Zur europäischen Tradition des Hässlichen im 19. Jahrhundert
2.4 Arthur Rimbaud: „Ophelia“
2.5 Georg Heym: „Die Tote im Wasser“
2.6 Zum Motiv der Wasserleiche in Kunst und Literatur
2.7 Rainer Maria Rilke: „Morgue“
2.8 Zur Verfallsästhetik und dem Motiv der „Morgue“ im Expressionismus
2.9 Interpretation „Schöne Jugend“
3. Schluss
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Schöne Jugend“ von Gottfried Benn vor dem Hintergrund der expressionistischen Ästhetik des Hässlichen und analysiert, wie Benn mit traditionellen lyrischen Formen bricht und das Motiv der „Morgue“ nutzt, um eine neue, schockierende Wirklichkeit darzustellen. Das primäre Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen Benns Seelenleben, der zeitgenössischen Rezeption seiner Lyrik und der literarischen Tradition des Hässlichen aufzuzeigen.
- Analyse des Gedichts „Schöne Jugend“ als Exempel expressionistischer Dichtung.
- Untersuchung der zeitgenössischen Kritik an den „Morgue“-Gedichten.
- Aufarbeitung der europäischen Tradition des Hässlichen vom 18. Jahrhundert bis zum Expressionismus.
- Vergleichende Betrachtung des Motivs der Wasserleiche in der Literatur.
- Erörterung der Bedeutung von Entindividualisierung und Provokation in Benns Lyrik.
Auszug aus dem Buch
2.2 Rezeption der Morgue Gedichte
Als Gottfried Benn 1912 26-jährig und gerade als Arzt zugelassen seinen Gedicht-Zyklus „Morgue“ veröffentlichte, erregte sein Erstlingswerk enormes Aufsehen.
Seine Gedichte, die zunächst als Flugblatt erschienen und später sogar ganz verboten wurden, sorgten allerdings zum größten Teil für Empörung und Entsetzen, aber natürlich auch aus genau diesen Gründen für die Popularität Benns.
Die meisten Kritiker verrissen seine Gedichte oder weigerten sich, seine Stücke überhaupt als Lyrik anzuerkennen. So schrieb zum Beispiel Hans Friedrich in „Aus einer Sammelrezension über Lyrik: „Da wir nun einmal bei scheußlichen und Ekel erregenden Phantasieprodukten sind, sei hier gleich das einundzwanzigste Flugblatt des Verlages A. R. Meyer besprochen, Gottfried Benn,
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in den Expressionismus und die Rolle Gottfried Benns als Dichter, der mit seiner frühen Lyrik bewusst schockieren wollte.
2. Hauptteil: Detaillierte Auseinandersetzung mit Benns Gedicht „Schöne Jugend“, der kontroversen zeitgenössischen Rezeption sowie der literaturgeschichtlichen Entwicklung des Motivs des Hässlichen und der Wasserleiche.
2.1 Gottfried Benn: „Schöne Jugend“: Präsentation des Primärtextes, der das zentrale Objekt der folgenden analytischen Untersuchung bildet.
2.2 Rezeption der Morgue-Gedichte: Analyse der zeitgenössischen Kritik, die von totaler Ablehnung und moralischer Entrüstung bis hin zu vereinzeltem Verständnis für die literarische Radikalität reichte.
2.3 Zur europäischen Tradition des Hässlichen im 19. Jahrhundert: Historischer Abriss über den literarischen Umgang mit dem Hässlichen, von der griechischen Antike über die Klassik und Romantik bis zur Moderne.
2.4 Arthur Rimbaud: „Ophelia“: Untersuchung des Rimbaud-Gedichts als Referenzpunkt für die Darstellung des Todes im Wasser.
2.5 Georg Heym: „Die Tote im Wasser“: Analyse eines weiteren expressionistischen Werks, das das Motiv der Wasserleiche aufgreift.
2.6 Zum Motiv der Wasserleiche in Kunst und Literatur: Diskussion der symbolischen und mythologischen Aufladung des Wasserleichen-Motivs und dessen geschlechtsspezifischer Konnotationen.
2.7 Rainer Maria Rilke: „Morgue“: Betrachtung von Rilkes Gedicht als eine der literarischen Vorlagen für die spätere expressionistische Auseinandersetzung mit dem Leichenschauhaus.
2.8 Zur Verfallsästhetik und dem Motiv der „Morgue“ im Expressionismus: Erörterung der ästhetischen Funktionen des Hässlichen im expressionistischen Kontext als Mittel zur gesellschaftlichen Provokation und Erneuerung.
2.9 Interpretation „Schöne Jugend“: Zusammenführende Deutung des Gedichts, die die ästhetischen Brüche, die provokante Distanz des lyrischen Ichs und Benns spezifische poetische Absichten beleuchtet.
3. Schluss: Fazit zur bleibenden Relevanz von Benns Lyrik, trotz des Wandels der zeitgeschichtlichen Bedingungen seit dem frühen 20. Jahrhundert.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Expressionismus, Schöne Jugend, Morgue, Hässlichkeit, Wasserleiche, Lyrik, Literaturgeschichte, Verfallsästhetik, Rezeption, Provokation, Seelenleben, Entindividualisierung, Moderne, Motivgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das frühe lyrische Werk Gottfried Benns, insbesondere das Gedicht „Schöne Jugend“ aus dem Zyklus „Morgue“, und ordnet es in den literarhistorischen Kontext des deutschen Expressionismus ein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Ästhetik des Hässlichen in der Literatur, die literarische Tradition der Wasserleiche (insbesondere der Ophelia-Mythos) sowie die Verbindung von persönlicher Erfahrung, Medizin und Dichtung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Benn durch die Darstellung des Hässlichen und Morbiden mit lyrischen Traditionen bricht und warum seine Arbeit trotz anfänglicher Skandalisierung eine signifikante Zäsur in der deutschen Literatur markiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext eng mit biographischen Hintergründen, zeitgenössischen Rezensionen sowie literaturhistorischen Vergleichen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Gedicht „Schöne Jugend“, die zeitgenössische Rezeption der „Morgue“-Gedichte, die historische Entwicklung des Motivs des Hässlichen sowie spezifische Referenzwerke von Rimbaud, Heym und Rilke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Gottfried Benn, Expressionismus, Morgue, Ästhetik des Hässlichen, Wasserleiche und literarische Tradition.
Wie unterscheidet sich Benns Umgang mit dem Hässlichen von der Tradition?
Während die Tradition das Hässliche oft verdeckte oder ästhetisierte, nutzt Benn eine pathographische Technik, die den Gegenstand, wie etwa einen Leichnam, illusionslos und schockierend direkt darstellt.
Warum spielt die Rolle der Kritik in dieser Arbeit eine so große Rolle?
Die Kritik verdeutlicht den Schockwert von Benns Werk und zeigt den Wandel der Wahrnehmung seiner Lyrik von einem „perversen“ Skandal hin zu einem zentralen Bestandteil moderner deutscher Literatur auf.
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- Tanja Ridder (Author), 2003, Die Tradition des Hässlichen im Expressionismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16166