Johann Wolfgang von Goethes Hymne "Prometheus" im Kontext des 18. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

19 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mythos
2.1. Einbettung des Mythos in Literatur und Kunst

3. Epoche des Sturm und Drang

4. Der Dichter im Sturm und Drang

5. Goethes „Prometheus“ als Renaissance der Mythologie im 18. Jahrhundert

6. Literaturgeschichtliche Einbettung der Prometheus-Hymne Goethes

7. Der Prometheus- Mythos

8. Interpretation der Hymne „Prometheus“
8.1. Hymne
8.2. Interpretation und Aufbau der Antihymne „Prometheus“

9. Fazit

10. Literaturangaben

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit behandelt die Einbettung des Mythos‘ des Halbgottes Prometheus in Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigen Gedicht „Prometheus“ und fokussiert vor allem deren Einordnung in die Zeit des Sturm und Drangs und des Genie-Zeitalters. Es soll im Folgenden untersucht werden, inwiefern das Gedicht in die Zeit um 1800 eingeordnet werden kann und welche Wirkung der Dichter evozieren möchte.

Das Verwenden mythischer Figuren in Werken der Zeit im deutschsprachigen 18.Jahrhundert – „Mythopoetische Texte“[1] genannt- erfährt eine neue Dimension, insofern „mythologische Motive und Stoffe omnipräsent in der europäischen Kunst und Literatur“[2] war. So bedienten sich neben Johann Wolfgang von Goethe vor allem Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder, Friedrich Schiller sowie diverse Schriftsteller der Romantik des aussagekräftigen Stoffes, um die Intention ihrer Stücke zu bekräftigen.

Die „unbeweisbare, fiktional-erzählende Rede“[3], wie der Mythos in einschlägigen Lexika definiert wird, gab und gibt vielen Autoren Anlass zur deren Übernahme in eigene Werke. Neben zahlreichen Autoren des 18. Jahrhundert – und auch heute noch - bedient sich auch Johann Wolfgang von Goethe 1774 der nicht beweisbaren, aber sinnstiftenden Erzählung[4], um soziale Missstände in der Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts aufzudecken und anzuklagen. Das Leben im Deutschen Reich gestaltete sich nach dem Westfälischen Frieden vom 24.Oktober 1648 als schwierig, insofern sich das Machtverhältnis zuungunsten der Bürger veränderte und zu Unzufriedenheit vor allem im Bürgertum führte.

Eines der bekanntesten Gedichte, welches die Schwierigkeiten im Kontext des veränderten Deutschen Reichs zum Gegenstand macht, ist sicherlich Goethes „Prometheus“, welches er zwischen 1773 und 1774 verfasste. Über die Entstehungszeit herrscht Uneinigkeit in der Literatur, nicht zuletzt daher, weil Goethe das Gedicht erst seinen Freunden zukommen ließ bevor er es erst später veröffentlichte[5].

Goethe greift auf den „Prometheus“-Mythos zurück, indem er seinen Kern in einer Hymne verarbeitet. Interessant für die Hausarbeit ist es, die Zusammenhänge zwischen der Epoche des Sturm und Drang und der Prometheus-Erzählung zu ziehen. Hinblickend auf die Intention des Autors soll im Folgenden der Blick auf die Termini Mythos, Sturm und Drang und Hymne gerichtet werden, um anschließend den Prometheus-Mythos mit Goethes Version in Verbindung zu bringen.

2. Mythos

Laut Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft bezeichnet der Terminus Mythos eine narrative Überlieferung aus einer vorschriftlichen Epoche[6]. Mythen, das sind sagenähnliche Erzählungen, handeln von Göttern, Helden und Dämonen. Ihre Funktion bestand in älterer Zeit meist darin, eine Erklärung für den Welt- und Menschenursprung zu geben sowie bis dato nicht gekannte Erscheinungen der Natur zu begreiflich zu machen[7]. Diese Annahme deckt sich mit der Auffassung des Reallexikons, welches den Mythos als eine „Form eines vorrationalen Weltverständnisses“[8] definiert.Ebenso unergründet wie die Religion, drückt auch die Mythologie eine Art Ohnmacht aus, das Geschehene in der Welt verständlich zu machen. Der allgegenwärtige Zusammenhang zwischen Mensch und Natur, d.h. ihr schicksalhafte empfundene Interdependenz, ist bis in die heutige Zeit hinein nicht eindeutig fassbar zu machen. Gero von Wilpert dazu:

Der Mythos sei „eine Erzählung von Göttern, Dämonen und Helden, Ereignissen der Ur- und Vorzeit als symbolischer Verdichtung der allg[emeinen] Urerlebnisse zu religiöser Weltdeutung in der Frühzeit aller Völker“.[9]

In mythologischen Erzählungen werden Erklärungsansätze für unbegreifliche Geschehnisse gesucht und letztlich darin gefunden, insofern Naturerscheinungen personifiziert und greifbar gemacht werden. In Form von Göttern (Regengötter, Göttervater, Meeresgott,…) werden Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur beschrieben.

Ihrer poetischen Sprache und ihrem hohen Beliebtheitsgrad ist es zu verdanken, dass sich Mythen bis in die Neuzeit erhalten haben und - ähnlich dem Märchen- zeitlos und somit auch auf die heutige Zeit übertragbar sind. Die in ihnen gestalteten Menschheitsprobleme scheinen gegenwärtiger denn je zu sein, betrachtet man den Fortschritt der Medizin und Forschung, welcher es gelungen ist, in die Natur einzugreifen und gottähnlich Menschen zu erzeugen. Dieser Aspekt soll zugunsten der damaligen Auffassung von Schöpfung in dieser Arbeit vernachlässigt werden.

2.1. Einbettung des Mythos in Literatur und Kunst

Mythen, d.h. deren Inhalte, Gestalten und Motive sind immer wieder Gegenstand der Kunst oder Literatur[10].Die Sehnsucht nach dem Irrationalen gegenüber dem rationalen Verständnis ist bis in die heutige Zeit hinein immer wieder Gegenstand der Literatur und Kunst. Künstler und Schriftsteller verwenden mythische Symbole oder gar ganze Mythen, um der zeitgenössischen Gesellschaft kritisch gegenüber zu treten. In diversen Werken, z.B. Homers Epen oder Ovids Metamorphosen macht der Lyriker Gebrauch von Mythen und setzt diese dichterisch um[11].

So findet sich das Motiv der Menschenerschaffung auch in vielen zeitgenössischen Werken namhafter Autoren. Neben neueren Werken wie „Blueprint-Blaupause“ von Charlotte Kerner, in welchem das Klonen eines Menschen thematisiert und enttabuisiert wird, ist Johann Wolfgang von Goethes Hymne „Prometheus“ beispielhaft für das Verbinden von antiken Mythen mit moderner Dichtkunst.

Der Aufbau der Hymne sowie ihr Inhalt sind typische Elemente und Charakteristika der Sturm-und-Drang-Epoche. Kennzeichnend dafür sind vor allem der geschickte Umgang mit freien Reimen und das Anwenden eines durch sprachliche Mittel gestalteten Rhythmus. Emotional und mit einer Fülle von pathetischen Phrasen schafft Goethe es, das Gefühl der damaligen Zeit lebendig und fassbar zu machen.

3. Epoche des Sturm und Drang

Die Epoche des Sturm und Drang, welche im Allgemeinen um das Jahr 1770 bis in die frühen 1780er Jahre datiert wird, ist eine „gattungsübergreifende literarische und im weiteren Sinn kulturell-politische Strömung“[12] im damaligen deutschsprachigen Raum. Ihrem Namen nach kann die Epoche Sturm und Drang sich als jugendliche Revolte gegen

„Einseitigkeiten der Aufklärung[…], aber auch gegen die als unnatürlich empfundene Gesellschaftsordnung der Zeit mit ihren Ständeschranken, erstarrten Konventionen und ihrer lebens- und sinnenfeindlichen Moral“[13]

verstehen. „Deutsche literarische Revolution“[14] nannte Goethe diese jugendliche Revolte und machte damit unmissverständlich, dass die Auflehnung weniger politisch als viel mehr literarisch bedeutend war. Politisch weniger wirksam, löste sie dennoch geistige Impulse bei vielen Menschen, darunter meist Autoren, aus.

Lexika verstehen die Epoche des Sturm und Drang als ein ‚Durchgangsstadium‘ oder ‚Wegbereiter‘ zur Klassik oder Romantik. Matthias Luserke beschreibt dieses Verständnis als ein „Missverstehen“:

„Sturm und Drang [wurde] als Durchgangsstadium in der Geschichte der deutschen Literaturhin auf Klassik und Romantik (miss)verstanden.“[15]

Zwar sind Eigenschaften des Sturm und Drang auch in den nachfolgenden Epochen, vorwiegend in der Klassik und Romantik zu finden, jedoch muss sich die Bewegung der Stürmer und Dränger als eine eigenständige verstehen.

Fast zeitgleich mit der Empfindsamkeit entstand die in anderen Zusammenhängen genannte Geniezeit, welche zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Friedrich Maximilian Klingers Drama „Sturm und Drang“ (1776) die Epoche am besten beschreibt. Die Dichter verstanden sich als starke und rebellische Individuen, die sich gegen die Aufklärung aufbegehrten.

Das Zeitalter des Sturm und Drang bestimmte eine Zeit nach dem Westfälischen Frieden (1648), welcher das Leben im deutschsprachigen Raum ungemein beeinflusst hat. Nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), welcher hauptsächlich auf deutschem Boden ausgetragen wurde, glich das Deutsche Reich einem Flickenteppich. Chaos und Anarchie resultierten aus der fehlenden Exekutive, Legislative und Judikative. Autonom herrschende Fürstentümer lebten auf Kosten der kriegsbedingt armen Bevölkerung, welche zu 2/3 aus der Unterschicht bestand. Zugleich aber prägte die Entstehung des Bürgertums die zweite Hälfte des 18.Jahrhunderts.

4. Der Dichter im Sturm und Drang

Dichter des Sturm und Drang, das waren zumeist Studenten, die aus dem Kleinbürgertum stammten. Goethe bildete dabei eine Ausnahme, war er doch in einem wohlhabenden Patrizierhaus aufgewachsen[16]. Der damaligen Studentenschaft missfiel der im Zuge der Aufklärung entstandene Vernunftgedanke. Motive und Ideen wie Freiheit, Natur, Genie standen im Vordergrund und spiegelten sich in den Werken der jungen Schriftsteller wider. Nicht nach Vernunft solle man handeln, sondern als freidenkendes Individuum.

Martini drückt die gegenteilige Haltung zur Aufklärung folgendermaßen aus:

„Im Widerspruch gegen die Aufklärung wurde eine rebellischeJugend ihrer eigenen Kräfte bewusst. An die Stelle der Regel trat jetzt die originale Natur; andie Stelle von Tugend und Witz traten die Kraft und das Genie. Statt Moral wollte man vitaleLeidenschaften, statt Form den genialen Überschwang, statt Ordnung das fruchtbare Chaos,statt Gesellschaft das Volk, statt Maß die freie Willkür. Nicht die Norm sollte mehr herrschen,sondern eine schöpferische Freiheit, die keine Bindung und Regel anerkannte, vielmehr sichselbst ausleben und austoben wollte“[17].

Diese Impulse wirkten noch bis in die Romantik und Klassik nach. Kennzeichnend für den Sturm und Drang war ein schwärmerisches Verhältnis zur Natur, d.h. ihre Vertreter strebten stets eine natürliche Gesellschaftsordnung an. Nicht der Geburtsadel, sondern die Bildung des Herzens war maßgebend. Damit verbunden war die neue Auffassung von Moral. Wie o.g., blieben die politischen Versuche der Stürmer und Dränger, diese Auffassung in die Realität umzusetzen, unerfüllt. Die Literatur diente somit als Sprachrohr für das politisch machtlose Bürgertum. Vor allem die Bühne wurde funktionalisiert, eine neue Welt zu kreieren. Gesellschaftskritische Bühnenstücke symbolisierten eine Art Weltgericht, vor das die Adligen gestellt wurden. Ihnen wurde Unmoral vorgeworfen.

Konflikte zwischen Individuen und der Gesellschaft, zwischen Bürgertum und Adel, Spannungen zwischen dichterischer Autonomie und einengendem Alltag: dies waren populäre Aspekte in der Zeit der Stürmer und Dränger.

5. Goethes „Prometheus“ als Renaissance der Mythologie im 18. Jahrhundert

Johann Wolfgang Goethe entwarf mit seiner Hymne „Prometheus“ ein Gedicht, welches der Zeit des Sturm und Drang zugeordnet werden kann. Das rebellische Verhalten des lyrischen Ichs gegenüber dem Adressaten kann instrumentalisiert werden, um das Machtverhältnis zwischen einfachem Bürgertum und Fürstentum sowie Kirche zu verdeutlichen.

Das subversive Auflehnen des Titanen Prometheus (zu Deutsch: „der Vorausdenkende“) gegen die Götter, allen voran den Göttervater Zeus und die damit assoziierte Revolte gegen eine höhere Instanz machen „Prometheus“ zu einem Paradebeispiel für die damalige Zeit. Die Götter stehen stellvertretend für die adligen Machthaber, d.h. die Fürsten und Kirchenfürsten des Absolutismus. In diesem Gedicht steht der Abnabelungsprozess Prometheus‘ von den Göttern im Vordergrund. Es ähnelt einer Anklageschrift, in der Prometheus seinem Ärger Luft macht und seine Geringschätzung illustriert.

[...]


[1] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Drei Bände. Hg. v. Klaus Weimar, Harald Fricke u. Jan-Dirk Müller. Bd. 2: H-O . Hrsg. v. Fricke, Harald. In Zusammenarb. mit Braungart, Georg / Grubmüller, Klaus / Müller, Jan-Dirk / Vollhardt, Friedrich / Weimar, Klaus, 2000.S. 664.

[2] Ebd. S.666.

[3] Burdorf, Fasbender, Moenninghoff (Hrsg.): Metzler Lexikon Literatur, 3. Auflage, S.524.

[4] Ebd.

[5] Matthias Luserke: Goethes ‚Prometheus-Ode In: Goethe Gedichte. Zweiunddreißig Interpretationen. Gerhard Sauder (Hrsg.).München/Wien 1996, S.49.

[6] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 664.

[7] Müller, H.: Das moderne Lexikon in zwanzig Bänden. Band 13. Bertelsmann Verlag. Wien, 1972, S.29.

[8] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, S. 664.

[9] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur . 8. verbesserte und erweiterte Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001, S. 448 .

[10] Kasper, K.: Sachwörterbuch für den Literaturunterricht. Volk und WissenVolkseigener Verlag. Berlin 1983, S.124

[11] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur , S.449f.

[12] Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3: P-Z. Hrsg. v. Müller, Jan-Dirk. In Gemeinschaft mit Braungart, Georg / Fricke, Harald / Grubmüller, Klaus / Vollhardt, Friedrich / Weimar, Klaus, 2003. S. 541.

[13] Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Günther u. Irmgard Schweikle.

2., verb. Aufl. Metzler,Stuttgart 1990. S. 741.

[14] Goethe, Johann Wolfgang: „Dichtung und Wahrheit“

[15] Luserke, Matthias : Sturm und Drang. Autoren - Texte - Themen. Reclam, Stuttgart1999. S. 34.

[16] Killinger, R.: Gestalten und Verstehen. Literaturkunde. Verlag Hölder-Pichler-Tempsky, Wien 1997. S. 93.

[17] Martini, F .: Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart.Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1968.S.217.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Johann Wolfgang von Goethes Hymne "Prometheus" im Kontext des 18. Jahrhunderts
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur I)
Note
2,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V161684
ISBN (eBook)
9783640750986
ISBN (Buch)
9783640751587
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prometheus, Goethe, 18.Jahrundert, Genie, Genieästhetik, Vergleich, Mythos, Hymne, Anti-Hymne
Arbeit zitieren
Sabine Reinwald (Autor), 2010, Johann Wolfgang von Goethes Hymne "Prometheus" im Kontext des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161684

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