Liberalismus und Biomacht


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die politische Ökonomie

Die Gouvernementalität

Die Biomacht

Die Normalisierungsgesellschaft

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

In dieser Arbeit versuche ich zu erklären, welchen Zusammenhang Michel Foucault zwischen Liberalismus und Biomacht herstellt und mit welchen Argumenten er seine Sichtweise begründet.

Das erste Kapitel wird sich mit dem Begriff der politischen Ökonomie und der Notwendigkeit einer Regierungskunst als Bedingung der freien Marktwirtschaft beschäftigen. Ich erkläre darin, dass die zwingende Konsequenz des Liberalismus nicht im Laisser-faire besteht, sondern im Gegenteil eine äußerst aktive Politik erfordert, da der Wettbewerb kein natürliches Phänomen ist und nur durch die Einhaltung seiner Regeln gewährleistet werden kann. Die Voraussetzungen der Marktwirtschaft müssen also durch die Gouvernementalität hergestellt werden.

Im zweiten Kapitel erläutere ich Foucaults Verständnis der Gouvernementalität und analysiere die Wandlung, die diese durch das Aufkommen des Liberalismus durchlaufen hat. Nämlich von der privilegierten Stellung eines selbstverständlichen Staates, zu der prinzipiellen Infragestellung des Regierens überhaupt. Die Staatsräson der Vergangenheit wurde aufgegeben und stattdessen wurden Strategien entwickelt, die Menschen auf rationale Weise zu steuern. Dadurch entstand eine Macht, die sich nicht mehr um ihrer selbst Willen erhält, sondern die nun versucht die Bevölkerung zu regulieren. Ihr Zweck ist es das Glück der Menschen zu sichern und die sozialen Beziehungen zu ordnen. Also die Steigerung und Stärkung des Lebendigen.

Über die Betrachtung dieser Neuorientierung komme ich im dritten Kapitel dann zur Biomacht. Dort beschreibe ich ihre Mechanismen und Anwendungen, also die so genannten Sicherheitsdispositive. Ich stelle somit die Maßnahmen dar, die schließlich dazu führen sollen, dass das Verhalten der Menschen sich im Rahmen eines Mittelwerts bewegt, der sozial und ökonomisch akzeptabel ist.

In der Folge dieser Überlegungen beschäftigt sich das vierte Kapitel mit der „Normalisierungsgesellschaft“ und erläutert was Foucault damit genau meint und aus welchem Grund dies der Kernbegriff der Biomacht ist.

Zuletzt ziehe ich ein Fazit und fasse in einer eigenen Interpretation zusammen, wie sich Liberalismus und Biomacht gegenseitig bedingen.

Die politische Ökonomie

Unter politischer Ökonomie versteht Foucault jede Regierungsmethode, die den Wohlstand einer Nation sichern kann und eine allgemeine Reflexion über die Organisation, die Verteilung und die Begrenzung der Macht ist. Ihr Verhältnis zur Staatsräson ist kein feindliches, denn das Ziel, welches sie anstrebt, ist eines, das sich auch der Polizeistaat und der Merkantilismus gesetzt haben: die Bereicherung des Staates. Foucault sagt, dass die erste politische Ökonomie, die der Physiokraten gewesen sei. Sie forderten einen Despotismus, der durch nichts begrenzt ist, außer durch eine Ökonomie, die er selbst bestimmt hat und kontrolliert (vgl. Foucault 2006: 31-32).

Die politische Ökonomie offenbart Gesetzmäßigkeiten, die der Regierungspraxis eigentümlich sind und bei bestimmten Handlungsweisen unvermeidbare Konsequenzen nach sich ziehen. Werden diese Gesetzmäßigkeiten durch die Regierenden nicht beachtet, so entwickeln sich daraus Misserfolge. Es ist also ein utilitaristisches Prinzip, welches hier zur Anwendung kommt. Die Macht des Souveräns wird nicht aus einer intrinsischen Mäßigung heraus begrenzt, sondern weil die negativen Folgen einer exzessiven Herrschaft vermieden werden sollen. An die Stelle der Weisheit des Fürsten, tritt das Prinzip der Wahrheit. Man fragt sich nicht mehr, ob man in Übereinstimmung mit den moralischen oder göttlichen Gesetzen regiert, sondern ob man das richtige Maß an Intervention einhält, welches durch die Erkenntnisse der politischen Ökonomie diktiert wird. Diese Form der Selbstbegrenzung der Regierung in wirtschaftlichen Fragen bezeichnet Foucault als Liberalismus (vgl. ebd.: 32-40).

Er schreibt:

„Die Frage der Genügsamkeit der Regierung ist gerade die Frage des Liberalismus“ (Foucault 2006: 51).

Der Liberalismus ist laut Foucault eine Praxis, ein „Tun“. Er ist die Methode der Rationalisierung der Regierungstätigkeit, die den internen Regeln maximaler Ökonomie gehorcht. Hinter dem ständigen latenten Verdacht zuviel zu regieren, verbirgt sich die eigentliche Frage: „Warum muss man überhaupt regieren?“ (vgl. ebd.: 435-437).

Im Mittelalter und im 16. und 17. Jahrhundert war der Markt ein bevorzugter Gegenstand der Reglementierung. Er war ein Ort der Gerechtigkeit, die durch die Regierung gewährleistet werden musste. Es wurde festgelegt, was dort verkauft werden darf, wie die Produkte hergestellt worden sein müssen, woher sie kommen durften, wie hoch die Abgaben sein sollten, wie der Vorgang des Verkaufes auszusehen hatte und selbstverständlich zu welchem Preis die jeweiligen Dinge den Besitzer wechseln sollten.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich diese Sichtweise. Man kam nun zu der Überzeugung, dass, wenn man dem Markt freien Lauf ließe, sich ein, metaphorisch gesprochen, „wahrer Preis“ einstellen würde. „Wahr“ in dem Sinne, dass die natürlichen Mechanismen des Marktes zu einem Wahrheitsstandard führen, an dem sich die Qualität der Regierungspraktiken messen lässt. Foucault nennt das, das Prinzip der Veridiktion (vgl. ebd.: 52-57). Daraus ergab sich das Problem, dass die Macht der Regierung aus Achtung vor der Wahrheit begrenzt werden musste, sie aber gleichzeitig die Forderung zur Achtung der Wahrheit in Gesetzesform erlassen muss. So tritt man zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einen Zeitabschnitt, der dadurch gekennzeichnet ist, dass das Problem der Nützlichkeit alle herkömmlichen Probleme des Rechts abdeckt. Die Kategorie, welche sowohl den Tausch am Markt, als auch die Nützlichkeit umfasst, die die öffentliche Gewalt dort begrenzt, wo der Bereich ihrer Zweckmäßigkeit endet, ist das Interesse. Es ist jedoch nicht mehr das Interesse des Staates, sondern es ist ein komplexes Wechselspiel zwischen individuellen und kollektiven Interessen. Die Objekte mit denen die Regierung sich jetzt beschäftigt sind keine Individuen, Dinge, Reichtümer, Ländereien, etc. mehr, es sind nur noch die verschiedenen Interessen (vgl. ebd.: 64-75). Foucault formuliert die Grundfrage des Liberalismus deshalb so:

„Was ist der Nutzwert der Regierung und aller Regierungshandlungen in einer Gesellschaft, in der der Tausch den wahren Wert der Dinge bestimmt?“ (Foucault 2006: 76).

Das Wesen des Marktes ist der Wettbewerb, sagt Foucault. Im 19. und 20. Jahrhundert ist die marginalistische und neo-marginalistische Vorstellung, dass der Staat sich, bis auf beispielsweise Eingriffe zur Verhinderung von Monopolen, vom Markt distanzieren soll, vorherrschend. Doch die Ordoliberalen bringen an diesem Punkt ein neues Argument in die Diskussion ein. Sie sagen nämlich, dass man aus dem Prinzip des Wettbewerbs nicht auf die Notwendigkeit des Laissez-faire schließen darf, denn dann sei man in einer „naturalistischen Naivität“ gefangen. Der Wettbewerb sei eben keine natürliche Gegebenheit, sondern verdanke seine günstigen Wirkungen einem formalen Privileg. Sein Wesen kommt nämlich nur dann zum tragen, wenn seine Bedingungen beachtet werden. Er muss das Ergebnis langer Bemühungen sein und der reine Wettbewerb kann eigentlich niemals eintreten, denn er ist lediglich ein unerreichbares Ideal, welches eine außerordentlich aktive Politik erfordert.

Eine strikte Trennung der Wettbewerbswirtschaft auf der einen Seite und dem Bereich des Staates auf der anderen, ist nicht möglich. Es gibt nicht das Gebiet des Marktes, welches vom Staat unangetastet gelassen werden muss, und einen anderen Raum, wo der Staat anfängt zu intervenieren. Der Markt muss hergestellt werden, und zwar von einer handelnden Gouvernementalität. Der Markt sagt der Regierung, wie sie zu handeln hat, damit die Gesetzmäßigkeiten des Marktes greifen können (vgl. ebd.: 171-174). Die Handlungsfreiheit in einem liberalen System ist etwas was gefordert werden muss, aber nichts, was gegeben ist. Der Liberalismus hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Freiheit durchzusetzen, mit allen Zwängen, Problemen und Kosten, die das Vorhaben mit sich bringt. Das Prinzip dieser Kostenrechnung ist die Sicherheit. Also das kollektive Interesse gegen die individuellen Interessen zu schützen (vgl. ebd.: 99). Nach Foucault, gibt es keinen Liberalismus ohne die Kultur der Gefahr (vgl. Foucault 2006: 102).

Die Gouvernementalität

Leitfäden für die Fürsten gab es in der griechisch-römischen Antike und dem Mittelalter bereits in großer Zahl, doch ab dem 16. Jahrhundert erschien plötzlich eine Reihe von Schriften, die sich nicht mehr, wie bisher, als Ratgeber des Souveräns oder als eine Wissenschaft von der Politik verstanden, sondern eine neue Form annahmen. Sie behandelten nun die „Künste des Regierens“.

Es entwickelt sich zu dieser Zeit eine Problematik des Regierens im Allgemeinen. Wie will man regiert werden, durch wen, bis wohin, zu welchen Zwecken und durch welche Methoden (vgl. Foucault 2004: 134-136)? Es werden Überlegungen angestellt, worin diese Kunst des Regierens eigentlich besteht, und so kristallisieren sich schließlich Parallelen zu anderen Gebieten heraus. Man erkennt, dass man auch davon sprechen kann, ein Haus, Kinder, Seelen, eine Provinz, ein Kloster, einen religiösen Orden oder eine Familie zu regieren. Diese Sichtweise offenbart vollkommen neue Aspekte des Themas. Plötzlich ist der Fürst, wie er beispielsweise bei Machiavelli beschrieben wird, durch sein Regieren nicht mehr in einer besonderen Position, er übt nur noch eine Form der Praktik des Regierens unter vielen aus. Die Diskontinuität zwischen der Macht des Fürsten und jeder anderen Art von Macht wird aufgehoben und es wird erklärt, dass man zunächst sich selbst, dann seine Familie und seinen Besitz und erst zuletzt den Staat regieren kann. Diese aufsteigende Kontinuität soll auch in umgekehrter Richtung gelten, indem gesagt wird, dass bei einer gelungenen Regierung des Staates auch die Familienväter ihre Familien und ihre Güter zu regieren wissen und die einzelnen Bürger sich so lenken lassen, wie es sein soll. Zu dieser Zeit, im 18. Jahrhundert, wurde für eine solche Regierungspraxis, die auch das Eingreifen in die Führung der Familie und des eigenen Lebens einschloss, erstmals der Begriff „Policey“ verwendet. Die zentrale Frage ist für sie, wie man die Kunst der Lenkung der Frau, der Kinder, der Bediensteten und des Vermögens durch einen aufmerksamen und gewissenhaften Familienvater, auf den Staat übertragen kann, der für die Individuen, Güter und Reichtümer zuständig ist. Als Mittel hierfür wird die im vorherigen Kapitel beschriebene politische Ökonomie identifiziert (vgl. ebd.: 140-144).

Es soll nicht mehr darum gehen, den Menschen Gesetze aufzuerlegen, denen sie gehorchen müssen. Es ist vielmehr Ziel, das Regierte einem „angemessenen Zweck“ zuzuführen. Über die Dinge wird also verfügt, das heißt es werden Taktiken anstelle von Gesetzen, bzw. höchstens Gesetze als Taktiken eingesetzt. Das Hauptanliegen des Fürsten war es das Fürstentum aufrechtzuerhalten. Es war Selbstzweck. Die Regierungskunst hat ihre Daseinsberechtigung hingegen in den von ihr regierten Dingen (vgl. ebd.: 148-150).

Der Liberalismus ist eine Regierungskunst, die die Mechanismen der Sicherheit beherrschen muss und so gewährleisten soll, dass die Individuen oder die Gesellschaft so wenig Gefahren wie möglich ausgesetzt sind. Es entsteht eine Ausweitung von Verfahren und Kontrollen, von Beschränkungen und Zwängen, die durch ein Mehr an Intervention ein Mehr an Freiheit herstellen sollen (vgl. Foucault 2006: 101-103).

Die Gouvernementalität, also die Regierungskunst, konnte sich letztendlich nur aufgrund des Problems der Bevölkerung durchsetzen. Dieses Problem hatte sich zwar schon seit langem gestellt, war aber auf Zeiten von Katastrophen, Seuchen, Kriegen oder Nahrungsmangel beschränkt. So genannte Mortalitätstabellen, die eine Reihe von Quantifizierungen ermöglichten, wurden beispielsweise nur in Zeiten geführt, wo die Sterblichkeitsrate solche Ausmaße annahm, dass man genau wissen wollte, wie viele Menschen wo und woran starben (vgl. Foucault 2004: 104).

Erst mit den Nationalökonomen des 18. Jahrhunderts beginnt sich eine neue Perspektive zu etablieren. Nämlich, dass man die Bevölkerung als eine Gesamtheit von Vorgängen betrachten muss, die man in ihrer Natürlichkeit und ausgehend von ihrer Natürlichkeit verwalten muss. Sie ist von einer solchen Menge von Variablen abhängig und beeinflusst, dass sie für das Handeln des Souveräns nicht transparent sein kann und sich ihr Verhalten in großen Teilen der Einflussnahme durch Gesetze entzieht. Die Bevölkerung wird zu einem Naturphänomen, auf das man, obwohl nicht per Dekret änderbar, dennoch durch Techniken und analytische Berechnungen einwirken kann. Man kann die Begierde, aufgrund derer die Individuen handeln, nicht ändern, doch es wird gesagt, dass wenn man ihr die Möglichkeit der Entfaltung lässt, sie in bestimmten Grenzen und durch eine Anzahl von Bezugnahmen und Verbindungen insgesamt den allgemeinen Nutzen für die Bevölkerung zur Folge hat. Dies ist also etwas, das dem Gedanken der Souveränität genau entgegengesetzt ist. Während es nämlich das Charakteristikum des Souveräns war, nein zur Begierde des Individuums zu sagen, ist es nun der Sinn der Regierungskunst die Bevölkerung ausgehend von der Naturalität ihrer Begierde und der spontanen Erzeugung des Kollektivinteresses durch diese, zu verwalten. Es geht nicht mehr darum zum Beispiel die Eigenliebe einzugrenzen, man soll stattdessen das fördern, was die Eigenliebe auf solche Art anregt, dass sie die positive Wirkung entfaltet, die sie notwendigerweise hervorbringen muss. Um dies umzusetzen bedurfte es zuerst der Erkenntnis, dass durch den Zufall bedingte Variablen in der Bevölkerung einer Gesetzmäßigkeit gehorchen (vgl. ebd.: 108-113).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Liberalismus und Biomacht
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Macht und Herrschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V161722
ISBN (eBook)
9783640751051
ISBN (Buch)
9783640751662
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Foucault, Biomacht, Liberalismus, Gouvernementalität, Politische Ökonomie, Normalisierungsgesellschaft, Sicherheitsdispositive
Arbeit zitieren
Patrick Zimmerschied (Autor), 2010, Liberalismus und Biomacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161722

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