Großstadtgedicht am Beispiel von "Der Gott der Stadt" von Georg Heym

Das Gedicht weist Merkmale und Metaphern auf, die sowohl typisch für Großstadtgedichte des Expressionismus als auch für Großstadtgedichte von Georg Heym sind.


Hausarbeit, 2008

12 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Stadt im Expressionismus
2.1. Einordnung des Expressionismus in den historischen Kontext mit besonderem Blickpunkt auf die Entwicklung der Großstädte im beginnenden 19. Jahrhundert
2.2. Die Reaktionen der expressionistischen Autoren, insbesondere der Lyriker auf diese Entwicklung

3. Das Motiv „Stadt" bei Georg Heym
3.1. Biografische Bezüge Heyms zu Städten und Großstädten
3.2. Die Verarbeitung des Themas „Stadt" in den lyrischen Werken Heyms

4. „Der Gott der Stadt" als typisches Werk Georg Heyms und des Expressionismus

5. Zusammenfassung der Ergebnisse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit dem Gedicht „ Der Gott der Stadt" von Georg Heym beschäftigen und beweisen, dass dieses Werk sowohl typisch für den Expressionismus als auch für Georg Heym ist. Insbesondere die Thematik ,Stadt' war immer wieder Bestandteil lyrischer Werke der expressionistischen Autoren und wurde vielfältig umgesetzt. Georg Heym selbst gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Epoche und prägte sie, obwohl nur zwei Jahre als seine Hauptschaffensphase bezeichnet werden können, sehr stark. Anhand von „Der Gott der Stadt" möchte ich die persönliche Herangehensweise Heyms an die Thematik aufweisen und zeigen, dass viele Merkmale und Metaphern des Gedichtes übereinstimmen mit denen, die auch von anderen Expressionisten verwendet wurden.

Zu Beginn werde ich jedoch erst einmal den geschichtlichen Aspekt der Epoche näher betrachten, um ein klares Bild zu bekommen in welchem Umfeld die damaligen Lyriker lebten und arbeiteten und woher sie die Themen und Motive für ihre Werke bezogen. Im nächsten Kapitel möchte ich auf biografische Bezüge Heyms zum Thema ,Stadt' und seine Erfahrungen mit der Großstadt eingehen. Auch wie er diese Eindrücke umsetzte, wird Bestandteil dieser Arbeit sein. Zuletzt möchte ich beweisen, dass das Gedicht „Der Gott der Stadt" viele Merkmale aufweist, die sowohl charakteristisch für die Großstadtlyrik des Expressionismus als auch für die Großstadtlyrik von Heym sind.

2 Die Stadt im Expressionismus

2.1 Einordnung des Expressionismus in den historischen Kontext mit besonderem Blickpunkt auf die Entwicklung der Großstädte im beginnenden 19. Jahrhundert

Der Expressionismus wird in den Zeitraum zwischen 1910 und 1925 eingeordnet und war eine literarische, künstlerische und musikalische Bewegung. Begriffe wie Industrialisierung, Urbanisierung oder der erste Weltkrieg (1914 bis 1918) prägten unter anderem diese Zeit.

Das beginnende 19. Jahrhundert brachte sowohl Fortschritt als auch Missstand hervor. Wenn um 1800 nur drei Städte im damaligen Deutschen Bund mehr als 100.000 Einwohner vorweisen konnten[1] und damit den Status einer Großstadt erreichten, so waren es 100 Jahre später rund 30 Großstädte.[2] Gründe für dieses rasche Wachstum waren unter anderem die steigende Zahl der zu vergebenden Arbeitsplätze in den Städten und die Entwicklung von Landwirtschaftsmaschinen, die das Einsetzen von Arbeitskräften auf dem Land stark reduzierten. Dadurch kam es zum Pauperismus der ländlichen Bevölkerung. Viele Arbeiter und Familien suchten deshalb Anstellungen und folglich auch Wohnungen in den Städten. Allerdings konnten nur wenige Städte den Menschenmassen gerecht werden. Bestes Beispiel dafür lieferte Berlin: „1871 war [es] mit 827 000 Einwohnern [...] die drittgrößte Stadt Europas" und im Jahr 1905 lebten bereits über zwei Millionen Menschen in der Hauptstadt.[3] Trotz stetig wachsender Wohnungszahl mussten viele Familien sich ein einziges Zimmer teilen oder in feuchten Kellern wohnen. Krankheit und Entstehung von Armenvierteln waren die Folgen. Viele Menschen starben aufgrund der Lebensbedingungen, die aber meist nicht auf den ersten Blick zu sehen waren, da gleichzeitig prachtvolle Gebäude und Häuserfassaden entstanden.[4]

Weiterhin kam es in dieser Zeit zu vielen Naturkatastrophen, wie z.B. das Erdbeben in San Francisco im Jahr 1906[5] oder unzählige Unwetter überall in Deutschland im April 1903, die zahlreiche Todesopfer forderten[6]. Ein weiteres bedeutungsvolles Ereignis war die Erscheinung des Halleyschen Kometen im Jahr 1910, der für „etliche hysterische Reaktionen" sorgte.[7]

Durch all diese Ereignisse kam es zu einer allgemein vorherrschenden Weltuntergangsstimmung, die auch die damaligen Lyriker erfasste.

2.2. Die Reaktionen der expressionistischen Autoren, insbesondere der Lyriker auf diese Entwicklung

Bereits vor dem eigentlichem Expressionismus gab es erste Reaktionen auf die Großstadtentwicklung. So drückte zum Beispiel K. L. Immermann seine Abneigung gegenüber der Industrialisierung in seinem Werk „Die Epigonen" (1836) aus:

.Vor allen Dingen sollen die Fabriken eingehen [Hervorhebung durch d. Verf.] ...

Jene Anstalten, künstliche Bedürfnisse künstlich zu befriedigen, erscheinen mir geradezu verderblich und schlecht. Die Erde gehört dem Pfluge [...]'[8]

Wie aber Heinz Rölleke in „Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl" beweist, gab es auch neutralere Meinungen zu diesem Thema, beispielsweise bei Eichendorff[9]:

.Jetzt bauten sie Fabriken und Arbeiterkasernen, erfanden klappernde Maschinen zum Spinnen und Weben, und es ist offenbar, die Industrie wuchs zusehends weit und breit. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen. Die Industrie an sich ist eine ganz gleichgültige Sache [Hervorhebung durch d. Verf.].'[10]

Trotz einiger sachlicherer Meinungen waren die Lyriker des Expressionismus im Allgemeinen gegen Industrialisierung, Urbanisierung und die neu erfundenen Techniken und für die Rückbesinnung auf das Ursprüngliche und auf die Natur. Für sie war die Großstadt das Resultat eines „teuflischen"[11] Prozesses, dem es zu entfliehen galt. Diese Eindrücke verarbeiteten sie dann in ihren Werken mit „Bilder[n] des biologischen Verfalls [...], der religiösen Untergangsvisionen [...], der mythologischen Schreckgespenster [...], oder rein naturhafter Katastrophen."[12] Beispielsweise findet man bei Georg Trakl häufig Bilder des Verfalls[13], wie etwa in seinem Gedicht „Der Abend":

So bläulich erstrahlt es

Gegen die Stadt hin,

Wo kalt und böse

Ein verwesend Geschlecht wohnt, [Hervorhebung durch d. Verf.][14]

Die Bewohner der Stadt wurden in den meisten Fällen als Unterdrückte, Sklaven, Bettler oder Leidende dargestellt, die sich nicht gegen die Großstadt behaupten und ihr auch nicht entrinnen konnten. In den Gedichten ging das Individuum in der Masse der Menschen unter und hatte keine Möglichkeit mehr sich zu behaupten.

3. Das Motiv „Stadt" bei Georg Heym

3.1. Biografische Bezüge Heyms zu Städten und Großstädten

Der 1887 in Hirschberg geborene Georg Heym musste im Verlauf seiner Schul- und Studienzeit aufgrund der Versetzungen seines Vaters, Hermann Heym, mehrmals umziehen. So hatte die Familie erst 1900 einen ständigen Wohnsitz in Berlin. Seine Schulzeit verbrachte Heym in verschiedenen Schulen, zuerst in Gnesen, dann in Posen und ab Oktober 1900 am Königlich Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin. Da er „die Oberprima nicht geschafft hatte"[15], wurde er 1905 an das Gymnasium in Neuruppin versetzt, wo er schließlich sein Abitur machte. Sein Jura-Studium verbrachte er hauptsächlich in Würzburg und Berlin.

Heym's literarisches Schaffen kann in zwei Phasen eingeteilt werden. Bis 1909 zählen seine Werke zu den literarischen Anfängen und würden, wie Hermann Korte in „Georg Heym" schrieb, meist nicht berücksichtigt[16]. Seine Werke ab 1910 sind jedoch diejenigen, die als wichtig für Heym und für den Beginn des Expressionismus gelten.

Mit dem Eintritt in den „Neuen Club" in Berlin im März oder April 1910, stellte Heym erstmals seine Werke vor und wurde von den Mitgliedern in seinem literarischen Schaffen bestärkt und unterstützt. So verwundert es nicht, dass der Beitritt in den „Neuen Club" in Heyms „literarische[r] Entwicklung eine deutliche Zäsur"[17] hinterließ und verantwortlich für, vor allem für den Expressionismus, bekannte Gedichte wie „Die Dämonen der Städte", „Das Fieberspital" oder auch „Der Gott der Stadt" ist.

[...]


[1] Bernhard Askani: Restauration und Revolution. In: Bernhard Askani, Elmar Wagener (Hg.): Anno 3. Von der Französischen Revolution bis zum Ersten Weltkrieg. 2. Aufl. Braunschweig 1996. S.62

[2] O.V.: Liste der Großstädte in Deutschland. Großstädte Deutschlands nach dem Zeitpunkt des Überschreitens der 100.000-Einwohnergrenze. URL: http://de.wikipedia.widearea.org/wiki/Liste_der_Gro%DFst%E4dte_in_ Deutschland. [Stand: 21.03.2008]

[3] Ralph Erbar, Sylvia Fein: Das deutsche Kaiserreich. In: Bernhard Askani, Elmar Wagener (Hg.): Anno 3. S.150

[4] ebd.

[5] O.V.: 2000 Jahre - Eine Chronik. Köln 1999. S. 356

[6] 2000 Jahre - Eine Chronik. S. 351

[7] ebd., S.366

[1] Heinz Rölleke: Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl. In: Wolfgang Binder, Hugo Moser, Karl Stackmann (Hg.): Philologische Studien und Quellen. Berlin 1966. S.7

[2] ebd., S. 7-8

[3] Joseph von Eichendorff: Deutsches Adelsleben am Schlusse des achtzehnten Jahrhunderts. In: Franz Schultz (Hg.): Dichtungen. O.J. Band 2. S.498; zit. bei Heinz Rölleke: Die Stadt bei Stadler, Heym und Trakl. S.7-8

[4] Jost Hermand: Das Bild der .großen Stadt' im Expressionismus. In: Klaus R. Scherpe (Hg.): Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Reinbek bei Hamburg 1988. S. 61

[5] Jost Hermand: Das Bild der .großen Stadt' im Expressionismus. S. 62

[6] ebd.

[1] Georg Trakl: Der Abend. In: Onlineausgabe der Zeitschrift Der Brenner IV. Jahr (1914), H. 20, S.910. URL: http://www.textkritik.de/trakl/trakl.htm [Stand: 21.03.2008]

[2] Hermann Korte: Georg Heym. S. 16

[3] ebd., S.29

[4] ebd., S 25

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Großstadtgedicht am Beispiel von "Der Gott der Stadt" von Georg Heym
Untertitel
Das Gedicht weist Merkmale und Metaphern auf, die sowohl typisch für Großstadtgedichte des Expressionismus als auch für Großstadtgedichte von Georg Heym sind.
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für deutsche und niederländische Philologie)
Veranstaltung
Basismodul NDL: Einführung in die Textanalyse
Note
2,1
Autor
Jahr
2008
Seiten
12
Katalognummer
V161726
ISBN (eBook)
9783640750870
ISBN (Buch)
9783640751457
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Georg Heym, Heym, Der Gott der Stadt, Gott der Stadt, Expressionismus, Großstadt, Stadt, Gedicht, Textanalyse, Großstadtgedicht
Arbeit zitieren
Bianca Reinisch (Autor), 2008, Großstadtgedicht am Beispiel von "Der Gott der Stadt" von Georg Heym, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161726

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