Wenn die Seele Trauer trägt - Der Umgang mit Trauer in der modernen Gesellschaft


Diplomarbeit, 2008

98 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hintergründe
2.1. Was ist Trauer?
2.2. Todesbilder im Wandel der Zeit
2.2.1. Der ins Gegenteil verkehrte Tod – der Tod verbirgt sich
2.2.2. Vom „gezähmten“ Tod zum „wilden“ Tod
2.3. Sterben, Tod und Trauer in der modernen Gesellschaft

3. Formen der Trauer
3.1. Trauer als Syndrom
3.2. Phasen und Prozessmodelle der Trauer
3.2.1. Phasen der Trauer nach BOWLBY
3.2.1.1. Die Phase der Betäubung
3.2.1.2. Die Phase der Sehnsucht und der Suche nach der verlorenen Person
3.2.1.3. Die Phase der Desorganisation und Verzweiflung
3.2.1.4. Die Phase eines größeren oder geringeren Grades von Reorganisation
3.2.1.5. Kritische Würdigung des Phasenmodells von Bowlby
3.2.2. Phasen der Trauer nach KAST
3.2.2.1. Die Phase des Nicht – Wahrhaben – Wollens
3.2.2.2 Die Phase der aufbrechenden Emotionen
3.2.2.3. Die Phase des Suchens und Sich – Trennens
3.2.2.4. Die Phase des neuen Selbst- und Weltbezugs
3.2.2.5. Kritische Würdigung des Phasenmodells von KAST
3.2.3. Der Verlauf der Trauer nach SPIEGEL
3.2.3.1. Die Phase des Schocks
3.2.3.2. Die kontrollierte Phase
3.2.3.3. Die Phase der Regression
3.2.3.4. Die Phase der Adaption
3.2.3.5. Kritische Würdigung des Phasenmodells nach Spiegel
3.2.4. Prozesse der Trauer nach RANDO
3.2.4.1. Die Phase der Vermeidung
3.2.4.2. Die Phase der Konfrontation
3.2.4.3. Die Phase der Anpassung
3.2.4.4. Die sechs R-Prozesse der Trauer
3.2.4.5. Kritische Würdigung des Prozessmodells von RANDO
3.2.5. Phasenmodelle – was sie nützen, was sie schaden
3.3. Das normale Chaos der Trauer
3.4. Trauer und Krankheit
3.4.1. Risikofaktoren
3.4.2. Trauer als psychische Krankheit
3.4.3. Pathologische Trauer
3.4.4. Trauer kann krank machen

4. Erklärungen der Trauer
4.1. Psychoanalyse: Trauer um die verlorene Liebe
4.1.1. Fehlleitungen der Trauerprozesse nach FREUD
4.1.2. Kritische Würdigung
4.1.2.1. Ursache des Trauerns: Bedeutung statt Libido
4.1.2.2. Ziel des Trauerns: Neuverortung statt Ablösung
4.2. Ethologie: Trauer um die verlorene Bindung
4.2.1. Begriffserläuterung Bindung
4.2.2. Trauer nach BOWLBY
4.2.3. Aggressions- und Suchverhalten
4.2.4. Kritische Würdigung

5. Bräuche und Rituale bei Tod und Trauer
5.1. Tod und Trauer in den Weltreligionen
5.1.1. Glaube und Sterben im Christentum
5.1.1.1. Tod als Folge der Sünde
5.1.1.2. Was kommt nach dem Tod?
5.1.1.3. Die Begleitung der Sterbenden
5.1.1.4. Ablauf der christlichen Bestattung
5.1.1.5. Ausdruck der Trauer
5.1.1.6. Der Tod – Teil des Lebens und des Glaubens
5.1.2. Glaube und Sterben im Islam
5.1.2.1. Tod – was ist das?
5.2.2.2. Was kommt nach dem Tod?
5.1.2.3. Die Begleitung der Sterbenden
5.1.2.4. Ablauf der Bestattung
5.1.2.5. Ausdruck der Trauer und der Tod als Teil des Lebens
5.1.3. Resümee der beiden Weltreligionen
5.2. Zeichen der Trauer
5.3. Funktion der Trauerrituale
5.4. Modernisierungstendenz

6. Hilfen für Trauernde
6.1. Angebote der Trauerbegleitung
6.1.1. Selbsthilfegruppen
6.1.2. Trauertherapie
6.1.2.1. Darstellung verschiedener Therapieansätze
6.1.2.2. Klientenzentrierte Trauertherapie
6.2. Eigene Konzeption einer unterstützenden Trauerbegleitung
6.2.1. Musikalischer Ansatz
6.2.2. Gedenkseiten oder –Bücher
6.2.3. Förderung von Ritualen
6.2.4. Prinzip Menschlichkeit

7. Fazit

Quellenverzeichnis

Buchquellen

Sammelwerkbeiträge

Zeitungsartikel

Internetquellen

1. Einleitung

Die Liebe macht das Leben zu etwas Besonderem. Durch die Liebe fühlen wir das Leben und füllen es durch Gefühle. Doch wer liebt, geht das Risiko des Verlustes ein. Was tun, was fühlen, was denken, wenn man etwas Geliebtes verliert?

Wir Menschen betrauern unsere Verluste oft sehr schmerzlich. Hier setzt die vorliegende Arbeit an. Trauer ist ein Begriff, der aus dem alltäglichen Leben weitmöglich verbannt wird und immer wieder Beklommenheit hervorruft, sobald man darüber spricht. Durch die Unsicherheit der Gesellschaft mit trauernden Menschen umzugehen, wird die Zeit des Trauern oft noch erschwert.

Ich habe das Thema „Wenn die Seele Trauer trägt – Der Umgang mit dem Tod in der modernen Gesellschaft“ aufgrund eigener Erfahrungen gewählt. Nachdem mein Vater vor drei Jahren verstorben ist, war ich überwältigt von meinen Gefühlen und dem Schmerz. Es breitete sich ein Gefühl des Ausgeliefert – Seins aus und der Unfähigkeit mit dem plötzlichen Verlust umzugehen. In dieser Zeit habe ich bemerkt, wie schwer sich das soziale Umfeld tut, mit einem trauernden Menschen umzugehen und wie sehr es diesen Menschen zusätzlich belastet.

Die Unfähigkeit der Gesellschaft mit Trauernden umzugehen, führt zu einer Isolation – in einer Zeit, in der man auf helfende Hände und tröstende Worte angewiesen ist, erfährt man lediglich scheue Blicke und Unsicherheit.

Aus diesen Gründen möchte ich untersuchen, was Trauernden bei der Verarbeitung ihres Verlustes helfen kann, wie sich die Gesellschaft ihnen gegenüber momentan verhält und wie dieses Verhalten verändert werden muss.

In den letzten 15 bis 20 Jahren ist Trauer zu einem Thema geworden, welches in Vorträgen, Fernsehbeiträgen sowie in Selbsthilfegruppen diskutiert wird. Doch was ist eigentlich Trauer? Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen – vor allem die Psychologie, Soziologie, Theologie und Medizin – haben versucht, das Phänomen Trauer zu definieren. In Kapitel 2.1. werden diese verschiedenen Ansätze erläutert und eine Definition vorgestellt, auf welche sich diese Arbeit stützt.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Sterben, dem Tod und der Trauer hat versucht, die Lücke zu schließen, welche das Schwinden von Traditionen und Ritualen hinterlassen hat. Traditionell überlieferte und dadurch selbstverständliche Umgehensweisen mit einem toten Körper und den trauernden Angehörigen gibt es heute in Deutschland nur noch ansatzweise in ländlichen Gegenden. Heute ist fast alles möglich – von der Beerdigung mit lauter Rockmusik bis hin zu Trauerfeiern, von der Angehörige durch testamentarische Verfügungen ausgeschlossen sind. Die Vielzahl der Gestaltungsmöglichkeiten bedeuten einerseits Freiheit, doch andererseits Verunsicherung. Der Umgang der Gesellschaft mit Sterben, Tod und Trauer hat sich gewandelt (siehe Kapitel 2.2. und 2.3.).

Es wurden verschiedene Formen der Trauer erforscht und der Versuch gestartet zu definieren, was unter „normaler“ Trauer und krankhafter, pathologischer Trauer zu verstehen ist (siehe Kapitel 3.1.). Es wurden unterschiedliche, mehrstufige Phasenmodelle des Trauerns entwickelt, welche mit dem erfolgreichen Abschluss des Trauerns endeten (siehe Kapitel 3.2.). Diese Phasenmodelle stellen den „normalen Verlauf“ der Trauer dar – Verhalten, welches davon abweicht, wird häufig als krankhaft eingestuft (siehe Kapitel 3.4.).

Doch worum trauern Menschen eigentlich? Auch hierzu gibt es unterschiedliche Erklärungen der verschiedenen Disziplinen. Nach eingehender Auseinandersetzung mit den verschiedenen Ansätzen habe ich mich dazu entschieden, Erklärungsmodelle der Psychoanalyse (siehe Kapitel 4.1.) und der Ethologie (siehe Kapitel 4.2.) vorzustellen, da ich sie als für mich am umfassendsten empfunden habe.

Rituale und Gebräuche helfen den Trauernden sich von dem geliebten Menschen zu verabschieden. Der Glaube spielt hier eine große Rolle, da der Trauerfall in die Kernkompentenz der Kirchen fällt. In der Bundesrepublik Deutschland sind die Religionen Christentum und Islam am häufigsten vertreten. Deshalb wird sich in dieser Arbeit auf die Vorstellungen, Aufgaben und Rituale der christlichen und muslimischen Gemeinschaft konzentriert (siehe Kapitel 5.1. und 5.2.). Doch auch Rituale fernab des Glaubens an einen Gott sind wichtig für die Trauernden und geben ihnen Halt. Traditionelle Bräuche wurden im Laufe der Zeit verändert und der modernen Gesellschaft angepasst (siehe Kapitel 5.2., 5.3. und 5.4.).

Pädagogen sollten ihre Aufgabe darin sehen, Menschen zu unterstützen und ihnen helfend zur Seite zu stehen. Im Trauerfall fällt diese Aufgabe jedoch nur teilweise dem hierfür ausgebildeten Personenkreis zu – Trauerbegleitung ist eine Form der Menschlichkeit, die vom sozialen Umfeld und der Gesellschaft geleistet werden muss. Unterstützungsmöglichkeiten der Trauerbegleitung für Professionelle und Laien werden im Kapitel 6.1. erläutert.

In meinem letzten Kapitel möchte ich den Kreis schließen und die erschwerte Trauerarbeit durch die moderne Gesellschaft relativieren, indem Hilfreiches für Trauernde und ihr Umfeld vorgestellt wird. Hier möchte ich meine eigene Konzeption einer sinnvollen Trauerbegleitung erläutern, welche sich auf die Kernpunkte Musik, Gedenkbücher, Rituale und vor allem Menschlichkeit stützt (Kapitel 6.2.).

Da es sich schwierig gestaltet, sich - aus dem normalen Alltag herausgerissen – mit dem Thema Tod, Sterben und Trauer zu beschäftigen, möchte ich, bevor ich mit den einzelnen Kapiteln beginne, ein Gedicht aus unbekannter Quelle sprechen lassen. Ein Gedicht, welches ich nach dem Tod meines Vaters gefunden und individualisiert habe und welches nicht den Schmerz der Trauer hervorhebt, sondern die Chance, die man bekommen kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Du kannst…

Du kannst Tränen vergießen, weil er gegangen ist –

Oder du kannst lächeln, weil er gelebt hat.

Du kannst deine Augen verschließen und beten,

dass er zurückkommen wird –

oder du kannst deine Augen öffnen und sehen, was von ihm geblieben ist.

Dein Herz kann leer sein, weil du ihn nicht mehr bei dir haben kannst –

Oder es ist voll von der Liebe, die er mit dir geteilt hat.

Du kannst dem Morgen den Rücken zudrehen und im Gestern leben –

Oder du kannst dankbar für das Morgen sein, gerade weil es das Gestern gab.

Du kannst immer nur daran denken, dass er nicht mehr da ist –

Oder du kannst die Erinnerung an ihn pflegen und ihn in dir weiterleben lassen.

Du kannst weinen und deinen Geist verschließen, leer sein und dich von allem abwenden –

Oder du kannst tun, was er sich für dich wünschen würde:

Lächeln, die Augen öffnen, lieben und weitermachen!

2. Hintergründe

Bevor ich mit der Definition von Trauer und dem Wandel von Todesbildern beginne, möchte ich einige Worte von Elisabeth Kübler – Ross voranstellen:

„Es genügt nicht, einfach mit dem Intellekt diesen Gegenstand des Todes und des Sterbens zu behandeln. Du musst über die Worte hinausgehen und dich auf die Gefühle einlassen, die jene Worte bei dir hervorrufen.“[1]

2.1. Was ist Trauer?

Trauer ist etwas sehr individuelles, was von jedem Menschen anders erlebt und beschrieben wird. Es gibt keine konkrete Situation, wann Trauer auftreten muss und keine einheitliche Form, wie sich Trauer anfühlt. In den vergangenen dreißig Jahren wurde Trauer wissenschaftlich erforscht, vor allem in den wissenschaftlichen Disziplinen Psychologie, Soziologie und Medizin.

LANGENMAYR (Professor für Motivationspsychologie an der Universität Duisburg-Essen) stellt verschiedene Definitionen von Trauer nebeneinander.[2]

So kann eine Trauerreaktion als Krankheit definiert werden, wenn man sich auf Äußerungen Trauernder bezieht, die sich als verwundet und physisch verletzt bezeichnen. Es handelt sich zwar um keine Krankheit im ursprünglichen Sinn, doch die Betroffenen benötigen eine ähnliche Betreuung.

Weiterhin kann Trauer, so LANGENMAYR, als eine natürliche biologische Funktion gesehen werden, da sich die Atmung, verschiedene Funktionen des Körpers und das Immunverhalten verändern.

Aus der psychodynamischen Sichtweise stellt eine Trauerreaktion eine Kombination verschiedener Abwehrmechanismen dar. Gründe hierfür sind das Auftreten verschiedener Mechanismen, wie Verdrängung, Identifikation mit dem verlorenen Objekt und die narzisstische Regression.

Als für mich schlüssigste Definition sehe ich Trauer als Verlustreaktion an.

So definierte der Tiefenpsychologe SIGMUND FREUD Trauer 1916 folgendermaßen: „Trauer ist regelmäßig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihrer Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“[3] FREUD beschreibt Trauer also als eine Verlustreaktion, die zur Bewältigung von Verlusterfahrungen dient. Sie tritt nicht nur in Todesfällen auf, sondern auch bei anderen, bedeutenden Verlusten (beispielsweise Verlust des Arbeitsplatzes oder Scheidung einer Ehe). Ein Mensch muss jedoch nicht bei jedem Todesfall trauern, sondern nur, wenn der Verlust der Person als schmerzlich empfunden wird.

Trauer tritt immer dann auf, wenn sie gebraucht wird, um einen Verlust zu bewältigen und zu verarbeiten. Sie ist weder eine Krankheit noch ein Zeichen von Schwäche, sondern ein notweniger, normaler, gesunder und psychohygienischer Prozess, der stattfinden muss, um mit einem Verlust umgehen zu können.

Die Definition Trauer als Verlustreaktion ist so weitläufig gefasst, dass die verschiedenen Erscheinungsformen mit eingeschlossen werden. Es finden Veränderungen in den Bereichen der Psyche (z.Bsp. Angst, depressive Verstimmungen), des Geistes (z.Bsp. Wahrnehmungsstörungen), des Körpers (z.Bsp. Schlafstörungen, Appetitlosigkeit), des Verhaltens (z.Bsp. Erstarrung, Alkohol- und Tablettenkonsum) als auch in dem Sozialverhalten (z.Bsp. Teilnahmslosigkeit, Rückzug aus dem sozialen Leben) statt.

Eine zusammenfassende Definition der beschriebenen Merkmale der Trauer trifft RINGOLD in seinem Aufsatz „Grief“. Frei übersetzt definiert er Trauer als „eine emotionale und physische Antwort auf den Tod eines geliebten Menschen. Trauer besteht aus einer weiten Bandbreite aus Emotionen, wie Traurigkeit, Wut, Verzweiflung und Schuldgefühlen, die bei verschiedenen Personen in unterschiedlicher Intensität und verschiedenen Kombinationen auftreten.“[4]

2.2. Todesbilder im Wandel der Zeit

Todesbilder sind unterschiedlich, sie wandeln sich, verändern sich und prägen eine Gesellschaft.

Der französische Mediävist PHILLIPPE ARIÈS versucht in seinem Buch „Die Geschichte des Todes“ die historischen Wurzeln des unterschiedlichen Umgangs mit dem Tod nachzuspüren.

2.2.1. Der ins Gegenteil verkehrte Tod – der Tod verbirgt sich

Der ins Gegenteil verkehrte Tod wird von ARIÈS als ein sich verbergender Tod bezeichnet. Im Laufe des 20. Jahrhunderts ist in einigen der am stärksten industrialisierten, am weitesten urbanisierten und technisierten Bereichen, eine neue Art des Sterbens hervorgetreten. Dieses neue „Verstecken“ des Todes sieht ARIÈS jedoch erst in den Anfängen. „In modernen Großstädten findet der Tod nicht mehr statt; und selbst die schwarz silbernen Leichenwägen wandeln sich zu unscheinbaren grauen Limousinen. Die Gesellschaft legt keine Pause mehr ein. Das Verschwinden eines Einzelnen unterbricht nicht mehr ihren kontinuierlichen Gang. Das Leben der Großstadt wirkt so, als wenn niemand mehr stürbe.“[5]

Die Grundlage dieser Veränderung sind lediglich kleine Modifikationen, die von jeder Generation vorgenommen wurden. Diese Abwandlungen waren eng mit der beginnenden Medikalisierung verbunden. Durch sie wurde die Hoffnung auf neue Heilverfahren geschürt und der Blick von der Sterblichkeit abgewandt. ARIÈS bezeichnet diese Entwicklung als den „Beginn der Lüge“.[6]

Mittlerweile wird der Sterbende nicht mehr darüber informiert, dass sein Tod nahe ist. Der Wunsch, den Tod nicht zu spüren, siegt über das Gefühl sein Ende nahe zu fühlen. Aus Liebe und Angst wird geschwiegen. Es kommt häufig vor, dass die Sterbenden wissen, dass ihr Ende nahe ist, dieses jedoch verschweigen oder nur mit einzelnen Menschen darüber reden, denen sie die nötige Kraft zutrauen. Die Medikalisierung, aber auch die Verlagerung Sterbender von den Familien in Krankenhäuser, gebilligt und durch ihre Mittäterschaft erleichtert, lässt das Krankenhaus zum Ort des einsamen Todes werden.[7]

2.2.2. Vom „gezähmten“ Tod zum „wilden“ Tod

Der gezähmte Tod trat, nach PHILLIPE ARIÈS, vor allem in den Epochen auf, in denen die Menschen beim Sterben nicht allein gelassen wurden und der Tod keinen großen Schrecken verbreitete. Der plötzliche Tod ist nicht gewünscht –

dies ist auffällig, da die weitläufig verbreitete Meinung meist gegensätzlich ist. Bevor der Tod eintrat, war es wichtig sich vorzubereiten und rituelle Handlungen auszuführen – ganz im Gegensatz zum heutigen Sterberitual. Zu diesem Ergebnis kam eine Trierer Forschungsgruppe 1997, die erkundete, dass 78% der Menschen lieber plötzlich und unerwartet sterben wollen, während sich nur 2% eine Vorbereitungszeit wünschen.[8]

Der gezähmte Tod stirbt sich nicht beliebig: „Der Tod wird von einem durch Brauch und Herkommen geregelten, verbindlich beschriebenen Ritual bestimmt. Der gewöhnliche, normale Tod fällt den Einzelnen nicht aus dem Hinterhalt an.“[9]

Diese Anschauung ist vielleicht etwas idealtypisch, doch tatsächlich wurde nicht nur der plötzliche und absurde Tod als grausam angesehen, sonder auch das Sterben ohne Zeugen oder Zeremonien.[10]

Tod und Sterben in der heutigen Zeit sieht ARIÈS als den wilden Tod an.

Er wirft der Industriezivilisation vor, den Dingen keine Seele mehr zu geben und sie nicht mit Liebe und Leben zu füllen. Dies mag in einem engen Zusammenhang mit dem Niedergang der religiösen Glaubensinhalte und der normativen Moralvorstellung im Alltag stehen. Denn noch im Mittelalter glaubten die Menschen von ganzem Herzen an Gott, an Leben und Tod, an Entsagungen und den Genuss der Dinge. Heutzutage sind die „Dinge […] zu Reproduktionsmitteln geworden, zu Objekten des Konsums oder des Verzehrs“.[11] ARIÈS spricht von der fehlenden Beziehung zwischen den Menschen. Dieses bezieht er auf die reine Industrienation, doch es ist in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft wahrscheinlich sogar noch zutreffender, da das Entfremden vom direkten sinnlichen Tun den Menschen auch von natürlichen Gefühlen entfremdet.[12] Die herrschende Bürokratie macht den kranken Menschen zu einem Kunden des Gesundheits- und Versicherungssektors, indem er gut daran tut, sich Rechtsberatung und einen Sozialarbeiter zur Seite zu stellen.

Die Verwilderung des Todes begann, laut ARIÈS, im 19. Jahrhundert. Auch FELDMANN sammelte Argumentationen, die seine Auffassung unterstützten und somit für die Verdrängungsthese des Todes sprechen. Denn auch ein noch so guter akademischer Diskurs über Sterben und Tod führt nicht zu einer Rückführung des gezähmten Todes, solange einige Abläufe beibehalten werden bzw. ein Anstieg zu vermerken ist:

- Verheimlichung und Isolierung des Todes

Mal abgesehen von der virtuellen Welt der Medien, wo der Tod zum Tagesgeschäft zählt, wird das Sterben immer mehr aus der Öffentlichkeit verdrängt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts starben noch weit mehr als die Hälfte der Menschen zu hause, wohingegen dies heutzutage einen Ausnahmefall darstellt. Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass viele Menschen heute kaum tatsächliche Erfahrung mit einem toten Menschen haben.

- Entmündigung des Sterbenden

Wie bereits erwähnt, wird der Tod auch vor dem Sterbenden verheimlicht, da er nicht für reif genug angesehen wird, um damit umzugehen. Dadurch findet eine Art Infantilisierung statt und somit wird dem Sterbenden die Würde genommen.

- Schwinden des Raumes für Trauer

Nach den Autoren wurde die Trauer weitestgehend abgeschafft und eine baldige Normalität nach einem Todesfall erwartet. Es sind nur noch kleine Reste der Trauer im Alltag spürbar.[13]

Im folgenden Kapitel wird die Veränderung des Umgangs mit Sterben, Tod und Trauer in der heutigen Gesellschaft noch untermauert und somit die begonnene Argumentation fortgesetzt.

2.3. Sterben, Tod und Trauer in der modernen Gesellschaft

In der modernen Gesellschaft haben sich die Bedingungen geändert, so dass in deren Folge auch das soziale Erleben von Sterben, Tod und Trauer eine Wandlung vollzogen hat. Im Folgenden werden wichtige Punkte genannt und erläutert, es wird jedoch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben.

Der medizinische Fortschritt erzeugt eine verlängerte Lebenserwartung.

Vor etwa fünf Generationen hatten unsere Vorfahren, statistisch gesehen, eine Chance von 2:1 das erste Lebensjahr zu überleben. Auch vor drei Generationen waren die Chancen das neunte Lebensjahr zu erleben nur 1:1, so dass die durchschnittliche Lebenserwartung lediglich 35 Jahre betrug.[14]

Heute ist die Säuglings- und Kindersterblichkeit auf unter 1 Prozent gesunken und die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen beträgt 82,1 Jahre, die der Männer 76,6 Jahre.[15]

Die Tendenz ist weiterhin steigend. Wissenschaftler gehen davon aus, dass im Jahr 2050 die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen bei über 90 Jahren liegt.[16]

Früher gehörten Sterben und Tod zum Alltag der Menschen. Da heutzutage nur noch alle 15-20 Jahre ein Trauerfall im engen familiären Umfeld auftritt, sind Tod und Trauer im allgemeinen Erleben und Bewusstsein nicht mehr gegenwärtig und die Bewältigung dieser Verluste wird immer weniger geübt.[17]

Die Lebensqualität hat sich verbessert.

Die Perspektive zum Tod hat sich im Laufe der Zeit geändert. Da die Menschen früher oft in schlechten Lebensverhältnissen lebten, unter Krankheit und Armut litten, wurde der Tod häufig als Erlösung angesehen.

Durch den medizinischen Fortschritt hat sich die Lebensqualität extrem verbessert, auch alte und kranke Menschen müssen nicht soviel mehr leiden. Somit wird das Leben überwiegend als etwas Gutes bewertet. Der Tod wird in Folge dessen als etwas Schreckliches erlebt und gefürchtet.[18]

Es besteht die Möglichkeit den Tod aufzuschieben.

Die verbesserte Lebensqualität steht im engen Zusammenhang mit den Möglichkeiten zum Aufschub des Todes. Durch die zahlreichen, lebensverlängernden Maßnahmen kann der Tod heutzutage oftmals verzögert oder sogar vorerst abgewendet werden. Krankheiten, an denen die Menschen früher starben, stellen die Mediziner heutzutage kaum noch vor Probleme, da die Behandlungsmöglichkeiten meist vielfältig und erfolgsversprechend sind.

Durch die Abwendung oder Verzögerung des Todes wird in der heutigen Gesellschaft immer mehr verlernt mit der menschlichen Endlichkeit umzugehen. Gefühle der Ohnmacht und der Begrenztheit des menschlichen Lebens werden verdrängt, so dass der Umgang mit Sterblichkeit schwieriger wird.[19]

Es findet eine Verlagerung des Sterbeortes statt.

Heutzutage stirbt die Mehrheit der Menschen nicht mehr, wie früher, im heimischen Umfeld, sondern abseits in Institutionen. Die moderne Gesellschaft hat den Tod hospitalisiert. Knapp 50% der Deutschen sterben in Krankenhäusern. Laut Krankenhausgesetz definiert sich ein Krankenhaus zwar als eine Heilanstalt, in derer der Tod nicht vorgesehen ist, doch trotzdem zum Alltag gehört. Weitere

25-30% der Menschen sterben in Alten- und Pflegeheimen oder Hospizen.[20] Anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass der Sterbeort aus dem sozialen Umfeld in spezielle Institutionen verlagert wurde und wird.

Es findet ein Traditionsschwund bei Trauerriten und –gebräuchen statt.[21]

Heutzutage herrscht eine große Unsicherheit in der Gesellschaft, was im Trauerfall zu veranlassen oder zu sagen ist und wie man mit den Betroffenen umgehen soll. Letzte Ehrbezeugungen (wie beispielsweise das Waschen und Einkleiden des Leichnams) werden nur noch selten persönlich praktiziert, sondern an professionelle Helfer delegiert. Bräuche, wie Besuche im Trauerhaus, Kondolenzschreiben und Trauerkleidung, sind heutzutage nicht mehr als selbstverständlich anzusehen. Die Gesellschaft hat den Umgang mit Toten und Trauernden verlernt.

Die Soziologie hat für viele Bereiche die „Privatisierung und Individualisierung von Lebenslagen“[22] festgestellt. Diese Aussage trifft besonders für den Bereich Tod und Trauer zu, da dieser zum Großteil viel seltener öffentlich sichtbar, kommuniziert und begleitet stattfindet. Die soziale Gemeinschaft ist im Umgang von Tod und Trauer oft ungeübt und unsicher, so dass den Betroffenen immer weniger Unterstützung zukommt. In Folge dessen steigen die Anforderungen an individuelle Bewältigungsleistungen und somit auch der Bedarf an individueller Trauerbegleitung.[23]

Tod und Bestattung treten immer weiter räumlich und zeitlich auseinander.

Der Bestattungsritus wird laut LAMMER immer seltener praktiziert und wenn, dann meist wesentlich später, als dies früher der Fall war. Weiterhin wird der Leichnam vorwiegend weit entfernt vom Sterbeort bestattet (vor allem im städtischen Bereich auf Großfriedhöfen). Da der Pastor meist erst einige Tage

nach dem Tod vom Bestatter über den Todesfall informiert wird, findet auch der Besuch im Trauerhaus dementsprechend spät statt. Die kirchliche Trauerbegleitung entfernt sich vom Ort und Zeitpunkt des Todes und andere Berufsgruppen (vor allem Bestatter) etablieren sich zunehmend als Ersthelfer.

Auch während der Trauerfeier ist eine Verhaltensänderung bemerkbar: Der Pfarrer bzw. Bestatter und die Angehörigen des Verstorbenem stehen und gehen meist hinter dem Sarg, ohne den Leichnam noch einmal gesehen und sich verabschiedet zu haben.[24]

Gründe für die Trennung von Tod und Bestattung sind schwer aufzuweisen, doch es liegt die Vermutung nahe, dass die Unsicherheit der Gesellschaft und der finanzielle Aufwand mögliche Auslöser sind.

Resümee der gesellschaftlichen Veränderungen

Die moderne Gesellschaft steht vor einer Hospitalisierung, Privatisierung und Individualisierung von Sterben, Tod und Trauer. Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass Berührungsängste und Unsicherheiten im Umgang mit Trauernden bestehen. Die Trauernden sind oft auf sich allein gestellt, wodurch die Verarbeitung des Verlustes erschwert wird. Dies ist jedoch nicht dem individuellen Versagen zu zuschreiben, sondern eine Folge der bereits erläuterten sozialen Veränderungen. Durch diese wird der Bedarf an individueller Trauerbegleitung steigen, da die schwierige Situation der Trauernden durch die Isolation weiter erschwert wird.

3. Formen der Trauer

Das Kapitel Formen der Trauer fasst die Ergebnisse empirischer Studien zu Trauer zusammen: Wie reagieren die Betroffenen im Todesfall? Welche Symptome treten auf? Wie verläuft „normale“ Trauer und wann gilt sie als

beendet? Gibt es krankhafte Trauer und welche Risikofaktoren gilt es zu beachten?

Seit in den sechziger Jahren das Tabu gebrochen wurde und einige Autoren begannen sich mit dem Thema Sterben, Tod und Trauer auseinander zu setzen, gibt es verschiedene Theorien und Modelle über den Trauerprozess.

Im Folgenden wird Trauer als Syndrom erläutert, welches bedeutet, dass es eine klar bestimmbare Gruppe von Symptomen gibt, die sich zu einer Art Krankheitsbild zusammensetzen.[25]

Im Anschluss daran werden einige bekannte Phasenmodelle der Trauerverarbeitung dargestellt, welche die beobachteten Symptome in eine zeitliche Reihenfolge zu ordnen versuchen. Anschließend wird erläutert, wann Trauer als pathologisch bezeichnet werden kann und der Blick für Risikofaktoren geschärft. Am Ende dieses Kapitels werde ich die widersprüchlichen Aussagen diskutieren und das „ganz normale Chaos der Trauer“ darstellen.

Bevor ich jedoch die Formen der Trauer erläutere, möchte ich noch auf die Dauer der Trauer eingehen. Hier werden kaum konkrete Aussagen getroffen, doch die meisten Autoren gehen davon aus, dass die Phase des intensiven Trauerns nach drei bis sechs Monaten beendet sei. Die Trauer insgesamt soll ein bis zwei Jahre dauern.[26]

Dies ist die Theorie! Dass die Menschen individuell anders reagieren und jede Person ein eigenes Zeitmuster hat, versteht sich jedoch von selbst. Neuere Erkenntnisse beziehen diese Individualität auch mit ein, da mittlerweile fünf Jahre und mehr keine Seltenheit mehr darstellen.[27]

3.1. Trauer als Syndrom

Schon bei der Definition von Trauer wurde auf die Äußerungen SIGMUND FREUDs zurückgegriffen. Die Kennzeichen der Trauer beschreibt er folgendermaßen: „… eine tief schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt […] - soweit sie nicht an den Verstorbenen mahnt, - den Verlust der Fähigkeit, irgendein neues Liebesobjekt zu wählen – was den Betrauerten ersetzen ließe, - die Abwendung von jeder Leistung, die nicht mit dem Andenken des Verstorbenen in Beziehung steht.“[28]

Trauernde reagieren auf den Verlust des geliebten Menschen wie beschrieben, weil sie ihre gesamte psychische Energie dazu benötigen, den Verlust zu verarbeiten. Somit bleibt ihnen keine Kraft für andere psychische Aktivitäten.

Es wurden im Laufe der Jahre verschiedene Studien zur Trauersymptomatik durchgeführt. Als Pionier der empirischen Trauerforschung zählt ERICH LINDEMANN. Seine Ergebnisse aus dem Jahr 1944 werden im Folgenden dargestellt.[29]

LINDEMANN führte seine empirische Trauerforschung erstmals 1944 in Boston durch. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war aufgrund der vielen Toten auch in Amerika das Thema Sterben und Tod allgegenwärtig.

Laut LINDEMANN gehören folgende Symptome zum Normalbild der Trauer:

- Somatische Störungen

Hier sind körperliche Störungen gemeint, wie beispielsweise Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen, Atembeschwerden, Kraftlosigkeit oder Herzschmerz. Diese treten meist schubweise auf und sind verbunden mit starken seelischen Schmerzen.

- Wahrnehmungsstörungen

Sämtliche Gedanken und Gefühle des Trauernden beziehen sich auf den Verstorbenen. Die Realität samt den Ereignissen und den Personen wirkt

fremd und unwirklich. Der Hinterbliebene scheint in einer eigenen Welt zu leben, was eine Derealisation zur Folge hat.

- Schuldgefühle

Schuldgefühle treten meist dann auf, wenn der Trauernde das Gefühl hat sich unfair dem Verstorbenen gegenüber verhalten zu haben. Diese können schon durch Kleinigkeiten, wie eine Notlüge, oder eventuell unbereinigte Streitigkeiten ausgelöst werden.

- Aggressivität

Trauernde sind häufig schnell reizbar und reagieren sehr feindselig. Ihre Aggressivität richtet sich oft gegen Ärzte oder das Pflegepersonal, wenn sie ihnen die Schuld am Tod des geliebten Menschen geben. Die Feindseligkeit richtet sich jedoch auch gegen die Welt im Allgemeinen (weil ihnen ein geliebter Mensch genommen wurde) oder gegen andere Personen, wenn sie sich unverstanden fühlen.

- Verhaltensänderungen

Mögliche Verhaltensänderungen können Hyperaktivität und Rastlosigkeit sein, oder Verlangsamung bis hin zur Bewegungslosigkeit. Dies ist eine typische Schockreaktion, die ungesteuert auftritt.

- „Symptombildung durch Identifikation“

Die „Symptombildung durch Identifikation“ bedeutet, dass der Trauernde Verhaltensweisen, Züge oder auch Krankheitssymptome des Verstorbenen annimmt. In schwacher Form gehört dies zu einer normalen Trauerreaktion (wie beispielsweise das plötzliche, fanatische Interesse für den Lieblingssportverein des Verstorbenen). Sollte diese Identifikation jedoch ausgeprägter auftreten, fällt dies, nach LINDEMANN, in den Bereich der krankhaften Trauer.

In den folgenden Jahren wurden viele weitere Studien an Trauernden durchgeführt. Die Symptome wurden erweitert (zum Beispiel vermehrter Alkohol- und Medikamentenkonsum), doch die Grundzüge LINDEMANNS sind erhalten geblieben und am Charakter des „Lindemannschens Syndroms“ wurde festgehalten.[30]

3.2. Phasen und Prozessmodelle der Trauer

Erwachsene erleben verschiedene Phasen der Trauer.

Die Phasen des Trauerprozesses verlaufen nicht streng voneinander getrennt, sie können sich wiederholen, aber auch Sprünge oder Überlappungen sind möglich. Die Übergänge der einzelnen Phasen können abrupt oder fließend sein.

Obwohl man die Trauer in Phasen einteilen kann, verläuft sie trotzdem so individuell, wie auch der Mensch selbst ist.

Die Phasen beinhalten immer eine Wandlung – der Mensch muss einen bestimmten Weg gehen, um mit dem Verlust umgehen zu können.

Die bekanntesten Phasen- und Prozessmodelle stammen von JOHN BOLWBY, VERENA KAST, YORICK SPIEGEL und THERESE RANDO. Bei den Autoren herrscht weitgehende Übereinstimmung über die Wesensmerkmale der Trauer, Unterschiede sind jedoch bei der Phasenbenennung und –differerenzierung zu finden, sowie über die erwartete Dauer der einzelnen Phase bzw. des Prozesses.[31]

Im Folgenden werden die verschiedenen Modelle der Autoren erläutert und die erwähnten Übereinstimmungen und Differenzen verdeutlicht.

3.2.1. Phasen der Trauer nach BOWLBY

JOHN BOWLBY lebte von 1907 bis 1990, war Arzt und Psychoanalytiker und wurde durch seine Bindungsforschung bekannt. 1970 legte BOWLBY ein vierstufiges Phasenmodell des Trauerprozesses vor, welches später KAST und KÜBLER - ROSS als Vorlage für ihre Phasenmodelle diente.

3.2.1.1. Die Phase der Betäubung

Die erste Phase des Trauerprozesses nannte BOWLBY die Phase der Betäubung, da der Trauernde in dieser Zeit unfähig ist, die Todesnachricht zu akzeptieren. Betroffene sagen in dieser Zeit beispielsweise, dass sie es nicht glauben können und sich wie im Traum fühlen. Diese Phase dauert einige Stunden bis hin zu einer Woche.

Das besondere Merkmal dieser Zeit ist vor allem die ungewöhnliche Ruhe, welche die Betroffenen ausstrahlen. Durch den Schock wirken sie wie im Trance und führen ihr Leben eine Zeit lang automatisiert weiter. Diese Ruhe kann jedoch durch Verzweiflungs-, Zornes- oder Wutausbrüche unterbrochen werden.[32]

3.2.1.2. Die Phase der Sehnsucht und der Suche nach der verlorenen Person

Die Ruhe der ersten Zeit wird in der Phase der Sehnsucht und der Suche nach der verlorenen Person durch Schlafstörungen, Ruhelosigkeit und der intensiven Beschäftigung mit dem Verstorbenen abgelöst. Laut BOWLBY haben die Trauernden in dieser Zeit häufig das Gefühl, dass der Verstorbene anwesend sei und deuten verschiedene Signale als Zeichen seiner Rückkehr.

Die Trauernden reagieren dann häufig sehr zornig, weil die erhoffte Rückkehr des Verstorbenen nicht eintrifft. „ BOWLBY versteht das rastlose Suchen, die immer wieder aufkeimende Hoffnung und die nachfolgende Enttäuschung sowie Wut und Anklage insgesamt als Ausdruck des intensiven Bestrebens, die verlorene Person wieder zu finden.“[33]

Außerdem empfindet der Hinterbliebene eine große Traurigkeit, weil zwar rational verstanden wird, dass der Verstorbene nicht zurückkehrt, aber die emotionale Hoffnung auf eine Wiedervereinigung immer wieder enttäuscht wird. Diese Phase umfasst einige Monate bis hin zu Jahren.

Laut BOWLBY ist es notwendig, dass der Trauernde seine Emotionen zulässt – nur so ist er in der Lage, den Verlust zu akzeptieren und ein neues Leben zu beginnen.[34]

3.2.1.3. Die Phase der Desorganisation und Verzweiflung

Um dieses neue Leben einzurichten, ist es notwendig alte Muster abzulegen, damit sich neue bilden können. In diesen Versuchen verzweifeln die Trauernden häufig und fallen in eine Depression.

Diese Phase nennt BOWLBY die Phase der Desorganisation und Verzweiflung.

Für den Trauernden ist es sehr schwierig alte Verhaltensmuster abzulegen, da dies immer wieder einen Abschied vom Verstorbenen bedeutet. Die Organisation des neuen Lebens ist häufig sehr chaotisch, so dass Verzweiflungsausbrüche folgen.

Laut BOWLBY muss diese Phase der Desorganisation jedoch durchschritten werden, um eine Reorganisation zu erreichen.[35]

3.2.1.4. Die Phase eines größeren oder geringeren Grades von Reorganisation

In der letzten Phase, die eines größeren oder geringeren Grades von Reorganisation, muss der Hinterbliebene akzeptieren, dass er nun neue Rollen übernehmen muss und auch die Aufgaben zu erledigen hat, die vorher der Verstorbene übernommen hat.

Nun muss sich der Trauernde wieder in das gesellschaftliche Leben eingliedern. Dies stellt vor allem für Witwer und Witwen eine Herausforderung dar, da sie nun nicht mehr als Teil eines Paares an dem gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sondern als Alleinstehende auftreten müssen.

3.2.1.5. Kritische Würdigung des Phasenmodells von Bowlby

JOHN BOWLBY hat die Gründzüge des Trauerprozesses knapp zusammengefasst und, meiner Meinung nach, die wichtigsten Merkmale erwähnt. Für meine Begriffe sind die einzelnen Phasen jedoch zu knapp gefasst, so dass verschiedene Gefühle des Trauernden nicht mit aufgenommen wurden.

Dennoch bildete das vierstufige Phasenmodell von BOWLBY eine gute Grundlage für die Erweiterung durch VERENA KAST.

3.2.2. Phasen der Trauer nach KAST

VERENA KAST wurde 1943 in der Schweiz geboren und studierte u.a. Psychologie. Sie habilitierte zum Thema „die Bedeutung der Trauer in psychotherapeutischen Kontext“ und verfasste in der folgenden Zeit verschiedene Bücher zum Thema Trauer.

Sie entwickelte 1982 ein vierstufiges Phasenmodell der Trauerverarbeitung, welches auf dem zuvor beschriebenen Modell BOWLBYS basiert.[36]

3.2.2.1. Die Phase des Nicht – Wahrhaben – Wollens

Die erste Phase nennt KAST die Phase des Nicht – Wahrhaben – Wollens. Sie findet in der Zeit zwischen einigen Stunden nach dem Erhalten der Todesnachricht bis hin zu etwa einer Woche statt. Dieser Zeitraum ist charakterisiert durch Gefühle der Starrheit, Gleichgültigkeit und Empfindungslosigkeit. Der Trauernde ist wie betäubt und nicht in der Lage, Emotionen zu fühlen oder gar zu zeigen. Die Todesnachricht wird als Schockerlebnis wahrgenommen, worauf mit Empfindungslosigkeit reagiert wird.[37]

Das wesentliche Merkmal dieser Phase ist die gefühlsmäßige Ambivalenz des Trauernden: Auf der einen Seite ist es wichtig sich mit dem Verlust zu befassen und die Verbundenheit zu dem Verstorbenen zu spüren, doch andererseits muss auch eine Distanz erreicht werden, die einen Abschied ermöglicht.

KAST sieht es als Voraussetzung an, dass der Verstorbene nun als innere Figur gesehen wird. „Was vorher in der Beziehung gelebt wurde, muss nun als eigene Möglichkeit internalisiert werden.“[38] Somit bildet der Tod der geliebten Person einen wichtigen Beitrag zur Individuation des Trauernden, da er dadurch erfahren kann, was das Wesentliche und Besondere an der Beziehung war.

Erst durch das nochmalige Erleben von Gefühlen, die die Beziehung geprägt haben, kann sich der Hinterbliebene im zunehmenden Maße von dem Verstorbenen als realer Person abgrenzen und ihn als innere Figur verstehen.[39]

Die Begleiter des Trauernden haben in dieser Phase die Aufgabe der betroffenen Person beizustehen und im Alltag zu helfen. Sie müssen ihn spüren lassen, dass er nicht alleine ist. Es ist jedoch wichtig, den Trauernden nicht zu entmündigen, da er in der Lage sein muss, selbstständig weiterzuleben. „Es gilt das optimale Verhältnis zwischen Nähe und Distanz zu finden, damit der Trauernde nicht das Gefühl hat, es würden ihm Versprechungen für die Zukunft gemacht, die dann nicht eingehalten werden können.“[40]

Weiterhin ist es sehr bedeutend, dem Trauernden das Gefühl zu geben, dass seine Empfindungslosigkeit in Ordnung ist. Der Begleiter muss realisieren, dass der Trauernde nicht gefühllos ist, sondern unter Schock steht. Diese Reaktion dient dem Betroffenen zur Verdrängung und zum Schutz vor überwältigenden Gefühlen.

Die verschiedenen Gefühlsausbrüche, die im Laufe des Trauerprozesses auftreten, versteht VERENA KAST als die Auffaltung dieses ersten großen Gefühls.[41]

3.2.2.2 Die Phase der aufbrechenden Emotionen

Der Phase der Empfindungslosigkeit folgt, nach KAST, die Phase der aufbrechenden Emotionen. Hier herrschen Gefühle wie Wut, Zorn, Trauer, Angst, Ruhelosigkeit, aber auch Freude, vor.

Die negativen Gefühle, wie Wut und Zorn, richten sich meist gegen den Verstorbenen, weil er gegangen ist. Manche Hinterbliebene richten ihren Zorn jedoch auch gegen beispielsweise Ärzte oder das Pflegepersonal, da sie diese für den Tod des geliebten Menschen verantwortlich machen. KAST sieht diese Wut als abgelenkten Zorn an, da sich die Hinterbliebenen nicht trauen, auf den Verstorbenen wütend zu sein.[42]

Der Trauernde sucht nach einem Schuldigen, um seine eigene Ohnmacht zu überwinden und sich somit vorspielen zu können, dass man gar nicht so hilflos ist.

In manchen Fällen geben sich die Hinterbliebenen auch selbst die Schuld an dem Tod der geliebten Person. Dies ist meist der Fall, wenn es zu Lebzeiten große Konflikte gab, die nicht gelöst werden konnten. KAST weist darauf hin, dass die Dauer, die Art und das Gelingen des Trauerprozesses von der Art der Konflikte zwischen Hinterbliebenen und Verstorbenen abhängig sind. Die Trauernden, welche die Konflikte nicht bereinigen konnten, erleben meist starke Schuldgefühle. Dieser Ausdruck ungelöster Probleme muss von den Begleitern ernst genommen und in einer späteren Phase bearbeitet werden.[43]

Neben diesen beschriebenen negativen Gefühlen empfinden die Hinterbliebenen jedoch häufig auch Freude darüber, dass sie diese Beziehung erleben durften und ihre Erinnerungen unsterblich sind.

Die Begleiter müssen sich darüber im Klaren sein, dass der Zorn in dieser Phase auch sie treffen kann. Ihre Aufgabe in dieser Phase besteht im Wesentlichen darin, dass man das Erleben des Trauernden teilt – das bedeutet zuhören und da sein, ohne eigene Verlusterfahrungen und Erinnerungen wiederzugeben.[44]

„Um wirklich fruchtbringend trauern zu können, das heißt, um alte Verhaltensmuster aufbrechen und neue Verhaltensmuster entstehen zu lassen,

scheint es für neue Beziehungs- und Lebensmöglichkeiten keine anderen Wege zu geben, als dieses wechselnde Emotionschaos durchzuhalten, auszuhalten. Das Emotionschaos ist ein Bild für das Chaos ganz allgemein, in dem Altes verschwindet und Neues sich bilden kann.“[45]

3.2.2.3. Die Phase des Suchens und Sich – Trennens

Die anschließende Phase bezeichnet KAST als die des Suchens und Sich – Trennens. Diese Phase kann Wochen bis hin zu Jahren andauern.

Der Sinn der Suchens ist zweigeteilt: Auf der einen Seite stellt das Suchen die ständige Auseinandersetzung mit dem verlorenen Menschen dar. Weil das Suchverhalten jedoch erfolglos bleibt, steigt die Akzeptanz des Verlustes.

Auf der anderen Seite steht das Suchen für das Retten alter Gewohnheiten. So kommt es beispielsweise häufig vor, dass der Hinterbliebene Verhaltensweisen und Leidenschaften des Verstorbenen annimmt.[46]

Das Suchen findet seinen Ausdruck oft im inneren Zwiegespräch. So kann der Hinterbliebene den geliebten Menschen noch einmal bei sich haben und mit ihm sprechen. Der Prozess des Suchens, Findens und sich Trennens erlaubt es, sich mit dem Verstorbenen auseinanderzusetzen, etwas in sich selbst zu entdecken, welches mit ihm zusammenhängt und trotzdem zu spüren, dass das alte Leben der Vergangenheit angehört und das eigene Welt- und Selbstverständnis umgebaut werden muss.[47]

Es ist wichtig, dass der Begleiter während dieser Phase keinen Druck auf den Trauernden ausübt, das „unsinnige Suchen“ zu unterlassen und den Verlust zu akzeptieren. Es ist oft sehr beschwerlich die gleichen Geschichten und Phantasien über den Verstorbenen immer wieder zu hören. Doch für den Trauernden ist es wichtig, weil dadurch die Emotionen immer wieder geweckt werden. Somit wird ihm mit der Zeit deutlich, dass Suchen nicht durch Finden belohnt wird und dass er sich Stück für Stück von der Vergangenheit trennen und in sein neues Leben

einfügen muss. Dies kann er jedoch nicht unter Druck akzeptieren, sondern muss seinem individuellen Zeitmuster folgen.

[...]


[1] Kübler-Ross, E. (1988): Seite 12

[2] Vgl. Langenmayr, A. (1999): Seite 22 ff.

[3] Zitiert nach Freud (1916): Trauer und Melancholie In: Lammer, K. (2004): Seite 9

[4] Ringold, S. (2005); Übersetzung des Verfassers

[5] Ariés, P. (1980): Seite 716

[6] Ariés, P. (1980): Seite 717

[7] Vgl. Ariés, P. (1980): Seite 720 ff.

[8] Vgl. Hahn, A. (2002) Seite 71/72

[9] Ariés, P. (1980): Seite 14

[10] Vgl. Ariés, P. (1980): Seite 20

[11] Ariés, P. (1980): Seite 177

[12] Vgl. Ariés, P. (1980): Seite 177

[13] Vgl. Student, C. & U./ Mühlhum, A. (2004) Seite 135

[14] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 11

[15] Vgl.http://www.destatis.de/jetspeed/portal/_ns:YWl3bXMtY29udGVudDo6Q29udGVudFBvcnRsZXQ6OjF8ZDF8ZWNoYW5nZVdpbmRvd1N0YXRlPTE9dHJ1ZQ__/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2007/08/PD07__336__12621,templateId=renderPrint.psml zugegriffen am 12.04.2008

[16] Vgl. http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Familienforschung/s_1632.html zugegriffen am 12.04.2008

[17] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 12

[18] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 12

[19] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 12

[20] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 13

[21] Es wird im Folgenden nur exemplarisch auf Trauerbräuche und Rituale eingegangen, da unter Kapitel5 eine detaillierte Auseinandersetzung mit Ritualen im Trauerfall stattfindet.

[22] Lammer, K. (2004): Seite 14

[23] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 13/14

[24] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 14/15

[25] Vgl. http://www.stangl.eu/psychologie/definition/Syndrom.shtml zugegriffen am 21.04.08

[26] Vgl. Lammer, K.(2004): Seite 29

[27] Vgl. Lammer, K. (20004): Seite 33

[28] zitiert nach S. Freud In: Lammer, K. (2004): Seite 24

[29] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 23 ff.

[30] Vgl. Lammer, K. (2004): Seite 24 ff.

[31] Vgl. Iskenius – Emmler, H.(1988): Seite 96

[32] Vgl. Iskenius – Emmler (1988): Seite 103/104

[33] Iskenius – Emmler (1988): Seite 105

[34] Vgl. Iskenius – Emmler (1988): Seite 104/105

[35] Vgl. Iskenius – Emmler (1988): Seite 105/106

[36] Vgl. http://www.studipilot.de/studieninhalte/onlinelexikon/ve/Verena_Kast/ zugegriffen am 15.04.08

[37] Vgl. Kast, V. (2006): Seite 14

[38] Iskenius – Emmler, H. (1988): Seite 43

[39] Vgl. Iskenius – Emmler, H. (1988): Seite 46

[40] Kast, V. (2006): Seite 15

[41] Vgl. Kast, V. (2006): Seite 15/16

[42] Vgl. Kast, V. (2006): Seite 17/18

[43] Vgl. Iskenius – Emmler (1988): Seite 99/100

[44] Vgl. Kast, V. (2006): Seite 22/23

[45] Kast, V. (2006): Seite 23

[46] Dies können beispielsweise die Lieblingsspeisen des Verstorbenen sein, die der Trauernde vorher nicht gemocht hat oder die plötzliche Begeisterung für den Lieblingssport.

[47] Vgl. Kast, V. (2006): Seite 23 ff.

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Wenn die Seele Trauer trägt - Der Umgang mit Trauer in der modernen Gesellschaft
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
98
Katalognummer
V161735
ISBN (eBook)
9783640760916
ISBN (Buch)
9783640761203
Dateigröße
2797 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wenn, Seele, Trauer, Umgang, Gesellschaft
Arbeit zitieren
Katja Trümper (Autor), 2008, Wenn die Seele Trauer trägt - Der Umgang mit Trauer in der modernen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161735

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