Der Arbeitskraftunternehmer. Entwicklung, Merkmale und psycho-soziale Auswirkungen


Hausarbeit, 2010
25 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Idealtypen von Arbeitskraft
2.1 Merkmale der Idealtypen

3. Der Idealtypus des Arbeitskraftunternehmers
3.1 Die Lebensführung des Arbeitskraftunternehmers
3.2 Der Arbeitskraftunternehmer in der immateriellen Produktio

4. Auswirkungen & Anforderungen an den Arbeitskraftunternehmer
4.1 Auswirkungen in der Leistungselite

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die These vom Arbeitskraftunternehmer beschreibt einen neuen Typus der Arbeit. Eingeführt wurde der Begriff erstmals von dem Chemnitzer Soziologen G. Günther Voß und dem Münchner Soziologen Hans J. Pongratz, um Subjekte zu beschreiben, die ihre eigene Arbeitskraft vermarkten müssen. Ursprünglich wurde die These als theoretisches Argument entwickelt und als Prognose zur arbeitsgesellschaftlichen Entwicklung formuliert: „Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?" (1998). Mittlerweile sind jedoch Forschungsberichte und empirische Studien verfügbar. Diese geben Aufschluss darüber, inwiefern die theoretischen Merkmale sich real konstituieren und welche psychosozialen Auswirkungen Subjekte erfahren.

In dieser Arbeit wird die historische Entwicklungslinie der Arbeitskraft vom Proletarier über den herkömmlichen Arbeitnehmer näher beleuchtet, um anschließend die besonderen Merkmale des Arbeitskraftunternehmers herauszustellen. Dies dient dem Verständnis, aus welchen traditionellen Unternehmensweisen sich der Arbeitskraftunternehmer entwickelt hat, und warum dieser Typus sich von vorhergehenden so grundlegend unterscheidet. Folgend wird die Lebensführung, anhand von Forschungsberichten und Studien über Arbeitskraftunternehmer, betrachtet.

Nachdem der Ursprung, die Merkmale und die Lebensführung des Arbeitskraftunternehmers geklärt ist, geht diese Arbeit darauf ein, welche Folgen Subjekte erwarten.

Daraus ergibt sich folgende Fragestellung:

"Welche Anforderungen und psycho- soziale Auswirkungen erfährt der Einzelne?"

"Sind die Anforderungen und damit einhergehende Auswirkungen auf Arbeitskraftunternehmer insgesamt als positiv zu deuten?"

Im Fazit werde ich auf die Fragen eingehen.

2. Historische Idealtypen von Arbeitskraft

In der Entwicklung des Kapitalismus gab es verschiedene Idealtypen von Arbeitskraft als Schlüsselfigur der jeweiligen Phase. Zunächst werde ich auf zwei Phasen eingehen, bevor ich zu dem jeweils entsprechenden Idealtypus komme. Beginnen werde ich mit dem Taylorismus nach Frederick Winslow Taylor (1856-1915). Eine effiziente Arbeitsorganisation nach Taylor[1] bestand aus einer hohen Spezialisierung, also der strikten Trennung von Leitungstätigkeit und ausführender Arbeit. Gedankliche Tätigkeit sollte in einem zentralen Büro, beziehungsweise Verwaltungskomplex erfolgen. Kernprinzip ist eine hohe Standardisierung, die dadurch erreicht wird, dass der Arbeitsprozess wissenschaftlich ausgewertet und in einfache Routinearbeiten zerlegt wird. So sind Arbeiten für das Personal schnell erlernbar. Kontrolle erfolgt über eine hohe Formalisierung des Arbeitsprozesses. Die Ergebnisse werden schriftlich festgehalten, und je nach Leistungsstand erfolgen Sanktions- oder Belohnungsmaßnahmen. Zusätzlich zur formalen Kontrolle erfolgt eine individuelle durch Nachprüfer, die wiederum durch ein zentrales Prüforgan überwacht werden. Durch die simplen Arbeitsabläufe ist diese Kontrollform einfach durchzuführen.

Systematisch wird Personal akquiriert und bei geringer Leistung freigesetzt, da laut Taylor jeder Arbeiter von Natur aus zu einer bestimmten Arbeit besonders geeignet ist. Zwischen Arbeitern und Management muss, in der Idealvorstellung von Taylor, kein Kampf stattfinden, sondern die Arbeiter sollen Interesse an hoher Leistung haben und das Management soll im Gegenzug den erwirtschafteten Wohlstand durch Lohnerhöhungen weitergeben. Zu Taylors Prinzip gehört dabei auch, dass Arbeitsmittel und Arbeitsplätze in sehr gutem Zustand gehalten werden müssen.

Kritik ist im Kontext der "proproletarischen" Strömung der Industriesoziologie entwickelt worden.[2] Wesentliches Merkmal des Taylorismus sei eine Intensivierung der Ausbeutung der Arbeiter.

1.Kritischer Marxismus: Durch Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit wird menschliche Arbeit degradiert und letztendlich wird es keine wissensbasierte Arbeitsinhalte mehr geben. Dies geschieht durch Nutzbarmachung des technologischen Fortschritts oder durch tiefgreifende Zergliederung in einfache Routinearbeiten.
2. Humanistische Kritik: Unternehmer und soziale Kräfte müssen zusammenarbeiten, um anspruchsvolle Tätigkeiten wiedereinzuführen und die Rechte und Würde der Arbeiter zu stärken. Arbeit soll gemeinschaftlich verrichtet werden, mit Respekt vor den sozialen und humanen Werten der an der Produktion Beteiligten.
3. Human Relations Ansatz: Kritik wird in der mangelnden Aufmerksamkeit des Taylorismus für psychologische Aspekte begründet. Daraus ergeben sich die Forderungen nach Betrachtung von Arbeitsrahmenbedingungen und Modalitäten unter psychologisch-, physiologischen Gesichtspunkten. Zum Beispiel ist es wichtig Prozesse nicht zu zergliedern, sondern in ihrer Gesamtheit zu betrachten, da eine kleinteilig zerlegte, monotone unselbständige Arbeit zu Frustrationseffekten führt.[3]

In Kapitel 2.1 werde ich auf die Merkmale des typischen "Proletarischen Lohnarbeiters" eingehen. Zunächst möchte ich zum Fordismus kommen.

Geprägt wurde der Begriff durch den Nationalökonom Friedrich von Gottl- Ottlilienfeld nach dem amerikanischen Industriellen Henry Ford. Fünf wesentliche Merkmale kennzeichnen den Fordismus[4].

1. Langfristiger Rückgang der gesellschaftlichen Reproduktionskosten der Arbeitskraft. So wurde der Zugang zu einem höherem Konsumniveau erleichtert. Beispielsweise war es nun möglich, dass der Preis für ein Automobil, bei gleichzeitig hohen Löhnen, noch im Bereich des bezahlbaren für einen Fabrikarbeiter liegt.
2. Die quantitative Ausweitung der Lohnarbeiterklasse. Was natürlich gesellschaftliche Klassenunterschiede vermindert und so Spannungen vorbeugt. So vergrößert sich auch der Absatzmarkt der Massenprodukte.
3. Die Vertiefung des Prinzips der Mechanisierung der Produktionsprozesse. Zur Produktionssteigerung durch technischen Fortschritt, welcher letztendlich ein höheres Konsum- und Profitniveau ermöglicht.
4. Die Formierung einer Konsumweise durch die Massenproduktion standardisierter Waren, welche einhergeht mit der Kultur des "american dream". "[...]Die USA seien das Land der unbegrenzten Möglichkeiten[...], in dem man von Tellerwäscher zum Millionär werden kann. Die Menschen haben die Freiheit zu wählen, welches der standardisierten Produkte sie kaufen wollen."[5]
5.Stabilisierung gesellschaftlicher Prozesse und individueller Lebenslagen durch Sozialpolitik. Beispielsweise die Einführung des acht Stunden Tags und einer Gesundheitsfürsorge.

Theorien die sich mit der Krise des Fordismus auseinandersetzen, können in drei Kategorien eingeteilt werden: Die Regulationstheorie, die marxistische Krisentheorie und der Neoschumpeterismus. Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf die Diskussionen eingehen, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Verknappend lässt sich aber sagen, dass die Massenproduktion nicht auf individuelle Produktwünsche reagieren kann und daher nicht flexibel genug ist. Die Produktionszuwächse konnten Anfang der siebziger Jahre nicht den Anstieg der Arbeitskosten ausgleichen, was zur Stagflation führt. Ergebnis ist, dass Staaten sich immens verschulden, um die Wirtschaft anzukurbeln. Durch anhaltende Stagnation und Phasen nur geringen Wachstums, tritt das Phänomen der Massenarbeitslosigkeit und sinkender Kaufkraft auf.

Es kommt zu Verschiebungen der politisch- ökonomischen Basis. Dazu "zählen die Globalisierung, der Wandel zur Dienstleistungsökonomie, der Einsatz neuer Schlüsseltechnologien [...] und flexibler Produktionskonzepte."[6]

Der Idealtypus dieser Phase des Kapitalismus ist der "Verberuflichte Arbeitnehmer", dessen Merkmale ich nach denen des Proletarischen Lohnarbeiters im folgenden Kapitel beschreiben werde.

2.1. Merkmale der Idealtypen

Der Proletarische Lohnarbeiter hatte im Idealtypus eine geringe fachliche Qualifikation und einen bäuerlichen Sozialisationshintergrund. Seine Arbeitskraft beruhte auf seiner genetisch gegeben Intelligenz und körperlichen Stärke. Veredelung in Form von Bildung war nicht notwendig, um basale physische Arbeiten auszuführen. Kontrolliert wurde das Ergebnis unmittelbar durch Vorarbeiter und Meister, wobei repressive Methoden eingesetzt wurden. Besondere persönliche Fähigkeiten, wie das Beherrschen einer Handwerkskunst, waren weniger bedeutend, da allgemein auf maschinelle Arbeit umgestellt wurde. Zur gleichen Zeit wurden auch Uhren in den Fabriken aufgehängt, was die Einführung des Schichtsystems ermöglichte. Zur repressiven persönlichen Kontrolle kam auch, dass Meister an der Uhr drehten, um die Arbeiter länger schuften zu lassen. Die Löhne waren nicht besonders hoch und es musste unwahrscheinlich lange gearbeitet werden. Der (kurze) Alltag wurde der physischen Erholung untergeordnet.

In den Fabriken konnte sich niemand seines Arbeitsplatzes sicher sein, weil keine Arbeitsverträge abgeschlossen wurden. Da es keiner besonderen Arbeitsqualifikation bedarf, und noch kein unternehmerisch organisiertes Personalwesen existierte, gab es große Personalfluktuationen. Gewerkschaften konnten sich nicht für die Interessen von Arbeitern einsetzen, da eine Mitgliedschaft schlichtweg verboten war. Über regelrechte kollektive Aufstände entlud sich der Zorn des Personals, wenn Spannungen zu groß wurden. Aufgerufen und geplant wurden diese nicht selten durch geheime Zirkel, in denen sich die Arbeiter verbanden. Dadurch entstand ein kollektives Bewusstsein, Arbeiter leiteten ihre Identität aus ihrer Lage und der Lage ihrer am Kampf beteiligten Kollegen her.

Für das Individuum ergab sich eine permanente Unsicherheit über den Lebensunterhalt mit grundlegenden Dingen, wie Familie, Essen und Wohnen. "Kurzfristiges physisches Überleben [stand] im Vordergrund."[7] Die Familien zu dieser Zeit waren hauptsächlich patriarchalisch organisiert und kinderreich, was nicht nur aufgrund schlechter Wohnbedingungen problematisch war.

[...]


[1] vgl. Deeg, Jürgen/Weibler, Jürgen (2008): Die Integration von Individuum und Organisation. 1. Aufl. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden S. 54f

[2] vgl. Bonazzi, Giuseppe (2002): Geschichte des organisatorischen Denkens. 1. Aufl. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden S. 43

[3] vgl. Bonazzi, Giuseppe (2002): Geschichte des organisatorischen Denkens. 1. Aufl. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden S. 46

[4] vgl. Schmid, Josef/ Buhr, Daniel (2006): Wirtschaftspolitik für Politologen. 1.Aufl. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn S.134

[5] Fuchs, Christian (2002): Krise und Kritik in der Informationsgesellschaft. Soziale Selbstorganisation im informationsgesellschaftlichen Kapitalismus, Teil 2. 1 Aufl. Verlag Books on Demand Gmbh S. 107

[6] Schmid, Josef/ Buhr, Daniel (2006): Wirtschaftspolitik für Politologen. 1.Aufl. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn S.135

[7] Voß, Günther, G./ Pongratz, Hans, J. (1998): Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 50, H.1 S. 150

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Arbeitskraftunternehmer. Entwicklung, Merkmale und psycho-soziale Auswirkungen
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Arbeit, Macht und Leid(enschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V161771
ISBN (eBook)
9783640775446
ISBN (Buch)
9783640775521
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arbeitskraftunternehmer, Arbeit, Voß, Hans J. Pongratz, Arbeitskraft, psychosozial, Unternehmensweisen, Fordismus, Taylorismus, Enhancement, Arbeitswelt Theater, Kulturindustrie, Selbstorganisation, Leistungsethos, Biopolitik, Erwerbsarbeit, Entgrenzung, Krankheit, Depression
Arbeit zitieren
Benjamin Brinkmann (Autor), 2010, Der Arbeitskraftunternehmer. Entwicklung, Merkmale und psycho-soziale Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161771

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