Die Sophisten, die als „philosophische Relativisten“ für ihre Irreführung der antiken Griechen durch Scheinbeweise seit Jahrhunderten als Negativbeispiel missbrauchter Rhetorik herhalten müssen, werden durch den österreichischen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend verteidigt. Mit ihnen teilt er, neben ihrer Kontroversität, die Ablehnung „universeller“ und „ahistorischer“ Wahrheiten. Bekanntheit erlangte Feyerabend durch die tiefgreifende Übertragung dieser Überzeugung auf die Methodologie und Theorie der Wissenschaft und seinem daraus abgeleiteten „Wissenschaftsanarchismus.“ Seine Feststellung – nicht Forderung – des wissenschaftlichen „anything goes” wirkte bis in den populärwissenschaftlichen Diskurs, wenn auch nur noch als Zerrbild seiner Gedanken.
Ein Grundproblem der Wissenschaftstheorie ist die rationale Erklärung des anhaltenden empirischen Erfolgs der Wissenschaften. Besonderer Aufmerksamkeit in der Analyse der Methodologie bedürfen dabei die Bereiche der Verlässlichkeit und Effektivität sowie eines möglichen Erkenntnisfortschritts durch die Wissenschaft. Zunächst soll dazu Feyerabends Kritik am wissenschaftlichen „Methodenzwang“ in Grundzügen dargestellt werden, bevor diese an Hand der konkreten Wissenschaft kritisch überprüft wird. Auf wissenschaftstheoretisch neuem Terrain wird daher zunächst zu prüfen sein, inwiefern die Rhetorik sich überhaupt als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand eignet. Wir wollen im Weiteren bereits deren wissenschaftstheoretischen Wert an sich betrachten und daher sowohl auf Theorie und Praxis der antiken sowie gegenwärtigen Rhetorik eingehen.
Wenn Sophisten aber, wie eingangs von Feyerabend behauptet, heutzutage nicht verstanden werden, drängt sich die Frage auf, warum dies so ist und wie dennoch antike und moderne Rhetoriktheorien verglichen werden können. Um diese mögliche Inkommensurabilität ausblickend betrachten zu können, wird zusätzlich Thomas Kuhn hinzugezogen. Aus dieser Betrachtung soll hervorgehen, ob der von diversen rhetorischen Trainern versprochene „Paradigmenwechsel in [der] Art zu kommunizieren“ mehr beinhaltet, als nur einen in diesem Fall zum stilistischen Mittel entfremdeten philosophischen Begriff.
Abschließend wird der Rückbezug zum eigenen Text gezogen, der sowohl wissenschaftlich, als auch rhetorisch aufgebaut ist – sich schlussendlich also selbst die Frage stellen muss, inwiefern er insbesondere aus Sicht der Rhetorik ebenfalls einem Methodenzwang unterliegt.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Feyerabend wider den Methodenzwang
- Wider einen rhetorischen Methodenzwang?
- Rhetorik als Wissenschaft
- Ein rhetorisches „anything goes“?
- Das rhetorische Paradigma
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Der Text befasst sich mit der Kritik am wissenschaftlichen „Methodenzwang“ und der Rolle der Rhetorik in wissenschaftlichen Diskursen. Er untersucht Feyerabends „Wissenschaftsanarchismus“ und dessen Ablehnung universeller Methoden in der Wissenschaft.
- Feyerabends Kritik am „Methodenzwang“
- Die Rolle der Rhetorik als wissenschaftliches Instrument
- Die Frage nach der Inkommensurabilität zwischen antiker und moderner Rhetoriktheorie
- Der „Paradigmenwechsel“ in der Kommunikation
- Der Methodenzwang in wissenschaftlichen Texten
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung stellt Feyerabends Kritik an „universellen“ und „ahistorischen“ Wahrheiten vor und führt das Konzept des „Wissenschaftsanarchismus“ ein. Kapitel 2 untersucht Feyerabends Kritik am „Methodenzwang“ und argumentiert, dass wissenschaftlicher Fortschritt oft durch Abweichen von bekannten Methoden erreicht wird. Kapitel 3 beleuchtet die Rolle der Rhetorik als wissenschaftliches Instrument und diskutiert die Möglichkeit eines „rhetorischen anything goes“. Schließlich wird in Kapitel 4 das Konzept des „rhetorischen Paradigmas“ erörtert.
Schlüsselwörter
Wissenschaftsanarchismus, Methodenzwang, Rhetorik, Paradigmenwechsel, Inkommensurabilität, Feyerabend, Kuhn, Wissenschaftstheorie, empirischer Erfolg, wissenschaftlicher Fortschritt.
Häufig gestellte Fragen
Was kritisiert Paul Feyerabend mit dem Begriff „Methodenzwang“?
Feyerabend kritisiert die Vorstellung, dass es eine einzige, universelle wissenschaftliche Methode gibt. Er argumentiert, dass strenger Methodenzwang den Erkenntnisfortschritt eher behindert.
Was bedeutet „anything goes“ in Feyerabends Wissenschaftstheorie?
Es ist eine deskriptive Feststellung, dass in der Geschichte der Wissenschaft oft Regeln gebrochen werden mussten, um zu neuen, bahnbrechenden Erkenntnissen zu gelangen.
Ist Rhetorik eine Wissenschaft?
Die Arbeit untersucht, inwiefern sich Rhetorik als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand eignet und welchen wissenschaftstheoretischen Wert sie an sich besitzt.
Was versteht man unter „Wissenschaftsanarchismus“?
Dies ist Feyerabends Position, die besagt, dass es keine übergeordneten, ahistorischen Wahrheiten gibt und die Wissenschaft von einer methodischen Vielfalt profitiert.
Was ist Inkommensurabilität?
Der Begriff (oft mit Thomas Kuhn assoziiert) beschreibt die Unvergleichbarkeit von Theorien oder Paradigmen, die auf völlig unterschiedlichen Grundannahmen basieren.
- Arbeit zitieren
- Peer Klüßendorf (Autor:in), 2010, Wider den rhetorischen Methodenzwang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161808