Wider den rhetorischen Methodenzwang

Rhetorik im Licht der wissenschaftstheoretischen Betrachtungen Feyerabends und Kuhns


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Feyerabend wider den Methodenzwang

3. Wider einen rhetorischen Methodenzwang?
3.1. Rhetorik als Wissenschaft
3.2. Ein rhetorisches „anything goes“?

4. Das rhetorische Paradigma

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„The sophists introduced […] further met hods for reducing the debilitating effect of interesting, coherent, ‘empirically adequate’ etc. etc. tales. The achievements of these thinkers were not appreciated and they certainly are not understood today.”[1]

Die Sophisten, die als „philosophische Relativisten“ für ihre Irreführung der antiken Griechen durch Scheinbeweise seit Jahrhunderten als Negativbeispiel missbrauchter Rhetorik herhalten müssen,[2] werden in diesem Zitat durch den österreichischen Philosophen und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend verteidigt. Mit ihnen teilt er, neben ihrer Kontroversität, die Ablehnung „universeller“ und „ahistorischer“ Wahrheiten.[3] Bekanntheit erlangte Feyerabend durch die tiefgreifende Übertragung dieser Überzeugung auf die Methodologie und Theorie der Wissenschaft und seinem daraus abgeleiteten „Wissenschaftsanarchismus.“ Seine Feststellung – nicht Forderung – des wissenschaftlichen „anything goes” wirkte bis in den populärwissenschaftlichen Diskurs, wenn auch nur noch als Zerrbild seiner Gedanken.[4] Insbesondere deswegen verdienen es Feyerabends wissenschaftstheoretischen Überlegungen jedoch, in der folgenden Hausarbeit tiefergehend vorgestellt und analysiert zu werden.

Ein Grundproblem der Wissenschaftstheorie ist, wie bereits in dem dieser Arbeit zu Grunde liegenden philosophischen Kompaktkurs[5] festgestellt, die rationale Erklärung des anhaltenden empirischen Erfolgs der Wissenschaften. Besonderer Aufmerksamkeit in der Analyse der Methodologie bedürfen dabei die Bereiche der Verlässlichkeit und Effektivität sowie eines möglichen Erkenntnisfortschritts durch die Wissenschaft.[6] Zunächst soll dazu Feyerabends Kritik am wissenschaftlichen „Methodenzwang“ in Grundzügen dargestellt werden, bevor diese an Hand der konkreten Wissenschaft kritisch überprüft wird. Da dies bereits in ausführlicher Weise aus naturwissenschaftlicher Perspektive geschehen ist, soll stattdessen eine Übertragung auf die Geistes- und Sozialwissenschaften am Beispiel der Rhetorik gewagt werden. Auf wissenschaftstheoretisch neuem Terrain wird daher zunächst zu prüfen sein, inwiefern die Rhetorik sich überhaupt als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand eignet. Feyerabend zumindest hebt die Bedeutung der rhetorischen Fähigkeiten eines Galileo Galilei in der Überzeugungsarbeit für dessen neugewonnene Erkenntnisse hervor[7]. Wir wollen jedoch im Weiteren bereits deren wissenschaftstheoretischen Wert an sich betrachten und daher sowohl auf Theorie und Praxis der antiken sowie gegenwärtigen Rhetorik eingehen.

Wenn Sophisten aber, wie eingangs von Feyerabend behauptet, heutzutage nicht verstanden werden, drängt sich die Frage auf, warum dies so ist und wie dennoch antike und moderne Rhetoriktheorien verglichen werden können. Um diese mögliche Inkommensurabilität ausblickend betrachten zu können, wird zusätzlich Thomas Kuhn hinzugezogen. Aus dieser Betrachtung soll hervorgehen, ob der von diversen rhetorischen Trainern versprochene „Paradigmenwechsel in [der] Art zu kommunizieren“[8] mehr beinhaltet, als nur einen in diesem Fall zum stilistischen Mittel entfremdeten philosophischen Begriff.

Abschließend wird der Rückbezug zum eigenen Text gezogen, der sowohl wissenschaftlich, als auch rhetorisch aufgebaut ist – sich schlussendlich also selbst die Frage stellen muss, inwiefern er insbesondere aus Sicht der Rhetorik ebenfalls einem Methodenzwang unterliegt.

2. Feyerabend wider den Methodenzwang

„Einstimmigkeit in der Meinung mag zu einer Kirche passen, angemessen für die eingeschüchterten und geblendeten Opfer eines (alten oder neuen) Mythos oder für die schwachen und willfährigen Anhänger irgendeines Tyrannen. Meinungsvielfalt ist ein Kennzeichen, wie es für objektive Erkenntnis notwendig ist.“[9]

Meinungsvielfalt exemplifiziert für Paul Feyerabend das höchste Gut der empirischen Wissenschaften. Der Popper-Schüler und langjährige Philosophieprofessor an der Universität von Kalifornien in Berkeley wendet sich in seiner Wissenschaftstheorie in dieser Hinsicht deutlich vom Falsifikationismus Poppers ab, da er die Konzeption einer einheitlichen Methode, die unter allen Umständen wissenschaftlichen Fortschritt ermöglicht, ablehnt.[10] In seinem 1975 erschienenen Buch „Wider den Methodenzwang“[11] versucht Feyerabend an Hand zahlreicher Beispiele zu belegen, dass eine solche einheitliche Methode nicht zwangsläufig zu „wissenschaftlichem Fortschritt“ führt und zahlreiche wissenschaftliche Fortschritte gerade nur durch das Abweichen von bekannten Arbeits- und Denkweisen erzielt werden konnten.[12]

Erfolgreiches Forschen gehorche demnach nicht allgemeinen Regeln: „es verlässt sich bald auf den einen, bald auf den anderen Maßstab, und die Schachzüge, die es fördern, werden dem Forscher oft erst nach Vollendung der Forschung klar.“[13]

Eine „universelle“ und „ahistorische“, also damit zeitlose Methode, müsse ihrem eigenen Anspruch nach die aristotelische Physik in gleichem Maße beurteilen können wie die einsteinsche Relativitätstheorie.[14] Feyerabend verneint jedoch gerade diese Möglichkeit, da eine Wissenschaftstheorie, die Maßstäbe für alle wissenschaftlichen Tätigkeiten aufstelle und sie durch Hinweis auf eine Rationalitätstheorie autorisiere, viel zu grob und einseitig sei, als dass sie den Wissenschaftlern bei ihrem Geschäft helfen könne.[15] Mit einer selbst oktroyierten Verengung der Wissenschaft auf eine einzige Methode forschen zu wollen – diese Kritik zielt insbesondere auf den Popperschen Falsifikationismus ab – sei ebenso unpassend „wie es unmöglich ist, den Mount Everest mit den Schritten des klassischen Balletts zu erklettern.“[16]

Als konstituierend für dieses Wissenschaftsverständnis muss Feyerabends Wahrheitsbegriff verstanden werden. Er konstatiert, dass in der Praxis „Wissenschaftliche Theorien […] nicht nach Wahrheit und Falschheit, sondern nach ihrer praktischen Brauchbarkeit beurteilt [werden.]“[17] Erscheine eine Theorie nach einem solchen pragmatischen Wahrheitsverständnis allerdings als sinnvoll, werde sie nicht nur als vorübergehende Zufriedenstellung, sondern als Grundlage weiterer Orientierung verstanden. Wir nennen diese brauchbaren Theorien „wahr“, integrieren sie in den Wissensschatz unserer Ontologie bzw. unserer Ideologie und betrachten sie als gegeben und somit nicht weiter beachtenswert.[18] Feyerabend vertritt folglich Kernpunkte des wissenschaftlichen Antirealismus. Theorien stellen Werkzeuge des Denkens dar, mit deren Hilfe wir Ereignisse, die uns interessieren, vorhersagen und hervorbringen können. Diese können zwar nützlich und gerechtfertigt sein und die Naturwissenschaft zu technischen Triumphen befähigen, Elektronen oder sämtliche anderen Theoriekonstrukte blieben dennoch etwas Fiktives.[19]

Folglich ist für Feyerabend „die Wissenschaft nur eines der vielen Mittel, die der Mensch erfunden hat, um mit seiner Umwelt fertig zu werden.“[20] Gerade dieser bescheidenen Selbstauffassung werde die Wissenschaft jedoch nicht gerecht, da sie sich eine übermächtige gesellschaftliche Autorität erarbeitet habe, die ihre theoretische Autorität bei weitem übersteige, so dass ihm zum Schutz der Meinungsvielfalt analog zur etablierten Trennung von Staat und Kirche ebenfalls eine Trennung von Staat und Wissenschaft sinnvoll erscheint.[21]

In diesem Plädoyer für einen Anti-Dogmatismus und eine Abkehr vom alleinigen wissenschaftlichen Erklärungsanspruch läuft Feyerabend allerdings Gefahr, selbst dogmatisch vorzugehen. So kann zwar argumentiert werden, er wolle sich einzig dem ideologischen Anspruch auf eine Exklusivität der wissenschaftlichen Methode verwehren um eine Methodenvielfalt zu schaffen.[22] In der Vehemenz, in der dies geschieht, geht Feyerabend jedoch ähnlich ideologisch davon aus, dass es keine „wahren Theorien“ und somit auch keine wahrheitsnähernden Methoden geschweige denn eine einzige zielführende wissenschaftliche Methodik geben kann. Dadurch erscheint es auch nicht verwunderlich, dass Feyerabend das Eingreifen der Politik in den wissenschaftlichen Diskurs eher als Möglichkeit zur Verbesserung, denn zur Negativbeeinflussung der Gesellschaft ansieht.[23] Realität könne nur als soziales Konstrukt verstanden werden und wissenschaftliche „Erkenntnisse“ nur durch deren Entstehungskontext. Wollen wir Darwins Evolutionstheorie verstehen, helfen uns Fossilien und das Verständnis von Vererbungslehre weitaus weniger, als eine Betrachtung der sozialen und politischen Faktoren des „laissez-faire“ Kapitalismus des 19. Jahrhundert, wonach ein marktorientierter Wettkampf um Ressourcen die Triebfeder gesellschaftlicher (und in deren Übertragung auch natürlicher) Entwicklungsprozesse darstelle.[24]

In diesem Sinne hebt Feyerabend auch Aristoteles‘ Gedanken positiv hervor, dass Interpretation und Nutzung der Wissenschaft letztlich eine politische Angelegenheit sei.[25] Gleichzeitig karikiert er jedoch die gesellschaftliche Einstellung zur Zeit des Aristoteles, „als Themenbereiche wie die Medizin, die Rhetorik und die Astronomie – und selbst die Kochkunst -, die sich in der Praxis bewährt hatten, dafür kritisiert wurden, dass ihnen eine theoretische Grundlage fehlte.“[26] An einer eben solchen theoretischen Grundlagenschöpfung der Rhetorik war Aristoteles allerdings in einem über Cicero und Quintilian bis in die Gegenwart bestimmend bleibenden Ausmaß beteiligt.[27] Diese Grundlagen in Kurzform darzustellen und in den Kontext der Theorie Feyerabends einzuordnen ist Gegenstand des folgenden Kapitels.

3. Wider einen rhetorischen Methodenzwang?

3.1. Rhetorik als Wissenschaft

Können ursprünglich auf Grundlage der Naturwissenschaften konzipierte Wissenschaftstheorien überhaupt sinnbringend auf die Rhetorik angewendet werden?

Aus Feyerabends eigenen Werken kann eine solche Deutungsweise herausgelesen werden. Die Beherrschung der Sprache und die Fähigkeit zur Anwendung der Logik, die wie ein Ergebnis der Vernunft aussehen, seien schlussendlich „teils auf Einübung und teils auf einen Entwicklungsvorgang zurückzuführen, […] der mit naturgesetzlicher Macht [ablaufe].“[28]

Wie von Feyerabend zu Recht hervorgehoben, beginnt dieser historische Trend mit den Schriften über die Sophisten greifbar zu werden.[29] Auch wenn zu bedenken ist, dass mit Platon die ausführlichste Quelle über die Sophisten selbst ein scharfer Kritiker ihres Rhetorikverständnisses ist, findet ihre Experimentierfreudigkeit mit unterschiedlichen Argumentationsmustern und der dadurch geleistete Beitrag zur Entwicklung rhetorischer Theorien mit historischem Abstand zunehmend Anklang in der wissenschaftlichen Betrachtung.[30] Ähnlich der wissenschaftstheoretischen Auffassung Feyerabends hielten sie Wahrscheinlichkeiten (eikota) für überzeugender als sogenannte Wahrheiten, die dem menschlichen Verstand in vollem Umfang ohnehin verborgen blieben.[31] Eben dies attackiert Platon, zugunsten eines auf logischer Stringenz basierenden Argumentationsbegriffes, der schlussendlich den Zuhörer nicht durch sprachliche Geschicklichkeit von etwas beliebigen, sondern vom Wahren überzeugen will.[32] Dabei bringt nach Feyerabend aber auch der Platonische Sokrates oft „statt eines Arguments einen ‚Mythos‘ vor […] im vollen Bewusstsein, dass er sich einer besonderen, vom philosophischen Argument verschiedenen Erklärungsform bedient.“[33]

[...]


[1] Feyerabend, Paul K.: Knowledge, Science and Relativism. Cambridge 1999. S. 188.

[2] vgl. Richards, Jennifer: Rhetoric. Abingdon u. New York 2008. S. 22f.

[3] vgl. Chalmers, Alan F.: Wege der Wissenschaft. Einführung in die Wissenschaftstheorie. 6. verbesserte Aufl. Berlin u. Heidelberg 2007. S. 131.

[4] vgl. Rosenberg, Alex: Philosophy of Science. A contemporary introduction. New York u. Abingdon 2000. S. 173.

[5] Engler, Olaf: Theoretische Philosophie I (Wissenschaftstheorie). Kompaktkurs an der Universität Rostock. Sommersemester 2010.

[6] vgl. Radnitzky, Gerard: Wissenschaftstheorie, Methodologie, in: Seiffert, Helmut; Radnitzky, Gerard (Hrsg.): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. München 1989. S. 469f.

[7] Feyerabend, Paul K.: Wider den Methodenzwang. 3. überarbeitete Aufl. Frankfurt a. M. 1991[1983]. S. 184f.

[8] vgl. http://www.soft-skills.com/kommunikativekompetenz/rhetorischekompetenz/rhetorik/dreieck.php [Letzter Zugriff: 25.08.2010]

[9] Feyerabend, Paul K.: Probleme des Empirismus I. Stuttgart 2002 [1965]. S 75.

[10] vgl. Bird, Alexander: The historical turn in the philosophy of science, in: Psillos, Stathis; Curd, Martin (Hrsg.): The Routledge Companion to Philosophy of Science. Abingdon u. New York 2008. S. 74f.

[11] im Original: „Against Method“. Die deutsche Übersetzung wurde von Feyerabend nach ihrer Erstveröffentlichung zum Teil umgeschrieben und 1983 erneut veröffentlicht. Auf diese revidierte Fassung von „Wider den Methodenzwang“ , die Feyerabends Gedanken vermutlich am klarsten darstellt, wird im Folgenden Bezug genommen.

[12] vgl. Feyerabend 1991. S. 21.

[13] vgl. ebd. 1991. S. 376.

[14] vgl. Chalmers 2007. S. 131.

[15] vgl. Feyerabend 1991. S. 376.

[16] vgl. ebd. S. 377.

[17] ebd. S. 216f.

[18] vgl. Döring, Eberhard: Paul K. Feyerabend zur Einführung. Hamburg 1998. S. 68.

[19] vgl. Hacking, Ian: Einführung in die Philosophie der Naturwissenschaften. Stuttgart 1996[1983]. S. 43.

[20] Feyerabend 1991. S. 290.

[21] vgl. ebd.

[22] vgl. Döring 1998. S. 72.

[23] vgl. Feyerabend 1991. S. 289f.

[24] vgl. Rosenberg 2000. S. 173f.

[25] vgl. Feyerabend, Paul K.: Die Vernichtung der Vielfalt. Wien 2005. S. 237.

[26] vgl. ebd. S. 231.

[27] vgl. Rapp, Christof: Aristotle’s Rhetoric. http://plato.stanford.edu/entries/aristotle-rhetoric/ [Letzter Zugriff: 25.08.2010]

[28] Feyerabend 1991. S. 23. [Kursiv-Setzung „naturgesetzlicher Macht“ durch Autor]

[29] vgl. Gagarin, Michael: Probability and persuasion: Plato and early Greek rhetoric, in: Worthington, Ian (Hrsg.): Persuasion: Greek Rhetoric in Action. London u. New York 1994. S. 49.

[30] vgl. ebd. S. 62f.

[31] vgl. ebd. S. 48f.

[32] vgl. ebd.

[33] Feyerabend, Paul K.: Wissenschaft als Kunst. Frankfurt a. M. 1984. S. 51.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wider den rhetorischen Methodenzwang
Untertitel
Rhetorik im Licht der wissenschaftstheoretischen Betrachtungen Feyerabends und Kuhns
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften)
Veranstaltung
Theoretische Philosophie - Wissenschaftstheorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V161808
ISBN (eBook)
9783640753406
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wissenschaftstheorie, Kuhn, Feyerabend, Rhetorik, Sprache, Methodenzwang, Anything goes, Paradigma, Paradigmenwechsel, Sophisten, Antike, Gegenwart, Relativismus
Arbeit zitieren
Peer Klüßendorf (Autor), 2010, Wider den rhetorischen Methodenzwang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161808

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