"Working Poor" als Audruck der negativen Seiten der Globalisierung in Japan

Ein Überblick Ursachen, Ausprägungen und Mittel der Bekämpfung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Definitionen
2.2 Die Entstehung und der Bedeutungswachstum des Begriffes „Working Poor“
2.3 Ursachen
2.4 Ausprägungen
2.5 Mittel der Bekämpfung
2.5.1 Soziale Sicherung?
2.5.2 Mindestlöhne
2.6 Working Poor als Symbol für die Globalisierung Japans

3. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Armut ist ein weltweites Problem, welches umso mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt, wenn Armut direkt vor der eigenen Haustüre greifbar ist. Menschen, die, obwohl sie einer regelmäßigen Arbeit nachgehen, sich nur einen minimalen Lebensstandard leisten können, werden mit dem Begriff „Working Poor“ bezeichnet. Die relative Armut lässt sich am besten am Beispiel der Situation in den USA darstellen. Hier liegt die relative Armut, wenn man Mexiko und die Türkei ausklammert, von allen OECD-Ländern am höchsten. Für Deutschland und noch mehr Japan gelten die USA als Vorbild in vielerlei Hinsicht – Bewegen sich also auch die Armutszahlen in Richtung der USA? Allgemein lässt sich sagen, dass die Globalisierung und die damit verbundene liberalere Gestaltung von Löhnen, sowie die Wandlung zur Dienstleistungsgesellschaft vielen Staaten zu einem Niedriglohnsektor geführt haben. In diesem Niedriglohnsektor hängt die Frage, ob ein Arbeitnehmer unter die „Armutsgrenze“ seines Landes fällt, vom sozialen Umfeld ab und vom Eingriff des Staates durch Umverteilung von Geldern. In der vorliegenden Arbeit sollen die Gründe, die Ausprägungen des Working-Poor-Problems in Japan aufgezeigt werden. Mit welchen Maßnahmen versucht die japanische Regierung die relative Armut einzudämmen, oder sieht sie in dieser Lebensform ein notwendiges Übel um Japan im globalen Wettbewerb leistungsfähig zu halten?

Mit Blick auf die Altersstruktur der japanisches Gesellschaft wird sich die japanische Theorie von der „Einzigartigkeit Japans“ schon in wenigen Jahrzehnten durch die Notwendige Zuwanderung von allein in Luft auflösen. Denn die alternde Gesellschaft ist schon jetzt ein Problem. Woher sollen die Pflegekräfte für die Millionen Pflegebedürftigen kommen? Sicherlich nicht aus den Robotik-Labors der japanischen Hitec-Unternehmen. Überalterung und Armut – Probleme die schon in der heutigen Zeit in allen entwickelten Staaten angegangen werden müssen. Ist Working Poor ein Vorbote dafür, dass Japan schon jetzt im Begriff ist sich der Welt weiter zu öffnen, als es sich die Reformer der Meji-Zeit jemals hätten vorstellen können?

2. Hauptteil

2.1 Definitionen

Bei der Definition von Armut ist zwischen absoluter und relativer Armut zu unterscheiden. Absolute Armut zeigt sich in den elementaren Bedürfnissen eines Menschen. Betroffene können sich nicht selbst ernähren und können sich lebenswichtige Bedarfsartikel nicht leisten. Relative Armut bezieht sich auf das Umfeld und die Gesellschaft in der ein Individuum lebt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) legt die Armutsgrenze auf 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens eines Staates fest. Die japanische Regierung definiert selbst keine Armutsgrenze, hat aber mit dem Sozialhilfegrundsatz eine Art minimalen Lebensstandard definiert. Wer weniger als 2 Millionen Yen im Jahr verdient gilt als arm. Die Armutsrate (Anteil von relativ Armen an der gesamten arbeitsfähigen Bevölkerung) ist mit 15 Prozent der vierthöchste unter OSCD-Ländern.[1]

Die Ungleichverteilung des Einkommens sank zwar seit dem Jahr 2000 ab, liegt aber immer noch über dem Durchschnitt der OECD-Länder. Die besondere Problematik der Working Poor ergibt sich aus einer anderen Kennziffer: Über 10 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Japan bleiben trotz einer Arbeitsstelle unter der Armutsgrenze. Dieser Wert liegt über dem Durchschnittswert der OSCD-Länder (7 Prozent) und zeigt, dass ein Arbeitsverhältnis diese Menschen nicht vor relativer Armut schützen kann.[2] Doch die genaue Erfassung der Zahlen in Japan ist schwierig, da die Einkommen von Personen, welche zur Working-Poor-Gruppe gehören individuell berechnet werden, die allgemeine Armutsgrenze aber auf Grundlage der Haushaltsgröße berechnet wird. Dies bedeutet, dass ein Haushalt erst dann unter das Sozialhilfeniveau fällt, wenn das Gesamteinkommen unterdurchschnittlich ist. Unterbezahlte Arbeitsverhältnisse werden somit von anderen Haushaltsmitgliedern aufgefangen und fließen nicht in die Working-Poor-Statistik ein.

Working Poor bildet also die Schnittmenge zwischen relativ armen Menschen und Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Welche Arbeit dabei als geregelt oder als Vollzeitstelle gilt (Stundenzahl) und ob auch Teilzeitstellen in die Betrachtung einfließen, ist von Definition zu Definition unterschiedlich. Die OECD definiert Working Poor einfach als arbeitende Personen, die unter der Armutsgrenze leben.[3]

2.2 Die Entstehung und der Bedeutungswachstum des Begriffes „Working Poor“

Während Working Poor in den USA schon seit den 90er-Jahren ein fester Begriff war, fand die gesamte Problematik in der japanischen Öffentlichkeit nicht statt. Wie Makoto Kawazoe und Makoto Yuasa darlegen, fand der Begriff erst im Jahr 2006 größere Beachtung in Japan. In der Dokumentation „The Working Poor“ des staatlichen Senders NHK wurde auf das Schicksal dieser Menschen aufmerksam gemacht und Zahlen von bis zu 10 Millionen Betroffenen (Japanese Times) machten die Runde.

Obwohl das Problem auch schon vorher existierte gingen die Medien und in der Folge auch die Politik erst ab diesem Zeitpunkt darauf ein.[4] Kaho Shimizu und Akemi Nakamura gehen in ihrem Artikel „Is help really on way for the working poor?“ zwar nur von 5,5 Millionen Betroffenen aus, betonen aber, dass gerade die angestiegene Zahl von männlichen Haushaltsvorständen in der Working-Poor-Gruppe (2,2 Millionen) ein Problem sei. Gerade diese Gruppe schien in der japanischen Mittelklassegesellschaft vor dem sozialen Abstieg sicher, muss sich nun aber genau damit auseinandersetzen.

So kommt Annette Schad-Seifert ebenso zu dem Schluss: „Die Selbstdefinition Japans als 'große Mittelschicht' verdeckte ohne Zweifel immer schon existierende soziale Ungleichheiten und geschlechtliche Differenzen […]. Neu ist, dass die Realität einer wachsenden sozialen Polarität nunmehr vor allem von denen empfunden wird, die herkömmlich die eher privilegierten Mitglieder der Mittelschichtgesellschaft waren.“[5] Das Beispiel eines Bauarbeiters aus Tokyo, das Kaho Shimizu und Akemi Nakamura wählen, um zu zeigen wie hart das Leben für die Betroffenen ist, kann nicht als exemplarisch gelten, da Kazufumi Kinjo, wie er genannt wird, keinen hohen Bildungsabschluss besitzt und so in seiner Berufswahl schon im Voraus eingeschränkt ist. Doch seine Aussage: 'I thought if I worked hard, I would be given a chance someday, but I was wrong'[6], zeigt den zentralen Wandel in der japanischen Arbeitswelt an. Es reicht eben nicht mehr für alle sich nur anzustrengen, damit dauerhaft die eigene Existenz gesichert ist. Makoto Kawazoe nennt als Beispiel für eine Berufsgruppe, in der Working Poor häufig anzutreffen ist, die Friseure. Obwohl sehr viele Friseure in Vollzeit arbeiten, verdienen sie nur etwa 120.000 bis 160.000 Yen pro Monat. Sie bleiben damit also auf das Jahr betrachtet (1.440.000 Yen bis 1.920.000) unter der Armutsgrenze. 'Very often it is assumed that the “working poor” are those not in full-time employment, but most hairdressers are full-time employees.'[7]

2.3 Ursachen

Von 1984 bis 2008 stieg in Japan der Anteil von Arbeitnehmern, die in nicht regulären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind, von 15 auf 34 Prozent.[8] Die Bezeichnungen für diese Gruppen von Beschäftigten hängen vom Alter, Geschlecht und Arbeitsbereich ab. Nicht alle sind per Definition Teil des Working-Poor-Problems. Hinter dem Wort „arubaito“, welches sich vom deutschen „arbeiten“ herleitet, verbergen sich Nebenjobs, die meist von Studenten ausgeübt werden. Ein typisches Beispiel ist die Arbeit in einer der 24-Stunden-Läden. Hierbei ist eine Vollzeitarbeit nicht gegeben, weshalb arubaito nicht in den Working-Poor-Kontext eingerechnet wird. Die Gruppe der „freeter“ kennzeichnet sich durch häufige Jobwechsel und kurze Arbeitsverträge. Die Altersspanne liegt zwischen 18 und 34 Jahren. Obwohl viele freeter in ihrer freien Lebensweise durchaus Vorteile erkennen können, bildet gerade diese Gruppe einen Kern der Working Poor. Denn was passiert, wenn es einmal keinen Anschlussvertrag gibt oder das Einkommen durch einen schlechter bezahlten Job plötzlich sinkt? Weitere Gruppen für die ebenfalls der Makel der unsicheren Zukunft gelten, sind Tagelöhner, Teilzeitarbeiter und Leiharbeiter. Teilzeitarbeit, die zu einem großen Teil von Frauen ausgeübt wird, kann in einem Haushalt mit zwei Einkommen ein willkommenes Zubrot sein, wird aber bei Single-Frauen oder alleinstehenden Müttern schnell zu einer Armutsfalle. Allen Gruppen gemeinsam ist nicht nur die fehlende Perspektive, wenn man von dem Versprechen der Arbeitgeber ihnen irgendwann eine Festanstellung zu geben absieht, sondern auch die unzureichende Absicherung für das Alter.

[...]


[1] Growing Unequal? , OECD 2008, http://www.oecd.org/dataoecd/45/57/41527303.pdf Stand: 01.04.2010

[2] In-Work Poverty: What Can Governments Do? In: Policy Brief, OECD September 2009, http://www.oecd.org/dataoecd/0/26/43650040.pdf, Stand: 01.04.2010

[3] Glossery of Statistical Terms, OECD, http://stats.oecd.org/glossary/detail.asp?ID=4841

[4] Kawazoe, Makoto und Yuasa, Makoto (2007): „Action Against Poverty: Japan's Working Poor Under Attack.“ In: The Asia-Pacific Journal: Japan Focus

[5] Schad-Seifert, Annette (2008), J-Unterschicht. In: Richter, Steffi und Jaqueline Berndt (Hgs.), Japan. Lesebuch IV. J-Culture, S. 86-105

[6] (Ich dachte, wenn ich hart arbeite, würde mir irgendwann eine Chance gegeben werden, doch ich habe mich geirrt. / eigene Übersetzung),in: Is help really on way for the working poor?
By KAHO SHIMIZU and AKEMI NAKAMURA, Onlineausgabe von The Japan Times. (Zugriff: 01.04.2010)

[7] (Sehr oft wird angenommen, dass die Working Poor diejenigen ohne Vollzeitstelle seien, doch die meisten Friseure sind Vollzeitangestellte / eigene Übersetzung), Kawazoe, Makoto und Yuasa, Makoto (2007): „Action Against Poverty: Japan's Working Poor Under Attack.“ In: The Asia-Pacific Journal: Japan Focus

[8] Quelle: Ministry of Internal Affairs and Communication, 2008

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Working Poor" als Audruck der negativen Seiten der Globalisierung in Japan
Untertitel
Ein Überblick Ursachen, Ausprägungen und Mittel der Bekämpfung
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Modernes Japan)
Veranstaltung
Kakusa shakai – Japans soziale und ökonomische Polarisierung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V161809
ISBN (eBook)
9783640769506
ISBN (Buch)
9783640769780
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Working Poor, Japan, Deutschland, Gesellschaft, Arbeit, Lohndumping, Soziales, working, poor, arm trotz arbeit, Niedriglohnsektor, Löhne, Globalisierung
Arbeit zitieren
Jerome Zackell (Autor), 2010, "Working Poor" als Audruck der negativen Seiten der Globalisierung in Japan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161809

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