Nestroy - Umsonst: eine Aufführungsanalyse


Ausarbeitung, 2009
3 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Umsonst[1]

Zuallererst verwundern rätselhafte neun Stühle auf der Bühne. Durch eine schmale Tür in der weißen, alles verdeckenden Bühnenwand, spaziert schnell hintereinander eine Personengruppe hervor. Sie setzen sich mit Blick zum Publikum auf die Bühne. Es herrscht eine strenge Teilung nach Geschlecht: links die Frauen, rechts die Männer. Beim Erlischen des Saallichtes stimmen sie eine Art Sprech-, Summ- und Geräuschmusik an; in ihrer Mitte ein Bodypercussionist, dessen Körper als Begleitinstrument dient. Während dieses ‚Katzengesangs’[2] senkt sich das Podium, bis nur noch die Köpfe der ‚Band’ zu sehen sind, die nun Richtung Bühne schauen. Aus mehreren Türen treten Figuren des Stückes vor, die Wand hebt sich und ermöglicht den Blick in die Guckkastenbühne. Kreuz und quer irren dort Darsteller über eine Drehscheibe, welche aus einem Labyrinth von Räumen besteht – ein Vorgeschmack für die Zuschauer auf eine Handlung, die ebenso impulsiv umherhüpft, in Sackgassen landet und sich wieder herauswindet. Mit dem Verstummen der Musik legt sich das chaotische Treiben auf der Bühne. Eine eigenwillige Ouvertüre, von der bei Nestroy nichts geschrieben steht neigt sich dem Ende zu, der erste Akt beginnt.

Von der nestroy’schen Kulisse mit großem ‚Kaffee Gschlader’ und ‚Theater-Billetten-Verkauf’ Schild, Oleandersträuchen etc. ist einzig der sich in der Mitte des Prospekts befindliche Eingang wie Tische und Stühle erhalten geblieben, allerdings aus der Innen- anstelle der Außenperspektive. Die Szene spielt hier im Kaffeehaus. Abgesehen davon, wurde die Ausstattung recht steril in weiß gehalten, zwar nicht sehr modern, aber auch kein Mitte 19.Jh. Stil. Schon zu Beginn deutet sich wage eine Verlagerung in eine andere Epoche an.

Dass dem Kapitalisten Finster aus Fürstenfeld[3] in der Volkstheaterfassung vom Direktor des Dilettantenvereins ein Foto seines Mündels samt Schauspieltruppe gezeigt wird, verstärkt den Verdacht der Zeitverschiebung. Zwar gab es Fotografien bei der Entstehung dieses Stückes schon, allerdings noch ziemlich rar gesät.

Als die Handlung sich ins Wohnhaus der Frau Wispl verlagert, wo sich ihr und Emmas Zimmer unmittelbar neben jenem von Arthur befindet, wird in der Neuinszenierung kaum etwas verändert, bis auf eine Kleinigkeit - der Blick zur Straße wird durch Aluminium-Rollläden vor den Fenstern verwehrt; wieder ein moderner Touch. Waren die Hinweise bis jetzt noch nicht stichhaltig, so sind es jedenfalls die Kostüme der Damen. Gerade bei Emmas hochgeschlossenem Schulmädchenoutfit und dem kurzen Bob-Haarschnitt drängt sich der Verdacht auf, dass die Handlung in etwa um die Mitte des 20.Jh. angesiedelt sein wird.

Die auffallendste Abweichung von Nestroy’s Szenenanweisungen ergibt sich für das Wirtshaus in Stinatz[4] - mehr als ein großes Vor- und Durchgangszimmer, in mintgrün und hellblau gehalten, ist nicht übrig von der vorgesehenen kleinstädtischen Wirtsstube mit zwei Tischen. Dadurch ist uns der Blick auf die Gäste genommen, sie werden von der Handlung ausgeblendet. Dafür liegt das Augenmerk verstärkt auf einer Bodenluke zum Keller, dessen Weine laut Wirt zu schade für die Gäste sind. Ein symbolischer Ort, einerseits Versteck für wertvolle Güter, die vor lauter Geiz und Gier nicht geteilt werden sollen, andererseits Zufluchtsort des heimlichen Paares – zum Weinen wird in den Keller gegangen.

Über der Eingangstüre links steht mit weißer Kreide geschrieben: C+M+B 1957[5]. Ungefähr ein Jahrhundert liegt also zwischen der Uraufführung von ‚Umsonst’ und dem Jahr, in welchem das Stück in dieser Inszenierung angesiedelt ist. Es gibt durchaus Parallelen der Biedermeierzeit, in der Nestroy wirkte, und den 50ern des 20.Jh. Schlagwörter wie Rückzug ins Private, Kultivierung der patriarchalischen Bürgerfamilie schlagen die Brücke. Eine markante Neueinflechtung bildet die Ausländerthematik, ein Phänomen, das der Nachkriegs- und Aufbauzeit, dem jahrzehntelangen Schweigen über den Nationalsozialismus nicht fremd war. Aus dem Kellner Georg wird ein Zlatko, der gebrochenes Deutsch spricht, sich hinter einer blonden Perücke versteckt und regelmäßig mit ‚Tschusch’ und ähnlichen Schimpfwörtern beworfen wird, ohne selbst den geringsten Anstoß daran zu nehmen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei Schottenberg mehr Verwandlungen durchgeführt werden als von Nestroy vorgesehen, die Bühne unterstützt den Unterwegs-Charakter des Stücks maßgeblich. Im Übrigen wird weder strikt nach seinen Szenenanweisungen vorgegangen, noch dagegen gearbeitet. Die Zuseher sind immer dabei, wenn sich das Bühnenbild ‚dreht’, die Übergänge werden nicht durch einen Vorhang verdeckt, allerdings oft mit der Musik des Chors unterstrichen, wenn nicht sogar hervorgehoben. Ebenso sind die Schauspieler mit dabei, sie bleiben in ihren Rollen, laufen wirr hin und her, wissen nicht wohin, da es für diese Übergangszeit keinen Text, keine konkreten Anweisungen gibt. Dadurch entsteht der Eindruck einer unberechenbaren Eigendynamik, wie sie Nestroy im Leben selbst erkannte; die Brüche, das Geschehen dazwischen werden freigegeben. Sozialkritik kommt sehr diffizil zur Äußerung, sodass sie fast übersehen werden muss, worin gerade die Realitätsnähe besteht. Wie im ganz normalen Alltag, stehen hier mehr die kleinen, persönlichen Probleme im Mittelpunkt als die großen, politischen; bühnentechnisch eben die Gänge, Vorräume, Kellerluken und Umbauten. Jeder/m bleibt selbst überlassen, in wie weit was worin gesehen wird.

[...]


[1] Nestroy, Johann: Umsonst. Posse mit Gesang in drei Akten. Bearbeitung für das Volkstheater von Michael Schottenberg (1. November 2009).

[2] Ebd. S.3.

[3] ursprünglich: Regensburg

[4] ursprünglich: Braunau

[5] die genaue Jahreszahl ist verwischt;

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Nestroy - Umsonst: eine Aufführungsanalyse
Hochschule
Universität Wien  (Theater-, Film- und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Übung Aufführungs- und Inszenierungsanalyse
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
3
Katalognummer
V161825
ISBN (eBook)
9783640753178
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich bei der Kategorie um eine Aufführungsanalyse des Stücks 'Umsonst' von Nestroy, aufgeführt im Volkstheater Wien.
Schlagworte
Nestroy, Umsonst, Volksstück, Posse, Aufführungsanalyse, Volkstheater
Arbeit zitieren
Sandra Folie (Autor), 2009, Nestroy - Umsonst: eine Aufführungsanalyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161825

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