Weibliche Gentialverstümmelung

Betrachtung eines traditionellen Brauchs unter Menschenrechtsprespektive


Seminararbeit, 2009
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 WEIBLICHE GENITALVERSTÜMMELUNG
2.1 DEFINITION UND KLASSIFIKATION
2.2 DAS VERFAHREN
2.3 DIE BEDEUTUNG VON RELIGION UND TRADITION

3 FOLGEN WEIBLICHER GENITALVERSTÜMMELUNG
3.1 KÖRPERLICHE FOLGEN
3.2 SEELISCHE UND PSYCHOSOZIALE FOLGEN

4 WEIBLICHE GENITALVERSTÜMMELUNG ALS MENSCHENRECHTSVERLETZUNG
4.1 FGM - EINE FORM VON GEWALT GEGENÜBER FRAUEN?
4.2 FGM ALS MENSCHENRECHTSVERLETZUNG
4.3 STRAFRECHTLICHE REGELUNGEN IN EUROPA

5 SOZIALE ARBEIT UND WEIBLICHE GENITALVERSTÜMMELUNG
5.1 DER KONTEXT VON FGM UND MIGRATION
5.2 SOZIALE ARBEIT ALS MENSCHENRECHTSPROFESSION

6 SCHLUSS

7 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Ich hörte den Klang der stumpfen Klinge, die durch meine Haut fuhr (...) Es gibt keine

Worte, die den Schmerz beschreiben können. Es ist, als ob dir jemand ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel reißt oder dir den Arm abschneidet, nur dass es sich dabei um das empfindsamste Teil deines Körpers handelt (...) Der Schmerz in meiner Scheide war so furchtbar, dass ich nur noch sterben wollte. “ (Dirie, 1999, 57)

Das Buch Wüstenblume von Waris Dirie beschreibt eine Somalin, die in der Wüste aufwuchs und als Model weltweit berühmt wurde. In diesem Buch erzählt Waris Dirie unter anderem, wie sie als Mädchen beschnitten wurde. Heute ist sie UNO-Sonderbotschafterin gegen weibliche Genitalverstümmelung und Autorin von vier Büchern, die mir interessante, bewegende, schockierende und faszinierende Einblicke in eine fremde Kultur und das bewegende Leben einer willensstarken Frau verschafften und mich dazu bewegten, dieses Thema in einer Hausarbeit näher zu bearbeiten.

Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, die weibliche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung anzuerkennen und mögliche Handlungslinien der Sozialen Arbeit, unter dem Gesichtspunkt einer Menschenrechtsprofession, darzustellen.

Als zentrale Frage ergibt sich daher, warum die weibliche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung anerkannt werden sollte und welche Aufgaben sich daraus folgend für die Soziale Arbeit ergeben.

Das zweite Kapitel soll eine Einleitung in das Thema geben und die Klassifikationen, das Verfahren, sowie die Bedeutung der Religion bei dieser Praktik darstellen. Im dritten Kapitel sollen die daraus resultierenden körperlichen, seelischen und psychosozialen Folgen beschrieben werden. Das vierte Kapitel befasst sich mit der Frage, inwieweit die Genitalverstümmelung als Gewalt gegenüber Frauen beziehungsweise Menschenrechtsverletzung anzusehen ist und welche strafrechtlichen Regelungen in Europa eingeführt worden sind. Um den Auftrag der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession zu verdeutlichen, soll im fünften Kapitel die weibliche Genitalverstümmelung in Kontext mit Migration gestellt werden, Beratungs- und Unterstützungsangebote, sowie präventive Maßnahmen erläutert werden.

2 Weibliche Genitalverstümmelung

2.1 Definition und Klassifikation

Weibliche Genitalverstümmelung - kurz FGM (engl.: Female genital mutilation) - ist eine Tradition in 28 afrikanischen Ländern, in Teilen der arabischen Halbinseln und Asien. Unter den unwürdigsten und unhygienischsten Umständen werden jungen Frauen, Mädchen und sogar weiblichen Säuglingen die Genitalien verstümmelt. Die Art der Verstümmelung wird von der lokal herrschenden Tradition bestimmt (vgl. Schnüll, 2003, 23f).

Nach Definition der World Health Organisation (WHO) bezeichnet weibliche Genitalverstümmelung alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Geschlechtsteile, aus kulturellen oder anderen nicht-therapeutischen Gründen, teilweise oder ganz entfernt oder verletzt werden (vgl. WHOa).

Des Weiteren unterscheidet die WHO zwischen vier Klassifikationen:

Typ I Entfernung der Klitoris-Vorhaut mit oder ohne teilweiser, beziehungsweise totaler, Entfernung der Klitoris (Klitoridektomie)
Typ II Teilweise oder komplette Entfernung der Klitoris und der inneren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der großen Schamlippen (Exzision)
Typ III Die gesamten äußeren Geschlechtsteile (Klitoris, kleine und große Schamlippen) werden vollständig oder teilweise entfernt und die Wundränder anschließend, bis auf eine kleine Öffnung, für Urin und Menstruationsblut, zugenäht (Infibulation)
Typ IV Sonstige Eingriffe, bei denen die weiblichen Geschlechtsteile verletzt oder beschnitten werden und keinem medizinischen Zweck dienen.

Bei rund 80 Prozent der verstümmelten Frauen wurden die Methoden I und II angewendet.

15 Prozent sind infibuliert (vgl. WHOb)

2.2 Das Verfahren

Grundsätzlich ist festzustellen, dass es kein einheitliches Verfahren für FGM gibt, sondern ganz unterschiedliche Abläufe und Rahmenbedingungen, je nach Kultur, bestehen. Im Folgenden möchte ich daher die Schilderungen von Waris Dirie in ihrem Buch Wüstenblume als Beispiel zusammenfassen.

Waris Dirie beschreibt, wie sie nachts aufgeregt in ihrem Bett lag und darauf wartete, dass ihre Mutter sie abholen kommt. Schon der Abend zuvor war aufregend für sie gewesen, denn sie bekam Zuwendung von allen Seiten und stand zum ersten Mal in ihrem Leben im Mittelpunkt. Am frühen morgen ging es dann endlich los. Waris trottete ihrer Mutter ahnungslos hinterher. An einem Busch angekommen, wurde sie von ihrer Mutter festgehalten und bekam ein Stück Wurzel in den Mund gesteckt. Die Beschneiderin packte eine zerbrochene Rasierklingen aus ihrer Tasche und begann damit, Waris die Geschlechtsteile zu verstümmeln. Um ihre Familie nicht zu enttäuschen, versuchte sie die qualvollen Schmerzen auszuhalten. Sie rührte sich nicht und unterdrückte ihre Schreie, bis sie bewusstlos wurde. Waris wurde, bis auf eine kleine Öffnung, wieder zu genäht und von der Hüfte abwärts für mehr als einen Monat zusammengebunden, damit die Wunde verheilen konnte (vgl. Dirie, 1999, 55ff).

Die meisten Mädchen freuen sich auf ihre „Beschneidung“, da sie dann als richtige Frau anerkannt werden. Sie haben keine Ahnung davor, was ihnen bevorsteht. Über die Schmerzen oder Gefahren wird nie gesprochen. Das Thema ist tabu (vgl. Lightfoot-Klein, 1993, 71f). Die Mädchen werden morgens abgeholt, damit niemand ihre Schreie hören kann (vgl. Dirie, 1999, 55).

Viele Mädchen überleben den Eingriff nicht, andere sterben kurz danach auf Grund von zu hohem Blutverlust, Infektionen und anderen Komplikationen. Diejenigen, die überleben, haben unter einer Vielzahl von körperlichen und seelischen Folgen zu leiden, welche im zweiten Kapitel näher aufgeführt und erläutert werden sollen.

2.3 Die Bedeutung von Religion und Tradition

Heutzutage glauben viele Menschen, dass weibliche Genitalverstümmelung eine Praktik aus dem Islam ist und auf Grund von muslimischen Glaubensvorstellungen angewendet wird. Es besteht jedoch kein offensichtlicher Zusammenhang zwischen dem Islam und FGM.

Vielmehr wurde der Eingriff in afrikanischen Ländern schon vor deren Islamisierung durchgeführt. FGM wird demnach als vor-islamischer Brauch bezeichnet. Auch zeigen wissenschaftliche Studien, dass weibliche Genitalverstümmelung nicht nur ein Phänomen bei Muslimen ist, sondern auch Christen, Juden, Atheisten und Angehörige anderer Naturreligionen FGM praktizieren (vgl. Peller, 2002, 91f).

Die weibliche Genitalverstümmelung findet im Koran, der Hauptquelle des islamischen Rechts, keinerlei Erwähnung. Vielmehr wird das Recht der Frau auf körperliche Unversehrtheit und auf ein erfülltes Geschlechtsleben beschrieben. Selbst der Prophet Mohammed, das Vorbild aller Muslime, hatte seine Töchter nicht beschneiden lassen (vgl. Baghajati, 2005, 180f).

Diejenigen muslimischen Bevölkerungsgruppen, die FGM praktizieren, berufen sich jedoch fälschlicherweise auf den Islam (vgl. Bossaller, 1997, 209). Das liegt daran, dass in den Hadithen - Empfehlungen zu einer muslimischen Lebensweise - von einer der vier Denkschulen des Islams von weiblicher Beschneidung die Rede ist. Diese Hadithen gelten jedoch als schwach, also als nicht sehr glaubwürdig (vgl. Noibi, 2005, 190f). Somit wird deutlich, dass der Koran keine Schuld für die weibliche Genitalverstümmelung hat, die Religion jedoch die Verantwortung trägt.

Die Einzigen, die diese falsche Information richtig stellen könnten, sind daher die islamischen Religionsführer, denn „kein Gesetz, keine Aufklärungskampagne, keine Polizei, keine Gerichtsstrafe, keine politische Überzeugungsarbeit hat eine solche Macht wie die kirchlichen Würdenträger“ (Dirie, 2005, 174).

Bei nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen spielen Mythen eine große Rolle für die Begründung der Praktizierung von FGM. So wird unter anderem davon ausgegangen, dass ein Säugling durch die Berührung der Klitoris der Mutter bei der Geburt getötet wird (vgl. Caflisch/Mirabaud, 2007, 46).

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass FGM eher kultur- als religionsspezifisch ist und somit eher aus Tradition, als auf Grund von Religion praktiziert wird. Die Religionszugehörigkeit von bestimmten Bevölkerungsgruppen beeinflusst zwar den Eingriff, jedoch liegt FGM weitaus vielschichtigeren Ursachen zu Grunde. Beispiele dafür wären die Unterdrückung und Kontrolle der Frau, FGM als Voraussetzung für die Ehe oder ästhetische und hygienische Gründe.

3 Folgen weiblicher Genitalverstümmelung

Im folgenden Kapitel sollen im ersten Teil mögliche kurz- und langfristige körperliche Folgen, sowie Auswirkungen bezüglich der Sexualität, beschrieben werden, die nach einer Genitalverstümmelung eintreten können. Im zweiten Teil sollen seelische und psychosoziale Folgen dargestellt werden. Allgemein ist jedoch zu sagen, dass die Konsequenzen, je nach Grad der Verstümmelung, unterschiedliche Ausmaße annehmen können.

3.1 Körperliche Folgen

Die möglichen körperlichen Folgen von FGM lassen sich in früh auftretende Probleme und Spätfolgen unterteilen.

Zu den kurzfristigen Folgen zählen unter anderem die gravierenden Schmerzen direkt bei dem Eingriff, da dieser meist ohne Betäubung durchgeführt wird und es sich bei der Operationsstelle um hoch sensibles Gewebe handelt (vgl. Okroi, 2001, 62). Waris Dirie spricht von qualvollen Schmerzen: „(...) also ob dir jemand ein Stück Fleisch aus dem Oberschenkel reißt oder dir den Arm abreißt“ (Dirie, 1999, 57).

Durch den hinzukommenden enormen Blutverlust und die erlebten traumatischen Erfahrungen unmittelbar bei der Verstümmelung, kann ein Schockzustand ausgelöst werden, welcher in vielen Fällen - bei 30 Prozent aller infibulierten Mädchen - tödlich endet (vgl. Bauer/Hulverscheidt, 2003, 67).

Weitere Folgen sind unterschiedlich schwerwiegende Infektionen, wie z.B. Hepatitis, Tetanus oder HIV, auf Grund von nicht sterilen Operationsmittel oder traditionellen Heilmitteln, die direkt nach dem Eingriff auf die Wunde aufgetragen werden (vgl. Büchner, 2004, 37f). Die durch eine Vielzahl an Ursachen hervorgerufenen Infektionen können bestehen bleiben und sich in chronische Infektionen umwandeln (vgl. Bauer/Hulverscheidt, 2003, 68).

Da sich manche Mädchen wegen der Schmerzen wehren und um sich schlagen, können sie sich Knochenfrakturen und andere außergenitale Verletzungen zuziehen. Auch die möglicherweise mangelnden anatomischen Erfahrungen der Beschneiderinnen können zu Verletzungen der angrenzenden Organen führen (vgl. Rosenke, 2000, 48f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Weibliche Gentialverstümmelung
Untertitel
Betrachtung eines traditionellen Brauchs unter Menschenrechtsprespektive
Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V161846
ISBN (eBook)
9783640766901
ISBN (Buch)
9783640767113
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weibliche, Gentialverstümmelung, Betrachtung, Brauchs, Menschenrechtsprespektive
Arbeit zitieren
Lisa Aberle (Autor), 2009, Weibliche Gentialverstümmelung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161846

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