Vergleich Stottern/Poltern, mit Fokus auf psychosoziale Komponenten


Bachelorarbeit, 2010

61 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 STOTTERN
2.1 SYMPTOMATIK
2.1.1 Äußere Symptome
2.1.1.1 Kernverhalten
2.1.1.2 Sekundärsymptomatik
2.1.2 Innere Symptome
2.2 EPIDEMIOLOGIE
2.2.1 Beginn
2.2.2 Geschlechterverteilung
2.2.3 Remission
2.2.4 Verbreitung
2.2.5 Familiäre Häufung, Zwillingsstudien und Vererbung
2.3 WEITERE ASPEKTE DES STOTTERNS
2.3.1 Stottern - eine komplexe Störung
2.3.2 Stottern - eine Kommunikationsstörung
2.3.3 Stottern verändert das Interaktionsverhalten der Gesprächspartner
2.3.4 Stottern prägt die Person und ihren Lebensweg
2.3.5 Variabilität der Symptomatik
2.3.6 Die Kontextabhängigkeit des Stotterns
2.3.7 Angst und Vermeidung - zentrale Probleme bei Stottern
2.4 PSYCHODYNAMIK DES STOTTERNS

3 POLTERN
3.1 DEFINITION
3.2 SYMPTOMATIK
3.2.1 Erhöhtes und / oder irreguläres Sprechtempo
3.2.2 Phonetisch-phonologische Auffälligkeiten
3.2.3 Unflüssigkeiten
3.2.4 Sprachstörungen bei Poltern
3.2.5 Störungen im Bereich Kommunikation und Pragmatik
3.2.6 Prosodische Auffälligkeiten
3.2.7 Sprechpausen
3.2.8 Atmung und Stimme
3.2.9 Schriftsprachliche Auffälligkeiten
3.2.10 Selbstwahrnehmung und Sprechkontrolle (Monitoring)
3.2.11 Aufmerksamkeit / Konzentration / allgemeine Merkfähigkeit
3.2.12 Auditive Wahrnehmung und Verarbeitung
3.2.13 Visuelle Wahrnehmungsstörungen und Poltern
3.2.14 Kognition und Poltern
3.2.15 Grob- und Feinmotorik
3.2.16 Verhalten und Persönlichkeit
3.3 AUFTRETENSHÄUFIGKEIT UND VERLAUF
3.3.1 Auftretenshäufigkeit
3.3.2 Verlauf
3.4 HYPOTHESEN ZUR ÄTIOLOGIE
3.4.1 Erklärungsansätze
3.4.2 Poltern und Heredität
3.4.3 Neurophysiologische Befunde und Erklärungshypothesen

4 DIFFERENTIALDIAGNOSTIK STOTTERN - POLTERN
4.1 GEMEINSAMKEITEN ZWISCHEN STOTTERN UND POLTERN

5 METHODIK
5.1 INTERVIEWLEITFADEN
5.1.1 Betroffene
5.1.2 Angehörige
5.1.3 Frau Mag. Dr. Marianne Augustin
5.2 DURCHFÜHRUNG

6 ERGEBNISSE DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG
6.1 INTERVIEWS MIT DEN BETROFFENEN
6.2 INTERVIEWS MIT DEN ANGEHÖRIGEN
6.3 FRAU MAG. DR. MARIANNE AUGUSTIN

7 INTERPRETATION UND CONCLUSIO

8 REFLEXION

9 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Mein Interesse an Redeflussstörungen beruht, u.a., auf meiner Rolle als Angehörige eines Betroffenen. Aufgrund dessen wollte ich v.a. die psychosozialen Komponenten von Stottern und Poltern in dieser Arbeit untersuchen.

Auf der anderen Seite ist Poltern in Wissenschaft und Forschung sowie in der Öffentlichkeit eher unterrepräsentiert, weshalb ich mich dieser Störung in Vergleich zu Stottern widmen wollte.

Die geringe Wertigkeit des Polterns beruht, u.a., auf Annahmen über die „Polter- Persönlichkeit“, im Vergleich zur s.g. „Stotterpersönlichkeit“. Polternden Menschen wird, im Gegensatz zu Stotternden, eine geringe Wahrnehmungsfähigkeit sowie ein geringer Leidensdruck und daraus resultierende geringe Therapiemotivation nachgesagt. Diesen Annahmen nachzugehen ist Teil ist dieser Arbeit.

Einen weiteren Aspekt stellt die Frage nach psychosozialen Einflüssen und Auswirkungen dar. Schließlich gibt es Ansichten wonach, v.a. bei Stottern, das Familiensystem ausschlaggebend für die Entstehung der Störung ist. Auch dies wird in dieser Arbeit behandelt, gleichermaßen für Stottern als auch für Poltern.

Im Rahmen des Theorieteils der Arbeit werden Stottern und Poltern hinsichtlich der Symptomatik sowie Ursachen und Auswirkungen der Störung untersucht.

Der empirische Teil basiert auf Interviews mit Betroffene beider Störungsbilder sowie deren Angehörigen und einer Psychologin.

Hierbei werden psychosoziale Aspekte hinterfragt als auch Hinweise zu einer interdisziplinären Therapie gegeben.

Anmerkung zu „Gender Mainstreaming“:

Aufgrund der leichteren Lesbarkeit wird, wegen der überwiegend männlichen Betroffenen, durchgehend die männliche Form verwendet.

Ausnahme bildet „Logopädin“ bzw. „Logopädinnen“, da in diesem Beruf der Frauenanteil überwiegt.

2 Stottern

„Stottern“, besser gesagt „idiopathisches Stottern“, ist eine der häufigsten und bekanntesten Sprechstörungen, welche sich ohne offensichtlichen Anlass in der Kindheit entwickelt (vgl. Natke, 2005, S.7). Eine weitere Form von Stottern ist das „erworbene Stottern“, welches plötzlich, aufgrund von Schädigungen des Nervensystems, auftritt, beispielsweise nach einem Schlaganfall (vgl. Wendlandt, 2009, S.7). Auf diese Form des Stotterns möchte ich allerdings in dieser Arbeit nicht weiter eingehen.

Zum Stottern gibt es eine Vielzahl von Definitionen. Bei einigen kommt es häufig zu Kontroversen, insbesondere dann, wenn die Definition Spekulationen zur Ursache des Stotterns enthält (vgl. Natke, 2005, S.7).

In der „International Classification of Diseases“ (ICD-10; Dilling 1993; zitiert nach Natke, 2005, S.8) in der Stottern definiert wird, fehlen das unwillkürliche Auftreten und die Unkontrollierbarkeit, die zwei wesentliche Aspekte des Stotterns darstellen (vgl. ebd., S.8):

„Stottern ist ein Sprechen, das durch häufige Wiederholung oder Dehnung von Lauten, Silben oder Wörtern, oder durch häufiges Zögern und Innehalten, das den rhythmischen Sprechfluß [sic!] unterbricht, gekennzeichnet ist. Geringfügige Dysrhythmien dieses Typs sind in einer Durchgangsphase in der frühen Kindheit oder im Erwachsenenalter recht häufig. Sie sind als Störung nur zu klassifizieren, wenn ihre Ausprägung die Sprechflüssigkeit deutlich beeinträchtigt. Begleitende Bewegungen des Gesichts und anderer Körperteile, die zeitlich mit den Wiederholungen, Dehnungen oder Pausen im Sprechfluß [sic!] zusammenfallen, können vorkommen...“ (F98.5, S.322; zitiert nach Natke, 2005, S.8)

Weiters ist Stottern häufig mit überhöhter Anspannung artikulatorischer oder laryngealer Muskeln verbunden. Außerdem ist hinzuzufügen, dass Betroffene Stottern als motorischen Kontrollverlust erleben und sich während des Stotterereignisses nicht im Stande fühlen, Einfluss auf das Stottern zu nehmen. Zusätzlich kommt es zu einer verringerten Wahrnehmung externer Reize (vgl. Natke, 2005, S.8).

2.1 Symptomatik

Eine ausgeprägte Stottersymptomatik kann auf den Hörer chaotisch und zufällig wirken, wobei jedoch bei genauerer Betrachtung meist stereotype Muster erkennbar werden. Es muss hinzugefügt werden, dass es schwer stotternden Personen in bestimmten Situationen möglich ist, ganz oder fast stotterfrei zu sprechen (vgl. Natke, 2005, S.15). Die Symptome des Stotterns werden häufig in äußere oder körperliche (overt features) und innere oder psychische (covert reactions) Symptome eingeteilt.

Overt features: von der Umwelt unmittelbar hör- und sichtbare Symptome, die physikalisch nachgewiesen werden können.

Covert reactions: auf das Stottern bezogene Gefühle und Einstellungen, die vom Zuhörer nicht zwangsläufig wahrgenommen werden (vgl. ebd., S.15).

2.1.1 Äußere Symptome

Die äußeren Symptome bei Stottern sind von einer großen Variabilität gekennzeichnet. Die Schwere des Stotterns ist individuell verschieden und reicht von kaum wahrnehmbaren bis hin zu extrem auffälligen Erscheinungen. Sie unterliegt außerdem im Laufe des Lebens einigen Schwankungen.

Einen Sonderfall stellen Stotternde dar, deren Stottersymptomatik kaum zu erkennen ist. Diese Form des Stotterns wird als „inneres“ oder „kaschiertes“ Stottern bezeichnet. Die Symptomatik bei Stottern ist immer einzigartig: kein Stotternder stottert wie ein anderer. Jede stotternde Person spricht von „guten“ oder „schlechten“ Tagen, worüber allerdings keinerlei wissenschaftliche Studien vorliegen (vgl. Natke, 2005, S.16).

2.1.1.1 Kernverhalten

Stottern betrifft immer den gesamten Redefluss, stellt also kein Problem der Erzeugung einzelner Laute dar.

Das Kernverhalten, bestehend aus Repetitionen, Prolongationen und Blocks, tritt in unterschiedlichem Ausmaß bei allen stotternden Personen auf.

Repetitionen („klonisches Stottern“): Wiederholung einsilbiger Wörter, Silben und Laute. Die Wiederholung mehrsilbiger Wörter wird nicht als Stottern bezeichnet (vgl. ebd., S.16).

Prolongationen: hörbare Unterbrechungen des Redeflusses, die durch statische Positi onierung der Artikulatoren gekennzeichnet sind. Die Lautproduktion bzw. der Atemfluss wird fortgesetzt. Prolongationen dauern länger als die zu produzierende Silbe, über Sekunden bis hin zu Minuten.

Blocks („tonisches Stottern“): Zusätzlich zur Unterbrechung der Artikulationsbewe- gungen werden hierbei Lautproduktion und Atemfluss gestoppt, weshalb Blocks auch oftmals als „tense pauses“ oder „stille Prolongationen“ bezeichnet werden (vgl. ebd., S.17).

2.1.1.2 Sekundärsymptomatik

Die Sekundärsymptomatik muss von dem, bereits beschriebenen, Kernverhalten abgegrenzt werden.

Die Sekundärsymptomatik entwickelt sich zeitlich nach und in Folge des Kernverhaltens und wird deshalb als individuell unterschiedlich erlernte Reaktion auf dieses angesehen. Um nur einige Verhaltensweisen der Sekundärsymptomatik anzuführen:

Schnappen nach Luft Zukneifen der Augen Vorstrecken der Zunge Auf die Zunge Beißen Vorstülpen der Lippen Kopfnicken Plötzliche ganzkörperliche Zuckungen Krampfartige Bewegungen der Hände, der Arme oder des Kopfes Einschieben bedeutungsloser Silben, Wörter oder Phrasen (vgl. ebd., S.17).

Die beschriebenen Verhaltensweisen lassen sich in zwei Kategorien einteilen:

I. Reaktionen auf das Kernverhalten selbst (Anspannung der am Sprechen beteilig- ten Muskeln, Fluchtverhalten)

II. Reaktionen auf die Antizipation des Kernverhaltens (Vermeidungsverhalten).

Demnach kann die Sekundärsymptomatik in Flucht- und Vermeidungsverhalten unterteilt werden (vgl. ebd., S.17 - 18).

2.1.1.2.1 Fluchtverhalten

Das Fluchtverhalten ist eine Reaktion des Betroffenen auf das Stottern bzw. das Kernverhalten (Repetitionen, Prolongationen und Blocks) und kann als Versuch angesehen werden dieses zu beenden.

Beispiele von Fluchtverhalten:

Stoppen und neues Ansetzen beim Wort Willentliches Wiederholen der Silbe vor einem schwierigen Laut, was zur Aufschiebung dient Kopf- oder Körperbewegungen Mitbewegungen: können die gesamte Grob- und Feinmotorik betreffen.

Dieses und ähnliches Verhalten ist in seinem ursprünglichen Sinne funktionell, um ein Stotterereignis zu beenden, verliert seine Funktionalität allerdings im Laufe der Zeit und bleibt, dem Stotternden unbewusst, bestehen (vgl. ebd., S.18 - 19).

2.1.1.2.2 Vermeidungsverhalten

Als Vermeidungsverhalten werden Reaktionen auf die Antizipation des Kernstotterverhaltens bezeichnet. Es kommt zur Realisierung eines Verhaltens das das Auftreten von Stottern ver- hindern soll.

Beispiele von Vermeidungsverhalten:

Nonverbales Vermeidungsverhalten: Meiden von Blickkontakt, Vermeiden bestimmter Sprechsituationen, wie Telefonieren.

Verbales Vermeidungsverhalten: Austauschen von Wörtern, die ein Stotterereignis befürchten lassen, durch Synonyme, Umschreibungen, schnelles monotones oder akzentuiertes Sprechen.

Diese Strategien können früher einmal möglicherweise zu einer Reduktion der Stottersym- ptomatik geführt haben, haben jedoch meist im Laufe der Zeit ihre Wirksamkeit verloren. Eine weitere Form des Vermeidungsverhaltens ist das s.g. „Aufschieben“, wobei die Produk- tion von Flicklauten (Embolophonien, wie „äh“, „mmh“) charakteristisch ist. Diese können auch funktionell zum Initiieren der Phonation oder als „Starter“ (vermeintlich leicht auszu- sprechende Wörter zu Beginn einer Äußerung) eingesetzt werden (vgl. ebd., S.19 - 20).

2.1.1.2.3 Entwicklung der Sekund ä rsymptomatik

Im Laufe der Zeit automatisieren sich alle, bereits erwähnten, Bewältigungsstrategien, verlie ren die willkürliche Kontrollierbarkeit und werden zu einem Bestandteil der Symptomatik (vgl. ebd., S.20 - 21).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 : Typischer Ablauf eines Stotterereignisses bei entwickeltem Stottern (Natke, 2005, S.22).

2.1.2 Innere Symptome

Unter Inneren Symptomen oder covert reactions werden Gefühle, Reaktionen und Einstellun- gen der stotternden Person verstanden, die für die „Außenwelt“ nicht unmittelbar zu beobach- ten sind.

Das am häufigsten beschriebene Gefühl bei Stottern ist Angst. Dies kann einerseits Angst vor sozialer Ablehnung aufgrund negativer Zuhörerreaktionen und andererseits Angst vor dem motorischen Kontrollverlust und der Unfähigkeit zur Kommunikation sein. Diese Angst kann sich auf Panik ausweiten.

Neben Angst sind weitere häufige Gefühle bei Stottern: Scham

Verlegenheit

Schuld (den Zuhörer in die mutmaßlich unangenehme Lage gebracht zu haben, dem Stottern zuhören zu müssen) Frustration Aggression.

Bei chronisch stotternden Personen entwickelt sich mit der Zeit oftmals ein Selbstbild als ge- störter Sprecher, das in weiterer Folge zu negativen Einstellungen zu sich selbst und dem Sprechen gegenüber führen kann. Der Stotternde nimmt an, dass er von seinem Gesprächs partner als nervös und dumm angesehen wird, was nicht immer von der Hand zu weisen ist.

Stotternde neigen dazu, ihr Stottern möglichst zu verbergen, was aus negativen Zuhörerreaktionen, wie Wegschauen, Ungeduld, Hänseln, etc., resultieren kann aber nicht zwingend muss. Oftmals kommt es bei Stottern zu einer s.g. „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“, indem aus der Befürchtung bei bestimmten Lauten, Silben oder Sätzen „stottern zu müssen“, gerade bei diesen erst recht gestottert wird.

Die am häufigsten gestotterten Wörter sind jene die sich nicht vermeiden lassen, wie z.B. der eigene Name (vgl. Natke, 2005, S.22 - 23).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Stottersymptomatik (Natke, 2005, S.23).

2.2 Epidemiologie

2.2.1 Beginn

Das idiopathische Stottern beginnt im Allgemeinen bereits in der Kindheit (vor dem 12. Lebensjahr). Manche Eltern geben als Auslöser ein einschneidendes Ereignis, wie die Geburt eines Geschwisterteils oder ein Todesfall, in der frühen Kindheit ihres Kindes an. In den meisten Fällen kann allerdings kein spezifisches Ereignis mit dem Beginn des Stotterns assoziiert werden (vgl. Natke, 2005, S.10).

2.2.2 Geschlechterverteilung

Bei älteren Kindern und Erwachsenen die stottern, beträgt das Verhältnis Jungen zu Mädchen 4 zu 1 bis 5 zu 1.

Warum diese Verteilung des Stotterns auf die Geschlechter zu beobachten ist, ist nach wie vor ungeklärt. Ein möglicher Erklärungsversuch ist die generell zu beobachtende Tendenz des männlichen Geschlechts zu einer Schwäche im Bereich Sprache und Kommunikation. Eine weitere Annahme sind die unterschiedlichen Arten der Erziehung bei Jungen und Mädchen, die jedoch schwierig zu untersuchen ist (vgl. ebd., S.11).

2.2.3 Remission

Bei einem Großteil der Kinder, v.a. bei Mädchen, geht das Stottern bis zum Pubertätsalter verloren. Inwieweit diese Remission einer Therapie zu verdanken ist oder sich spontan zurückbildet ist unerforscht (vgl. ebd., S.11 - 12).

2.2.4 Verbreitung

Da eine vollständige Heilung des Stotterns im Erwachsenenalter selten zu beobachten ist, wird sowohl bei präpubertären Schulkindern als auch bei Erwachsenen, die stottern, eine Prävalenz von 1% angenommen.

Ein vermehrtes Auftreten von Stottern findet sich unter Epileptikern, bei Zerebralparesen und anderen neurologischen Syndromen.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätssyndrom) ist bei Stotternden häufiger zu beobachten als bei nicht stotternden Menschen, Gehörlosigkeit tritt bei Stotternden weniger häufig, um nicht zu sagen extrem selten, auf (vgl. ebd., S.12 - 13).

2.2.5 Familiäre Häufung, Zwillingsstudien und Vererbung

Einigen Untersuchungen zufolge tritt Stottern familiär gehäuft auf, wobei Frauen einen höheren Anteil stotternder Verwandten aufweisen. Auch ergaben Zwillingsstudien zu Stottern eine höhere Konkordanzrate, d.h. eine häufigere Übereinstimmung bei eineiigen als bei zweieiigen Zwillingen. Demnach scheinen bei der Entstehung des Stotterns sowohl genetische als auch Umgebungsfaktoren eine Rolle zu spielen, wobei zu erwähnen ist, dass die bisherigen Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass eine Prädisposition keine notwendige Voraussetzung für das Entstehen des Stotterns darstellt (vgl. ebd., S.13 - 14).

2.3 Weitere Aspekte des Stotterns

2.3.1 Stottern - eine komplexe Störung

Stottern wirkt sich nicht nur auf das Sprechen, sondern auf, mehr oder weniger, alle Lebens- bereiche der betroffenen Person aus. Es zeigt sich in, vom Sprechen unabhängigen, ganzkör- perlichen Verspannungen, wirkt sich auf die Kontaktgestaltung zu anderen Menschen aus, beeinflusst Fühlen, Erleben und Denken des Betroffenen sowie seine Einstellung zu sich und seiner Umwelt, aber auch sein Handeln und seine Vorstellungen über die Zukunft. All diese Bereiche sollten daher in der Therapie des Stotterns Beachtung finden und mit einfließen (vgl. Wendlandt, 2009, S.2).

2.3.2 Stottern - eine Kommunikationsstörung

Die Sprechfähigkeit ist bei Stottern nicht gestört. Jeder Stotternde erlebt (individuell unter- schiedliche) Situationen in denen er flüssig sprechen kann. Eine dieser Situationen ist aller- dings generalisierbar: wenn Stotternde alleine vor sich hin sprechen, also Selbstgespräche führen.

Vorzugsweise stottern Betroffene im sprachlichen Kontakt mit anderen Menschen, was die Bezeichnung des Stotterns als Kommunikationsstörung deutlich macht. Nicht das „Sprechen“, sondern das „Sprechen beim Kommunizieren“ ist beeinträchtigt.

Es wurde beobachtet, dass sich die Stottersymptomatik unter Kommunikationsverantwort- lichkeit und -druck verstärkt, d.h. wenn sich die stotternde Person für die Kommunikation an sich und / oder deren Ergebnis verantwortlich fühlt. Dies wiederum macht deutlich, dass sich in der Therapie des Stotterns auch mit dem (positiven) Erleben von Kommunikation ausei- nandergesetzt werden muss. Ziel wäre es hierbei, sich mit einer gewissen Neugier, allerdings mit gleichzeitiger Gelassenheit, auf Gespräche einlassen zu können (vgl. ebd., S.3).

2.3.3 Stottern verändert das Interaktionsverhalten der Gesprächspartner

Die Stottersymptomatik beeinträchtigt häufig nicht nur den Betroffenen sondern auch seine Gesprächspartner. Anspannung, fehlender Blickkontakt, etc. können sich auf das Gegenüber übertragen. Weiters löst das Stottern bei der anderen Person oftmals Ungeduldsreaktionen aus, was wiederum die Stotterersymptomatik des Stotternden verstärkt. Ein Teufelskreis ent steht.

Auch dieser Aspekt des Stotterns sollte in die Therapie mit einfließen, z.B. in Form von Miteinbeziehen der Angehörigen des Patienten, wobei, u.a., das Bewusstsein für die Mitverantwortung im kommunikativen Störungsgeschehen geweckt werden soll (vgl. ebd., S.3).

2.3.4 Stottern prägt die Person und ihren Lebensweg

Es ist durchaus nachvollziehbar, dass das Stottern das gesamte Leben des Betroffenen beein- flusst und prägt. Man denke nur an die vielen belastenden und kränkenden (Sprech-) Erfah- rungen, die ein Stotternder mit hoher Wahrscheinlichkeit im Laufe seines Lebens macht. Sie haben Auswirkungen auf die Psyche und Identität des Betroffenen. Stottern betrifft demnach das Erleben und Verhalten der Person und seine individuelle Lebensentwicklung, wie Vorbereitung, Durchführung und Bewertung der Kommunikation, Wahrnehmung sozialer Beziehungen, Berufswahl, Erwartungen an das Leben und Bewältigungsstrategien (vgl. ebd., S.4).

2.3.5 Variabilität der Symptomatik

Im Stottern ist anfänglich nur schwer eine „Logik“ erkennbar, was im Betroffenen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Ausgeliefertheit hervorrufen kann. Daraus wird ersichtlich, welch wichtige Stellung Analyse und Möglichkeiten der Einflussnahme in der Therapie haben. Ein weiterer essentieller Punkt ist die geringe sprechmotorische Steuerungsfähigkeit unbehandelter Stotterer, da Mitmenschen oftmals die Erwartung haben, durch intensiveres Bemühen könne der Betroffene der Störung „Herr“ werden.

Stotternde sind also, ohne therapeutische Interventionen, nicht in der Lage, sowohl Auftreten bzw. Nichtauftreten als auch die Stärke von Stotterereignissen zu kontrollieren. Wie bereits eingangs erwähnt, entwickeln die Betroffenen Bewältigungsstrategien (u.a. Flucht- und Ver- meidungsverhalten), um dem Stottern zu entfliehen, die sich jedoch mit der Zeit verselbst- ständigen können, wodurch sie ebenfalls unkontrollierbar erscheinen (vgl. ebd., S.4 - 5).

2.3.6 Die Kontextabhängigkeit des Stotterns

Stottern kann von einer Reihe von inneren und von außen kommenden Faktoren verändert werden. Beispielsweise stottern Betroffene kaum oder gar nicht wenn sie sich unbeobachtet fühlen, wie z.B. im Kontakt mit Tieren oder Kleinkindern. Andererseits können Glücksgefüh- le, aber auch Englischsprechen, den Schweregrad des Stotterns verstärken. Diese Wechselhaf- tigkeit kann sowohl von spezifischen Erwartungen als auch von spezifischen Ängsten beein- flusst werden. Eine weitere Aufgabe der Stottertherapie ist es daher, mit dem Stottern und dessen (situationsabhängigem) Auftreten zu experimentieren (vgl. ebd., S.5 - 6).

2.3.7 Angst und Vermeidung - zentrale Probleme bei Stottern

Wie bereits erwähnt, werden Erleben und Verhalten des Betroffenen maßgeblich von Ängsten und Unsicherheiten bestimmt. Zu unterscheiden sind hierbei „Stotterangst“ (Angst vor dem Stottern) und „Sprechangst“ (generelle Angst vor dem Sprechen). Schlagworte, im Zusammenhang mit diesen Ängsten sind Kontakt, Selbstdarstellung, Selbstwert und Identität.

Mit der Zeit entwickelt der Stotternde Verhaltensweisen, wie Vermeidung, die sein gesamtes Leben beeinflussen.

Der Leidensdruck eines Stotternden setzt sich also zusammen aus Unflüssiger Sprechweise, Starken negativen Gefühlen und Gedanken, die um das eigene Versagen und die mangelnde Akzeptanz seitens der Mitmenschen kreisen sowie Beschränkungen und Grenzen, die das Leben von Stotternden charakterisieren (Vermeidung und Flucht!).

Die Motivation eine Therapie zu beginnen bzw. sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen lautet demnach häufig: „Ich komme, weil mein Leben so nicht mehr weitergehen soll!“ (vgl. ebd., S.6)

2.4 Psychodynamik des Stotterns

Dr. Jürg Kollbrunner sieht Stottern von einer familiendynamischen Perspektive, wonach elter- liche und großelterliche Ängste zu so ernsthaften Verwirrungen in der Beziehung zu einem Kind führen, dass schlussendlich kindliches Stottern entsteht. Für Jürg Kollbrunner geht es in diesem Zusammenhang jedoch nicht um die familiären Belastungen unter denen stotternde Kinder aufwachsen, sondern um deren Ursachen, nämlich die Belastungen unter denen Ur- großeltern, Großeltern und Eltern des stotternden Kindes heranwuchsen, da die stotternden Kinder heutzutage häufig in einer Art „Kehrbild“ solcher Familien aufwachsen. Die Eltern stotternder Kinder wollen unter keinen Umständen wiederholen worunter sie selbst als Kinder gelitten haben und versuchen mit aller Kraft ein „harmonisches“ Familienleben entstehen zu lassen (vgl. Kollbrunner 2004, S.281 - 283).

„Wer sich selbst nicht lieben kann, ist meist wenig fähig, andere zu lieben.“ Damit möchte Jürg Kollbrunner die Sehnsucht des Menschen nach Sicherheit, Aufmerksamkeit und Zärt- lichkeit zum Ausdruck bringen. Erhalten nun Menschen in ihrer Kindheit wenig emotionale Zuwendung, um sich geborgen fühlen zu können (beispielsweise die, unter tyrannischen Großeltern leidenden, Eltern stotternder Kinder), so entwickeln diese ein überstarkes Bedürf- nis nach Zuwendung, das die, bereits erwähnte, Kraft zu handeln vorantreibt (vgl. ebd., S.288).

Das Argument, wonach sein Erklärungsmodell zu verwerfen wäre, da ja nicht alle Kinder „solcher“ Eltern, demnach die Geschwister, stottern, weist Jürg Kollbrunner insofern von der Hand, als dass er betont, dass jedes Kind einer Familie in eine andere Familiensituation hineingeboren werde (vgl. ebd., S.289).

3 Poltern

Poltern ist in Wissenschaft und Forschung sowie in der Therapie von s.g. Redeflussstörungen derzeit noch unterrepräsentiert. Dies scheint sich, u.a., auf den überlieferten negativen Persönlichkeitsmerkmalen polternder Menschen zu begründen. Ein weiterer Grund dürfte das geringe Interesse der Betroffenen an Therapien sein, das vermutlich aus dem geringen Störungsbewusstsein resultiert (vgl. Sick, 2004, S.4).

3.1 Definition

Eingangs muss erwähnt werden, dass zahlreiche Definitionen von Poltern vorliegen, die allerdings stark variieren (vgl. ebd., S.8).

Ich beschränke mich in dieser Arbeit auf die Zusammenfassung einiger Definitionen des Pol- terns nach Ulrike Sick, die in ihrer „deskriptiven Arbeitsdefinition“ des Polterns versucht eine Definition zu finden, die dieser Störung sowohl in Bestimmung und Beschreibung des Kern- verhaltens als auch in der Mannigfaltigkeit der Symptome gerecht wird. In diese fließen Er- gebnisse einer, von Sick durchgeführten, empirischen Untersuchung zwischen Poltern und Schnellsprechen ein, die sich auf Sprechtempo, Unflüssigkeiten und phonetische Auffälligkei- ten beziehen (vgl. ebd., S.13).

„Poltern“ nach Ulrike Sick:

„Poltern zeigt sich in einem gehäuften Auftreten phonetischer Auffälligkeiten, wie Auslas- sungen und Verschmelzungen von Lauten und Silbenfolgen, Lautersetzungen und Lautverän- derungen, die häufig zur Unverständlichkeit von Äußerungen führen, bei einer hohen und / oder irregulären Artikulationsrate. Häufig treten zusätzlich Unflüssigkeiten in Form von Sil- ben-, Wort-, Laut- oder Satzteilwiederholungen auf (Sick 1999; zitiert nach Sick, 2004, S.13). Die Diagnose wird gestützt durch Störungen aus den Bereichen Kommunikation / Pragmatik, der auditiven Wahrnehmung und Verarbeitung, Aufmerksamkeit, syntaktisch-morphologische und semantisch-lexikalische Störungen sowie Störungen der sprachlichen Strukturierung“ (Sick, 2004, S.13).

[...]

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Details

Titel
Vergleich Stottern/Poltern, mit Fokus auf psychosoziale Komponenten
Hochschule
FH Joanneum Graz  (Logopädie)
Autor
Jahr
2010
Seiten
61
Katalognummer
V161868
ISBN (eBook)
9783640753598
ISBN (Buch)
9783640753628
Dateigröße
1950 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Stottern/Poltern, Fokus, Komponenten
Arbeit zitieren
Anna Stenzel (Autor), 2010, Vergleich Stottern/Poltern, mit Fokus auf psychosoziale Komponenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161868

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