Der Freier als sozialer Typus


Hausarbeit, 2008

25 Seiten, Note: 2,3

Michael Merk (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die Entwicklung der Prostitution im Frankfurter Bahnhofsviertel
1.2 Gesetzliche Grundlagen für Freier/ Das Prostitutionsgesetz

2. Das Konzept eines typischen Freiers

3. Theoretische Untersuchung des Freiers
3.1 Girtler
3.2 Kleiber und Velten

4. Versuch der empirischen Annäherung an den Freier
4.1 Beobachtungen auf dem Straßenstrich
4.2 „Besichtigung“ eines Stundenhotels
4.3 Freier sein im Crazy Sexy
4.4 Gespräch mit einem Freier
4.5 Versuch des Interviews mit einer Prostituierten

5. Fazit

1. Einleitung

Auf viele Männer übt das Frankfurter Bahnhofsviertel eine magische Anziehungskraft aus. Es bietet wie in Deutschland sonst nur St. Pauli eine Vielzahl Nachtclubs, Laufhäusern, Striplokalen, Amüsierbars, Hotels und Spielcasinos auf engstem Raum. Die Laufhäuser stechen besonders hervor durch ihre rot strahlenden Neonleuchtreklamen. Auf den Straßen wird von Leuten, die sich selbst auch als „Baggerer“ bezeichnen um Männer geworben, um sie in die Bars und Nachtclubs zu holen. Prostituierte stehen am Straßenrand und warten auf Freier, später am Abend gehen sie auch auf Leute zu, um sie gezielt anzusprechen. Interessierte Männer fahren im Auto um den Block, die Augen mehr auf die Frauen gerichtet, als auf die Straße. In dunklen Ecken bieten zwielichtige Gestalten ihre Waren an und Hütchenspieler versuchen unbedarfte Menschen um ihr Geld zu prellen.

Das Bahnhofsviertel ist das Eingangstor für Fremde und Touristen aus aller Welt nach Frankfurt. Geschäftsreisende, Messegäste und ebenso die unzähligen Berufspendler strömen auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten oder auf dem Weg zur Arbeit durch das Viertel. Auf der Kaiserstraße und ihren Nebenstraßen begegnen ihnen Prostituierte, Freier, Dealer, Geschäftemacher und Drogenabhängige. So unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich ihre Gründe sind um in das Bahnhofsviertel zu gehen, oder es zu durchqueren, so verschieden ist auch das Angebot an Dienstleistungen, Geschäften und Waren. Neben den Rotlichtbetrieben, Call-Shops und Hotels welche Zimmer stundenweise speziell für Prostituierte und Freier anbieten, findet man Apotheken, Kanzleien und Theater. Das Viertel ist geprägt von der Mischung aus Vergnügungsetablissements gemischten Niveaus und ganz „normalen“ Geschäften. Indische Restaurants, türkische Basare und deutsche Traditionsgeschäfte existieren hier nebeneinander und zeichnen ein vielschichtiges und zuweilen exotisches Straßenbild ab. Die kulturelle Vielfalt setzt sich auch in der Bevölkerung des Viertels fort, die zur Hälfte aus Ausländern verschiedenster Herkunft gebildet wird. Araber prägen genauso selbstverständlich wie Türken und Deutsche die Charakteristik des pulsierenden Viertels.

Diese Mischung aus der ästhetischen Architektur und der Verruchtheit der Etablissements, aus Bankiers mit Aktentasche auf dem Weg zur Arbeit und dem Obdachlosen auf der Straße wirkt zuweilen widersprüchlich. Der Freier überschreitet die offensichtlich erkennbare Grenze zwischen der „normalen“ gesellschaftlichen Welt und den devianten Bereichen des Bahnhofsviertels immerzu aufs Neue. Es stellt sich die Frage: gibt es einen typischen Freier und „beinhaltet der Eintritt in das soziale Feld der Prostitution die Ausbildung vielfältigster psycho-sozialer Beschädigungen, deren Ausagieren […] Formen gewaltvoller Fremd- und Eigenbeschädigungen bedeuten?“1 Oder ist der Mann schon von Natur aus in seiner Persönlichkeit deformiert, die den Wunsch nach käuflichem Sex entstehen lässt?

In privaten Gesprächen über das Thema dieser Hausarbeit wurde von vielen das Bild eines Freiers entworfen, als einen Mitleid erregenden Typen, der auf eine andere Art keine Möglichkeit hätte, seine sexuelle Identität kennen zu lernen. Geschlechtsspezifisch differenziert wurde auch das Bild eines Mannes geäußert, der seine durch Geld erworbene Macht über Frauen ausnutzt um ihnen Gewalt anzutun, da keine Frau sich freiwillig Prostituieren würde. Es gäbe nur einen positiven Aspekt: der Freier würde kein Verhältnis zu einer verheirateten Frau beginnen und so möglicherweise eine Ehe zerstören. Mehrheitlich kam es zu starken emotionalen Reaktionen und zu der Position, dass Männer die zu Freiern werden bereits vorher „psychosoziale Beschädigungen“ aufweisen.

1.1 Die Entwicklung der Prostitution im Frankfurter Bahnhofsviertel

Erbaut wurde das Viertel innerhalb sehr kurzer Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts zwischen dem neuen Hauptbahnhof, welcher weit vor der Stadt lag und der Innenstadt, als Visitenkarte und Aushängeschild Frankfurts mit „elegante[n] Hotels, Cafés und Restaurants.“2

Doch spielte sich auf der Hinterbühne des neuen und noblen Viertels schon von Beginn an die Prostitution ab, da durch den regen Publikumsverkehr genug potentielle Kundschaft für Prostituierte zur Verfügung stand. Frauen mieteten sich gemeinsam Wohnungen in Häusern, um sich auf der Straße ihre Kunden zu suchen. Da das Image des Viertels nicht leiden sollte, wurden Prostituierte die sich ausschließlich auf den Straßen bewegten von der Polizei hart bestraft, während das Geschäft hinter den Kulissen toleriert wurde, „mit Kenntnis und Einverständnis“3 der Polizei.

Nachdem im zweiten Weltkrieg die Altstadt weitestgehend zerstört wurde und die Prostituierten dort nicht mehr ihren Geschäften nachgehen konnten, sammelten sie sich in der Nähe des Bahnhofs. Die Prostitution wurde erstmals deutlich auf der Vorderbühne wahrgenommen und gehörte von nun an zum Straßenbild.

Mit dem einsetzen des Wirtschaftswunders, dem Aufschwung Frankfurts als neues Finanz und Handelszentrum, als internationaler Verkehrsknotenpunkt und bekannter Messestandort, hielten sich zu jeder Zeit viele allein stehende Männer in der Stadt auf. Das einströmen von Messegästen, Männern auf Geschäftsreise und Gastarbeitern, welche aufgrund wachsendem Wohlstands mehr Geld zur Verfügung hatten, und auch eine bedeutende Zahl amerikanischer Soldaten, führte auch zu einer sprunghaften Zunahme der Prostitution. Gemeinsam ist diesen Männern, dass sie sich den Luxus der Prostitution leisten können und dass sie für eine kurze oder lange Zeit nicht in der Heimat sind. Das losgelöst sein aus dem normalen sozialem Umfeld und der daraus resultierende Zuwachs an Freiheit wurde genutzt, um ein vielfältiges sexuelles Angebot wahrzunehmen. Natürlich werden die Dienste auch von ortsansässigen wahrgenommen, der Motor für die Prostitution sind jedoch die durchreisenden Sexkonsumenten. Die steigenden Umsätze lockten weitere Prostituierte und Geschäftemacher an, die aus dem Bahnhofsviertel einen „erstklassigen“ Vergnügungsstandort machten. Die zentrale Lage Frankfurts in Deutschland galt als weiterer Standortvorteil, so dass komplette Betriebe aus Hamburg und Kaiserslautern nach Frankfurt verlegt wurden. „1964 gab es im Bahnhofsviertel bereits über 350 Gaststätten, Bars und Nachtlokale“4. Mit dem wachsen des Angebots geht auch eine verstärkte Anonymisierung einher. Unter dem Deckmantel der Masse versuchten viele unseriöse Geschäfte zu machen und die Zahl der Verbrechen nahm zu. Die Verrohung führte dazu, dass es in Hotels zu Morden an Prostituierten kam und diese daraufhin geschlossen werden mussten. Die Stadt stellte fest, dass sie nahezu keine Steuerungsmethoden mehr erfolgreich einsetzen konnte, um die illegale Prostitution auf der Straße einzudämmen und die organisierte Bandenkriminalität zu bekämpfen.

Die noch verbliebenen Hausbesitzer hatten ein Interesse daran entwickelt, ihre Liegenschaften an Bordellbetreiber und Prostituierte zu vermieten oder zu verkaufen, da die hohen Einnahmen für sie ein lohnendes Geschäft waren. Viele Mieter zogen aus dem Viertel, da die Lärmstörungen für sie unerträglich wurden. Sie fühlten sich auch durch den massiven Strom an Sexkonsumenten gestört. Die Prostitution breitete sich mittlerweile auch in anderen Vierteln aus und das Angebot an Dienstleistungen vervielfältigte sich. Zu den „normalen“ Haus- und Straßendirnen kamen Edelprostituierte, die mit „Luxusautos nachts um den Kaiserbrunnen“5 kreisten. In vielen gesellschaftlichen Schichten hatte sich wieder ein gewisser Wohlstand eingestellt, der auch einigen Prostituierten zu einem luxuriösen Leben verhalf. Die Zahl potentieller Freier stieg an und auch die, die regelmäßig Sexdienstleistungen in Anspruch nehmen, konnten es sich öfter leisten. Die Macht von „Unterweltgrößen“ gegenüber der Stadt nahm zu, so dass diese Geschäftsmänner sehr „obszöne und gewinnbringende Striptease-Vorführungen auf die Bühne“6 bringen konnten und sie letztendlich auch gegen den Widerstand der Stadt nicht einstellten.

Die 70er brachten zumindest in geringem Maße bessere Arbeitsbedingungen für die Prostituierten. Bis 1980 entstanden über 26 Bordelle im Bahnhofsviertel, was für die meisten Freier auch bedeutete sich erstmals legal die Dienstleistung kaufen zu können und nicht auf den illegalen Straßenstrich gehen zu müssen, auf dem das Angebot bisher am größten war. Mitte der 80er Jahre beschloss die Stadt das Viertel wieder aufzuwerten und keine weiteren Bordelle und Sexbetriebe mehr zuzulassen. In geringerem Maße breiteten sich jedoch auch weiterhin neue Formen des Sexangebots aus, wie Sexkinos, Sexshops und verruchte Animierbetriebe. Anfang der 90er Jahre investierte die Stadt viel in Ideen, um das Viertel aufzuwerten und so änderte sich das Quartier in vielfacher Hinsicht zum positivem.

Durch die Einrichtung von Druckräumen konnte die Drogenszene eingedämmt werden und die Abhängigen sammeln sich größtenteils in festen Bereichen. Die Polizei zeigt verstärkt Präsenz im Viertel, so dass seltener Gewaltszenen offen auf der Straße beobachtet werden können. Hütchenspieler und „professionelle“ Bettler sind nicht aus dem Straßenbild verschwunden, bekommen jedoch Druck, da sie das Risiko eingehen von zivilen Polizisten ertappt oder durch Razzien „aus dem Geschäft gedrängt“ werden. Die Prostitution findet größtenteils in den Laufhäusern statt und weniger unkontrolliert auf der Straße.

Von vielen Hotels wird das existieren von Prostitution in den Zimmern verneint, ein Blick von mir auf die Hinterbühne zeigt jedoch ein anderes Bild. Viele Freier nehmen für sich und die Prostituierte ein Zimmer. Teilweise kommt es wegen der starken Nachfrage auf dem Straßenstrich dazu, dass beide im Empfangsbereich warten, bis für sie ein Zimmer zur Verfügung gestellt wird. Eine relativ neue Entwicklung ist das Hotels Prostituierte „anstellen“, um sie Gästen auf Wunsch zur Verfügung zu stellen. Laut Herrn „Sonett“7, Hotelfachmann beim Hessischen Hof gehört dies zu dem „Rund- um Service.“

1.2 Gesetzliche Grundlagen für Freier/ Das Prostitutionsgesetz

Auf dem Straßenstrich ist es üblich, dass Konsumenten und Prostituierte ihre Identität nicht preisgeben. Die Gesprächsführung ist je nach Anbahnungsstrategie zumeist erstmal sachlich und bleibt immer anonym. Die Prostituierte spult ihr Angebot und ihre Preise ab und der Freier entscheidet ob er mit den Konditionen einverstanden ist. Möglicherweise versucht sie, um so auf einen Fetisch des Freiers einzugehen, oder durch Solidarität zu „befreundeten“ Sexarbeiterinnen, diese in das Gespräch zu integrieren, indem sie sie als Tochter vorstellt.

[...]


1 Gerheim, Udo: Patriarchale Vergesellschaftung und Subjektivität. Diplomarbeit an der Johann Wolfgang Goethe Universität Ffm. 1999 S. 31

2 Kreuzer, Margot Dominika: Die Entwicklung der Heterosexuellen Prostitution in Frankfurt am Main. Inaugural- Dissertation an der Johann Wolfgang Goethe Universität Ffm. 1987 S. 166

3 Ebd. S. 167

4 Kreuzer, Margot Dominika: Die Entwicklung der Heterosexuellen Prostitution in Frankfurt am Main. Inaugural- Dissertation an der Johann Wolfgang Goethe Universität Ffm. 1987 S. 173

5 Ebd. S. 174

6 Ebd. S. 177

7 dessen realen Namen ich nicht nenne, da er gewünscht hat anonym zu bleiben.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Freier als sozialer Typus
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Sozialstrukturanalyse des Frankfurter Bahnhofsviertels
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V161874
ISBN (eBook)
9783640769513
ISBN (Buch)
9783640769810
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frankfurt, Bahnhofsviertel, Rotlicht, Prostitution, Freier, Prostituierte, Striplokal, Hotel, Nachtclub, Laufhaus, Kaiserstraße, Devianz, Sozialtypus, Idealtyp
Arbeit zitieren
Michael Merk (Autor), 2008, Der Freier als sozialer Typus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161874

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