Freiheit erleben! Meine fünfmonatige Fahrradreise durch Sibirien und die Mongolei


Fachbuch, 2010

162 Seiten


Leseprobe

Inhalt

Vorwort
Was ist Freiheit?
Vom Gedanken zur Tat
Die Vorbereitung
Der Prolog
Abschied
Die ersten Kilometer
Testergebnisse und letzte Vorbereitungen

Teil 1: Markkleeberg - Kursk
Der ultimative Start - bye bye Germany
Polen - Abtauchen in ein anderes Leben
Krakau - eine wundervolle Stadt
Auf nach Osten - der Sonne und der ukrainischen Grenze entgegen
Die Ukraine - eine andere Welt
Lemberg, das Krakau der Ukraine
Die Kornkammer - Landwirtschaft aus einer vergangenen Zeit
Die Wodkamarke „Selbstgebrannt“
Im Bann der ukrainischen Hauptstadt
Endspurt der ersten Etappe
Erste Grenzerfahrungen

Vorwort

Was ist Freiheit?

„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“. Das erkannte schon Hoffmann von Fallersleben und da möchte ich mich direkt anschließen, denn Freiheit fängt im Kopf an.

Doch was ist diese Freiheit tatsächlich wert, wenn eine Umsetzung, ein entsprechendes Handeln niemals erfolgt. Vor 21 Jahren, im Jahre 1989 kam für die Menschen in dem Land in dem ich geboren wurde, der DDR, eine ganz entscheidende Form der Freiheit, die Reisefreiheit, hinzu.

Viele Menschen nutzten fortan ihre Möglichkeit zu reisen, auch meine Eltern und so fand auch ich Freude daran andere Länder und Kulturen kennenzulernen.

Später, auf eigenen Füßen stehend, musste ich allerdings feststellen, dass diese Freiheit des Reisens nur eine scheinbare Freiheit ist. Zwischen dem Job hier und Terminen da werden die vier Wochen Jahresurlaub gequetscht, jeder Tag bestens verplant, so dass auch möglichst jeder Winkel des jeweiligen Reiselandes besichtigt werden kann. Schnell geht es dann von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Der Faktor Zeit wirkt dabei derart einschränkend, dass eine wirkliche Freiheit in Wahrheit gar nicht besteht. Wenn jedoch die Zeit in ausreichendem Maße zur Verfügung steht, mangelt es oftmals ganz einfach an den monetären Mitteln, um Träume umzusetzen.

Nach fünf Jahren als „Mitglied der deutschen Angestelltenschar“ 8 Stunden am Tag, 40 Stunden in der Woche (oder mehr) kann ich für mich sagen, dass meine Definition von Freiheit schlicht und ergreifend darin besteht selbst zu entscheiden wann ich was mache, wie lange ich mich mit etwas beschäftige und was ich als nächstes tun werde. Sicherlich kann man ewig lang über den Begriff Freiheit philosophieren - ich möchte aber jetzt nicht weiter darüber nachdenken, sondern die Freiheit erleben!

Und by the way: Ich möchte hiermit keinesfalls sagen, dass all das was wir Tag täglich in Deutschland tun, wie das Leben vieler Menschen „organisiert“ ist schlecht ist. Ich möchte lediglich für mich selbst ein wenig über den „Tellerrand“ schauen, um das Eine oder Andere besser oder vielleicht neu einordnen zu können. Das möchte ich in eigener Regie tun, ohne einem vorgegebenen Weg folgen zu müssen.

Vom Gedanken zur Tat

Heute ist der 27.12.2008. In meinem E-Mail Postfach liegt ein Angebot von Generator Radsport Leipzig für ein Tourenrad individuell für mich erstellt. Das ist das Ergebnis der letzten drei „Sitzungen“ in der Spinnereistraße 48 in Leipzig.

Ein kurzer Drei Zeiler als Bestätigung, auf „senden“ geklickt und schon ist der erste irreversible Schritt des Projektes „Freiheit erleben“ getan. In gut 6 Wochen werden 2.500 Euro meine noch nicht vorhandene Reisekasse verlassen. Stattdessen wird ein nagelneues ROTOR-Bike in meinem Wohnzimmer stehen.

Doch wie ist es dazu gekommen? Bislang, und das ist ganz schön lang, spielte sich das Projekt „Freiheit erleben“ in erster Linie auf einer imaginären Ebene - in meinem Kopf - ab. Angefangen hat alles damit, dass mein langjähriger Freund Frank 2006 mit seinem Arbeitgeber ein Sabbatjahr vereinbarte und bewaffnet mit seinem Rucksack in die Weltgeschichte loszog. Nach gut 10 Monaten und einem Trip rund um die Welt trafen wir uns in Kanada. Er war um viele Erfahrungen, Erlebnisse und Eindrücke reicher und konnte diese dem staunenden Publikum, zu dem auch ich gehörte hautnah vermitteln. Ich war fasziniert von seinen Erlebnissen, von der Idee nicht die Zeit als limitierenden Faktor einer Reise ständig im Rücken zu haben, nicht jeden Tag des Urlaubs, wie hier in Kanada, bis auf die letzte Minute verplanen zu müssen, sondern einfach all die Eindrücke aufzusaugen und wenn ein Tag, eine Woche, ein Monat dafür nicht reichen wird der Aufenthalt eben einfach verlängert. Das wollte ich auch. Nicht sofort, aber auch nicht erst „später“.

Und so verging die Zeit, nicht ohne dass sich die Idee einer „Weltreise“ in meinem Kopf verfestigte. Relativ schnell war klar, dass das Fahrrad für mich ein optimales Fortbewegungsmittel ist. Ich fahre sehr gern Fahrrad, im Jahr durchschnittlich 4.000 km mit dem Rennrad. Mit meinem Bruder und seiner Freundin war ich 2005 auf einer dreiwöchigen Radtour im Baltikum unterwegs und konnte so das Reisen mit dem Rad erstmals so richtig spüren. Ich war begeistert. Die Langsamkeit der Fortbewegung ist perfekt. Perfekt um seine Umgebung, die Natur und Menschen nicht nur vorbeirauschen zu sehen, nein auf dem Fahrrad kann ich meine Umgebung fühlen, riechen. Man ist kein Tourist auf der Durchreise, man taucht ein in die Welt die man bereist, man gehört zu ihr. Und das möchte ich. Eintauchen in eine andere Welt. Die Kultur und Menschen kennenlernen, die Natur erleben und vor allem für eine gewisse Zeit den deutschen Alltag hinter mir lassen. Das Fortbewegungsmittel stand also auch fest.

Doch das Wichtigste, das Ziel der Reise fehlte noch. Einmal durch Deutschland fahren? Nein das ist „langweilig“. Durch Westeuropa, entlang der Küsten? Ist garantiert nicht das was ich will! Nach Amerika oder Australien. Dort war ich schon mit dem Auto unterwegs - es ist das „neue Europa“. Das Entscheidende, „Andere“ finde ich dort bestimmt auch nicht. Aber was ist mit einer Tour Richtung Osten? Platz zum Radeln ist dort genug, der Pazifik ist weit weg. Und was erwartet mich dort? Polen, Tschechien, die Ukraine, der Balkan und dann vor allem Russland. Das auch heute noch weite, unbekannte Land mit einer Fläche rund 50 Mal so groß wie Deutschland und einem Sack voller Vorurteile, gute wie schlechte. Das wäre doch was? Radfahren in Russland. Ja, das mache ich! Die Sprache kann ich auch, naja sagen wir mal ich habe mal vor langer Zeit etwas davon gelernt, aber besser als nichts. Nun muss aber noch ein konkretes Ziel her. Also ab zum Bücherschrank, den Atlas vorgekramt und los geht’s. Der Norden Russlands kommt nicht in Frage. Das Klima lässt dort Radfahren nur in ein paar wenigen Monaten zu, das Entscheidende aber ist, dass die Straßenverhältnisse aufgrund des nicht Vorhandenseins mein Vorhaben vereiteln. Wenden wir uns also dem Süden zu. Dort sieht es besser aus. Dort verläuft ja eine Eisenbahnstrecke quer durch das Land von West nach Ost. Na klar, die TransSib. Die längste Eisenbahnroute der Welt von Moskau nach Wladiwostok, knapp 9.000 km lang.

Das wäre doch das Richtige für mich. Moment Mal, da gibt es ja eine Abbiegung nach Süden. Weg vom Baikalsee in die Mongolei und weiter nach Peking, China. Das gibt der Reise den richtigen „Kick“. Russland als „Transitland“ und zum Schluss geht‘s in die Mongolei, in das Land von Dschingis Khan, in dem auch heute noch der größte Teil des Landes von Nomaden bewohnt wird. Eine Kultur, die von unserer so weit weg ist wie die Erde vom Mars. Das mache ich.

Auf der Landkarte ist ein solcher Plan natürlich schnell geschmiedet. An einem verregneten Novembertag, gemütlich bei einem Kaffee auf dem warmen Sofa ist das alles schnell daher gesagt. Aber wie erfolgt die Umsetzung? Zeit zur Vorbereitung war jedenfalls genügend vorhanden also fing ich „ganz akademisch“ mit dem Studium passender Literatur an. Vor allem die Bücher von Klaus Bednarz „Östlich der Sonne“ und „Die Ballade vom Baikalsee“ fesselten mich. Aber auch Lektüre über Reisen mit dem Fahrrad wie zum Beispiel von Peter Smolka „Rad ab!“ verschlang ich förmlich. Im Internet fand ich entsprechende Reiseberichte, die der Vorbereitung meines Vorhabens hilfreich waren. Und schließlich war da noch ein Vortrag von Oliver Schmidt über seine Weltumrundung entlang des Polarkreises, quer durch Russland. Seine Erzählungen, die Bilder, haben mich nicht mehr losgelassen. Das möchte ich auch erleben!

Doch wann ist der perfekte Zeitpunkt für den Start meiner Reise? Immer kommt etwas dazwischen, das habe ich in der Vergangenheit oft genug erlebt. Das möchte ich diesmal „ausschalten“. Klar ist, dass ich nur im Sommer Reisen kann. Frühjahr bis Herbst ist perfekt, ein Winter auf dem Fahrrad in Sibirien oder der Mongolei ist nicht das Richtige für mich. Doch eine Sache liegt da noch ein wenig quer. Mein Fernstudium zum Aktuar. Das läuft noch. Wenn alles gut geht kann ich im Herbst 2009 meine Abschlussprüfung absolvieren, habe dann vier Jahre studiert und fünf Jahre gearbeitet. 2010 ist das perfekte Jahr für mein Vorhaben. Verpflichtungen in Deutschland habe ich keine weiter, also nichts wie los.

Wie es sich für ein ordentliches Projekt gehört muss ein Projektplan her, so habe ich es in meinem Job als Entwickler von Versicherungssoftware gelernt.

Ein kurzer Check der Finanzen vermeldet überschlagsmäßig grünes Licht für das Projekt. Der Blick in den Fahrradschuppen allerdings verrät, dass „einmal neu“ ganz angebracht wäre, denn meinem betagten Mountainbike möchte ich bei allem Respekt keine 10.000 km durch Russland zumuten.

Also ist mein erster Gang der zum lokalen Fahrradhändler meines Vertrauens, eben jener bereits eingangs erwähnten kleinen Fahrradschmiede Namens Generator Radsport. Gute Erfahrungen aus der Vergangenheit, sowie Empfehlungen aus dem Freundeskreis machen die Wahl einfach. Und so ist Ende 2008 das Traum Rad designed.

Gut ein Jahr vor Tour Start, da bleibt genug Zeit für ausführliche Tests. Das dann alles etwas anders kam war nicht absehbar.

Die Vorbereitung

Wie versprochen, holte ich 6 Wochen nach Bestellung, Mitte Februar, mein Rad bei Generator Radsport ab. Leider konnte ich die ersten Kilometer von der Fahrradschmiede in mein Wohnzimmer nicht selbstständig fahren, denn zwischenzeitlich war ich mit meinen Schulfreunden, wie jedes Jahr, im Winterurlaub zum Snowboarden, mit dem Ergebnis dreier gebrochener Rippen sowie einem gebrochenen Handgelenk. 10 Jahre lang ging alles gut und nun Das. Naja, der Arzt sagte, dass die Brüche alle glatt sind und in 6-8 Wochen alles verheilt ist.

Die Zeit bis dahin lässt sich zudem auch gut für die weitere Vorbereitung nutzen, denn das Rad allein bringt mich nicht in die Mongolei, nach Ulan Bator. Also fing ich an eine Liste benötigter Ausrüstungsgegenstände aufzuschreiben. Dabei hangelte ich mich entlang meiner bisherigen Campingurlaube und Radreisen, berücksichtige Tipps von Freunden und schaute mir an, was andere Tourenradler so im Gepäck hatten. Und da kommt eine Menge zusammen. Am Ende hat die Liste gut 200 Zeilen (eine bis zum Tag der Abreise durchaus „lebende“ Liste) und eine ganze Menge der Ausrüstung ist noch anzuschaffen bzw. zu erneuern oder zu erweitern. Und das benötigt Zeit, denn ein gutes Zelt, eine passende Regenjacke oder eine perfekte Kamera ist eben nicht in 5 Minuten gekauft, sondern will sorgfältig ausgewählt werden und insbesondere auch ausprobiert werden, denn nur wer seine Ausrüstung auch perfekt bedienen kann, kann sie in vollem Umfang nutzen. Also muss auch ein Zeitplan her.

Nachdem alles aufgeschrieben war, konnte das Projektteam des Teilprojektes „Equipment“ (bestehend aus mir) an den Projektleiter (das bin ich) auf operativer Ebene weitgehend „grünes Licht“ vermelden. Das Team des Teilprojektes „Operative Organisation“ (auch das hat genau einen Mitarbeiter, nämlich mich) hat es da etwas schwerer. Der Punkt „Russlandvisum für mehr als 3 Monate“ war in seiner Umsetzung unklar, Das Thema Krankenversicherung im Ausland schien zunächst auch unklar, aber prinzipiell nicht unlösbar.

Für mich stand fest, dass ich ebenfalls ein Sabbatical mit meinem Arbeitgeber vereinbaren will, wenn dies nicht möglich ist, ich jedoch ohne zu zögern kündige. Meinen Hausstand in Bonn wollte ich auflösen und die tolle Möglichkeit nutzen meine Habseligkeiten im Haus meiner Eltern unterzustellen. Die „operative Organisation“ erforderte also durchaus Arbeit, war aber machbar.

Die weiteren Teilprojekte hießen „Training“ und „Mentale Vorbereitung“. Training stand zunächst auf gelb, denn auch nach der Ausheilung meiner Brüche war an Radfahren nicht zu denken, ein zwischenzeitlicher Bandscheibenvorfall zwang mich auf Sport bis auf Weiteres zu verzichten. Jedoch war mir aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen auf dem Fahrrad durchaus bewusst, dass mir Fahrradfahren grundsätzlich Spaß macht - sicherlich die wichtigste Voraussetzung - und sich die Fitness mit der Zeit einstellen wird, also noch kein Grund zur Panik. Blieben also nur der fehlende Test des Rades und natürlich die Ausheilung des Bandscheibenproblems.

Durchaus klar war mir von vornherein die Tatsache, dass die mentale Vorbereitung ein ganz entscheidender Faktor ist. Eine solche Tour ist im warmen Wohnzimmer schnell geplant, doch was ist wenn es eine, zwei, drei Wochen regnet, der Wind sich gegen mich stellt, die Straße asphaltfrei ist oder laufende Pannen den Spaßfaktor senken? Bin ich diesen Herausforderungen gewachsen? Und wie fährt es sich allein? Kann ich 5 Monate allein unterwegs sein? In meinen Augen ist dies eine der größten Herausforderungen. Ein definitives Ergebnis kann dieses Teilprojekt nicht liefern, ich kann mir lediglich Gedanken über die genannten Punkte machen und mir vorstellen wie es ist im Regen zu kochen, zu zelten und das Rad zu reparieren, mich in diese Situationen zu versetzen. Und dann war da noch das fünfte Teilprojekt - „Aktuar DAV“, zwar nicht direkt mit der Tour verbunden, aber ohne eine Erfolgsmeldung wollte ich nicht starten. Den Zeitaufwand hierfür konnte ich getrost mit „sehr hoch“ ansetzen.

Und so vergingen die Wochen und Monate. Laufende Meldungen der Teilprojekte an den Projektleiter sorgten stets für den richtigen Überblick. Das Teilprojekt „Equipment“ sorgte für lebhaften Zugriff auf die Reisekasse, aber alles im grünen Bereich. Und auch die „Operative Organisation“ durfte sich nach langer, zeitintensiver Recherche mit einem größeren Betrag an der Reisekasse laben, dafür dann aber den Punkt Russlandvisum als „grün“ vermelden, zumindest auf dem Papier. Das Training blieb weiter gelb, denn Radfahren war weiterhin kaum möglich, aber die Bandscheibe auf dem Wege der Besserung. Stattdessen beanspruchte gegen Ende des Jahres 2009 der Punkt „Aktuar DAV“ nahezu 100% der Ressource Zeit.

Nach einem kurzen Verschnaufen zur Weihnachtszeit ging dann im Januar alles ganz schnell. Die Prüfungsergebnisse standen fest - Bestanden! Ein Sabbatical war leider nicht möglich. Das bedeutete Kündigung von Job und Wohnung. Und so wurden Anfang Februar 2010 endgültig Fakten geschaffen. Die Vorbereitung stand weiterhin auf Grün - der Starttermin der Reise wurde auf Mitte April terminiert.

Und das war nicht mehr allzu lange hin. Die letzten Wochen wurden dann auch recht stressig. Zunächst stand noch der Kölner Karneval an, dann ging es wieder zum Snowboarden, diesmal mit etwas mehr Vorsicht und danach war schon der Umzug angesagt. Dank vieler fleißiger Hände in meinem Freundeskreis waren meine Möbel schnell verladen und die Bonner Wohnung renoviert. Nun „hauste“ ich die letzten Tage in einer leeren Wohnung, lediglich die Ausrüstung, die mich die nächsten 5 Monate begleiten soll stand vor mir - ein befremdliches Bild, aber das Werk der letzten 12 Monate. Spannende Vorfreude und Unsicherheit ob dem was ich da „angerichtet“ hatte wechselten sich in meiner Gefühlswelt ab.

Der Prolog

Abschied

Bonn, 26.03.2010

Der Tag des Abschiedes rückt immer näher. Am 26.03.2010 war mein letzter Arbeitstag. Es ist schon sehr komisch all das was in fünf Jahren entstanden ist so einfach von heute auf morgen hinter sich zu lassen. Da kommt auf jeden Fall Wehmut auf. Meine Kollegen haben mich jedenfalls sehr herzlich und zahlreich verabschiedet - ich danke euch für die geile Zick (oder so ähnlich)! Sicherlich wird diese Wehmut noch ein paar Tage anhalten, zumal weitere Abschiede folgen werden. Erst in Bonn dann in Leipzig und zum Schluss in Dresden. Auf der anderen Seite ist es toll zu wissen so viele Freunde zu haben.

Neben der Wehmut liegt aber auch ein großer Brocken freudiger Erwartung auf das was da alles kommt in der Magengegend. Die vielen Bedenken und Einwände sind für den Moment weit, weit weggeschoben. Das einzige ganz praktische Hemmnis ist das momentan wirklich schlechte Wetter in Bonn - manno, ich bin doch ein Schönwetterfahrer hat das Petrus noch nicht begriffen. Aber auch dieser letzte Versuch von höherer Stelle wird mich nicht hindern zu starten.

Ach ja, eine kleine Kleinigkeit war da ja noch. Mein Russlandvisum. Das könnte sich dann auch mal nach Hause zu Papi in den Reisepass verirren. Aber offensichtlich sind die entsprechenden Stellen etwas langsamer als gedacht. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass bis zum 10.4. alles erledigt ist und ich meinen Pass in Leipzig inkl. Visum erhalte. Wenn nicht müssen wir (der Pass und ich) die Reise getrennt starten und werden uns in Krakau auf dem deutschen Konsulat treffen. Aber Stress machen hilft da wohl auch nicht weiter - das wird schon alles werden! So, genug für den Anfang.

Die ersten Kilometer

Prolog Tag 1: Bonn - Bad Marienberg

Was für ein Tag! Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll. Vielleicht versuche ich‘s einfach mal mit dem gestrigen Abend und meiner Abschiedsparty im Südbahnhof. Mein Bonner und Kölner Freundeskreis war nahezu vollzählig versammelt. Dazu einige weiter Angereiste. Und jeder hatte sich Gedanken gemacht, wie er mir mit einer Kleinigkeit den Abschied schwerer oder die Reise leichter machen kann. Ich habe viele tolle, nützliche Dinge bekommen, die größtenteils direkt in die Radtaschen gewandert sind.

Die Party war auch der Kracher. Wir haben ausgelassen bis gegen 3:00 gefeiert, geschnaakt, gekickert und Kölsch getrunken - ein wirklich gelungener Abend.

Heute sollte es dann 11:00 (wegen der Zeitumstellung damit eigentlich 10:00) in der Poppelsdorfer Allee losgehen. Das Aufstehen hat dann auch besser als erwartet geklappt, das Fahrrad war schnell bepackt und Claudia hat mir zum Abschied noch Brote geschmiert. Die waren sehr lecker, hab lieben Dank! Einige meiner Freunde standen dann Spalier oder sind die ersten Kilometer mit geradelt. Es war ein tolles Gefühl endlich zu starten. Auf der anderen Seite hatte ich einen ganz schönen Klos im Hals. Von nun an werde ich für die nächsten 6 Monate auf meine Freunde, die gemeinsamen Activities oder einfach nur das Gelaber verzichten müssen - ganz schön komisch. Wenigstens das Wetter meinte es zunächst gut mit uns - es war bedeckt, regnete aber nicht.

Frohen Mutes ging es dann doch los, die große Mehrheit hat mich am Fuße des Siebengebirges verabschiedet, nur Andre hat den „Höllenritt in das einsame Bergdorf“ Thomasberg mit mir gemeinsam gewagt. Nach anfänglichen Navigationsproblemen war der Garmin dann auch recht schnell eingenordet und ich war allein on the Road. Relativ schnell machte sich mein fehlendes Training, zusammen mit dem Gewicht der Ausrüstung bemerkbar. Es ging spürbar langsamer vorwärts als erwartet. Der Westerwald mit seinen vielen, teils giftigen Erhebungen tat sein Übriges. Aber ich bin ja ein Stück weit selber Schuld wenn ich mich so belade.

Jedenfalls schlug das Wetter dann vor Altenkirchen um und es begann ganz ordentlich zu regnen. Nach vielleicht 30 Minuten war der Schauer dann aber vorbei und ich konnte zur Bewertung meiner langwierig ausgewählten und sehr preisintensiven Regenbegleitung schreiten. Sie ist ihr Geld wert!

Nach weiteren Kilometern, bissl Regen und auch Sonnenschein und vielen kleinen und großen Hügeln - ich hasse den Westerwald! - habe ich dann ca. 20 km vor dem Tagesziel Heisterberg beschlossen es für heute gut sein zu lassen. Der Grund dafür war neben meiner körperlichen Verfassung auch die Tatsache, dass ich eine extrem schnuckelige Lichtung gefunden habe, die von drei Seiten durch Wald begrenzt war und an der vierten Seite aufgrund eines kleinen Hügels nicht einsehbar war.

Kurz und gut, ich habe mein Rad die Böschung hinab gewuchtet und das Zelt aufgebaut. Anschließend durfte sich der Hobo Ofen - mein Holzkocher, welcher mir zum Zwecke der Reduzierung des Waldbestandes in der Mongolei von meinen Kollegen mitgegeben wurde beweisen. Was soll ich sagen: Das Teil ist genial. Ich hatte schon viele Kocher. Große, Kleine, Gas oder Benzin. Alle hatten sie irgendwelche Macken. Dem Hobo reichen ein paar trockene Zweige und in null-Komma-nix hatte ich ein First class Meal - Reis mit Pesto und Käse - gezaubert. Auch die anderen Ausrüstungsgegenstände durften auf den Prüfstand, z.B: das Besteck - danke Meike und der Gummi-Cup, der ist nämlich perfekt zum Reis abmessen Danke C&A :) Nun ist mein Magen gut gefüllt und ich liege im kuscheligen Schlafsack. Draußen regnet es mittlerweile wieder, aber auch das hört irgendwann auf. Ich will jetzt nur noch schlafen, das Defizit der letzten Tage nachholen und dem Körper etwas Entspannung gönnen, denn morgen wird ein langer Fahrtag!

Prolog Tag 2: Bad Marienberg - Marburg

Heute hat mich Regen geweckt. Alles umdrehen und die Versuche noch ein Stündchen zu schlafen halfen nichts ich musste das nasse Zelt abbauen und meinen restlichen Kram zusammenpacken.

Dann ging es los und zwar so wie es gestern aufgehört hat - bergauf! Dazu ein leichter Nieselregen, was gibt es Schöneres! Nach ca. 15 km habe ich erst mal Pause gemacht und einen Bäcker für ein ausgiebiges Frühstück aufgesucht. Frisch gestärkt ging es den nächsten Berg bis auf 640 Hm hinauf. Mittlerweile regnete es ziemlich stark, teilweise hakelte es. Am Straßenrand waren letzte kleine Schneehäufchen zu sehen. Später am Tag wurde das Wetter besser, für kurze Zeit kam sogar die Sonne zum Vorschein. Letztendlich habe ich es bis Marburg geschafft, wollte dann zwar noch weiter nach Alsfeld, jedoch wurde dieses Vorhaben durch diverse Bauarbeiten und Umleitungen auf Bundesstraßen vereitelt. Im Endeffekt ist es wohl auch ganz gut so, denn meine Knie sagen deutlich, dass die heutige Etappe ausreichend war. Nach den ersten beiden Probeetappen kann ich folgendes Fazit ziehen:

- Die Regenbekleidung ist top
- Das Rad ist enorm schwer, Berge sind schwerer zu fahren als ich dachte
- Der Hobo-Kocher ist sein Geld wert
- Auch die restliche Ausrüstung gibt keinen Anlass zur Nachbesserung. Ausnahme: die Lowriderösen zum Halten der Packtaschen. Hier muss noch ein Extra Stopper drangeschweißt werden, sollte aber kein Problem sein!

Soweit so gut. Morgen geht’s erst mal ein Stückchen mit der Bahn vorwärts, schließlich will ich morgen Abend Erfurt erreichen, wo ich mich bereits bei Britt eingeladen habe.

Prolog Tag 3: Marburg - Erfurt

Und wieder hat mich der Regen geweckt, zumindest für kurze Zeit. Ich konnte mich noch mal umdrehen, musste dann aber doch aus dem klatschnassen Zelt kriechen und alles im nassen bzw. klammen Zustand verpacken. Das klappte soweit alles ganz gut. Dann ging es flux zum Marburger Bahnhof und ab mit der Bahn Richtung Heiligenstadt im Eichsfeld. Nach kurzer Fahrt merkte ich, dass der Luftdruck meines Vorderrades gleichmäßig gegen den der Atmosphäre konvergierte - ich hatte den ersten Platten. Aber alles halb so wild, im Zug war es eh langweilig, also war der Reifen schnell repariert und es gab sogar die Möglichkeit hinterher die Hände zu waschen. Dummerweise habe ich nicht nach der Ursache des Plattens gesucht, also hieß es in Heiligenstadt nach 500 m Fahrt nachsitzen! Die ganze Prozedur bitte noch einmal. Nur mit dem Unterschied, dass ich jetzt endlich Rad fahren wollte und keine Möglichkeit zum Händewaschen hatte. Wenigstens war für den richtigen Luftdruck gesorgt, denn gleich um die Ecke war eine Tankstelle. Der Übeltäter des Plattens - eine Scherbe war dann auch schnell ausfindig und unschädlich gemacht, so dass es gegen 12:30 endlich losgehen konnte.

Und es ging los und zwar wieder bergauf! Zur Entschädigung waren diesmal Landschaft und Wetter wunderschön. Dennoch war es auf dem Rad ein recht kurzer Tag, denn es wurde relativ schnell klar, dass ich Erfurt aus eigener Kraft kaum in angemessener Zeit erreiche. Also ging es von Mühlhausen noch ein Stückchen mit dem Zug weiter.

Testergebnisse und letzte Vorbereitungen

Prolog Tag 4: Erfurt - Leipzig

In den letzten drei Tagen habe ich das Material so gut es geht getestet. Alles hat soweit funktioniert, das Einfahren war in dieser Hinsicht ein voller Erfolg. Was hingegen nicht so ganz nach meinem Geschmack war, waren die zurückgelegten Kilometer. Keinen Tag bin ich über 100 km gefahren - mein angepeiltes Tagesmittel. Gut mein Trainingszustand ist miserabel, des Wetter war schlecht und das Gelände bergig. Aber heute wollte ich es noch mal wissen. Erfurt - Leipzig das sind ca. 120 km. Also auf geht’s!

Und es ging gut los. Ich startete 8:00 und kam zügig voran. Nach ca. 30 km gab eine kleine Frühstückspause. Die Strecke war wunderbar, größtenteils flach und gut zu fahren. Auch die Routenplanung war gut gewählt, wenig Bundesstraße viele Nebenstraßen und ab und an ein Feldweg, welcher Russlandfeeling aufkommen ließ. Früher als erwartet erreichte ich so Naumburg und auch Weißenfels lag im Handumdrehen hinter mir. Nun war es nur noch ein Katzensprung bis Markkleeberg und ich erreicht das Ziel schließlich auch mit dem Rad wenngleich der Tag mächtig anstrengend war und mein linkes Knie nun endgültig protestierte. Das bedeutet für die große Tour, dass der Start geruhsamer werden wird. Nur nichts überstürzen. Immerhin steht nicht die sportliche Höchstleistung im Vordergrund. Zufrieden aber hungrig und durstig packte ich die nassen Sachen aus. Der Prolog war überstanden und die Lust am Radeln nicht vergangen. Die Zeichen für das Vorhaben Freiheit erleben stehen auf grün!

08.04.2010, Markkleeberg

Die letzten Tage war ich voll mit den Vorbereitungen der Tour beschäftigt. Die Reiseapotheke musste noch vervollständigt werden, mit Medikamenten und entsprechendem Knowhow - vielen Dank Susi, das hast du mir fein erklärt. Auch die Zahnärztin habe ich vorsorglich noch mal heimgesucht - Melanie, es war mir wie immer eine Freude - wer kann das schon von einem Zahnarztbesuch behaupten!

Gestern habe ich dann letzte Anpassungen an meinem ROTOR, sowie notwendige Ersatzteile erhalten. Sogar eine Halterung für die Kamera haben wir an das Rad geschweißt dank dir Jörn. Somit kann ich jetzt während der Fahrt filmen. Und heute Morgen kam die erlösende Botschaft aus der Botschaft. Das Visum ist startklar.

Ach wenn ich es doch nur auch wäre. Mein linkes Knie sagt im Moment definitiv Nein zum Tour Start. Es ist zum Heulen, jetzt wo alle Vorbereitungen abgeschlossen sind und wirklich alles (inklusive dem Wetter) passt kann ich nun nicht starten, weil eine Überbelastung des Knies mich hindert.

Den Start habe ich somit um eine Woche verschoben. Neuer Termin ist der 17.04.2010 - ich hoffe, dass es dann besser geht und ich langsam anfangen kann.

16.04.2010, Markkleeberg

Langsam steigt die Anspannung. Der ultimative Start der Tour steht nun unmittelbar bevor. Morgen geht es 9:30 Uhr los. Dann gibt es kein Zwischenziel zum Ausruhen nach 500 km und keine Bahn zum Schummeln. Es gibt keine Termine, keinen Zeitdruck und keine Verpflichtung, einfach nur Freiheit, die Freiheit die ich mir die letzten 18 Monate gewünscht habe.

Ein wenig mulmig ist mir beim Gedanken daran künftig allein unterwegs zu sein. Die letzten Wochen waren im Kreise meiner Freunde in Leipzig sehr kurzweilig - aber auf Dauer ist das Lotterleben auch nichts. alle Taschen sind gepackt, alles ist perfekt vorbereitet, fast zu perfekt. Ein Sprung auf die Personenwaage hat ein Gesamtgewicht der Ausrüstung von ca. 58 Kg ergeben. Das ist schon eine Menge. Mein Gewicht beträgt 85 Kg, mal sehen wies am Tourende aussieht. Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass Ludwig, das linke Knie - ja ich habe meinem Knie einen Namen gegeben - schnell wieder zu alter Stärke zurückfindet, denn das werde ich dringend brauchen.

Teil 1: Markkleeberg - Kursk

Der ultimative Start - bye bye Germany

17.04.2010, Stockhausen

Die Nacht war kurz und mit wenig Schlaf gesegnet. Erst wollte ich nicht einschlafen, und dann wurde ich 5:45 unsanft aus meinen Träumen gerissen - eine SMS. Das war die letzte derartige elektronische Nachricht, die mich in den nächsten 5 Monaten stört - nichts für ungut Katja, eigentlich freue ich mich ja über Nachrichten von dir.

Jedenfalls stand ich pünktlich 7:30 auf der Matte und nach einem kleinen Frühstück wurde das Rad bepackt. Mittlerweile ist schon etwas Routine drin und durch die verbesserten Einstellungen an Rad und Packtaschen passte auch alles perfekt. Neils war auch pünktlich am Start und so rollten wir zum vereinbarten Treffpunkt in Markkleeberg, denn es sollte das gleiche Ritual wie in Bonn erfolgen, nämlich eine kleine Eskorte für die ersten paar Kilometer.

Insgesamt waren wir nun zu viert und fuhren bei wunderschönem Wetter entlang der Seenallee und dann weiter nach Süden. Nach vielleicht 15 km machten wir Rast, es gab ein superleckeres Picknick - Danke liebe Katja und Claudi. Der Bärenhunger blieb aber zumindest bei mir aus, vielleicht wegen der noch bevorstehenden Kilometer, nein eher wegen dem Klos im Halse und dem Drücken in der Magengegend beim Gedanken daran gleich allein durchzustarten. Aber alles zögern half nichts, der Abschied war unumgänglich. Und dann ging es allein weiter. Gut habe ich mich jedenfalls dabei nicht gefühlt, trotzdem ist der Reiz des unbekannten und die Freude auf das Abendteuer ungebrochen und die Gewissheit so viele liebe Freunde zu haben, die an mich denken, mich moralisch unterstützen und mir gut zureden berührt mich doch sehr.

Ach ja, fast hätte ich‘s vergessen. Da war ja noch was. Ludwig, das linke Knie, meldete sich alsbald zu Wort. Und da haben wir es wieder. Das Quäntchen was für den perfekten Augenblick fehlt. Nach vielleicht 40 km habe ich noch mal eine etwas andere Einstellung am Sattel probiert und mir zumindest eingebildet, dass alles besser geht. Ich werde es die nächsten Tage sehen. Jedenfalls ist das Agreement, welches wir von Knie zu Mann getroffen haben Folgendes: Ich verzichte auf den Schlenker nach Prag, das spart 100 km und ca. 2200 Hm und Ludwig reist sich dafür die nächsten Tage ein wenig zusammen. Somit geht es für mich von Dresden nach Görlitz und dann weiter nach Breslau und schließlich nach Krakau, sicher auch eine schöne Route.

In Stockhausen angekommen habe ich nach einem kurzen Plausch und einem schönen Kaffee bei Familie Anders das Rad entladen und nochmal eine Runde nach Döbeln gedreht. Bei supersonnigem Wetter gab es ein leckeres Eis und einen gemächlichen Stadtbummel. So ist das Leben schön!

Katja hatte den super Vorschlag jedes passierte Ortseingangsschild zu fotografieren. Zumindest heute ist mir das gelungen 18.04.2010, Dresden Den gestrigen Abend haben wir mit Rommé spielen und schnaaken verbracht und letztendlich hatte ich wieder ein First class Bett inkl. toller Bewirtung zur Verfügung. Wenn das so weiter geht wird es eine "Luxusreise".

Jedenfalls konnte ich bei strahlendem Sonnenschein gegen 9:30 Uhr in Stockhausen aufbrechen. Mein kleines elektronisches Helferlein hat mich dann entlang superschöner, kleiner Landstraßen durch Mittelsachsen nach Meißen geleitet. Eine wirklich tolle Route. Auch konnte ich meiner Pflicht - der Fotografie der Ortseingangsschilder nachkommen. In Meißen angekommen habe ich dann spontan die Alternativroute über den Elberadweg gewählt - ein sehr schöner Radweg, allerdings auch gut befahren. Ich kam mir ein klein wenig wie im Zoo vor, weil mich ein Großteil der Sonntagsradler recht eigentümlich anstarrten? Naja, jedenfalls habe ich dann nach ca. 55 km mein Tagesziel Dresden erreicht und wurde wieder reich bewirtet. Es hatten sich einige Freunde angesagt und so haben wir in gemütlicher Runde Kaffee getrunken und ein wenig geplauscht. Später waren wir noch bei herrlichem Wetter im Biergarten.

Und nun war es wirklich die ultimativ letzte all-inklusive-Nacht. Morgen Abend darf das Zelt seinen Dienst aufnehmen. Hoffentlich ist das Wetter entsprechend.

Die Routenführung steht nun auch fest, es geht definitiv über Görlitz, ich denke aber, dass ich eine letzte Nacht in Deutschland verbringen werde, vielleicht in Bautzen, um Ludwig noch ein wenig zu schonen. Immerhin war die heutige Tour knietechnisch trotz einiger Höhenmeter ganz passabel.

19.04.2010, Görlitz

Nach einem zeitigen gemeinsamen Frühstück - 7:00 finde ich mittlerweile recht früh - und einer herzlichen Verabschiedung von Frank, meinem Gastgeber, war ich nun wirklich allein. In aller Ruhe habe ich nochmals die Strecke begutachtet und meine Sachen zusammengepackt, sowie ein paar Brote geschiert, so dass es letztendlich 9:00 in Dresden bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Radler Temperaturen losgehen konnte. Zunächst führte mich mein Weg im schattigen Wald hinauf nach Radeberg. Oben angekommen war ich warmgefahren. Ludwig benahm sich noch vorbildlich. Ohne das ortsübliche Getränk zu mir zu nehmen ging es weiter entlang wunderschöner kleiner Landstraßen durch süße Dörfer und kleine Städte und ich wurde immer schneller. Mein Tagesziel Bautzen war alsbald erreicht und mittlerweile war auch klar, dass die Knieprobleme eindeutig von der falschen Sattelstellung kamen, denn heute lief alles wunderbar. Klar vergeht eine Entzündung nicht von Heut auf Morgen, aber beim Fahren schmerzte nichts mehr, mehr noch es fuhr sich sogar bergauf richtig gut und ich hatte das Gefühl bereits erste Trainigseffekte zu spüren. Genauso hatte ich es mir vorgestellt, als ich im Vorfeld der Tour immer betonte, dass eine körperliche Vorbereitung nicht so entscheidend ist.

Ich habe dann kurzerhand beschlossen doch bis Görlitz durchzufahren, um mir die Stadt noch etwas anzusehen. Nun gab es nur noch das Problem der Übernachtung. Ich hatte weder Essen eingekauft noch einen Übernachtungsplan für Görlitz, denn eigentlich sollte heute das Zelt in der Wildnis zum Einsatz kommen. Doch wenn ich noch einen Stadtbummel in Görlitz machen möchte wird das mit dem Zelten schwierig. Also war der neue Plan in Görlitz eine Touristeninfo aufzusuchen und einen geeigneten, kostengünstigen Schlafplatz aufzutun. Gesagt getan. Naja, genau genommen habe ich es gar nicht bis zur Info geschafft, denn kurz nach dem Ortseingang sprach mich an einer Ampel ein älterer Herr an - er sah selbst etwas, naja äh, sagen wir mal "einfach" aus. Jedenfalls unterhielten wir uns kurz und ich schilderte ihm mein Vorhaben. Dann meinte er, er hätte zu Hause noch ein Zimmer, welches ich für 15 € haben könnte. Die Antwort war klar und 10 Minuten später stand ich in einem alten Görlitzer Stadthaus und einem noch älteren Zimmer, welches wohl original vor 25 Jahren verschlossen wurde und heute zum ersten Mal wieder benutzt wird. Herr Brückner zeigte mir dann seine Öllampensammlung auf dem Dachboden, welche aus 337 tollen Öllampen besteht und einem Eintrag im Guinnessbuch wert ist. Ich wusste gar nicht, dass es Öllampen in einer solchen Vielfalt gibt.

In jedem Fall bleibt festzuhalten, dass es genau solche Begegnungen und Zufälle sind, die meiner Reise die Spannung verleihen. Exakt das habe ich gesucht und heute, gleich am ersten Tag in der Fremde gefunden.

Der heutige Tag war perfekt, mit tollem Wetter, "guten Beinen" und einer entsprechenden, gefahrenen Strecke und eben dem tollen beiläufigen Erlebnis, welches die Spannung erhöht. Meinen Stadtbummel durch Görlitz, bis nach Zgorzelec auf der polnischen Seite will ich auch nicht unerwähnt lassen, denn Görlitz ist eine sehr, sehr schöne Stadt, die aufgrund ihrer Architektur und des Sanierungsgrades exzellent vor Augen führt wo wir vor 21 Jahren standen und wo wir heute stehen. Neben prachtvoll sanierten Gründerzeitvillen stehen Selbige im verfallenen Stadium und warten auf ihre Wiederentdeckung. Aber wie in vielen Kleinstädten im Osten Deutschlands ist einfach kein Bedarf an entsprechendem Wohn- und Geschäftsraum und somit auch kein Geld für die Sanierung vorhanden.

Polen - Abtauchen in ein anderes Leben

20.04.2010, Koskowice

Der heutige Tag startete mit einem gemeinsamen Frühstück bei Familie Brückner. Ich dachte gestern ich könne mich um die Haferflockensuppe drücken, aber Herr Brückner stand wie verabredet 7:30 Uhr parat und holte mich zum Essen. Naja ich bin ja recht flexibel, was das Menü betrifft. Dafür gab es noch eine nette Unterhaltung gratis dazu und einen Begleitservice nach Polen auf dem Rad erhielt ich auch. Das war insbesondere daher sehr praktisch, da ich so gleich im nächstbesten Supermarkt eine Straßenkarte kaufen konnte, die ich dringend benötigte.

Danach ging es bei bedecktem Himmel und kühlen Temperaturen allein weiter. Ich fuhr auf der "Bundesstraße", welche aufgrund der gerade fertiggestellten, parallelen Autobahn nach Wroclaw recht leer war. Zudem gab es anfangs noch einen 2 Meter breiten Standstreifen - Radlers Paradise! Allerdings nahm der Verkehr dann doch rasch zu und die LKWs fingen an zu nerven, wobei alles noch im Rahmen war. Heute hat sich zum ersten Mal mein Rückspiegel als sehr sinnvolle Investition herausgestellt.

Nach ca. 45 km erreichte ich Bolestaviec, das deutsche Bunzlau mit seiner weltbekannten handgearbeiteten Keramik. Nach einem kurzen Stopp und einem Plausch in einem der Keramikläden ging es flux weiter. Aber irgendwie wollte es heute nicht so recht voran gehen. Trotz ebener Landschaft und halbwegs gutem Wetter war ich spürbar langsamer unterwegs als gestern, und auch Ludwig meldete sich wieder zu Wort - leider. Offensichtlich ist der Kniekasper noch nicht ganz verschwunden, mal sehen was die nächsten Tage bringen. Jedenfalls fuhr ich weiter bis nach Legnica. Hier wollte ich noch eine Kleinigkeit fürs Abendessen einkaufen und mir dann ein gemütliches Plätzchen fürs Zelt suchen. Das Einkaufen in einer größeren Stadt ist allein in der Tat ziemlich blöd. So habe ich mich nicht in den örtlichen Lidl oder das Kaufland getraut, da dann mein Rad unbeaufsichtigt wäre. Das Lebensnotwendige - 2 Dosen Bier, bissl Wasser und eine Milch habe ich an der Tankstelle gekauft. Das war aber definitiv zu teuer, so dass ein Plan B für künftige Einkäufe her muss. Jedenfalls habe ich dann nach weiteren 10 km einen netten Platz etwas abseits der Straße gefunden. Ich habe mein Zelt direkt am Feldrand aufgebaut, sichtgeschützt durch ein kleines Waldstück. Das Abendessen war auch schnell gekocht und nun liege ich satt und zufrieden in meinem Zelt und erwarte die erste Nacht in Polen. Eigentlich bin ich ja nicht ängstlich was das Zelten in der freien Wildbahn betrifft, aber irgendwie wäre es schon schön zu wissen, dass die komischen Geräusche eben weder die des Jagdhundes noch die eines Wildscheins waren.

Ach bevor ich es vergesse: Katja, noch bin ich im Plan mit meiner Fotoaufgabe.

21.04.2010, Brzetina

Offensichtlich kamen die gestrigen Geräusche weder von einem Wildschwein noch einem Jagdhund oder "ES" hatte Angst vor mir. Jedenfalls bin ich heute Morgen wohlbehalten erwacht und soweit ich es überblicken konnte war auch Alles noch vollständig.

Das Aufstehen habe ich ein wenig hinausgezögert, denn es war recht windig und empfindlich kalt. Nachdem ich dann doch das Zelt verlassen habe, habe ich so ziemlich alles, inkl. der langen Handschuhe angezogen was am Start war. Wie soll das denn in der Mongolei werden?

Zumindest war es aber im Zelt mollig warm. Nach einem Kaffee ging es auch direkt los. Auf Frühstück hatte ich bei der Kälte keine Lust. Der Wind entpuppte sich als Rückenwind. Wenn nun die dunklen Wolken auch nur dunkel bleiben und mich nicht nass machen wird‘s ein perfekter Tag.

Was soll ich sagen - es war ein perfekter Tag. Bis auf vielleicht 10 Tropfen kam nix vom Himmel runter, dafür war aber eine fetter Thomas D. - Tag, demnach war ich auch recht schnell in Wroclaw. Zunächst ging es über kleine Dörfer und schmale Landstraßen bzw.

Feldwege. In Sroda war dann die Zeit für ein Frühstückchen reif. Immerhin war es schon weit nach 10:30 Uhr. Das Einkaufsproblem habe ich zwar noch nicht so recht gelöst, konnte aber einen kleinen Obstladen und direkt daneben einen "Konditor" finden und habe mir paar Törtchen und bissl Obst gegönnt.

Frisch gestärkt ging es dann bei vollem Rückenwind weiter - Neils, ich habe sogar die 13. Welle gebraucht! (Nils meinte bei meiner Abreise, dass ich maximal die ersten neun Gänge meiner 14 Gang Nabenschaltung verwenden werde). Wroclaw war dann nur noch ein Katzensprung. Nun stand ich vor der Frage, ob ich mir Breslau wie geplant ansehen soll und die Fahrt für heute beende, oder ob ich den Wind ausnutze. Ich entschied mich, wohl wissend wie es bei Gegenwind oder Regen ist für Variante 2. Also ging es weiter. Doch langsam machte sich Hunger bemerkbar. Kurzerhand habe ich den nächstbesten MC Donalds angesteuert. Das ist zwar nicht die feine Radler Variante, macht aber schnell satt. Die Kalorien kann ich allemal verwerten!

Auf der Weiterfahrt raus aus Wroclaw traf ich Lech, einen "Eingeborenen". Er sprach mich auf meine etwas seltsame Erscheinung und das viele Gepäck an und so kamen wir ins Gespräch. Und wieder war es eine dieser kleinen Begegnungen, die den Tag interessant werden lässt. Lech war fasziniert von der Reise und will unbedingt eine Karte aus Ulan Bator. Die soll er haben.

Die Weiterfahrt verlief vom Winde verweht, äh getragen recht easy. In Olawa schickte mich dann mein Garmin weg von der Bundesstraße auf eine kleinere Straße. An dieser Stelle muss ich mal sagen: Der Garmin Edge 705 zusammen mit der Routenplanung von www.gpsies.com sind unschlagbar. Jederzeit wusste ich wo ich bin und konnte selbst in Wroclaw problemlos navigieren!

Jedenfalls ging es dann auf einer kleinen Straße weiter, entlang der Oder. In einem kleinen Dorf kaufte ich dann die Abendration „Piwo“ - die Polen sind grass, die brauen ihr Bier mit 9% Zünder. Und ich kann sagen die 9% stehen nicht nur auf der Dose! Katja: morgen gibt es Wodka! Schließlich habe ich versprochen möglichst viele Wodkasorten zu probieren, um die Getränkekarte der Vodkaria in Leipzig zu bereichern.

Nach einer kurzen Weiterfahrt von vielleicht 10 km habe ich den perfekten Übernachtungsplatz, etwas abseits der Straße, direkt an einem kleinen See gefunden. Dort konnte ich auch das dringend erforderliche Bad "genießen" - es war saukalt - und die Nacht hoffentlich in Ruhe verbringen.

22.04.2010, Bytom

Der gestrige Zeltplatz war wirklich traumhaft. Ich habe wunderbar geschlafen, nur hin und wieder bin ich aufgrund eines unangenehmen Taubheitsgefühls auf der Nasenspitze erwacht. Die war eiskalt. Ich kann also festhalten: Der Schlafsack ist Top-warm, den Nasenschützer habe ich vergessen. Vielleicht strickt mir Julia ja einen und bringt ihn mit nach Moskau - na ich hoffe mal, dass wir im Juni selbst in der Nacht in Russland positive Temperaturen haben werden. Jedenfalls habe ich mir damit beholfen den Kopf kurz unter die Decke zu stecken. Das nächste Mal schlafe ich mit meiner Fleecemütze! Heute Morgen gab es dann auch einen feinen Kaffee und Müsli mit Milch und Honig. Frisch gestärkt konnte es dann gegen 9:15 losgehen. Die Fahrt verlief zügig, weiterhin vom Rückenwind getragen. Doch dann, was war das? was kommt da vom Himmel? Die Wolken sind schwarz, doch Regen ist es nicht. Es fühlt sich fest an - Schnee! Das hätte ich mir ja nun überhaupt nicht gedacht. Aber zum Glück waren die über den Tag verteilten Schauer wirklich sehr kurz und am Ende des Tages sind die Nachwirkungen der Sonne stärker zu spüren als die des Schnees.

Es ging weiter gut voran und so erreichte ich gegen Mittag Opole. Zuvor hielt ich aber noch an einem kleinen Dorfladen und legte ein zweites Frühstück mit Wurst, Brot, Käse und Obst ein. Die Läden hier sind schon komisch. Alle Türen sind zu, das Licht ist aus, man denkt immer der Laden ist zu. Beim genaueren Hinsehen wird man jedoch eines Besseren belehrt. Jedenfalls habe ich jetzt festgestellt, dass ein sicheres Indiz für einen geöffneten Dorfladen das offene Stahlgitter ist, welches hier obligatorisch den Laden sichert. Nach diesem Brunch und der Fahrt durch Opole ging es dann auf einer autobahnähnlichen Straße weiter. Der große Vorteil hier ist ein 2 Meter breiter Randstreifen, den ich quasi für mich allein habe. So lässt sich der Verkehr ertragen, wenngleich die Fahrt, auch auf schlechten, aber kleinen Dorfstraßen viel interessanter ist. In einem Wald kurz hinter Opole konnte ich diverse Damen beobachten, die offensichtlich nicht zum Pilze sammeln gekommen waren.

Ich fuhr weiter und erreichte schließlich Strzelce Opolski, wo ich eine kleine Rast einlegte und damit den Blicken der Passanten zu urteilen den Stadtpark zum Zoo umfunktionierte - das nächste Mal nehme ich Eintritt!

Meine Überlegung war nun: Entweder ich suche mir bald ein Nachtquartier, werde dann aber morgen kaum bis Krakau kommen, oder ich fahre noch etwas weiter, wobei gemäß der Landkarte dann die Zeltplatzsuche schwierig werden könnte, da das Gebiet von Bytom bis hinter Katovice stark besiedelt ist. Ich fuhr weiter und hatte am Ende genau das befürchtete Problem. Ein kurzer Blick in die Reisekasse sagte mir, dass auch ein Hotel drin ist. Also hielt ich die Augen auf nach einer "Nocglice" oder so ähnlich. Das habe ich jedenfalls hinter Görlitz ständig gelesen. Irgendwann wurde ich dann in Bytom auch fündig und residiere nun im örtlichen Hotel für vielleicht 18 Euro. So kann mein Zelt trocknen, der Kocher eine Generalüberholung erhalten - der ruste gestern massiv - und ich kann mir die Packerei sparen.

Krakau - eine wundervolle Stadt

23.04.2010, Krakau

Die Nacht im Hotelbett war recht entspannt, vor allem aber habe ich nicht an die Nase gefroren. Schön war auch der Luxus am Morgen nicht alles zusammenpacken zu müssen, also blieb ich einfach etwas länger liegen.

Los ging es dann trotzdem wie immer gegen 9:15 Uhr. Nach kurzer Fahrt von vielleicht 10 km musste erst mal ein Kaffee her. Dabei stellte sich heraus, dass Polen und Türken kulturell gar nicht so weit voneinander entfernt sind - die halbe Tasse war voller Kaffeepulver. Naja geschmeckt hat‘s allemal.

Dann ging es im dichten Verkehr weiter durch das "Ruhrgebiet Polens". Ich hatte nach drei Orten (alle ohne Ortsschilder, sorry Katja) keinen blassen Schimmer mehr wo ich war, folgte aber brav der roten Linie des Garmin, was sich bisher immer als goldrichtig erwies. Gerade in dem Moment als ich wirklich genug vom ganzen LKW-Verkehr hatte, bog der Weg auf eine Nebenstraße ab und ich fand mich zunächst in einem alten Industriegebiet wieder und später mitten im Wald auf einem holprigen Waldweg. Trotz des schlechten Untergrundes war ich heilfroh für diese Abwechslung und genoss die Fahrt durch den schönen Wald. Später ging es dann wieder auf die Bundesstraße.

Kurz vor Krakau - ich hielt am Rand kurz an um etwas Luft zu schnappen, ‘nen Schluck zu trinken und das obligatorische Foto des Ortsschildes zu machen - krachte es auf einmal auf der Nebenspur mächtig. Ich hoffe nur, dass ich, bzw. meine Erscheinung nicht der Grund für diesen Auffahrunfall waren, denn immer wieder ernte ich merkwürdige Blicke. Wie dem auch sei, ich bin dann weitergefahren, über die Stadtautobahn nach Krakau rein. Auch hier war der Garmin Gold wert, wenngleich der Weg über die Autobahn nicht besonders toll war (ich benutzte einen kleinen Trampelpfad neben der Autobahn!).

Jedenfalls fand ich das angepeilte Hostel auf Anhieb. Ein Zimmer war nur zu horrenden Preisen für eine Nacht zu haben. Meine Reisekasse findet das gar nicht lustig. Morgen geht‘s daher noch in eine andere Herberge.

Am Abend konnte ich noch einen ersten Eindruck von Krakau gewinnen - an die Kollegen der Zurich kann ich nur appellieren: Bewerbt euch im Service Center "Inkasso". Morgen schaue ich mir Krakau dann genauer an.

Zwei Sachen sind mir in Polen bisher, neben dem vielen Positiven, negativ aufgefallen Die Autofahrer sind extrem rücksichtslos. Manchmal wünsche ich mir einen auswerfbaren Nagelgurt oder so etwas. Mein Spiegel hat mir hier schon sehr geholfen.

Umweltbewusstsein schein es nicht zu geben. Überall liegt wild Müll herum. Bspw. habe ich heute in dem eigentlich wunderschönen Waldstück die komplette Inneneinrichtung eines Autos, gleich neben Bauschutt gefunden. Über den Weg verteilt (immer und überall) liegen Plasteflaschen und Bierdosen. Zumindest Letzteres hat Deutschland mit dem Pfandsystem ja bestens im Griff. An dieser Stelle sollte sich das UBA mal Gedanken über eine grenzübergreifende Zusammenarbeit machen. Vielleicht kann ja auch kurzfristig erst mal eine Mitarbeiterin zur Begutachtung der Lage abgestellt werden und eine Dienstreise nach Polen machen, gell Katja.

24.04.2010, Nowe Brzesko

Heute war Sideseeing in Krakau angesagt. Und es hat sich gelohnt. Krakau ist wohl das München Polens. Hier ist alles bissl schicker und nobler aber auch teurer. Ich bin recht früh aufgestanden und habe noch ein wenig das Internet genutzt - ich glaube ich bin süchtig? - zu doof! Nach einem kurzen Frühstück im Hostel ging‘s dann in die Stadt. Meine Sachen habe ich erst einmal im Hostel gelassen.

Zunächst bin ich in den Blonia Park habe dort ein wenig gesessen und dem morgendlichen Treiben geschaut. Dann ging‘s weiter an den Wawel und schließlich ins jüdische Viertel "Kazimierz". Dort angekommen fühlte ich mich in die 30erJahre versetzt - die Bausubstanz war dementsprechend. Wirklich großartig dieser Stadtteil und in den heutigen Zeiten kann man davon ausgehen, dass hier nichts dem Verfall überlassen wird. Wenn ich jetzt im Lotto gewinnen würde wüsste ich jedenfalls das Geld gut anzulegen.

Danach ging es auf die andere Weichselseite zu Schindlers Emailliefabriken, die restauriert worden sind und gerade in ein Museum umfunktioniert werden. Im Übrigen ist der Film Schindlers Liste auch in Krakau gedreht worden.

Nach einer kleinen Stärkung stellte sich die Frage: in Krakau bleiben und bei tollem Wetter im Park chillen und schauen was sich so durch die Stadt bewegt - eine durchaus attraktive Angelegenheit. Oder aufs Rad springen und die letzten drei Stunden des Tages nutzen um Kilometer zu machen. Da ich ohnehin aus dem Hostel raus musste und sonst umgezogen wäre, entschied ich mich für Variante zwei - ich bin doch noch "fahrgeil"! Jedenfalls ging’s heute im kurzen ROTOR Trikot aus der Stadt heraus. Lobenswert zu erwähnen ist, dass die

polnischen Großstädte durchaus Radwege aufzuweisen haben. Warum diese allerdings aller 500 m die Straßenseite (inkl. Ampel) wechseln und das eine oder andere Mal unvermittelt, am besten auf der falschen Straßenseite enden ist genauso unklar wie die Tatsache, dass an Seitenstraßen eine enorme Bordkante existiert, die man in Deutschland so nicht gewohnt ist. Kurz und gut, es heißt höllisch aufpassen beim Fahren in der Stadt. Aber das war dann auch bald vorbei. Es ging noch am Stadion von Wisla Krakau vorbei wo gerade ein

Fußballspiel lief und mich ein volltrunkener Fan mit Axel Schulz Statue anfing vollzulabern. Am Ende wollte er mein rotes Kopftuch haben, was ich ihm mit Verweis auf die Sonne ausschlagen konnte. Einen Kuss bekam ich dafür trotzdem - Polen ist gewappnet für die EM 2012.

Nun ging es weiter nach Osten. zunächst war alles gut und es rollte prächtig. Ich deckte mich zwischendurch noch mit Gurken, Tomaten und dem obligatorischen Piwo fürs Abendessen ein und dann begann die Suche nach einem Schlafplatz. Ich hatte schon wieder schlimme Befürchtungen, denn aufgrund der Bebauung war nirgends ein geeignetes Waldstück oder eine Wiese zu finden. Doch dann, gerade wollte ich von der Hauptstraße abbiegen, führt mich mein Garmin just auf diese Nebenstraße. 500 m weiter stand ich an den Auen der Weichsel - perfekt, dachte ich. Also ging’s auf ‘nem Feldweg direkt an das Weichselufer auf der Suche nach einem Zeltplatz. Doch schon beim Einbiegen in den Feldweg war mir mulmig, da mich einige Leute gesehen haben. Dann kam mir auf dem Weg noch ein voll besetzter Jeep entgegen. Anhalten wollte er nicht, so dass ich auch nicht fragen konnte ob hier Zelte erwünscht sind. Naja ich habe mir dann einen Platz gesucht, doch es dauerte keine 10 Minuten, da kam Bauer Horst, äh Waclaw auf seinem Moped übers Feld getuckert. Ich erläuterte ihm mein Dilemma und er meinte nur: "nix Problem". Zum Glück versteht man hier noch ein wenig deutsch. Später werde ich in solchen Situationen wohl Stanislav anrufen müssen. Nun hoffe ich, dass Waclaw auch der Checker vom Dorf war und alles gut geht.

Nun gut, das Zelt war schnell aufgebaut, dann wurde ein leckerer Gurken-Tomaten-Salat angerichtet und es gab ein vorzügliches Mahl. Definitiv kann ich sagen, dass die Großstadt die zweite Geige spielt und die Weiterfahrt heute die richtige Entscheidung war! Eins gibt mir als anerkannten Tierfreund jedoch noch zu denken. Am Weichselufer waren jede Menge Tierspuren, auch von Wildschweinen. Wenn die armen Tiere meine riesigen Fußabdrücke sehen bekommen sie doch einen Schreck fürs Leben. Ich hoffe es geht trotzdem alles gut.

Trotz eines herrlichen Tages wird es nachts hier empfindlich kalt, und zwar deutlich kälter als in Deutschland - meine Nase freut sich!

Auf nach Osten - der Sonne und der ukrainischen Grenze entgegen

25.04.2010, Wola Ociecka

Die Nacht war wieder kalt, vielleicht 3°C, dank mei ner Fleecemütze von Porsche habe ich jedoch nicht gefroren. Nach dem morgendlichen Ritual - frühstücken und zusammenpacken - ging es los. Der heutige Wind entpuppte sich als Ostwind, also Gegenwind - wie uncool. anfangs war er sehr stark und ließ Geschwindigkeiten von vielleicht 13 km/h zu, später wurde es weniger. Dennoch begleitete er mich den ganzen Tag.

Ansonsten waren die Bedingungen hervorragend - strahlender Sonnenschein aber nicht zu warm, so dass ich mich sogar lang kleiden konnte und so nicht verbrannte. Mein Weg führte mich auf Nebenstraßen entlang wunderschöner kleiner Dörfer, durch Wiesen, Felder und Wälder. Alles war toll hergerichtet, die Häuser teilweise schmucker als in Deutschland und die Straßen größtenteils neu. Es war eine Augenweite hier lang zu radeln, wenngleich eine sehr Anstrengende. Auffällig waren auch die vielen hervorstechenden Kirchen, die vielen Kirchgänger am Sonntag und die zahlreichen bunt geschmückten Friedhöfe, teilweise mit Gräbern aus den Weltkriegen.

Die Mittagspause ging dann gleich mit einem kleinen Mittagsschläfchen auf einer der tollen Wiesen einher. Danach ging’s weiter, wohl wissend, dass noch ein Übernachtungsplatz her musste. Eingekauft hatte ich vorsorglich schon mal. Und wie schon das letzte Mal wurde der Weg länger und länger. Es fand sich einfach kein passendes Plätzchen. Entweder standen überall Häuser herum, oder die Felder links und rechts waren bestellt und somit zum Zelten nicht geeignet. Der Verzweiflung nahe bog ich dann von meinem Kurs in einen Wald ab in der Hoffnung eine passende Stelle zu finden und siehe da es fand sich ein Waldweg, den ich auch gleich einschlug. Nach gut 300 m stoppte ich und baute mitten im lichten Unterholz mein Zelt auf. Nun hieß es aber schnell machen und Essen kochen, denn es war schon 19:00 Uhr und im Dunkeln lässt sich so schlecht Handtieren. Nun war ich gerade dabei die Nudeln auf dem Hobo-Ofen klar zu machen, da sah ich am Ende des Waldweges jemanden rumtänzeln. So ein Mist schon wieder nicht allein. Aber was hilft‘s, da muss ich hin und mit ihm reden. Jedenfalls war "er" - seinen Namen habe ich nicht erfragt - von meiner Feueraktion im Wald nicht begeistert und meinte das 2 km weiter ein Zeltplatz sei. Das wäre der Zweite den ich in Polen gefunden hätte, ach wäre ich doch nur weiter gefahren. Aber nun stand alles und das abbauen hätte wieder eine Stunde gedauert. also bot ich "ihm" ein Bier an, wir schnaakten ein wenig, natürlich auf Deutsch, denn er arbeitete früher in Deutschland. Nach vielleicht 30 Minuten und dem Bier war alles okay und er wünschte mir eine gute Nacht, mit dem Hinweis, dass es hier Wölfe gibt (nach seiner Aussage fünf Stück). Wäre schade wenn es morgen nur noch vier sind, von daher hoffe ich dass wir uns heute Nacht nicht begegnen. Ich jedenfalls werde keine Nachtwanderung machen, dafür bin ich viel zu müde.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: ein Problem beim wilden campen was sich mir immer wieder stellt ist der mangelhafte Wasservorrat. Heute musste ich mit 3 Litern Mineralwasser, wobei sich herausstellte, dass 1,5 l mit Geschmack sind, Nudeln kochen, abwaschen mich waschen (fällt aus) und alles Weitere erledigen. Das nervt auf Dauer ganz schön. Morgen wäre daher mal wieder eine vernünftige Wasserquelle am Abend ein Ziel.

26.04.2010, Przeworsk

Die Anzahl der Wölfe im Wald von Wola Ociecka wurde von mir weder festgestellt noch reduziert, es sei denn eines der Tiere hat sich an meiner Bierdose verschluckt.

Heute habe ich einen auf Langschläfer gemacht und bin erst 8:30 aus meinem Zelt gekrochen. Im Wald bekommt man den Sonnenaufgang und insbesondere die dann scheinende Sonne nicht so mit, so dass ich mit einem eher grauen Tag rechnete, stattdessen war Sonnencreme mit LF50 angesagt und trotzdem brennt mir jetzt das Gesicht. Jedenfalls ging es los wie es gestern aufgehört hatte, mit Gegenwind. Hinzu kam das bisher ignorierte Wehwehchen, nämlich die rechte Achillessehne. Ob‘s an den Schuhen oder dem Gewicht liegt - ich weiß es nicht, jedenfalls tut der rechte Fuß beim Fahren weh, ich werde mal noch schauen ob ich einen Bandage in der „Apteka“ bekomme.

Aufgrund des Windes ging es zunächst langsam voran. hinzu kam, dass sich der Garmin das erste Mal vertan hat, bzw. einen Weg auswies, der ca. 1 km vom tatsächlichen Weg entfernt lag, was mich zunächst verunsicherte und mich zu diversen "Suchmanövern" veranlasste. Nach knapp zwei Stunden Fahrt gab‘s erst mal ein kurzes Frühstück, das eigentliche Frühstück viel nämlich heute vor der Abfahrt aus. Danach fuhr ich Weiter, durch süße Dörfer, jedes mit seinem eigenen Storch, oder zwei, oder drei Es war traumhaft, inkl. tollen Wetters, denn heute war ROTOR-Wetter, sprich das kurze Trikot inkl. kurzer Hose kam zum Einsatz.

Doch dann begann der Tag sch... zu werden, als sich eine Wespe unter meine Sonnenbrille verirrte. erschrocken schlenkerte ich hektisch auf der Straße herum und wurde fast noch überfahren. Das Ende vom Lied war ein schöner Stich unter dem Auge - die doofen Viecher, haben mich doch letztes Jahr schon malträtiert. Ohne größere Probleme ging es dann weiter, mit einem Auge immer schon nach einem Zeltplatz spähend. Doch es war wieder so wie gestern. Kein Waldstück, keine freien Felder. Nur zersiedelte Landschaft. Dazu kein Hotel oder Zeltplatz. Entnervt schaute ich auf die Karte und beschloss von meiner schönen Route abzubiegen und 6 km Umweg auf die Bundesstraße E40 in Kauf zu nehmen, in der Hoffnung in Przeworsk irgendetwas zu finden. Und siehe da meine Hoffnung wurde belohnt. 100 m nach Einbiegen auf die Bundesstraße war ein Zeltplatz ausgeschildert und als ich diesen erreichte war der zu meiner Überraschung auch noch 4free, mit dem Kommentar "es ist noch nicht geöffnet". Da kann ich nun nicht nein sagen und musste die frisch gemähte Wiese einweihen. Ein perfekter Platz sozusagen, mit Dusche - ein Hochgenuss, wenngleich sie kalt war, aber das kümmert mich nun wirklich nicht. Zur Feier des Tages konnte ich gleich noch im nahegelegenen Supermarkt ein Schlemmerfrühstück für morgen einkaufen und den ersten polnischen Wodka probieren.

Danach ging’s ins Restaurant gleich neben dem Campingplatz und ich probierte polnische Spezialitäten. Es gab eine Suppe aus Piroggen in einer Art Fleischbrühe und danach Kotelett belegt mit Gemüse, dazu gestampfte Kartoffeln und Salat, schwimmend in Fett, und natürlich das obligatorische Piwo. Alles in allem sehr lecker. Das Fett kann ich bei meinem täglichen Programm genauso gut wie die Tüte Chips und das weitere Bier gerade verdauen. Andernfalls würde mich Julia in Moskau wohl übersehen.

Und wieder einer dieser Zufälle die die Reise so spannend machen. Am Nachmittag noch war ich genervt von der Wespe, von der Aussicht wieder keine "Dusche" zu bekommen und überhaupt störten der Gegenwind und die Tatsache, dass kein Schlafplatz in Sicht war. Nun hat sich alles zum Guten gewendet und ich sitze glücklich, satt und sauber vor meinem Zelt und freue mich morgen in die Ukraine durchstarten zu können.

Die letzten neun Tage waren von einem Kurztrip abgesehen meine ersten in Polen. Ich muss sagen Polen ist ein tolles Land mit vielen netten Menschen. Man ist hier was die Entwicklung der Städte und Dörfer betrifft viel weiter als wir in Deutschland glauben. Mir hat es sehr gut gefallen.

And by the Way: Jan ich kann nicht verstehen wie du die Sprache freiwillig lernen konntest. Ich kann mir nach einer Woche noch nicht einmal "Danke" merken und scheitere komplett an der Aussprache der Ortsnamen. Morgen geht‘s mit russisch weiter - da sag ich nur "досвиданя".

Die Ukraine - eine andere Welt

27.04.2010, Mostyska

Heute Nacht regnete es - kein Problem, das Zelt ist ja dicht. Nach einem tollen Frühstück mit Kaffee und Berlinern ging es ca. 9:15 bei schönem, sonnigem Wetter Richtung Ukraine. Zunächst auf der Bundesstraße, später wieder über kleine süße Dörfer - eine tolle Landschaft. Die Anzahl der bewohnten Storchennester nahm von Ort zu Ort zu. Ich glaube ich lüge nicht, wenn ich sage, dass ich heute 40 Storchenpaare gesehen habe. Die Umgebung scheint aber auch perfekt zu sein.

Jedenfalls stand ich gegen 13:00 fröhlich an der ukrainischen Grenze in Krakovets. Der Grenzer faselte etwas von Problemo, ich meinte nur, dass ich kein Problem habe, bis ich von "meinem Problem" erfuhr. Eine nette, hübsche deutsch sprechende Grenzbeamtin gab mir zu verstehen, dass es hier nur für LKWs weiter geht. Meinem Gewicht nach zu urteilen zähle ich ja zu den LKWs, aber das wollte sie mir nicht glauben. Auch die Option einen LKW Fahrer um Hilfe/Mitnahme zu bitten habe ich auf die Schnelle nicht realisiert. Also hieß es 30 km Umweg in Kauf nehmen und den nächsten Übergang suchen.

Gesagt getan. Der Weg dorthin war wundervoll. Wunderschöne Dörfer mit tollen Dorfstraßen, eine bezaubernde Landschaft. Offensichtlich sind hier nicht zu knapp Fördergelder der EU eingesetzt worden (denke ich).

Jedenfalls erreichte ich dann den angepeilten Grenzübergang und nach einigem hick hack fand ich auch die Richtige, nämlich die "Fußgängerspur". Auf der polnischen Seite wurden Zigaretten und Alkohol, ich nehme an aus der Ukraine, angeboten. Jedenfalls konnte ich die polnische Seite problemlos verlassen. Die Grenzerin fragte noch nach dem obligatorischen "woher, wohin". Dann ging es auf die ukrainische Seite, wo erst mal die Migration Card auszufüllen war. Dann schob ich mein vollbepacktes Rad durch den Übergang, vorbei an vielleicht 5 Beamten. Als ich schon fast durch war, meinte eine der Beamtinnen, dass sie gern mein Gepäck sehen möchte. Jetzt war ich echt genervt, denn das Ein- und Auspacken dauert immer extrem lang. Ich wollte gerade mit der Tasche für die Klamotten beginnen, in der Hoffnung die Grenzer wollen nicht so viele benutze Buxen sehen, da kam der Obervorturner vorbei, der ein klein wenig deutsch verstand und fragte nach dem "woher, wohin". Damit war alles gegessen und ich konnte weiter.

In der Ukraine angekommen stand alles voller Menschen. Leute die über die Grenze wollten, Leute die was verkaufen wollen und was weiß ich wer alles noch. als Erstes wollte mich jemand mit dem Taxi nach Lemberg fahren, für 20 €. Ich hab ein Rad dabei, sehe ich so aus als ob ich Taxi fahren will?

Dann wollte ich meine letzten Zloty in, äh ukrainisches Geld tauschen. Gesagt getan. Kaum stand ich in der Wechselstube, waren auch schon fünf Leute am Start die mein Rad begutachteten. Mir wurde leicht anders. Ich nahm schnell mein Geld und flitzte zu meinem Rad - alles noch da! Nach einer kurzen Unterhaltung über das "woher, wohin" ging es für mich weiter.

Im Zelt wollte ich heute nicht übernachten. Dafür war mir hier alles zu neu und ungewohnt und vielleicht auch ein wenig unsicher. Also suchte ich mir ein passendes Motel am Straßenrand.

Zum Abendessen gab es eine Soljanka, ähm naja, reden wir nicht drüber. Außerdem wurde mein Fahrrad "sicher eingeschlossen". Ich hoffe es ist in der Tat so, und werde es morgen sehen ;)

Eins macht mir allerdings ernsthafte Sorgen: meine Achillessehne im rechten Fuß. Der Knöchel ist mächtig dick und schmerzt leicht. Morgen werde ich mal andere Schuhe probieren, in der Hoffnung die Belastung des Fußes etwas zu wechseln. Dann bin ich ja auch in Lemberg und kann mich erst mal ein wenig ausruhen, Wäsche waschen und die Blessuren heilen.

Die erste Zeitzone habe ich nun auch passiert.

Lemberg, das Krakau der Ukraine

28.04.2010, L'viv

Die Nacht im Motel war recht unruhig, weil wohl die ganze Sippschaft dort wohnt und gefeiert hat. Naja sei es drum. Morgens stand ich jedenfalls wie verabredet 8:00 Uhr auf der Matte und habe ein kleines Frühstück bekommen. Danach ging es bei bedecktem Himmel und empfindlicher Kühle los. Aufgrund dessen und vielleicht der Trostlosigkeit der Ortschaften wollte keine so rechte Hochstimmung über das neue Land aufkommen, wenngleich man mich heute freundlich an hupte - vielleicht lag es an meinem Outfit: statt dem kurzen schwarz-roten ROTOR-Trikot mit Totenkopf auf dem Ärmel, hatte ich heute ein blaues Shirt und ein gelbes Kopftuch an - die ukrainischen Nationalfarben.

Nach kurzer Fahrt machte sich meine Achillessehne schon wieder bemerkbar. Das ist wirklich blöd. Vielleicht hilft der Tag Pause morgen.

Jedenfalls ging es dann erst mal weiter. Am nächsten Geldautomaten wollte ich auch meine Geldbörse auffüllen und hob bissl was ab. Dann wollte mir der blöde Automat aber meine Karte nicht wiedergeben. Es dauerte ewig und ließ mich schon leicht verzweifeln bis ich das wertvolle Plastikteil wieder in der Hand hielt.

Und dann ging es nach L'viv rein. Wer schon einmal in einer russischen Großstadt war kann sich denken wie es zuging, den Anderen schaffe ich es nicht dies mit Worten zu erklären, aber ich habe ein Video gemacht - Jörn deine Halterung ist Klasse!

Vielleicht nur ein paar Ansätze um das Ganze grob zu umschreiben:

Es riecht grundsätzlich nach Benzin, Diesel, Ruß, bzw. wie in einer Kfz-Werkstatt (in der ganzen Stadt).

Fußwege sehen zumeist aus wie nach einem Bombenangriff und haben extrem hohe Bordkanten.

Radwege gibt es nicht.

Autos haben grundsätzlich Vorfahrt, auch aus der Nebenstraße heraus und diese Vorfahrt nehmen sie sich auch!

Der Größere hat immer Vorfahrt.

Jedenfalls bin ich so, schwer bepackt, in die 700.000 Einwohnerstadt gerollt und hatte schon leichte Bedenken bzgl. der Auffindbarkeit meiner Unterkunft. Was soll ich sagen: Garmin + www.gpsies.com arbeiten perfekt. Die rote Linie endete auf meinem Helferlein und vor mir stand das erste Hostel/Hotel was ich in der Stadt gesehen habe. Also bin ich ruck zu rein und habe mir nach kurzem Überlegen den Luxus eines Einzelzimmers gegönnt. Nun wird gerade meine Wäsche gewaschen und dann schaue ich mal in die Stadt.

Eins noch an unsere Automobilspezialisten von BMW und VW: Sagt mal, warum baut ihr extrem teure Teststrecken fürs Fahrwerk und die Fahrdynamik und engagiert dazu noch hochbezahlte Testfahrer? Das gibt‘s hier alles vor Ort für Umme. Da stellt ihr dem Boris ein neues Gefährt eurer Flotte hin und dann testet der wie es sich kein Testfahrer traut! Ach und noch eins: Die Ukraine ist ein prima Absatzmarkt für SUVs. Beispielsweise einen Porsche habe ich hier noch nie gesehen. Wäre auch sinnlos, der würde keine 10 m weit kommen.

Ach ja, bevor ich es vergesse: Nun bin ich keine 14 Tage weg und schon gibt‘s in Deutschland die große Kreisreform. Die Zuordnung der Städte und Gemeinden zu den Bundesländern wurde offensichtlich vollständig überarbeitet.

Als ich heute nach L‘viv reingefahren bin, ist mir Audi mit deutscher Nummer aufgefallen, und zwar mit IN - . Mein kleines Hirn sagte mir sofort "aha, ein Bayer aus Ingolstadt, der Heimat der Audis." Beim näheren Hinsehen war aber das TÜV-Siegel vom Land Nordrhein- Westfalen - mir wohl bekannt von meinem 5 jährigen Aufenthalt in NRW. Nun frage ich mich: Gab es wirklich eine Kreisreform, oder sind die Fälscher hier einfach nur riesengroße Stümper?

29.04.2010, L‘viv

Heute habe ich einen Ruhetag eingelegt, meine rechte Achillessehne versucht zu pflegen - leider erfolglos, und mir die geschichtsträchtige Stadt L‘viv/L‘wow/Lemberg angesehen. Dass die Stadt lange Zeit, bis zum Ende des ersten Weltkrieges, dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich angehörte ist deutlich zu sehen. Die Architektur in der gesamten Altstadt, welche übrigens in einem hervorragenden Zustand ist, zeigt dies. Wenn in der Ukraine einmal die Mittel vorhanden sein sollten, dass die Städte und ihre Bauten in historischem Glanze erstrahlen, zählt Lembergs Altstadt sicherlich zu den schönsten Europas. Ich kam ja in Krakau schon aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, aber ich denke die Lemberger Altstadt übertrifft Krakau noch einmal.

Meinen Stadtrundgang konnte ich bei bestem Wetter genießen, habe unter anderem einen Markt besucht - sehr interessant wie hier Lebensmittel, insbesondere Fleisch verkauft werden. Das deutsche Hygieneamt oder wie die heißen, würden glatt Amok laufen. Aus gegebenem Anlass wollte ich dann ein Geburtstagspäckchen auf die Reise nach Deutschland schicken. Den Inhalt hatte ich schon mühevoll in den letzten Tagen und Wochen zusammengetragen. Also habe ich mir nun eine Post gesucht, ein Päckchen gekauft und alles gefüllt. Ein schönes Kärtchen geschrieben, alles prima. Als ich dann am Schalter der Post stand ranzte mich die Mitarbeiterin an, was denn in dem Päckchen sei. Fröhlich erzählte ich es ihr. Daraufhin nahm sie das Teil und öffnete es im Stile eines Wrestling Stars. Nachdem sie sich von meinen wahrheitsgemäßen Angaben überzeugt hatte, meinte sie das 75% des Inhaltes ja nicht verschickt werden dürfen (ähm es waren keine Drogen dabei, keine Waffen, nix Illegales!). Wie dem auch sei sie drückte mir das Paket in die Hand, das war‘s. Ein junger Postbeamter, der das alles mitbekommen hatte meinte dann ich solle mal drei Schalter weiter (in ein Extrazimmer) gehen und es dort versuchen. Also das Ganze noch einmal. Hier gab es dann folgenden Verlauf: Es wurde nicht gefragt was im Päckchen ist, sondern nur wohin es gehen soll. Als ich Deutschland sagte, meinte die Dame das würde dann 541 UAH kosten - 54 € - ein Witz! Lange Rede kurzer Sinn! Aus der Ukraine kann man offensichtlich keine Pakete verschicken, denn auch die Nachfrage im Hostel und die daraufhin eingeholten Erkundigungen führten zu keinen neuen Erkenntnissen. Also habe ich den ganzen Spaß um sonst aus Polen mitgeschleppt und was noch viel schlimmer ist, nun weiß ich nicht wohin damit. Vielleicht schaffe ich es ja noch bis Russland und probiere es dort noch einmal.

Nun habe ich etwas genervt meine Taschen gepackt und werde morgen möglichst früh aufbrechen um den Hauptberufsverkehr hier in L‘viv zu entgehen.

Die Kornkammer - Landwirtschaft aus einer vergangenen Zeit

30.04.2010, Mlinivzja

Ab jetzt wird es lustig die Ortsnamen aus dem Kyrillischen zu übersetzen und aufzuschreiben. Heute Morgen bin ich sehr zeitig aufgestanden und habe das Hostel gegen 7:00 Uhr verlassen, um dem gröbsten Verkehr in L‘viv zu entgehen. Die Entscheidung war nicht schlecht, denn ich hatte alle Straßen für mich allein und mal abgesehen von den Anstiegen und dem schlechten Bodenbelag kam ich bestens vorwärts. Das Wetter war auch schon toll, zwar noch etwas kühl aber die Sonne schien schon.

Ich bin dann die N2, eine Art „Bundesstraße“, aus Lemberg herausgefahren und musste als erstes bemerken, dass ich den ukrainischen Straßen Unrecht getan habe. Zwar sind sie bei weitem nicht so gut wie die polnischen, aber auch nicht so schlecht wie anfangs beschrieben. Zudem ist der Verkehr auf „Nichtautobahnen“ (also keinen E-Straßen) durchaus verkraftbar und der Seitenstreifen nach wie vor breit.

Also kam ich im welligen Gelände ganz gut voran. die Achillessehne schmerze glücklicherweise nicht mehr so stark und war auch gut mit zwei Binden fixiert. Was die geografischen Gegebenheiten betrifft war ich recht überrascht über die vielen Hügel. Ich hatte die Kornkammer Russlands immer mit flachem, ebenem Land gleichgesetzt, wo man bis zum Horizont nichts anderes als Felder sieht. Offensichtlich ist das ein Irrtum. Nach ca.

40 km habe ich dann erst mal gefrühstückt, denn das fiel heute Morgen komplett aus. Da ich keine Lust hatte groß auszupacken gab es nur hartes Weißbrot und Käse, dazu Cola. Frisch gestärkt ging es dann weiter. Es wurde zunehmend heißer, die langen Klamotten waren längst verstaut und der Kilometerstand begann sich erfreulich zu entwickeln. Bei Kilometer 90 folgte dann ein zweiter, kleiner Zwischenimbiss - das Gleiche wie zum Frühstück und noch eine Tomate als Schmankerl.

Nun kam der interessante Teil der heutigen Route, denn es ging weiter auf Nebenstraßen, so dass ich austesten konnte bis zu welcher "Kartenfarbe" die Straßen hier fahrbar sind. Und ich fand es heraus. Stufe vier der Karte war feldwegähnlich, durchsetzt mit Kopfsteinpflaster, was noch viel schlimmer ist. Dafür war die Landschaft ringsum traumhaft. Ein grünes Tal, schöne geschnittene Wiesen, darauf Kühe, Pferde und Ziegen, überall liefen Gänse, Enten und Hühner frei herum und ein Dorf am Anderen. Letzteres sah zwar schön aus, bereitete mir aber wieder Probleme beim Suchen eines Schlafplatzes. Insgesamt hätte ich es mir viel leichter vorgestellt passende Schlafplätze zu finden. vielleicht muss ich in Zukunft dazu übergehen die Leute anzusprechen und direkt zu fragen ob ich zelten kann. Jedenfalls hat mich in jedem Dorf jemand angesprochen und man hat sich mit Händen und Füßen und ein paar Brocken russisch verständigt. So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt. Ich dachte schon das Tal noch komplett durchqueren zu müssen, das waren immerhin 16 km, also ca. 1 Stunde, mit schwatzen 2 Stunden, doch dann gab es doch einen Abzweig auf eine etwas höher gelegene Wiese und weiter hinter in einen Wald. Nun liege ich hier am Waldrand auf der tollen Wiese und erwarte die erste ukrainische Nacht unter freiem Himmel und hoffe, dass alles klar geht. Denn klar ist, so wie es hier aussieht, dass das Fleckchen hier gepflegt wird, kann also durchaus passieren, dass jemand mit dem Rasenmäher vorbei kommt. Aber ich nehme mal an, dass auch die „UK-Rainer“ nachts schlafen und nicht ihre Wiesen mähen.

Morgen geht‘s dann für mich wieder sehr zeitig los, der Wecker steht auf 5:00 Uhr, um der größten Mittagshitze zu entkommen.

Ein nach wie vor ungelöstes Problem, welches ich im Vorfeld gar nicht als Solches gesehen habe ist die Wasserversorgung. Nach einem anstrengenden, heißen Tag auf dem Rad sind 4,5 Liter Mineralwasser für Kochen, Waschen usw. recht wenig. Das geht einen Tag, vielleicht einen Zweiten aber dann wird‘s nervig.

Was mir heute wieder sehr stark aufgefallen ist, ist die viele Landwirtschaft die hier betrieben wird. Soweit nichts Ungewöhnliches. Zwar sind die Felder sehr groß, doch wird kaum eines mit großen, bei uns üblichen Maschinen bestellt. Stattdessen Arbeiten die Leute mit der Hand, vielleicht einem Pferdeflug oder einem Pferdewagen wie man sie um 1900 kannte. Kühe werden grundsätzlich von 1...n Personen bewacht und sind zudem angepflockt. In jedem Dorf, vor fast jedem Haus werden Produkte aus eigener Produktion angeboten. Das sind vor allem Milch, Eier, Kartoffeln und Zwiebeln. Anhand dieser Arbeitsweisen wird der hier vorherrschende Standard am ehesten deutlich, ich denke mit deutscher Technik könnte man die hiesigen Erträge um ein Vielfaches steigern.

Eine Sache möchte ich noch erwähnen. Sicherlich vermisst die Bonner Spielerrunde das Fähnchen an den Radbildern. Damit ist mir ein ziemliches Missgeschick passiert. Ich hatte das Fähnchen schon fertig montiert, dann aber festgestellt, dass so das Gepäck nicht richtig verstaut werden kann. Also habe ich das Fähnchen erst mal wieder abgebaut. Am Abreisetag wollte ich es dann nach dem Gepäckverstauen wieder anbringen, habe das aber vergessen. Nun steht es in LE - Leipzig und wartet dort auf mich. Es tut mir sehr leid, aber dennoch denke ich bestimmt täglich einmal an euch.

Neben der tollen Idee, mich auf meiner Reise „im Bilde“ zu begleiten, hätte das Fähnchen, im 90° Winkel zum Rad Richtung Straße auch wesentli ch zu meiner Sicherheit beigetragen wenn es die LKWs auf Distanz gehalten hätte.

Die Wodkamarke „Selbstgebrannt“

01.05.2010, Subari

Kurz hinter dem traumhaften Zeltplatz, der wunderbaren ersten ukrainischen Nacht unter freiem Himmel und dem auch am Morgen zuckersüßen Tal, in dem immer noch alle Viecher grasten, die Störche den Fröschen nachstellen und die Hühner mit dem Nachbarshahn auf der Straße Fange spielten, hatte ich noch ein ganz besonderes Erlebnis. Ich bin beeindruckt wie schnell man in der deutschen Automobilindustrie auf meine Anregungen reagiert und meine Vorschläge in den Entwicklungsprozess einarbeitet - Jörn das kann bei BMW nur über dich gelaufen sein.

Jedenfalls habe ich den neuen BMW „X1 Cabrio HP“ (Horse Power) als Erlkönig Version entdeckt. Ja, mir entgeht nichts hier auf den Straßen. Die Tarnung war zwar nahezu perfekt, doch das deutsche Nummernschild hat die Sache verraten. Wie ich sehe geht bei den Außenmaterialien der Trend zu Nachhaltigkeit - sprich Holz. Auch die Testfahrer waren schwer verkleidet, dennoch habe ich zumindest einen erkannt. Michail Saposchnik, der alte Formel-1-König ist ja bekannt dafür auch das letzte Pferd zu aktivieren - hier ist das einfach, da die Anzahl der Pferde durchaus überschaubar war. Jedenfalls war es mir ein Hochgenuss den Erlkönig bergauf stehen zu lassen und meine insgesamt 160 Kg an ihm vorbeizuhieven.

Davon, und von vielleicht 10 km abwechslungsreichem Feldweg durch Dörfer und schöne Landschaften abgesehen, wurde der Tag schnell recht eintönig, denn es ging auf eine "Trasse" und dann ca. 200 km geradeaus, ohne wesentliche Orte oder Highlights, nur hügelig war es, was das Fahren erschwerte. Gerade hatte ich mich damit abgefunden heute nichts weiter zu erleben, außer vielleicht einen neuen Kilometerrekord, da winkten mich an einer Bar (Restaurant) vier Typen ran und riefen mir was von "Kwass" zu. Eine kurze Überlegung ob ich jetzt den Schnitt zerstöre und das Zeug probiere oder einfach weiterradle brachte mich zu der Erkenntnis, dass ich nicht auf der Flucht bin, sondern vielmehr Land und Leute kennenlernen möchte und daher kurz anhalten könnte - und es hat sich gelohnt! Der "Kwass" entpuppte sich als stinknormaler Kaffee. Im Nebenraum waren die Typen - alles Fußballer, die gerade ihr Spiel im Dorfverein hinter sich hatten, jedoch damit beschäftigt ihre Wodka zu dezimieren und brauchten offensichtlich noch Verstärkung. Also setzte ich mich dazu und wir kämpften gegen eine 1,5 L PET Flasche gefüllt mit Wodka der edlen ukrainischen Marke „selbstgebrannt“. Hey Katja, vielleicht ist das eine Bereicherung der Karte der Vodkaria. Der Geschmack war jedenfalls hervorragend und wie ich heute sehe, hat’s den Augen auch nicht geschadet. Dazu gab‘s Brot, Speck, Gurke, Wurst und Lauch. Als wir die Flasche geleert hatten, meinte Ivan, einer der Fußballer ich könnte doch mit zu ihm kommen und dort übernachten. Gesagt getan. nun ging es leicht angedüdelt ca. 5 km weg von der "Trasse" über Feldwege zu Ivans Dorf. Dort angekommen wurde "Schaschlik" vorbereitet und ein großes Lagerfeuer entfacht. Mittlerweile war auch sein Freund Sergeij mit Frau am Start, Ivans und Sergeijs Eltern und hin und wieder der eine oder andere Nachbar. Es wurde dann Schweinefleisch in einem Kessel gekocht und Schaschlik gebraten. Dazu gab es allerlei Hausgemachtes unter anderem die nächsten 1,5 L Wodka derselben Marke, ebenfalls lecker. Diesmal kam ich jedoch nicht drum herum die typisch dazu gereichten sauer eingelegten, grünen Tomaten zu probieren (ixe!). Aber insgesamt gesehen ist ja mein Magen recht robust und die Geschmacksnerven sehr tolerabel. Wir haben den ganzen Abend unter Zuhilfenahme der Hände und Füße erzählt - ich habe vielleicht 40% verstanden. Am Ende schenkte mir Sergeijs Vater noch ein riesengroßes Glas selbstgemachten Honig toll, denn mein mitgebrachter war am Morgen zur Neige gegangen. Jedenfalls war es ein extrem interessanter Abend, der dann vorm Fernseher mit ukrainischem Wein endete - ein Erlebnis wie ich es mir für die Tour erhofft hatte! In der Nacht habe ich dann mit dem Wodka und dem schweren Essen gekämpft - ich war erfolgreich und habe nichts wieder hergegeben.

02.05.2010, Klitenka

Wie ich Ivan angedroht hatte, ging es heute Morgen zeitig, kurz nach 6:00 Uhr raus, um die morgendlichen, kühlen Stunden zu nutzen. Ivan hatte mir noch einen Kaffee bereitet und mich aus dem Dorf geleitet - zum Sonntag früh um 6:30 Uhr!

Als ich dann wieder auf der "Trasse" war musste ich mich erst mal sammeln und konnte 7:00 Uhr, noch leicht angeschlagen vom gestrigen Wodkaerlebnis durchstarten. Bei wunderschönem Wetter, aber leichtem bis mittelstarken Wind von der Seite ging es dann entlang der "endlosen" Straße. Irgendwann machte ich eine Frühstückspause und probierte den Honig - wundervoll! die Weiterfahrt war unspektakulär. Später ließ mich dann mein Garmin im Stich, was aber zu erwarten war. Die Planung führte mich ca. 150 km über Feldwege. Das wollte ich nicht fahren und nahm nun zunächst analoge Navigationsmittel, hoffte aber zumindest in Kiew wieder auf das elektronische Helferlein zurückgreifen zu können.

Nach ca. 125 km und 17:00 Uhr hatte ich dann nach einem Schlafplatz Ausschau gehalten. Da hier wirklich alle Feldwege benutzt werden, entweder Kühe geweidet werden oder Felder bestellt werden, muss man schon etwas genauer gucken. Ich habe dann einen Platz hinter einem vielleicht 50 m breiten Waldstreifen zwischen Straße und Feld gefunden. Das Feld ist schon bestellt, so dass ich hoffe hier ungesehen zu bleiben. Außerdem ist bis zum Horizont nichts zu sehen.

Das Wasserproblem besteht heute natürlich wieder, vielleicht kommt aber noch Abhilfe von oben, im Moment sieht es zumindest danach aus.

Im Bann der ukrainischen Hauptstadt

03.05.2010, Fastiv

Heute wurde ich von der ukrainischen Kunstflugstaffel geweckt - ein Agrarflieger kreiste über „meinem Feld“ und entdeckte mich auch recht schnell. Ein Gruß mit den Lichtern des Flugzeugs ein Winken zurück und die Sache war geritzt. Dann ging es in flotter Fahrt entlang der "Trasse". Immer schön geradeaus, ohne besondere Ereignisse. Bei Gesamtkilometer 250 auf dieser Straße für mich folgte das Highlight - ich bog ab. Nun ging es nach Norden, den Südwind ausnutzend Richtung Popilnaja. Dabei musste ich feststellen, dass die Straßenstärke auf der Karte kein sicheres Indiz für deren Beschaffenheit ist, denn auf einmal fand ich mich auf einer gut 15 Meter breiten Schotterpiste wieder. Dennoch kam ich gut voran, oder im Radlerjagon gesprochen: heute hatte ich gute Beine. Außerdem konnte ich auf diesem Straßenbelag eine biologische Feldstudie durchführen, nämlich:

Schmetterlinge fliegen maximal 20 km/h Fliegen schaffen immerhin 15 km/h Wespen und Bienen waren schneller als ich Weitere Studienteile werden folgen!

In Popilnaja angekommen war die Frage: Suche ich das angegebene Hotel oder fahre ich weiter und zelte. Ich deckte mich mit ausreichend Wasser ein und entschied mich für Variante zwei. Dementsprechend ging es weiter. Im Hinterkopf der Gedanke morgen schon Kiew erreichen zu können - es waren noch 120 km.

So fuhr ich wieder kleine Dorfstraßen, diesmal alle asphaltiert und kam gut voran. Zwar waren die Beine immer noch gut, aber die Sonne neigte sich. Also musste ein Schlafplatz her. Und wieder war da das Problem wo schlafen! Überall waren Häuser oder Acker. Also fuhr ich weiter. Ich machte ordentlich Meter und bewegte meine 70 Kg Gepäck mit über 20 km/h.

Dann tauchte am Horizont ein Wald auf und ich dachte mir: Der Waldrand ist perfekt, da gibt‘s bestimmt einen kleinen Weg. Als ich näher kam standen da ein Auto und jede Menge Menschen drum herum (8 waren es glaube ich insgesamt), und schon dachte ich wieder, so ein Mist!

Aber Alexej, der „Boss“ der Truppe winkte mich direkt zu sich. Nach dem üblichen woher und wohin - diesmal sprach sogar ein Mädchen englisch und wir konnten uns bestens verständigen - wollte man mich auch auf das Alkohollevel der Anderen bringen. Also gab es wieder Wodka der ukrainischen Nobelmarke „selbstgebrannt“, dazu saure Gurken und Würstchen und zum Durst löschen ein Bier.

Offensichtlich hatte die S-Klasse der Freunde einen Defekt und man versuchte diesen zu reparieren - ganz schön schwer mit 3 Promille, mal davon abgesehen: Wer soll denn Fahren wenn das Teil wieder läuft? Alexej bot mir dann spontan an mit zu ihm zu fahren und dort zu übernachten. Es wäre nur eine Autostunde entfernt. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass wir nicht wieder zurück fahren würden, willigte ich zunächst ein, war aber ziemlich skeptisch was das Platzangebot betraf, da die 8 Leute ja so schon kaum in die S-Klasse passten. Wo sollten ich und mein ganzer Triss da noch hin? Das sah Alexej zwar überhaupt nicht ein, er konnte aber dann von einem seiner Freunde doch noch überzeugt werden, dass das nix wird - ich war nicht böse! Also konnte ich nach drei Wodka und einem netten Gespräch locker flockig den Waldrand nach dem passenden Stellplatz absuchen. Am Ende des Waldes, vielleicht 200 m von der Straße entfernt traf ich einen jungen Typen. Der meinte er würde hier Holz fällen ich solle doch noch ein paar Meter weiter gehen. Gesagt getan. Nun stehe ich hier auf dem Acker mit meinem Zelt und kämpfe zum ersten Mal gegen die Mückenplage.

04.05.2010, Kiew

Oh Mann, der Wodka gestern auf nüchternen Magen hat mich ganz schön geschafft.

Jedenfalls habe ich gut geschlafen. Leider jedoch auch einige Zecken mit mir im Zelt - wie uncool! Ich hoffe einfach mal, dass nix weiter passiert ist. Jedenfalls bin ich heute Morgen 6:10 Uhr erwacht und aus dem Zelt gekrabbelt und da raschelte es im Wald. Bei genauerem Hinsehen lief da jemand mit einem Eimer lang - ähm, Pilze gibt‘s jetzt noch nicht, Heidelbeeren auch nicht, what the fuck macht der Typ morgens um 6:00 Uhr mit einem Eimer in einem vielleicht 100 Meter breiten Waldstück zwischen Feld und Bahntrasse? Mir soll‘s egal sein, ich habe ihn nicht gefragt!

Nun gab es erst mal einen Kaffee und einen tollen Sonnenaufgang. Und dann ging es los Richtung Kiew. Es lief wieder toll, ich glaube die letzten 14 Tage haben meinen Körper was das Radfahren betrifft wieder "reaktiviert", jedenfalls macht es jetzt zunehmend Spaß die 70 Kg zu bewegen und ich lasse keine Gelegenheit aus meine Gesprächspartner mal Hand an das Rad anlegen zu lassen und es hochzuheben.

Nach vielleicht 45 km gab es dann zum Frühstück Milch und Joghurt, dazu Weißbrot und den tollen Doping-Honig, und dann ging es weiter straight ahaed nach Kiew. Plötzlich sah ich im Rückspiegel einen Radfahrer, der näher kam und mich überholen wollte. Die Beine waren immer noch gut, also hing ich mich bei vielleicht 30 km/h in seinen Windschatten. Kurze Zeit später bog er ab, ich musste auch dort lang. Jedoch konnte ich bei starkem Seitenwind den Windschatten, der ja nun seitlich neben meinem "Spender" lag, nicht mehr halten und musste abreißen lassen. Als Jurij (64) das merkte verlangsamte er die Fahrt und wir unterhielten uns kurz. Dann zog er mich in seinem Windschatten vielleicht weitere 25 km Richtung Kiew und lotste mich dabei elegant am Verkehr vorbei auf kleinen Straßen durch eine schöne Gegend. Am Ende durfte auch er mal "heben" und war schwer beeindruckt. Da war ich dann auch gleich der "маладец". Das rief man mir im Übrigen auch heute vom Straßenrand zu.

Wir tauschten noch Telefonnummern aus, bevor er mich verabschiedete. Ich hatte einen wahren "Höllenritt" hinter mir, mit dem Gepäck und bei dem Tempo. Das bedrohliche Klappern welches sich während der Sausefahrt im hinteren Bereich des Rades bemerkbar machte, war dann auch nicht wie zunächst vermutet die Rohloff - hätte mich nach 2.000 km bei einer Garantie von 100.000 km auch sehr gewundert - sondern einfach nur mein Fahrradschloß, welches sich gelöst hatte. Weiter auf autobahnähnlichen, jedoch zum Glück nur mäßig befahrenen Straßen ging es der Dusche entgegen. Im Hotel angekommen wurde Selbige auch erst mal ausgiebig genossen, erst für mich, dann für Kleidung und Ausrüstung soweit dies erforderlich war.

Danach stand der ersten kleinen Tour durch die Stadt nichts mehr im Wege. Und was soll ich sagen: 1.500 km sind nicht viel! Kiew ist eine europäische Großstadt wie viele andere auch. Osteuropäisch angehaucht, aber nicht arm. beim potenten Ukrainer geht der Trend zum großen Geländewagen - wahrscheinlich die, die sich in den USA nicht mehr verkaufen lassen. Aber auch deutsche Modelle habe ich gesehen, z.B. gleich mehrfach einen Porsche Magnum. Aber bei einem Spritpreis von umgerechnet 75 ct/l kann man sich so ein Vehikel offensichtlich gut leisten. Außerdem fahren auch viele "halbe" Autos rum, mal fehlt ein Vorderteil, dann wieder ein Hinterteil, Hauptsache das essentielle zum Fahren, also der Motor, vier Räder und ein Lenkrad sind da. Wenn der Rest fehlt spart das ja auch Gewicht.

05.05.2010, Kiew

Heute war Sideseeing in Kiew angesagt. Eine willkommene Abwechslung zum Radfahren und zumindest für den Hintern eine Erholung. Die Beine konnten sich nicht wirklich erholen, sie wurden nur anders belastet - meine Füße schmerzen.

Gestartet bin ich mit der Metro in die Stadt. Die kostet hier sensationelle 17 ct pro Fahrt. Man kauft einfach Plastikchips und wirft bei jeder Fahrt einen Chip ein und kann so das Drehkreuz passieren. Ein ziemlich einfaches, aber geniales System, finde ich.

Jedenfalls habe ich mir die Sophienkathedrale und die Klosterkirche St. Michael angesehen - beides sehr spektakuläre Bauten und vor allem in tollem Zustand. Weiter ging es dann auf dem Хрещатик Boulevard am Goldenen Tor, einem alten Stadttor vorbei. Die Kiewer Innenstadt ist sehr beeindruckend, mit vielen monumentalen Bauten, ich würde denken aus den 20er oder 30er Jahren. In jedem Fall war ich von der Stadt und ihrem Zustand schwer begeistert. Das Mutter-Heimat-Denkmal habe ich leider heute nicht gefunden. Das wird dann die morgige Aufgabe. Hierbei handelt es sich um eine Statue zum Zeichen des Sieges der rumreichen Sowjetarmee im zweiten Weltkrieg. Das Teil wurde 1967 erbaut und ist größer als die Freiheitsstatue in New York. Ein ähnliches Monument, noch etwas größer, gibt es in Wolgograd, zur Erinnerung an die Schlacht von Stalingrad.

Nach nun reichlichen zwei Wochen möchte ich mal etwas zur Sicherheit in der Ukraine und auf der Reise überhaupt sagen.

Anfangs hatte ich ja durchaus Bedenken und wusste nicht was mich diesbezüglich erwartet. Grundsätzlich ist es so, dass ich extrem auffalle mit meiner ganzen Last. Wie überall auf der Welt gibt es freundliche, offene Menschen und eher skeptische. Ich habe es von Anfang an so gehalten, dass ich jeden der mich anschaute oder "staunte" freundlich in der Landessprache gegrüßt habe. Oft kam ein nettes "Hallo" zurück. Sehr selten wurde mit Abweisung reagiert. Ich fühle mich daher eigentlich rundum gut aufgehoben unabhängig von den vielen tollen Begegnungen, die ich beschrieben habe. Wirklich brenzlige Situationen gab es noch keine, die eine oder andere Begegnung war vielleicht unangenehm, aber nicht gefährlich. Und wenn mir überlege durch Deutschland zu fahren, wären meine Berichte über die Menschen auch nicht anders.

Ein weiterer Punkt der mir im Vorfeld arges Kopfzerbrechen bereitet hat war die Versorgung unterwegs mit Lebensmitteln. Wie soll ich einkaufen und gleichzeitig mein Rad sichern. Auch hier ist m.E. die Lage deutlich entspannter. In vielen kleinen Dörfern gibt es ein Magazin, in welchem man das Notwendige erhält. Das Rad steht dann vor der Tür, aber ehrlich gesagt kann damit sowieso keiner der Anwesenden wegfahren. Das würde einen großen Knall geben und der Dieb würde auf der Straße liegen, zumal ich immer den höchsten Gang als "Sperre" einlege. So fährt garantiert keiner los. die Taschen bekommt man ohne Kenntnis der Technik auch nicht ab, so dass ich mich auch hier halbwegs sicher fühle. In großen Städten wie jetzt in Kiew kann ich dann auch mal ohne Rad ganz entspannt die Vorräte auffüllen.

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land werden auf meiner Reise zunehmend extremer. In Deutschland ist ja der Lebensstandard in der Stadt und auf dem Land in etwa gleich. In Polen ist das schon nicht mehr so und in der Ukraine sind die Unterschiede enorm. Das Land wird teilweise mit der bloßen Hand bestellt, Pferdewagen sind normale Transportmittel und Kühe auch Arbeitstiere. Fließend Wasser ist keine Selbstverständlichkeit und alles sieht sehr, sehr ärmlich aus. Eine Großstadt wie Kiew hingegen steht einer westeuropäischen Stadt in nichts nach. Gut, es wird deutlich, dass das Gefälle zwischen arm und reich größer ist als in Deutschland. Die wirklich Reichen zeigen was sie haben, in erster Linie auf vier Rädern. So was sieht man in Deutschland in der Form nicht. Hier reicht es eben nicht einen Mercedes zu fahren, nein es muss der größte sein und der muss erst noch zu AMG. Solche Pausen in den Städten sind für mich wie ein kleiner Kurzurlaub im "normalen Leben" und gehören irgendwie gar nicht zu meiner Abenteuerreise, sind aber dennoch spannend. Das Abendteuer findet hingegen vorwiegend auf dem Fahrrad und in der Natur statt, denn das ist das "andere Leben" welches ich für dieses halbe Jahr wollte. So freue ich mich auch immer nach zwei Tagen wieder aufs Rad steigen zu können.

06.05.2010, Kiew

Tag zwei in Kiew. Heute wollte ich mal ausschlafen und Kräfte für die nächsten 500 km nach Kursk, dem ersten Etappenziel sammeln. Aber irgendwie habe ich mich schon zu sehr an den Lauf der Sonne gewöhnt und wache automatisch bei Sonnenaufgang auf. Mein erster Weg führte mich heute zum Mutter-Heimat Denkmal, der 62 Meter hohen Statue ein beeindruckendes Machwerk der UdSSR. Wahrscheinlich ist der Kern aus Stein, die Fassade sieht jedoch nach einer Metallverkleidung aus, was die Statue noch imposanter erscheinen lässt.

Anschließend ging es durch die Grünanlagen Kiews in die Innenstadt. Dabei konnte ich, wie auch die letzten Tage feststellen, dass der Kiewer gern seine Parkbänke nutzt. Trotz reichlicher Anzahl sind immer alle Bänke belegt.

Außerdem traf ich einen älteren Herrn, der mich nach einem Stift fragte. Beim genaueren Hinsehen war er mit einem uralten Messgerät zu Gange und steckte dauernd irgendwelche verkabelten Eisenstifte in den Boden. Er meinte er misst den Widerstand. Hm, eigenartig? Überall in der Stadt wird anlässlich des 65 Jahrestages des Kriegsendes geschmückt. Es werden große Blumenbeete extra angelegt, Fahnen und Transparente installiert und alle Straßen hängen voller Plakate. Hier wird an allen Ecken deutlich wie stark die Ukraine vom 2. Weltkrieg betroffen war. Unter Anderem waren heute am Mutter-Heimat-Denkmal zahlreiche Schulklassen, jeder Schüler mit einer Blume bewaffnet. Auch sonst liefen viele Menschen mit Blumen rum, oft auch ältere Männer mit ihrer, mit Orden dekorierten Uniform. Später bin ich dann noch auf dem Platz der Unabhängigkeit an einem Globus vorbeigelaufen, der verschiedene Städte und ihre Entfernung von Kiew anzeigt. Bonn war mit 1.640 km ausgeschildert - Luftlinie! Mein Radcomputer zeigt ca. 2.000 km an, wobei ich ja von Bonn nach Leipzig ca. 200 km Zug gefahren bin.

Jetzt freue ich mich auch wieder auf die nächsten 500 km und 5 Tage Abendteuer.

Hoffentlich geht an der russischen Grenze alles gut. In Gedanken habe ich mir schon mal ein paar Sätzchen zurechtgelegt, die meinen "Businessaufenthalt" erklären sollen.

Ganz besonders möchte ich noch mal Christiane und Wolfgang danken. Euer Minirucksack ist in der Stadt Gold wert. Ohne den hätte ich ganz schön alt ausgesehen.

Endspurt der ersten Etappe

07.05.2010, Nowi Bikiv

Nach zwei Tagen Sideseeing und "Urlaub vom Radfahren" hieß es heute nun "Auf nach Osten". Dank meines Garmin fand ich problemlos den Weg aus Kiew heraus. Auf kleinen Straßen ging es vorbei am großen Verkehr. Dennoch hatte ich das Gefühl eine Jahresration Feinstaub, Dreck und Schutz inhaliert zu haben. Der Altmetallhändler hätte vielleicht sogar noch was für mich gegeben, wegen der aufgenommenen Schwermetalle. Hoffentlich war da nicht allzu viel radioaktives Material dabei, denn heute bin ich bis auf ca. 120 km an Tschernobyl rangefahren. Wenn man bedenkt was dort los war und wohl auch noch ist ein mulmiges Gefühl. Auf der anderen Seite ist Kiew auch nur ca. 140 km entfernt. Man möchte sich gar nicht denken was passiert wäre, wenn im April 1986 Nordwind geherrscht hätte und die Wolke nach Kiew gezogen wäre.

Für mich ging es dann recht schnell wieder auf eine der geliebten "Trassen" - mein Zuhause für die nächsten 350 km. Heute herrschte den ganzen Tag starker Wind aus Südost, was für mich Gegenwind bedeutete - also kein BMW-Tag („Freude am Fahren“). Die anderen Bedingungen (Sonne und Straßen) waren aber soweit okay, so dass ich mich dennoch 115 km vorwärts kämpfen konnte. Ich möchte auf meiner Tour einmal den Tag erleben, dass bei solchen Straßenbedingungen Rückenwind in dieser Stärke herrscht. Dann gibt es kein Halten mehr.

Die übliche Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit war wiederum schwierig.

Letztendlich habe ich mich wieder für einen Feldrand, getrennt durch ein paar Bäume von der Straße, die ca. 50 m entfernt liegt entschieden.

Am Himmel waren dunkle Wolken zu sehen und es regnete in der Ferne auch schon, also wurde schnell das Zelt aufgebaut. Dann bog ein Auto auf das Feld ein und ich dachte schon der hiesige Bauer will nach dem Rechten sehen, aber es handelte sich lediglich um jemanden, der seinen Müll entsorgen wollte. wirklich schade, dass hier so wenig Wert auf die Umwelt gelegt wird und immer wieder wild Müll entsorgt wird. In Deutschland sieht man solche wilden Müllhalden mittlerweile sehr selten.

Jedenfalls machte ich mich dann an die Vorbereitung des "Abendmahles". Kein Fast Food, kein Bier wie die letzten Tage. Es gab gemischten Salat, dazu Weißbrot und ein dickes Stück Kassler. Gerade war ich am Gurke Schneiden, da kam ein gewaltiger Sturm auf. Das Feld verwandelte sich für Sekunden in eine undurchsichtige Wolke und die Bäume links und rechts von mir entledigten sich überflüssiger Äste, zum Glück traf keiner das Zelt, welches ein paar Meter von den Bäumen entfernt steht. In diesem ganzen Chaos ist auch mein Rad umgefallen und zwar voll auf den Spiegel. Der ist nun hin. Das ist ein ziemlich doofer Verlust, denn der Spiegel war wirklich extrem nützlich, insbesondere in größeren Städten. Frisch gestärkt und ein wenig gewaschen geht‘s heute wieder zeitig ins Bett. Hoffentlich ist der Wind morgen weg.

08.05.2010, Charkowe

Nach einer angenehmen Nacht habe ich mich 6:20 Uhr aus dem Zelt geschält und alles zusammengepackt - die Handgriffe sitzen immer besser. Dann gab‘s noch ein Frühstück mit Müsli und Kaffee und ab auf meine Trasse.

Links Felder soweit das Auge reicht, rechts Felder soweit man blicken kann und eine Straße schnurgerade bis zum Horizont. Es handelte sich um so eine Plattenkonstruktion wie früher die Autobahnen in Deutschland - mit dem Auto klack klack - klack klack - klack klack, mit dem Fahrrad Klack Klack Klack. Jedenfalls dachte ich mir, prima dann werfe ich mal die 9. Welle rein und geb' Kette. Gesagt getan. Der neunte Gang, der fürs Grobe, war drin ich stand mit all meinem Gewicht auf der Pedale und nichts passierte. Hat die Rohloff etwa doch einen Defekt oder habe ich über Nacht so stark abgenommen, dass mein Gewicht die Pedale nicht nach unten drückt? Weder noch, es war der Gegenwind, der mir mittlerweile aus Osten streng ins Gesicht fauchte. Also hieß es drei Gänge zurückschalten und das Gleiche nochmal. Jetzt kam Bewegung in den Laden, wenn auch nur ganz langsam. Ich kämpfte mich teilweise mit 12 km/h vorwärts. Pedalumdrehung für Pedalumdrehung, Meter für Meter. Zum Glück waren in dem Müsli drei Löffel des Dopinghonigs, so dass es ca. 1,5 Stunden ganz gut ging. Dann ließ der Wind etwas nach, doch was war das? Ein Tropfen! Schweiß? Nein es war Regen! Und noch ein Tropfen und noch Einer... Schnell zog ich die Regensachen an und es ging weiter. Ohne Wind dafür mit ordentlich Nässe von Oben die nächsten 1,5 Stunden. Dann fand sich in einem kleinen Ort ein Magazin, perfekt für eine Mittagspause. Vor dem Laden war noch eine überdachte Sitzgelegenheit, so dass die Mittagspause etwas länger ausfiel. Mittlerweile hatte es auch aufgehört zu regnen so dass ich die Sachen etwas antrocknen konnte. Dann ging es weiter. Die Landschaft wurde abwechslungsreicher. Die endlosen Felder gingen in hügeliges Land, teils Wiesen, teils Wälder über. Dennoch ging es zäh vorwärts. Der Wind wechselte sich mit Nieselregen ab und meine Lust aufs Radeln schwand.

Doch dann, ich wollte den Tag gerade fahrtechnisch abbrechen, kam die Sonne raus und mit einem Mal war die Motivation wieder da. Ich konnte während der Fahrt meine Sachen trocknen, hörte Musik und fuhr mit offenem Shirt und der Sonne im Nacken in den Abend hinein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 162 Seiten

Details

Titel
Freiheit erleben! Meine fünfmonatige Fahrradreise durch Sibirien und die Mongolei
Autor
Jahr
2010
Seiten
162
Katalognummer
V161908
ISBN (eBook)
9783640794478
ISBN (Buch)
9783640794744
Dateigröße
3282 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reisebericht, Fahrradreise, Radtour, Freiheit, Ausstieg, Sabbatical, Auszeit
Arbeit zitieren
Rainer Haensel (Autor:in), 2010, Freiheit erleben! Meine fünfmonatige Fahrradreise durch Sibirien und die Mongolei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/161908

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