H.G. Wells "Die Zeitmaschine" als Spiegel der Zeit


Seminararbeit, 2006

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Einordnen in den gesellschaftlichen Kontext
1.1.1 Eloi und Morlocks als Klassenvertreter der Industrialisierung
1.1.2 Die Theorien des Zeitreisenden
1.2 Große wissenschaftliche Fortschritte im Bereich der Mobilität
1.3 Die Brücke zum Darwinismus

2. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Zeitreisen hat es immer schon gegeben, in Märchen, Mythen und Legenden.1 Der Roman Die Zeitmaschine von H.G. Wells erschien 1895 bei Heinemann in London und brachte ein ganzes Heer von Tüftlern, Physikern, Exzentrikern und Autoren auf den Plan, die nun eigene Maschine in die Welt zu setzen.2 Das Paradox der Zeitreise steht am Beginn einer ganz neuen literarischen Untergattung, die unter dem Motto „Was wäre, wenn?“ angetreten ist. Im 20. Jahrhundert wird nicht nur die Science Fiction, sondern auch die Geschichtsschreibung selbst von diesem Spieltrieb erfasst.3 Diese neue Gattung fasst auch Wells in seiner Zeitmaschine auf, welche auf einer von ihm verfassten und 1888 veröffentlichten Geschichte aufbaut: The Chronic Argonauts. Er hat sie wenig später verworfen „und alle Exemplare vernichtet, deren er habhaft werden konnte.“4 Diese Reaktion lässt sich aufgrund der Tatsache erklären, dass The Chronic Argonauts viel konkreter und realitätsnäher gestaltet wurde als Die Zeitmaschine.5 „Nach The Chronic Argonauts schrieb Wells mindestens sechs Versionen der Zeitreisegeschichte, bevor er die heute bekannte Fassung von der Zeitmaschine von 1895 abschloss.“6 Die Erzählung der Zeitmaschine beginnt weder im Weltall, noch in einer Zukunftswelt, sondern im England unter der Herrschaft Queen Victorias. Auf den ersten Seiten spielt sich die Handlung in der Bibliothek des Zeitreisenden ab, dessen Namen dem Leser nie bekannt wird. Der Zeitreisende hat Besuch von einer Herrengesellschaft, zu welcher der Ich-Erzähler, also der Zeitreisende, selbst zählt, und noch vielen weiteren, wie zum Beispiel einem Arzt und dem Bürgermeister. Die Diskussion der Anwesenden dreht sich um die Möglichkeit einer Reise durch die Zeit, die durch die Demonstration und Vorführung eines kleinen Modells der Zeitmaschine ausgelöst wird. Dieses Modell hat der Zeitreisende, eigenständig konstruiert. In seinem eigentlichen Labor können die Besucher dann die schon fast fertig gestellte, große Zeitmaschine bewundern. Mit dieser möchte der Ich-Erzähler die Zeit erforschen. Beim zweiten Besuch der Herrengesellschaft wartet man auf die Rückkehr des Zeitreisenden, der plötzlich mit zerfetzter Kleidung auftaucht und trotz Verletzungen gierig über das Abendessen herfällt. Danach setzt er sich im „Raucherzimmer“ nieder und beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Auf seiner Zeitreise in das Jahr 802.701macht er viele neue Entdeckungen und versucht diese Erfahrungen mit Hilfe seines mitgebrachten Wissens aus dem 19. Jahrhundert zu erklären und muss des Öfteren feststellen, dass er mit seinen aufgestellten Theorien, doch nicht ganz Recht hat und dass diese Zukunftswelt sich in ihren Grundzügen kaum von seiner eigenen unterscheidet.

Diese Widerspiegelungen der eigenen Zeit in der Zukunftswelt kann besonders gut an den zwei verschiedenen Menschenrassen Eloi und Morlocks, welche das Bürgertum beziehungsweise die Arbeiterklasse verkörpern, dargelegt werden. Des Weiteren basieren vor allem die Theorien des Zeitreisenden auf dem wissenschaftlichen Vorgehen seiner Zeit und somit versucht er auch mit Vergleichen zur eigenen bekannten Gesellschaft diese neue Gesellschaftsform zu definieren. Der Titel „ Die Zeitmaschine“ impliziert geradezu den wissenschaftlichen Fortschritt, durch den das späte 19. Jahrhundert geprägt wurde. Vom Fortschrittsgedanken ausgehend findet man schließlich die „Brücke zum Darwinismus“, welcher im Roman durch die Degeneration und Spaltung des Menschen in zwei verschiedene Rassen stark in Erklärungsnot geraten könnte.

Unter den Literaturwissenschaftlern ist man sich heute ziemlich einig, dass Wells Zeitmaschine nicht eine zukünftige Welt, sondern die eigene, vom Scheitern bedrohte Welt, darstellen sollte.

1.1 Einordnen in den gesellschaftlichen Kontext

In Wells Zeitmaschine kommt vor allem das Endzeitgefühl des Fin de Siècle in England zur Geltung.7 Obwohl es so scheint, als ob die Zeitreise den Mittelpunkt des Geschehens darstellen soll, ist dem nicht der Fall. Denn Schenkel beschreibt in seinem Werk H.G. Wells Der Prophet im Labyrinth, dass die Dekadenzstimmung und apokalyptische Befindlichkeit der Jahrhundertwende in der Zeitmaschine ins Kraut geschossen seien.8 Er stellt sich und uns die Frage: „Aber geht es in der Zeitmaschine wirklich um Zeit? Die Diskussion über Raum und Zeit macht die Zeit zwar zum Thema, doch spielt Zeit nicht mehr dieselbe Rolle auf der Reise in die Zukunft, die ja zum Aufenthalt wird und nur ein Fenster darstellt zu einer anderen Phase der Gesellschaft.“9 Diese andere Phase der Gesellschaft ist genau diejenige, auf die der Zeitreisende im Jahre 802.701 trifft. Trotz der großen Entwicklung, die in den vielen Jahrtausenden vonstatten hätte gegangen sein müssen, ist die vom Zeitreisenden besuchte Welt nicht allzu sehr verschieden von dessen eigener Gesellschaft.

1.1.1 Eloi und Morlocks als Klassenvertreter der Industrialisierung

Die erste Reise des Zeitreisenden versetzt diesen in das Jahr 802.701. Er trifft dort auf zwei gänzlich gegensätzliche Gesellschaftsklassen, die sich ausgehend aus dem viktorianischen England zu zwei verschiedenen Rassen der Menschheit entwickelt haben müssen. Zum einen sind das die über der Erde lebenden Eloi und zum anderen sind das die unter der Oberfläche hausenden Morlocks. Zuerst trifft der Zeitreisende nur auf die Rasse der Eloi, die „in ihrer Umwelt keiner Bedrohung und Gefahr ausgesetzt sind, und sich somit der Notwendigkeit enthoben fühlen, ihre kreative Intelligenz zu erhalten, und degenerieren zwangsläufig zu physisch und geistig schwachen Geschöpfen.“10 Diese spiegeln das englische Bürgertum am Ende des 19. Jahrhunderts wider. Dies lässt sich damit erklären, dass sie scheinbar wie die Bürgerklasse ohne Sorgen und glücklich in einer Art Paradies leben können, aber aufgrund dessen mit der Zeit sehr an Intelligenz eingebüßt haben. Anscheinend werden sie, wie das ehemalige englische Bürgertum von einer Arbeiterklasse versorgt.

Aber erst „als die Zeitmaschine gestohlen wird, stößt der namenlose Held auf die zweite Hälfte der Menschheit, die finsteren Morlocks, die unter der Erde hausen und wie der biblische Moloch von Kinderopfern leben: Die Eloi dienen ihnen als Speise.“11 Denn laut Schenkel war Wells einst der Überzeugung, dass die obere und die untere Klasse sich in Zukunft so weit auseinander entwickeln werden, dass die eine die andere auffressen werde.12

Sogar die von Wells gewählten „Namen geben Anlass zur Spekulation: das wohlklingende vokalische Eloi suggeriert Italien oder die Südsee, Unschuld, Kindlichkeit, Schönheit. Morlock dagegen erinnert an den Tod, la mort, an Schloss und Riegel, lock, und ist geradezu eine Verbindung der beiden größten Helden und Antihelden der neunziger Jahre, Sherlock Holmes und Professor Moriarty.“13 Infolgedessen sollen die Morlocks als Vertreter der Arbeiterklasse fungieren, die sich im England des 19. Jahrhundert gegenüber dem Bürgertum regelrecht aufgeopfert haben und im Jahre 802.701 mit riesigen unterirdischen Maschinen für das Wohlergehen der Eloi sorgen sollen. Doch in der Zeitmaschine „haben sich die Machtverhältnisse umgekehrt: Nachdem die Eloi den Morlocks eine primitive Lebensweise aufoktroyiert und eine Zeitlang mit brutalen Mitteln reagiert haben, degenerieren sie und lassen sich widerstandslos von den zum Kannibalismus revertierten Bewohnern der Unterwelt

[...]


1 Schenkel, Elmar: H.G. Wells. Der Prophet im Labyrinth. Wien 2004. S. 79.

2 vgl. Ebd. S. 68.

3 vgl. Ebd. S. 80

4 Ebd. S. 85.

5 vgl. Ebd. S. 85/86.

6 Ebd. S. 86.

7 vgl. Middeke, Martin: Die Kunst der gelebten Zeit. Zur Phänomenologie literarischer Subjektivität im englischen Roman des ausgehenden 19. Jahrhundert. Würzburg 2004. S. 302.

8 vgl. Schenkel, Elmar: H.G. Wells. Der Prophet im Labyrinth. Wien 2004. S. 71.

9 Schenkel. S. 88.

10Jansig, Helmut: Die Darstellung und Konzeption von Naturwissenschaft und Technik in H.G. Wells’ „scientific romances“. Frankfurt am Main 1977. S. 59.

11 Schenkel. S. 69.

12 vgl. Schenkel. S. 70.

13 Schenkel. S. 70

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
H.G. Wells "Die Zeitmaschine" als Spiegel der Zeit
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V162006
ISBN (eBook)
9783640758975
ISBN (Buch)
9783640759309
Dateigröße
466 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
H. G. Wells, Wells, Zeitmaschine, Timemachine, Science Fiction, Science Fiction in Literatur
Arbeit zitieren
C. Köhne (Autor), 2006, H.G. Wells "Die Zeitmaschine" als Spiegel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162006

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