Jürgen Habermas und die Kritik am Universalitätsanspruch der Hermeneutik


Seminararbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik

1. Gadamers Universalitätsanspruch der Hermeneutik

2. Habermas über Gadamer: Autorität und Tradition
2.1 Entgegnung Gadamers
2.2 Habermas Antwort

3. Das Habermasche Bezugssystem
3.1 Habermas: Erkenntnis und Interesse

4. Gadamer: Sprache, Autorität und Erkenntnis

5. Die Ohrfeigen

6. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis:

Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik

Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik, den Hans Georg Gadamer in seinem Hauptwerk Methode und Wahrheit (1960) erhebt, steht bei Jürgen Habermas unter Kritik. Eine Methode, die diesen Anspruch erhebt, ist für einen Denker der kritischen Theorie wie Habermas stets suspekt. Die Kritik ist Ausgangspunkt einer intensiven Debatte, die im Sammelband Hermeneutik und Ideologiekritik von Karl-Otto Apel (1971) ihre 'Verschriftlichung', aber nicht ihr Ende findet. Zeitgleich erscheint in der Ausgabe der Theorie-Diskussionen Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? die berühmte Debatte zwischen Niklas Luhmann und Jürgen Habermas, in der letzterer eine Instrumentalisierungsgefahr der Systemtheorie ausmacht und dieser einen Technologievorwurf macht. Gemeinsam ist der Hermeneutik nach Gadamer und der Luhmannschen Systemtheorie, dass beide für ihre Theorie beanspruchen, alles verstehen bzw. erklären zu können. Die eine ist Super-, die andere Universaltheorie. Der Verweis auf die Sozialtechnologie -Debatte diente zur Illustration der vielfältigen Betätigungsfelder, in denen Habermas seine normative Forderung an eine Theorie der Gesellschaft oder der Hermeneutik formuliert, nämlich als "uneingestandene Verpflichtung der Theorie herrschaftskonforme Fragestellungen, auf die Apologie des Bestehenden um seiner Bestandserhaltung willen."[1] In diesem Kontext bestimmt Habermas, dass die "Theorie der Deutungssysteme … die Aufgabe einer Ideologiekritik"[2] habe, Wissenschaft jedoch vor dem Problem stehe, dass sie diese "kritische Autonomie nicht zu gewinnen vermag."[3] In dieser Aussage findet sich das Leitthema aus Erkenntnis und Interesse (1971) wieder. Erste Ansätze für die später erschienene Theorie des Kommunikativen Handeln (1981) sind in den Beiträgen von Habermas wieder zu finden und zugleich lassen sich Impulse aus den Diskussion für die Arbeit von Habermas für dessen Hauptwerk ausmachen. Bei diesem kurzen Verweis auf die (Aus)Wirkungen möchte ich es belassen, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen.

In dieser Arbeit soll es darum gehen, die Argumente gegen Gadamer herauszuarbeiten und die Antworten Gadamers auf die Habermasche Kritik hin zu prüfen. Ausgehend vom Aufsatz Zur Logik der Sozialwissenschaft – Zu Gadamers 'Wahrheit und Methode' (1967) und Der Universalitätsanspruch der Hermeneutik (1970), soll in Ansätzen die Brücke geschlagen werden zu Erkenntnis und Interesse. In den Aufsätzen Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik und Replik (1971) finden sich Gadamers Antworten wieder. Der Fokus wird auf der Kritik von Habermas liegen, die sich im ersten Aufsatz sehr kompakt und prägnant findet.

1. Gadamers Universalitätsanspruch der Hermeneutik.

Der Universalitätsanspruch der philosophischen Hermeneutik gründet auf das Axiom, dass Verstehen keine Grenzen habe. Legitimiert wird dies durch den grundsätzlichen Vorrang der Sprachlichkeit, denn Verstehen muss durch das Nadelöhr der Sprache hindurch, oder mit Gadamer gesprochen: "Im Spiegel der Sprache reflektiert sich alles was ist."[4] Die gesamte menschliche Existenz - 'alles was ist ' – war, ist und wird sprachlich erfasst und ausgelegt. "Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache."[5] Das menschliche Verstehen ist sprachlich konstituiert und somit grenzenlos. Seine Begründung findet Sprache darin, dass es das Moment der Zeitlichkeit, die menschliche Endlichkeit überwindet.

Der in groben Zügen skizzierte Komplex der Gadamerschen Hermeneutik wird an dieser prägnanten Stelle deutlich:

"Angesichts der sozial motivierten Einebnungstendenz, mit der die Sprache das Verstehen in bestimmte Schematismen zwängt, die uns beengen, sucht sich unser Erkenntniswille diesen Schematisierungen und Vorgreiflichkeiten kritisch zu entziehen. Die kritische Überlegenheit, die wir der Sprache gegenüber in Anspruch nehmen, betrifft aber gar nicht die Konvention des sprachlichen Ausdrucks, sondern die Konvention des Meinens, die sich im Sprachlichen niedergeschlagen hat. Sie sagt also nichts gegen den Wesenszusammenhang von Verstehen und Sprachlichkeit. Sie ist in Wahrheit geeignet, diesen Wesenszusammenhang selbst zu bestätigen. Denn jede Kritik, die sich, um zu verstehen, über den Schematismus unserer Aussagen erhebt, findet ihren Ausdruck abermals in sprachlicher Gestalt. Insofern überholt die Sprache alle Einreden gegen ihre Zuständigkeit. Ihre Universalität hält mit der Universalität der Vernunft Schritt. Das hermeneutische Bewusstsein hat hier nur an etwas teil, was das allgemeine Verhältnis von Sprache und Vernunft ausmacht. Wenn alles Verstehen in einem notwendigen Äquivalenzverhältnis zu seiner möglichen Auslegung steht, und wenn dem Verstehen grundsätzlich keine Grenze gesetzt ist, so muss auch die sprachliche Erfassung, die dies Verstehen in der Auslegung erfährt, eine alle Schranken überwindende Unendlichkeit in sich tragen. Die Sprache ist die Sprache der Vernunft selbst."[6]

Die Möglichkeit des Verstehens wird dadurch ermöglicht, dass alles Gedachte in Sprache ausgedrückt werden kann; in diesem Sinne lässt sich eine Identität von Sprache und Denken / Vernunft formulieren. Menschliches Verstehen ist geschichtlich, somit begrenzt durch die menschliche Endlichkeit; Sprache überwindet diese Grenze als Moment der Zeitlichkeit, denn Verstehen, als hermeneutisches Bewusstsein, ist unbegrenzt. Die Brücke zur Geschichte und zu den Texten wird übers Verstehen geschlagen. "Die sprachliche Kommunikation zwischen Gegenwart und Überlieferung war, wie wir gezeigt haben, das Geschehen, das in allem Verstehen seine Bahn zieht."[7] Der Überlieferungsprozess ist das, was dem Menschen in seinem Seinsverständnis als Tradition - in Form des Vorurteils - entgegentritt und ihn in einen Traditionszusammenhang einrückt. Überlieferung ist folglich "tradierte Sprache, in der wir leben."[8] Um sich selbst zu verstehen, muss der Mensch sich im Zusammenhang von Tradition und Geschichte verstehen.

"Dieser objektive Zusammenhang stellt sich als Tradition oder Wirkungsgeschichte dar. Durch ihn als Medium sprachlicher Symbole pflanzen sich Kommunikationen geschichtlich fort. (…) Die Intersubjektivität der umgangssprachlichen Kommunikation ist gebrochen und muss intermittierend immer wieder zurückgewonnen werden."[9]

Das wirkungsgeschichtliche Bewusstsein des Menschen ist als ein immer wieder einrücken in den Traditionszusammenhang zu verstehen. Wir haben es hier mit einem Bildungsprozess zu tun, in dem die Überlieferung von einer Autorität vermittelt und vom Lernenden als Tradition angeeignet wird. Autorität und Tradition gehören für Gadamer zusammen und lassen sich nicht voneinander trennen. Alles Verstehen erfolgt in Traditionszusammenhängen für den Interpreten, denn es besteht eine "strukturelle Zugehörigkeit des Verstehens zur Traditionen."[10] Im Prozess der Aneignung der Überlieferungen steht der Interpret bei diesem Lernprozesse stets einer Autorität gegenüber, die diesen anleitet und vermittelt. Dies ist das Überlieferungsgeschehen in der die Menschen sich einrücken oder einreihen. Dass dieser Vorgang kein gewaltsamer ist, begründet Gadamer durch die Unterscheidung zwischen falscher und wahrer Autorität, erstere bestimmt sich durch autoritäres Auftreten, letztere durch Anerkennung, "ja unmittelbar hat Autorität nichts mit Gehorsam, sondern mit Erkenntnis zu tun."[11] Die Perspektive des Schüler ist fremdbestimmt; so ist Verstehen als Annäherung an die Sache selbst im Dialog mit Anderen tätig. Vorurteile werden durch Anerkennung, und zwar durch Anerkennung einer wahren Autorität transparent und legitimiert. Nun kann beim Schüler Reflexion einsetzen und zur Übernahme und Bestätigung der Vorurteile führen. Dieser Prozess des Verstehens als Dialog - in Form der Dialektik von Frage und Antwort - kulminiert in der Annäherung an die Sache selbst.

Die geschichtliche Grundstruktur des Verstehens wird von Gadamer mit der Metapher des 'Horizonts' veranschaulicht. Die Bildung des gegenwärtigen Verstehens findet nicht ohne auf Vergangenheit, d.h. auf historische und kulturelle Tradition bezogen zu sein, statt.

Das Verstehen als hermeneutische Tätigkeit bildet sich somit, mehr oder weniger bewusst, im Prozess mit der Tradition aus, der im Vollzug des Verstehens eine 'Verschmelzung' des gegenwärtigen mit dem vergangenen Horizont vollbringt. Das integrative Moment im Verstehen zeichnet sich also durch die Horizontverschmelzung aus, d.h. Vorurteile sind die Bedingung möglicher Erkenntnis, die durch die Anerkennung einer wahren Autorität übernommen werden. So verstanden konvergiert Autorität mit Erkenntnis.[12] Gadamer beschreibt dies als eine zirkuläre Bewegung, als den berühmten hermeneutischen Zirkel. Daraus folgt also, dass der aktuelle Horizont in steter Bildung begriffen ist; die Vorurteile werden an der Sache erprobt, gegebenenfalls korrigiert und zu einem Vorurteil.

"Nicht was wir tun, nicht, was wir tun sollten, sondern was über unser Wollen und Tun hinaus mit uns geschieht, steht in Frage. (…) Das Verstehen ist selber nicht so sehr als eine Handlung der Subjektivität zu denken, sondern als Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart beständig vermitteln. Das ist es, was in der hermeneutischen Theorie zur Geltung kommen muss, die viel zu sehr von der Idee eines Verfahrens, einer reinen Methode, beherrscht ist."[13]

Das Bild einer Reihe von Menschen drängt sich einem auf, bei dem der Lehrer vermittels der Tradition, die ihm Autorität verleiht , hinter dem Schüler steht und diesen erzieht. Hier findet sich Gadamers systematisches Argument wieder, das Habermas anführt: um Tradition zu kritisieren und zu überschreiten, benötigen wir Tradition. Kein Überwinden der Tradition durch Reflexion ohne Aneignung durch Autoritäten.

2. Habermas über Gadamer: Autorität und Tradition.

Gadamer legt den Schwerpunkt der Hermeneutik auf das Textverstehen und wird deswegen an vielen Punkten kritisiert. Das Verstehen menschlichen Handelns oder das Verstehen alltäglicher Kommunikation wird in Wahrheit und Methode vernachlässigt oder nur am Rande betrachtet.[14] Dem Universalitätsanspruch tritt der Vorwurf der Unvollständigkeit der Hermeneutik Gadamers entgegen. Für Habermas, den Autor von Erkenntnis und Interesse, kommt der emanzipatorische Aspekt menschlicher Reflexion zu kurz. "Gadamer verkennt die Kraft der Reflexion, die sich im Verstehen entfaltet."[15] Seine Verabsolutierung des Vorurteils bringt ihm das Label des Konservatismus ein, denn "Gadamer wendet die Einsicht in die Vorurteilsstruktur des Verstehens zu einer Rehabilitierung des Vorurteils als solchem um. Aber folgt aus der Unvermeidlichkeit des hermeneutischen Vorgriffs eo ipso, dass es legitime Vorurteile gibt?"[16]

Habermas unterstellt, dass Reflexion, wie Gadamer sie konzipiert, Autorität immer bestätigt. Dass Autorität mit Erkenntnis konvergiert, bedeutet, dass die erzwungene Anerkennung der Autorität der Person durch die Bewusstwerdung der Vorurteilsstruktur transformiert werde als sachbezogene Autorität des Traditionszusammenhanges.[17] Die Tradition im Rücken des Erziehers wird durch Reflexion des Schülers nur bestätigt. "Der Akt der Anerkennung, die durch Reflexion vermittelt ist, hätte nichts daran geändert, dass Tradition als solche einziger Grund der Geltung von Vorurteilen geblieben ist."[18]

Für Habermas hingegen kann Reflexion die Vorurteile annehmen oder ablehnen: hierauf gründet die Kritik. Bei dieser binären Reaktion ist die "Applikation, d.h. eine kluge Umsetzung mit Rücksicht auf veränderte Situationen zu gestatten."[19] Der Verfügungsspielraum wird größer, der sich darin ausdrückt, dass der Mensch auch anders handeln kann, als die Tradition dies von ihm verlangt.

2.1 Entgegnung Gadamers.

Nach Gadamer ist der Gebrauch der Begriffe Reflexion und Bewusstmachung ist bei Habermas dogmatisch vorbelastet.[20] Seinem Verständnis nach, sei es eine unzulässige Unterstellung, dass es keinen Autoritätsverlust und keine emanzipatorische Kritik gäbe.

"Was strittig ist, ist lediglich, ob Reflexion immer die substantiellen Verhältnisse auflöst oder sie gerade auch in Bewusstheit übernehmen kann. Der von mir (im Blick auf die aristotelische Ethik) herangezogene Lern- und Erziehungsprozess wird von Habermas merkwürdig einseitig gesehen. Dass Tradition als solche dabei einziger Grund der Geltung von Vorurteilen sein und bleiben solle – wie Habermas mir zuschreibt -, schlägt doch meiner These, dass Autorität auf Erkenntnis beruht, geradezu ins Gesicht."[21]

[...]


[1] Habermas, Luhmann: Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung? Frankfurt am Main 1971, S. 170.

[2] Habermas, Luhmann: Sozialtechnologie, S. 164.

[3] Habermas, Luhmann: Sozialtechnologie, S. 170.

[4] Gadamer: Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik. Metakritische Erörterungen zu ' Wahrheit und Methode ’, S. 71f.

[5] Gadamer: Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik, S. 71.

[6] Gadamer: Wahrheit und Methode, S. 405; zitiert nach Przylebski 2002: S. 221f.

[7] Gadamer S. 439 zit. nach Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 51.

[8] Jürgen Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 51.

[9] Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 51.

[10] Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 47.

[11] Gadamer: S. 246 zit. nach Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 48.

[12] Vgl. Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 49.

[13] Gadamer, zit. nach Habermas: ' Wahrheit und Methode', S. 47.

[14] Vgl. Przylebski 2002, S. 223.

[15] Habermas: Zu Gadamers ' Wahrheit und Methode', S. 48.

[16] Ibid.

[17] Vgl. Ibid., S. 49.

[18] Ibid., S. 49.

[19] Ibid., S. 48.

[20] Vgl. Gadamer: Rhetorik, Hermeneutik und Ideologiekritik, S. 75.

[21] Ibid., S. 74.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Jürgen Habermas und die Kritik am Universalitätsanspruch der Hermeneutik
Hochschule
Universität Hamburg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Grundfragen der Hermeneutik
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V162023
ISBN (eBook)
9783640756841
ISBN (Buch)
9783640757077
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habermas, Gadamer, Hermeneutik, Universalitätsanspruch, Diskurs, Diskursethik, Kommunikation, Tradition, Hermeneutischer Zirkel, Kritische Theorie
Arbeit zitieren
Fernando Correia da Ponte (Autor), 2006, Jürgen Habermas und die Kritik am Universalitätsanspruch der Hermeneutik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162023

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