Mediensysteme im Kontext der postkommunistischen Systemtransformation

Die Entwicklung der Medien in Tschechien, Bulgarien und Russland im Vergleich


Masterarbeit, 2010

52 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Überlegungen zur Systemtransformation und Mediensystemen
2.1. Systemtransformation in Mittel- und Osteuropa
2.2. Typen und Entwicklungen von Mediensystemen
2.3. Medien im Kontext von Politik, Gesellschaft und Systemtransformation
2.4. Zusammenfassung des Theorieteils

3. Methode
3.1. Warum eine vergleichende Länderstudie?
3.2. Auswahl der Beispielländer
3.3. Quellenlage

4. Die Entwicklung der Mediensysteme in Tschechien, Bulgarien und Russland
4.1. Tschechien
4.2. Bulgarien
4.3. Russland

5. Vergleich der Mediensysteme und Darstellung der Ergebnisse

6. Fazit und Ausblick

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

Wer an das Mediensystem in Russland denkt, der hat meist schnell ein ganz bestimmtes Bild vor Augen. Das Bild von staatlich gegängelten und kontrollierten Medien, von staatlicher Zensur oder der Selbstzensur eingeschüchterter Journalisten, oder gar das Bild von ermordeten Journalisten, wie 2006 der spektakuläre Fall der Anna Politkowskaja. Ganz anders sieht es beim Gedanken an die Medien in Tschechien aus. Wenn überhaupt, so fallen einigen höchstens ein paar deutsche Verlage ein, die sich in den tschechischen Medienmarkt eingekauft haben, aber ansonsten scheint mit den Medien in Tschechien alles in Ordnung zu sein, kein großer Unterschied zu Deutschland. Zwischen den Mediensystemen in Russland und in Tschechien scheinen Welten zu liegen.

Dies ist eine Beobachtung, die eigentlich erstaunen müsste. Denn noch vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten waren die Mediensysteme Russlands (bzw. damals noch der Sowjetunion) und Tschechiens (bzw. der Tschechoslowakei) beinahe identisch. Die Medien waren vollständig in der Hand des Staates und der jeweiligen kommunistischen Parteien, freie Medien existierten lediglich im Untergrund. Das Mediensystem war Bestandteil des politischen Systems.1 Doch offensichtlich haben sich die Mediensysteme der ehemals kommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas nach den politischen Wendejahren 1989-1991 in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt. In einigen Staaten haben sich freie, demokratische und funktionierende Mediensysteme etabliert, in anderen Staaten blieben die Mediensysteme unterentwickelt, wurden zum Spielball autoritärer Machthaber und die Meinungs- und Pressefreiheit existiert höchstens auf dem Papier.

Warum haben sich die Mediensysteme in diesen Ländern trotz vergleichbarer Voraussetzungen in zwei Jahrzehnten derart unterschiedlich entwickelt? Welche Erklärungsansätze gibt es dafür? Mit dieser Frage beschäftigt sich die folgende Arbeit.

Um diese Leitfrage beantworten zu können, soll eine vergleichende Analyse der Entwicklung der Mediensysteme in drei ausgesuchten Ländern Mittel- und Osteuropas durchgeführt werden. Neben Tschechien und Russland dient Bulgarien als drittes Beispielland. Zunächst sollen mittels eines theoretischen Abschnitts zum Thema Mediensysteme und deren Bedeutung in Transformationsstaaten Kriterien für den Vergleich herausgearbeitet werden, anschließend wird die Entwicklung der Mediensysteme in den Beispielländern mit Hilfe dieser Kriterien empirisch untersucht. Der Untersuchungszeitraum reicht dabei bis zum Jahr 2009. Am Ende dieses Vergleiches sollten Aussagen getroffen werden können über den Zusammenhang zwischen der Ausgestaltung der im Theorieteil entwickelten Kriterien und der Entwicklung der Mediensysteme in Transformationsstaaten. Die Auswahl der Beispielländer sowie die Methode im Detail werden in einem eigenen kurzen Kapitel der Arbeit noch ausführlicher diskutiert.

Bisher war die postkommunistische Systemtransformation in den Staaten Mittel- und Osteuropas hauptsächlich ein Forschungsgegenstand in den Politikwissenschaften. Hier haben die Ereignisse in den neunziger Jahren gar einen regelrechten Boom ausgelöst, in dessen Zuge auch viele neue demokratietheoretische Anstöße entwickelt wurden. Für die postkommunistischen Staaten wurden gar neue, jedoch auch umstrittene Systemtypen wie die „defekten Demokratien“ entwickelt. Die Rolle und die Bedeutung der Mediensysteme beim Vorgang politischer Transformationsprozesse wurden dabei zwar anerkannt, aber nur sehr oberflächlich und rudimentär betrachtet, so etwa auch in der bisher umfassendsten Abhandlung über die Systemtransformation von Wolfgang Merkel aus dem Jahr 1999.2 Kommunikationswissenschaftler kritisieren ein mangelndes Verständnis der Politologen für die Rolle der Medien in gesellschaftlichen Transformationen.3

Doch in der Kommunikationswissenschaft blieben die Staaten Mittel- und Osteuropas lange Zeit unberücksichtigt. Erst 2001 erschien mit dem Sammelband von Barbara Thomaß und Michaela Tzankoff eine erste umfassende kommunikationswissenschaftliche Abhandlung zu den Mediensystemen Mittel- und Osteuropas.4 Die Autoren kritisieren darin die fehlende Betrachtung Osteuropas durch die Kommunikationswissenschaft und den Mangel an theoretischen Erklärungen von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Es sei bis dahin lediglich der Wandel von Mediensystemen im Rahmen relativ stabiler Theoretische Überlegungen zur Systemtransformation und Mediensystemen 4 Gesellschaften wie in Nordamerika, West- und Südeuropa betrachtet worden.5 Im Anschluss an diesen Sammelband folgten einige weitere Werke zur Rolle der Medien im postkommunistischen Raum. Trotzdem hat die Kommunikationswissenschaft nach wie vor einen Nachholbedarf in diesem Forschungsbereich. Auch die folgende Arbeit soll einen weiteren Anstoß dazu liefern, die politikwissenschaftlichen Ansätze zur Systemtransformation und die kommunikationswissenschaftlichen Betrachtungen zur Rolle der Medien in gesellschaftlichen Prozessen zusammenzuführen. Es sei allerdings darauf hingewiesen, dass diese Arbeit dabei keinen umfassenden Anspruch erheben kann, sondern vielmehr Anhaltspunkte für weitere Untersuchungen liefern soll.

2. Theoretische Überlegungen zur Systemtransformation und Mediensystemen

2.1. Systemtransformation in Mittel- und Osteuropa

Staaten und ihre politischen und gesellschaftlichen Systeme (zu denen auch das Mediensystem zu zählen ist) sind keineswegs immer starre, stabile und unveränderliche Gebilde, sondern können durch äußere und innere Einflüsse verschiedensten Wandlungsprozessen unterliegen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit wären etwa die Demokratisierung Deutschlands nach 1945, die eng mit der Entkolonialisierung verbundene Demokratisierungswelle in den 70er Jahren und zuletzt der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme Mittel- und Osteuropas zwischen 1989 und 1991. Letzterer ging einher mit der Einführung der Markwirtschaft und der Installation demokratischer Systeme in den betroffenen Staaten. Die Politologie bezeichnet diesen Vorgang und die anschließende Entwicklung Mittel- und Osteuropas als postkommunistische Systemtransformation. Dabei wird vor allem der Umstand der Gleichzeitigkeit des Wandels des politischen Systems sowie aller gesellschaftlichen Subsysteme betont, der diese Systemtransformation begleite.6 Viele Staaten aus dem ehemaligen, so genannten Ostblock, haben sich im Laufe der Systemtransformation zu funktionierenden Demokratien Theoretische Überlegungen zur Systemtransformation und Mediensystemen 5 nach westlichem Vorbild entwickelt, in anderen Staaten haben sich dagegen trotz formaler Demokratisierung unterschiedlich stark ausgeprägte Autoritarismen etabliert. Diese Beobachtung veranlasste zahlreiche Wissenschaftler, die politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse der postkommunistischen Staaten zu analysieren und theoretisch zu erfassen.

Die Transformation eines staatlichen Systems (im Falle Mittel- und Osteuropas ist dabei in der Regel die Demokratisierung der jeweiligen Staaten gemeint) wird in der Politikwissenschaft in verschiedene Phasen unterteilt. Die erste Phase beinhaltet die Installation der zentralen demokratischen Institutionen, Normen und Verfahren. Parallel dazu setzt eine zweite Phase ein, die anschließende Konsolidierung dieses neuen Systems.7 Besonders bei der Betrachtung dieser Konsolidierungsphasen konkurrieren zahlreiche theoretische Konzepte innerhalb der Politikwissenschaft. Die entscheidende Frage dabei ist, wie Systeme typologisch einzuordnen sind, in denen demokratische Verfassungen und demokratische Institutionen eingeführt worden sind, in denen aber die demokratischen Verfahren in der Praxis noch nicht vollständig akzeptiert sind, die Konsolidierung des neuen Systems also nicht abgeschlossen ist? Als Folge dieser Problematik wurden nicht nur zahlreiche neue Typologien politischer Systeme entwickelt (welche an dieser Stelle jedoch nicht weiter ausgeführt werden sollen), es wurden vielmehr auch zahlreiche Überlegungen über die Einflussfaktoren auf derartige Wandlungsprozesse angestellt, also welche Faktoren einen Systemwechsel und die nachfolgende Konsolidierung auf welche Weise beeinflussen. Wann wird eine Demokratisierung befördert, wann nicht?

Die Politikwissenschaft konzentriert sich in dieser Frage hauptsächlich auf die Betrachtung der politischen Systeme der postkommunistischen Staaten. Ausgehend vom Vorbild der westlichen Demokratien wird untersucht, welche Faktoren die Entwicklung politischer Systeme hin zur Demokratie beeinflussen. Gegenstand von empirischen Untersuchungen waren demnach zumeist Fragen nach dem freien, politischen Wettbewerb, der Sicherung von Meinungs- und Informationsfreiheit, der Entfaltung der Zivilgesellschaft oder der Wahrung der Rechtsstaatlichkeit. Von einigen Politologen wurden diese Faktoren in den Untersuchungskriterien Pluralismus, bestehend aus politischem Pluralismus, Meinungspluralismus und gesellschaftlichem Pluralismus, sowie dem Kriterium der Rechtsstaatlichkeit zusammengefasst. Demnach hängt der Fortschritt eines Staates bei der Demokratisierung davon ab, ob er die verschiedenen Arten des Pluralismus zulässt bzw. fördert, oder einschränkt, und inwieweit ein funktionierender Verfassungs- und Rechtsstaat etabliert wurde (letzteres bezieht sich nicht nur auf die Verfassungsnorm, sondern vor allem auch auf die Verfassungswirklichkeit).8 Bei der Analyse einzelner politischer Systeme Mittel- und Osteuropas nach diesen Kriterien wurden an verschiedenen Stellen auch die Medien mit einbezogen, etwa bei der Frage des Meinungspluralismus (also ob ein Staat bzw. ein politisches System die Ausgestaltung der Informations-, Meinungs-, und Pressefreiheit zulässt oder einschränkt). Auch beim Kriterium der Rechtsstaatlichkeit spielen Fragen nach Übergriffen auf Journalisten oder Zensur eine Rolle. Eine systematische Untersuchung der Mediensysteme als solche gab es, wie in der Einleitung bereits kurz angesprochen, bisher jedoch nicht.

Neben den wesentlichen Merkmalen Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit finden sich in der politikwissenschaftlichen Literatur noch einige weitere Theorien über die Einflussfaktoren auf Transformationsprozesse. So formulieren Anhänger der Modernisierungstheorie Zusammenhänge zwischen Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung, andere untersuchen die Verteilung der Machtressourcen innerhalb der Gesellschaft oder betrachten das Verhalten von Akteuren und Massen.9 Die Rolle von Massenmedien und Öffentlichkeit für den Transformationsprozess wird jedoch auch hier nur am Rande untersucht. Die transformationstheoretischen Überlegungen der Politikwissenschaft allein liefern demnach keine zusammenhängenden, theoretischen Aussagen über die verschiedenen Entwicklungen von Mediensystemen in Transformationsstaaten bzw. deren Bedeutung.

2.2. Typen und Entwicklungen von Mediensystemen

In der Kommunikationswissenschaft werden die Medien heute als organisierte soziale Handlungssysteme betrachtet, welche in ihrer Gesamtheit das Mediensystem bilden.10 Bezogen auf die westlichen pluralistischen Gesellschaften werden die Mediensysteme dabei als ein Resultat des Prozesses der Ausdifferenzierung einer Gesellschaft betrachtet.11 Dem entsprechend werden dem Mediensystem eine Vielzahl von Funktionen zugeschrieben, zum Beispiel:12

- das Sammeln, Selektieren und Verbreiten von (politischer) Information
- die Schaffung der Voraussetzung für die Entstehung von Öffentlichkeit
- die Bestimmung über den Zugang von Akteuren zur Öffentlichkeit
- indirekte Einflussnahme auf das politische Geschehen durch Kritik und Kontrolle
- Wechselwirkung mit dem politischen Geschehen

Massenmedien, welche diese Funktionen erfüllen, wirken meinungsbildend und gesellschaftlich integrierend und sie sind durch die Herstellung von Öffentlichkeit und durch das Kritisieren von Politik und Gesellschaft maßgeblich an der Gestaltung gesellschaftlicher Strukturen und Werte beteiligt, und dadurch auch an deren Wandel.13 Besonders letzteres unterstreicht die Bedeutung der Medien in politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozessen.

Allerdings wird in der Literatur auch wiederholt darauf hingewiesen, dass eine normative Beschreibung der Funktionen von Massenmedien nicht ausreicht, um die tatsächliche Funktionsweise von Medien umfassend erklären zu können. Allerdings helfen sie, die Unterschiede zwischen verschiedenen Mediensystemen zu analysieren und unterschiedliche Typen von Mediensystemen zu benennen.14

Auf Grundlage der Funktionen von Massenmedien und der Ausgestaltung verschiedener Mediensysteme wurden im Laufe der Medienforschung verschiedene Typologien von Mediensystemen entwickelt (im folgenden Abschnitt sollen nur einige, für die theoretische Grundlage dieser Arbeit relevante Typologien erwähnt werden). Ausgehend von der Hypothese, dass Mediensysteme von der Ausgestaltung sozialer und politischer Bedingungen geprägt werden, wurden beispielsweise vier verschiedene Medienmodelle unterschieden: das Autoritarismus-Modell, das Liberalismus-Modell, das Sozialverantwortungsmodell und das Kommunismus-Modell. Dabei werden die Modelle nach den jeweiligen Normen und Zielen unterschieden, die für ihre Funktionsweise aufgestellt werden.15 An anderen Stellen in der Literatur wurde hingegen nur zwischen drei verschiedenen Typen von Mediensystemen unterschieden: dem westlich-liberalen Typus, dem östlich-realsozialistischen Typus sowie dem so genannten Dritten-Welt-Typus.16 Bei beiden Typologien wird deutlich, dass sie aus einer Zeit stammen, in denen die postkommunistische Transformation noch in weiter Ferne lag oder allenfalls am Anfang stand. So wurde zu Beginn des Wandels der Mediensysteme in Osteuropa davon ausgegangen, dass sich die dort existierenden östlich-realsozialistischen Mediensysteme in die Richtung der westlich-liberalen Mediensysteme entwickeln würden.17 Als prägende Faktoren für die Entwicklung wurden dabei Variablen wie Geographie, Recht, politisches System, Wirtschaft und Technologie genannt.18

Daneben existiert noch eine eher minimalistische Typologie von Mediensystemen. Diese geht lediglich von zwei verschiedenen Typen aus, nämlich einerseits den offenen Mediensystemen, welche freien Informationsfluss und Zugang zu Informationen garantieren, und andererseits den geschlossenen Mediensystemen, bei welchen unter anderem das politische System Einfluss auf die Medien nimmt und die Informationsfreiheit damit einschränkt.19 Geschlossene Mediensysteme können die von ihnen geforderten Funktionen nicht erfüllen, sie sind also von einer Dysfunktionalität gekennzeichnet, welche auch ihre Entwicklung beeinträchtigt.20

Die Unterscheidung verschiedener Typen von Mediensystemen geht einher mit der Beschreibung ihrer Ausgestaltung und der Betrachtung ihrer jeweiligen Entwicklung. Zumeist steht dabei im Vordergrund, die Unterschiede zwischen den Mediensystemen herauszuarbeiten und so den unterschiedlichen Typen konkrete Merkmale zuzuordnen. Einen der bisher umfassendsten theoretischen Beiträge zur Einordnung und zum Vergleich von Mediensystemen lieferten die beiden Kommunikationswissenschaftler Daniel Hallin und Paolo Mancini in ihrem Werk Comparing Media Systems aus dem Jahr 2004.21 Hallin und Mancini benennen dabei vier Dimensionen für den Vergleich der Mediensysteme Westeuropas und Nordamerikas. Die vier Dimensionen sind:22

- Die Entwicklung des Medienmarkts
- Die politische Ausdifferenzierung der Medien (political parallelism)
- Der Grad der Professionalität des Journalismus
- Der Einfluss des Staates auf die Medien

Neben diesen vier Faktoren könne aber auch noch eine Vielzahl weiterer, untergeordneter Variablen für die Entwicklung von Mediensystemen verantwortlich sein.23 Bei dem Kriterium der Entwicklung des Medienmarktes wird von Hallin und Mancini beispielsweise im Bereich der Presse die Verbreitung von Zeitungen untersucht, aber auch die Art der Presselandschaft, also ob etwa die Qualitäts- oder die Boulevardpresse dominiert, oder ob sich die Presse an die breite Bevölkerung oder eher an die Eliten richtet.24 Gleiches gilt auch für den Markt der elektronischen Medien, also den Rundfunk, das Fernsehen und auch die Online-Medien, welche in allen Mediensystemen an Bedeutung und Einfluss gewinnen. Für den Medienmarkt in südeuropäischen Ländern wird etwa festgestellt, dass die Medienkonzerne dort alleine kaum profitabel arbeiten könnten und so die Abhängigkeit von der Politik in diesen Ländern größer sei. Deshalb sei der Medienmarkt ein sehr wichtiges Kriterium für die Entwicklung von Mediensystemen.25 Bei der Untersuchung verschiedener Mediensysteme zeigt sich auch, dass in manchen Ländern die Medien eine klare politische Orientierung und Zuordnung haben, in anderen Ländern dagegen nicht. Diese Beobachtungen beschreiben Hallin/Mancini als das Kriterium der politischen Ausdifferenzierung eines Mediensystems.26 Die Ausgestaltung dieses Kriteriums wird dabei durch verschiedene, untergeordnete Variablen beeinflusst. So etwa durch das Arbeits- und Rollenverständnis von Journalisten (z. B. das Selbstverständnis als Sprachrohr oder eher als Kritiker), durch den Grad an internen und externen Pluralismus (externer Pluralismus: Zahl der Medien und Medienkonzerne; interner Pluralismus: Pluralismus innerhalb eines Mediums), oder die Art des öffentlich- Theoretische Überlegungen zur Systemtransformation und Mediensystemen rechtlichen Rundfunks (völlig frei von politischer Kontrolle; kontrolliert von der Regierung; kontrolliert vom Parlament; kontrolliert von Parlament und weiteren gesellschaftlichen Gruppierungen).27

Das Kriterium der Professionalisierung des Journalismus messen Hallin/Mancini anhand von Variablen wie etwa der Autonomie der Journalisten (vom Arbeitgeber und/oder der Politik), dem Vorhandensein verschiedener journalistischer Normen (z. B. ethische Normen, Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt) sowie dem Grad der Publikumsorientierung der journalistischen Inhalte.28 Die Professionalisierung könne sowohl durch die Instrumentalisierung des Journalismus durch die Politik, als auch durch eine zunehmende Kommerzialisierung behindert werden.29

Weiterhin entscheidend für die Entwicklung der Medien in jeder Gesellschaft ist die Rolle des Staates bzw. dessen Einfluss. Untersuchungsgegenstand wäre hier zu allererst die Mediengesetzgebung. Diese kann etwa rein marktorientiert ausgerichtet sein, wie beispielsweise in den USA, oder staatlich reglementiert, wie in den Mediensystemen West- und Südeuropas.30 Insgesamt kommt dem politischen Kontext des Mediensystems scheinbar der größte Einfluss für deren Entwicklung zu. So messen Hallin/Mancini unter anderem der Art des Regierungssystems eine wichtige Rolle für die Ausgestaltung des Mediensystems bei (Mehrheitsdemokratie vs. Konsensdemokratie) und stellen dabei auch einen direkten Zusammenhang zwischen Medienpluralismus und politischem Pluralismus her.31 Mit einem mangelnden politischen Pluralismus erhöht sich die Gefahr der direkten Einflussnahme der Politik auf die Medien. Weiterhin wird dem Rechtssystem bzw. der Beachtung rechtsstaatlicher Regeln in den jeweiligen Ländern eine hohe Bedeutung zugemessen. Ein Hoher Grad an Rechtsstaatlichkeit sorge demnach für einen hohen Grad an Autonomie der Journalisten, da diese dann weniger auf Verbindungen zur Politik angewiesen seien.32

Die theoretischen Überlegungen von Hallin/Mancini liefern zahlreiche wichtige Erkenntnisse über die relevanten Variablen für die Entwicklung verschiedener Mediensysteme und deren Unterscheidungskriterien. Allerdings haben ihre Ausführungen

Theoretische Überlegungen zur Systemtransformation und Mediensystemen

auch zwei grundlegende Defizite. Zum einen steht die Beschreibung der Unterschiede von Mediensystemen im Vordergrund, und weniger die Frage nach den Gründen und den Entstehungsbedingungen, gerade beim Übergang von einem Systemtypus zu einem anderen.33 Zum anderen betrachteten Hallin/Mancini bei ihrem Werk lediglich die Mediensysteme Nordamerikas und Europas. Für eine Analyse der Mediensysteme im postkommunistischen Mittel- und Osteuropa taugen die aufgestellten Untersuchungskriterien nur teilweise. So sind einige spezielle Bedingungen in Transformationsgesellschaften nicht hinreichend berücksichtigt, wie die instabilen Gesellschaften, die Folgen des kommunistischen Erbes, oder das Dilemma der Gleichzeitigkeit der Transformation von Politik, Ökonomie und Gesellschaft. Bevor nun also die Entwicklung der Mediensysteme ausgesuchter postkommunistischer Staaten miteinander verglichen werden kann, müssen die dargestellten Vergleichskriterien und Untersuchungsvariablen auf die speziellen Bedingungen in Transformationsgesellschaften angepasst werden. Dazu bedarf es im folgenden Kapitel die theoretischen Konzepte zur Entwicklung von Mediensystemen mit den politikwissenschaftlichen Erkenntnissen zur postkommunistischen Systemtransformation zusammenzuführen.

2.3. Medien im Kontext von Politik, Gesellschaft und Systemtransformation

Wie das vorhergehende Kapitel gezeigt hat, lassen sich bei einer Untersuchung von Mediensystemen eine Vielzahl an Einflussfaktoren auf die Medienentwicklung aufzeigen. Doch nicht alle diese Faktoren sind gleichermaßen geeignet, eindeutige, kausale Zusammenhänge zu formulieren, besonders nicht bei der Betrachtung von Staaten, die sich in der Konsolidierungsphase eines Systemwechsels befinden. Dies lässt sich beispielsweise an der Betrachtung des Faktors des politischen Einflusses auf die Medien verdeutlichen: Ohne Zweifel wird die Entwicklung eines Mediensystems durch eine Einflussnahme der Politik maßgeblich beeinflusst. Politische Einflussnahme auf die Medien gibt es auch in den meisten Staaten Westeuropas, etwa im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

[...]


1 Vgl. Barbara Thomaß: Weltregionen im Vergleich. Osteuropa, in: Barbara Thomaß (Hg.): Mediensysteme im internationalen Vergleich, Konstanz 2007, S. 229-245, S. 230.

2 Wolfgang Merkel: Systemtransformation, Opladen 1999.

3 Vgl. Barbara Thomaß/Michaela Tzankoff: Medienentwicklung und gesellschaftlicher Wandel in Osteuropa, in: Markus Behmer/Friedrich Krotz/Rudolf Stöber/Carsten Winter (Hg.): Medienentwicklung und gesellschaftlicher Wandel, Wiesbaden 2003, S. 183-196, S. 183.

4 Barbara Thomaß/Michaela Tzankoff (Hg.): Medien und Transformation in Osteuropa, Wiesbaden 2001.

5 Vgl. Barbara Thomaß: Kommunikationswissenschaftliche Überlegungen zur Rolle der Medien in Transformationsgesellschaften, in: Thomaß/Tzankoff (Hg.) 2001, S. 39-64, S. 39.

6 Vgl. Jerzy Mackow: Totalitarismus und danach. Einführung in den Kommunismus und die postkommunistische Systemtransformation, Baden-Baden 2005, S. 89.

7 Vgl. Merkel 1999, S. 120ff.

8 Vgl. Margarete Wiest: Beschränkter Pluralismus. Postkommunistische autoritäre Systeme, in: Osteuropa, 56. Jg. 2006, Heft 7, S. 65-77, S. 71ff. Vgl. auch Hans-Joachim Lauth: Rechtsstaat, Rechtssysteme und Demokratie, in: Michael Becker/Hans-Joachim Lauth/Gert Pickel (Hg.): Rechtsstaat und Demokratie. Theoretische und empirische Studien zum Recht in der Demokratie, Wiesbaden 2001, S. 21-44, S. 21f.

9 Vgl. Wolfgang Merkel/Hans Jürgen Puhle: Von der Diktatur zur Demokratie. Transformation, Erfolgsbedingungen, Entwicklungspfade, Opladen 1999, S. 21f, S. 48ff.

10 Vgl. Barbara Thomaß: Mediensysteme vergleichen, in: Barbara Thomaß (Hg.): Mediensysteme im internationalen Vergleich, Konstanz 2007, S. 12-41, S. 17.

11 Vgl. Thomaß 2001, S. 43.

12 Vgl. ebd., S. 46.

13 Vgl. Lucie Hribal: Medien und Demokratisierung in Osteuropa. Medien- und politikwissenschaftliche Konzepte der Transformation, in: Medienheft Dossier 19/2003, S. 55-61, auf:

http://www.medienheft.ch/dossier/bibliothek/d19_HribalLucie.html, S. 55.

14 Vgl. Thomaß 2001, S. 40.

15 Vgl. ebd., S. 40f.

16 Vgl. ebd., S. 41.

17 Vgl. ebd., S. 41.

18 Vgl. Thomaß 2007, S. 23.

19 Vgl. Thomaß 2001, S. 45, vgl. auch Siegfried Weischenberg: Journalistik, Theorie und Praxis aktueller Medienkommunikation, Opladen 1998, S. 105ff.

20 Vgl. Thomaß 2001, S. 45.

21 Daniel C. Hallin/Paolo Mancini: Comparing Medie Systems. Three Models of Media and Politics, Cambridge 2004.

22 Vgl. Hallin/Mancini 2004, S. 21.

23 Vgl. ebd., S. 21.

24 Vgl. ebd., S. 22ff.

25 Vgl. ebd., S. 23.

26 Vgl. ebd., S. 27.

27 Vgl. ebd., S. 29ff.

28 Vgl. ebd., S. 34ff.

29 Vgl. ebd., S. 37.

30 Vgl. ebd., S. 43f.

31 Vgl. ebd., S. 50ff.

32 Vgl. ebd., S. 55f.

33 Vgl. Thomaß 2001, S. 41.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Mediensysteme im Kontext der postkommunistischen Systemtransformation
Untertitel
Die Entwicklung der Medien in Tschechien, Bulgarien und Russland im Vergleich
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
52
Katalognummer
V162025
ISBN (eBook)
9783640763184
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediensysteme, Kontext, Systemtransformation, Entwicklung, Medien, Tschechien, Bulgarien, Russland, Vergleich
Arbeit zitieren
Michael Bartmann (Autor), 2010, Mediensysteme im Kontext der postkommunistischen Systemtransformation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162025

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