Medienkonsum und Fantasie bei GrundschülerInnen


Forschungsarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Theorie

2 Methode
2.1 Untersuchungsstichprobe
2.2 Untersuchungsinstrument / Untersuchungsmaterial
2.3 Durchführung

3 Ergebnisse

4 Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang

Zusammenfassung

Seit einer 1983 von Wilson und Barber durchgeführten Studie richtet sich das Interesse psychologischer Forschungen zunehmend auf das Konstrukt der Fantasieneigung. Während bisherige Untersuchungen weitgehend nur den Zusammenhang von Fantasieneigung und Persönlichkeit sowie die Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität betrachteten, untersucht vorliegende Studie, inwieweit bei Kindern eine Korrelation von Fantasieneigung und dem Konsum fantastischer Medien vorliegt. Dazu wurde eine Befragung unter 80 GrundschülerInnen im Alter von 8 bis 12 Jahren durchgeführt. In der Auswertung der Fragebögen wurde ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen der Fantasieneigung und dem Medienkonsum fantastischer Inhalte ermittelt. Während bezüglich des Medienkonsums geschlechtsspezifische Unterschiede auftraten, zeigten sich bei der Fantasieneigung keine Differenzen zwischen Mädchen und Jungen. Diese Forschungsergebnisse sind besonders im aktuellen Diskurs zur Relevanz einer Medienkompetenz bedeutsam.

1 Theorie

Der Fantasiebegriff geht auf das griechische Wort „phantasía“ zurück, das mit „Vorstellung“ oder „Einbildung“ übersetzt werden kann. Der Terminus wird sowohl für die Fantasietätigkeit, das Fantasievermögen als auch das einzelne Fantasiebild oder den Fundus, aus dem die Fantasiebilder auftauchen, gebraucht (vgl. Hartmann 2004, 47). Während sich bereits Aristoteles aus philosophischer Sichtweise mit dem Wesen der Fantasie beschäftigte, stehen in der Psychologie diesbezüglich vor allem der Prozess des Fantasierens und die Neigung oder Fähigkeit zum Fantasieren im Zentrum der Betrachtungen. Die kognitive Psychologie verweist dabei auf die enge Beziehung der Fantasie zur Wahrnehmung und zum Denken. So konnten Studien nachweisen, dass es sich bei der Fantasie um eine sehr leistungsfähige Repräsentationsform von Erfahrungen handelt, die am Schnittpunkt von Wahrnehmung und Gedächtnis angesiedelt ist (vgl. ebd., 48). Vor diesem Hintergrund lassen sich Fantasien bzw. Vorstellungen als „wahrnehmungsähnliche Erlebnisse, die aber nicht auf einer unmittelbar vorhergehenden Sinnesreizung beruhen und auch keine unmittelbaren Erinnerung sind“ (Schönpflug/Schönpflug 1997, 150.) definieren. Aus psychoanalytischer Perspektive werden Fantasien als Ersatzbefriedigung für unerfüllte Wünsche und unbefriedigte Bedürfnisse und somit zugleich als Ventil für ungezügelte Sexualität oder Destruktion verstanden (vgl. Hartmann 2004, 48ff.). Als Funktionen der Fantasie lassen sich Pohlen und Wittmann zufolge unter anderem die Weltorientierung, die Assimilation

von Unbekanntem sowie die Selbstformung und –erweiterung benennen (vgl. ebd.). Jedoch können Fantasien auch Angst auslösen, den Zugang zu bestimmten Lösungen verschließen, einen Rückzug aus der Wirklichkeit ins Innere herbeiführen, Erinnerungen an tatsächliche Ereignisse verfälschen oder zum Verschwimmen der Grenze von Einbildung und Realität beitragen (vgl. ebd.). Bezüglich letzterem wird mitunter im wissenschaftlichen Diskurs das Vorliegen einer Fantasieneigung als verstärkender Faktor postuliert.

Das Konstrukt der Fantasieneigung wurde erstmalig 1983 von Wilson und Barber zur Beschreibung der in Interviews berichteten umfassenden und lebendigen Fantasieerfahrungen eingeführt (vgl. im Folgenden Sánchez-Bernardos/Avia 2003, 1069f.). Ihrer Auffassung nach handelt es sich bei der Fantasieneigung um ein gewöhnliches Persönlichkeitsmerkmal, das bei einigen Menschen in besonders hoher Ausprägung auftritt. Daneben wird auch die Ansicht vertreten, dass die Fantasieneigung einen Rückzug in die Fantasiewelt repräsentiert, der durch Bewältigungsschwierigkeiten mit der Realität ausgelöst wird (siehe z.B. Lynn/Rhue 1988; Rhue/Lynn 1987; Waldo/Merritt 2000). Andere Autoren verbinden die Fantasieneigung zudem mit nicht-krankhaften Dissoziationen wie lebendigen Tagträumen oder dem Verlust des Bewusstseins äußerer Ereignisse (siehe z.B. Eisen/Lynn 2001). Weitere Merkmale der Fantasieneigung, die im wissenschaftlichen Kontext angesprochen werden, sind eine tiefe und umfassende Fantasieeinbindung, die Fähigkeit zum lebhaften Nachvollzug vergangener Erfahrungen, außerkörperliche Erfahrungen und Heilkräfte, die Fähigkeit einen Orgasmus durch Fantasieren zu bekommen, das Auftreten imaginärer Freunde in der Kindheit als auch eine insgesamt hohe zeitliche Intensität des Fantasierens im Wachzustand. Darüber hinaus identifizierten Sánchez-Bernardos und Avia in einer Studie zum Zusammenhang von Fantasieneigung und Bereichen der Persönlichkeit nachfolgende drei Komponenten der Fantasieneigung: 1. Fantasielebendigkeit, 2. Fantasie als Flucht aus der Realität und 3. Illusionen (vgl. im Folgenden Sánchez-Bernardos/Avia 2003,1069ff.). In jedem dieser Komplexe wiesen die weiblichen Befragten, die unter den 496 in die Untersuchung einbezogenen 14- bis 18-jährigen spanischen SchülerInnen waren, signifikant höhere Werte als die Jungen auf. Während die meisten Studien zur Fantasieneigung die von Wilson und Barber entwickelte „Inventory of Childhood Memories and Imagings“ (ICMI) verwendeten, kam in dieser Untersuchung der „Creative Experience Questionnaire“ (CEQ) von Merckelbach et al. (2001) sowie eine Liste mit 20 Adjektiven aus Goldberg’s Cluster (1990) zum Einsatz. Im Zuge der Ergebnisauswertung ergaben sich schließlich nur geringe Verbindungen der Fantasieneigung mit Bereichen der Persönlichkeit. Anders als erwartet korrelierte die Fantasieneigung insbesondere mit Neurotizismus äußerst positiv, weniger positiv dagegen mit Offenheit und Verträglichkeit, negativ mit Gewissenhaftigkeit und gar nicht mit Extraversion. Demnach würde Fantasierende zu emotionaler Labilität neigen sowie eher verträglich, offener und nicht sehr gewissenhaft sein. Somit wurde die Fantasieneigung als eher unangepasster Persönlichkeitsaspekt gesehen.

Eine Studie zum Einfluss der Fantasieneigung auf die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Fantasie und Realität liegt etwa von Bouldin und Pratt vor, die hierbei die Reaktionen von je vierzig 4- bis 8-jährigen Kindern mit und ohne imaginären Freund in nachfolgend beschriebenem Szenarium miteinander verglichen (vgl. im Folgenden Bouldin/Pratt 2001, 99ff.). In einem Raum, in dessen Mitte sich ein großes Spielzelt befand, gab der Testleiter zunächst vor, von den Kindern die Beschreibung eines Monsters zum Verfassen einer Geschichte zu benötigen. Während des gemeinsamen Gesprächs lenkte er die Aufmerksamkeit der Kinder gezielt auf das Spielzelt, auf dessen Wand dann eine Monster-Silhouette projiziert wurde. Im Anschluss wurde das Kind gebeten, den Schreibblock des Versuchsleiters in das Zelt zu bringen. In einer abschließenden Phase konnten die ProbandInnen allein im Raum spielen. Während des gesamten Versuchsablaufs erfolgte eine gezielte Beobachtung der Kinder. Es zeigten sich dabei Differenzen zwischen Kindern mit und ohne imaginärem Freund bezüglich ihrer verbalen und non-verbalen Reaktionen, ihrem Glauben an ein echtes Monster im Zelt sowie ihrem non-verbalen Interesse an dem Zelt beim Spielen. So wiesen Kinder mit einem imaginären Freund in allen drei Bereichen höhere Werte auf und berichteten zudem öfter Tagträume, gruselige Gedanken und lebendige innere Vorstellungsbilder. Bouldin und Pratt schlossen daher darauf, dass das Vorliegen einer Fantasieneigung und einer leichtgläubige Haltung gegenüber außergewöhnlichen Ereignissen die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität beeinflusst.

Weitere Studien zur Unterscheidungsfähigkeit von Kindern bezüglich Fantasie und Realität berücksichtigen den möglichen Einfluss der Fantasieneigung nur am Rande. So überprüften Sharon und Wooley in ihrer Untersuchung bei 3 bis 5-Jährigen (vgl. im Folgenden Sharon/Wooley 2004, 293-310) zwar mittels Taylor und Carlsons (1997) Impersonation Interview und einigen Fragen aus Singers (1973) IPP-Skala das Vorhandensein eines imaginären Freundes und die Fantasieneigung, bezogen sich in der Auswertung aber hauptsächlich auf die von den Kindern vorgenommene Eigenschaftszuschreibung und Kategorisierung fantastischer bzw. realer Wesen. Hierbei zeigte sich einerseits, dass die Mehrzahl der Kinder eine stark fehlerhafte Kategorisierung aufwies, andererseits aber eine erwachsenenähnliche Attribuierung vornahm und klar zwischen Fantasie und Realität unterschied. Insgesamt konnte ein positiver Zusammenhang von Fantasieneigung, Alter sowie den Attributionsmustern und Kategorisierungen ermittelt werden. Hinsichtlich des Geschlechts zeigten sich dabei keine signifikanten Unterschiede. Während einer Studie von Wellman und Gelman (vgl. Wellman/Gelman 1991, 105ff.) zufolge 4- und 5-Jährige durchaus in der Lage sind, reale Wesen anhand ihrer physischen, physiologischen und biologischen Eigenschaften zu identifizieren und von denen fantastischer Art zu unterscheiden, stellten Harris et al. (vgl. Harris et al. 1991, 105ff.) eine Empfänglichkeit für die Verwechslung von Fantasie und Realität bei Kindern dieses Alters fest. So verhielten sich die meisten 5- und 6-jährigen ProbandInnen in einem von ihnen durchgeführten Experiment, bei dem sich ein Hase oder ein Monster in einer Box vorgestellt werden sollte, derart, als sei die erdachte Kreatur tatsächlich in der Box (vgl. ebd.). Dieser Befund stimmt mit der Annahme überein, dass das Realitätsverständnis jüngerer Kindern erheblich durch Emotionen geprägt sei, sodass etwa bei der Kategorisierung furchterregender Dinge eine große Unsicherheit herrsche (vgl. Samuels/Taylor 1994, 417ff.).

Eine neuere Studie erforschte die Fantasie-Realitäts-Differenzierung aus einer eher neurologischen Perspektive (vgl. im Folgenden Abraham/von Cramon 2009). Mittels funktioneller Magnetresonanztomografie wurden die Gehirnaktivitäten erwachsener VersuchsteilnehmerInnen beim Lesen von Sätzen über fiktive oder reale Personen beobachtet. Die Autoren schlussfolgerten aus den Ergebnissen, dass die Unterscheidung von Fantasie und Realität intuitiv geschieht und je nach Realitätsgehalt der präsentierten Szenarien unterschiedliche Areale der Großhirnrinde aktiviert sind. So verringere sich das Aktivierungspotential in den verarbeitenden Hirnregionen je unpersönlicher die dargebotenen Personen für die VersuchsteilnehmerInnen waren: persönlich hoch relevante Personen wie Familienmitglieder erschienen weitaus realer als berühmte oder rein fiktive Charaktere. Die Bestimmung der Grenzlinie zwischen Fantasie und Realität erfolge somit eher subjektiv als auch auf der Basis persönlicher Erfahrung und kontextueller Informationen.

Subbotsky unterscheidet anhand der Fähigkeit, zwischen Fantasie und Realität zu differenzieren, Alltagsglauben und magischen Glauben (vgl. Subbotsky 1985, 91ff.). Bei letzterem handele es sich um den zwanghaften Glauben einer Person daran, dass ihre Gedanken, Worte oder Handlungen auf magische Weise ein bestimmtes Ereignis hervorrufen oder verhindern können, wobei allgemeingültige Regeln von Ursache und Wirkung ignoriert werden (vgl. ebd.). Diesbezüglich lassen sich unterscheiden: 1. thought-over-matter-magic, 2. coming-to-life-magic und 3. transformation magic (vgl. Subbotsky 2004, 336). In einer Untersuchung ermittelte Subbotsky eine besonders starke Ausprägung des magischen Denkens bei Kindern im Alter von 5 bis 9 Jahren, die aber in den weiteren Lebensjahren stetig abnehme (vgl. Subbotsky 2004, 123ff.). Andere Studien zeigten, dass auch unter Erwachsenen magischer Glauben verbreitet ist (z.B. Subbotsky 2003).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Medienkonsum und Fantasie bei GrundschülerInnen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Schule und Persönlichkeit - Forschungsorientierte Vertiefung
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V162036
ISBN (eBook)
9783640779031
ISBN (Buch)
9783640778799
Dateigröße
1986 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienkonsum;, Fantasie;, Realität;, Medien;
Arbeit zitieren
Denise Krüger (Autor:in), 2010, Medienkonsum und Fantasie bei GrundschülerInnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162036

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