Genauere Betrachtung des Romans "Der Vorleser" von Bernhard Schlink


Bachelorarbeit, 2009
27 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesellschaftspolitischer Hintergrund
2.1 Der 2. Weltkrieg und das KZ
2.2 Die NS-Prozess

3. Analyse der Schuldfragen
3.1 Die Schuld Hannas
3.1.1 Hannas Analphabetismus in Bezug auf ihre Schuld
3.1.2 Freie Wahl oder keine Wahl?—Die Entscheidungsfreihei
3.2 Die Schuld Michaels
3.3 Die Schuldfähigkeit der Kriegsgeneration und der Folgegenerationen

4. Analyse des Schicksals der zwei Hauptfigur
4.1 Die Beziehung zwischen Hanna und Michael — Liebe oder Hörigkei
4.2 Hanna Schmitz´ Freitod als logische Konsequenz aus dem Grundmuster ihrer Lebensstrategi
4.3 Auswirkungen von Hanna auf Michaels Le

5. Analyse der Struktur des Romans Der Vorleser
5.1 Erzählperspektive, Sprache und Erzählstil

6. Schlussbemerku

Literaturverzeichnis

Bernhard Schlink - Der Vorleser: Genauere Betrachtung des Romans

1. Einleitung

Als eines der Leitthemen in der deutschen Nachkriegsliteratur sticht die faschistische Vergangenheit Deutschlands hervor. In zahllosen Büchern wird versucht, Erinnerungs- und Trauerarbeit zu leisten, wird die Frage nach der Schuld an den Verbrechen des Nazi-Regimes und nach der Möglichkeit zur Aufarbeitung dieser historischen Last gestellt.

Anfang der 80er Jahre begannen sich die nachgeborenen Generationen mit der Schuld der Älteren auseinanderzusetzen. In Väter-Biografien wurde oft schonungslos mit dem Verhalten der Elterngeneration - sei es als Täter oder als Mitläufer - während des Krieges abgerechnet.

Bernhard Schlinks Der Vorleser, der sich mit dem Umgang der zweiten Generation mit der Schuld der älteren Generation beschäftigt, lenkt den Blick auf eine neue Perspektive. Im Roman geht es um einen in der Ich-Perspektive verfassten Roman. Die 15-jährige Hauptfigur Michael Berg erzählt von seiner zufälligen Bekanntschaft mit der wesentlich reiferen Hanna Schmitz und ihrer gemeinsamen heimlichen Beziehung.

Die altbekannten Themen werden aus Sicht der Nachkriegsgeneration beleuchtet, die, nicht wie erwartet durch Elternliebe, sondern durch eine partnerschaftliche Liebesbeziehung, emotional eng mit der Tätergeneration verknüpft ist.

Er behandelt die Frage, „wie “ die Generation des Autors, geboren in den Kriegsjahren, und die Generation danach mit dem Holocaust und der Partizipation ihrer Rollenvorbilder darin umgehen können, welchen Einfluss die Schuld der Eltern und Grosseltern auf das eigene Leben der Nachkriegsgeneration hat.

In der vorliegenden Arbeit wird versucht, Schuldfragen, Schicksal der zwei Hauptfiguren und Struktur des Romans zu analysieren.

Im ersten Kapitel der Arbeit gibt es gesellschaftspolitischen Hintergrund. Im zweiten Kapitel wird versucht, die Schuldfragen zu analysieren. Welche Schuld hat Hanna bzw. die Kriegsgeneration gemacht? Könnte „Analphabetismus “ ein Grund dafür sein? Mit der Analyse des Schicksals von den zwei Hauptfiguren beschäftigt sich das dritte Kapitel. Dabei wird versucht, die Beziehung zwischen Hanna und Michael festzustellen, Hannas Freitod zu begründen, und Auswirkungen von Hanna auf Michaels Leben zu beschreiben. Im vierten Kapitel geht es um die Struktur des Romans, genauer gesagt, Erzählperspektive, Sprache und Erzählstil.

2. Gesellschaftspolitischer Hintergrund

Dieser Roman handelt von der Zeit nach dem 2. Weltkrieg und während der NS-Prozesse in der Nachkriegszeit.

2.1. Der 2. Weltkrieg und das KZ

Mit dem Überfall auf Polen am 1.September 1939 löste Hitler den Zweiten Weltkrieg aus. Kein Name ist mit dem Nationalsozialismus so eng verbunden wie derjenige Adolf Hitlers. Er hat den Nationalsozialismus als politische Idee wie als politische Bewegung in so hohem Maße selbst geschaffen, dass man auch schon von ,,Hitlerismus" sprechen kann. Die imperialistischen Raubzüge des Hitlerregimes hatten zwar der Welt bereits genügend vor Augen geführt, zu welcher Barbarei der deutsche Faschismus fähig war. Das ungeheuerliche Ausmaß des Naziterrors mit all seinen sadistischen Details aber wurde erst endgültig bekannt, als die wenig übrig gebliebenen Häftlinge der Konzentrationslager befreit wurden.[1]

Die nationalsozialistischen Konzentrationslager gelten als Symbol der Unmenschlichkeit des NS- Regimes. Auschwitz war das größte nationalsozialistische KZ. Es wurde im Frühjahr 1940 auf Befehl von Heinrich Himmler errichtet und diente sowohl als Arbeitslager, als auch ab 1941 als Vernichtungslager. Bis zum Ende 1944 waren in Auschwitz bereits Millionen Menschen, vor allem Juden, die Schätzungen reichen von 1,2 bis zu 4 Millionen - ermordet worden. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Lager. Das KZ Auschwitz ist heute Gedenkstätte; „der Name Auschwitz wurde zum Symbol für den Völkermord an den Juden in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern.“[2]

Über KZ-Aufseherinnen wurde in der Forschung oft diskutiert. Dabei stellte sich die Frage nach der Verantwortung von Frauen in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. In den Anfängen dieser Forschungsrichtung wurden eher Diskriminierung, Verfolgung und Widerstand von Frauen im Nationalsozialismus angesprochen und deutsche nichtverfolgte Frauen einseitig als Opfer dargestellt. Aufseherinnen wurde Beteiligung, Verantwortung und freie Verfügung über ihr Handeln abgesprochen. Kann man dies so verallgemeinern?

Nein. Zu fragen ist, welche Motive Frauen hatten, um sich freiwillig zu dieser Arbeit zu melden oder sich bereit zu erklären, als Aufseher in einem KZ zu bewerben und/oder zu arbeiten. Bekannt sind zwei Rekrutierungsformen. Zum einen wurden Aufseherinnen im Rahmen einer Dienstverpflichtung in der Rüstungsindustrie für die Tätigkeit in Konzentrationslagern geworben, zum anderen gab es eine Reihe von Frauen, die sich aus eigenem Antrieb meldeten.[3]

Aufseherinnen bewachten weibliche Gefangene in verschiedenen Frauenlagern. Obwohl nichts Genaueres über die Zahl der Frauen als Aufseher bekannt ist, lässt sich schätzen, dass ungefähr zehn Prozent des Personals Frauen waren. Bevorzugt wurden Frauen im Alter von 21 bis 45 Jahren eingestellt.

2.2 Die NS-Prozesse

In NS-Prozessen wurde viel Material zutage gefördert, bei dem sich die deutsche Gesellschaft wie in einem schmerzhaften Brennspiegel wiederfand und dabei die später vielberufene „Banalität" der Täter entdeckte. Die juristische Aufarbeitung vermochte aber kaum einmal das Gefühl nachträglicher Gerechtigkeit zu erzeugen. Wenn überhaupt nach langwierigen Verfahren Urteile gefällt wurden, kam es zu Strafbemessungen, die oft genug als eine „Verhöhnung der Opfer" empfunden wurden.

In den Auschwitz-Prozessen wurde das Gesamtgeschehen der „Endlösung" anhand historischer Gutachten dargelegt. Zugleich schilderten die Zeugen erstmals vor einer breiten Öffentlichkeit die an den Häftlingen begangenen Grausamkeiten und den genauen Vollzug der Vernichtung.

Hermine Ryan war 1942-1944 in führender Funktion im polnischen Konzentrationslager Majdanek als stellvertretende Schutzhaftlagerführerin. Sie war dort für den Tod von 250000 Menschen mitverantwortlich, die auf brutalste Weise ums Leben kamen. Sie wurden vergast, erschossen, verbrannt, ertränkt, totgeschlagen und totgetreten. Eine Nachbarin sagte: „Ich wusste ja wer sie war. Die sah ja gar nicht aus wie ein Monster, was man immer über sie gelesen hat. Die war ganz normal.”[4] Hermine Ryan wurde von Nov. 1975 bis Juli 1981 noch nachträglich der Prozess am Landgericht Düsseldorf gemacht.

Die Hauptfigur im Roman Der Vorleser Hanna Schmitz arbeitet als KZ-Aufseherin bei der SS. Sie und vier andere Frauen wurden auch ein Prozess gemacht.

3. Analyse der Schulfragen

Der Begriff Schuld bezeichnet einen abstrakten Zustand, in dem sich ein Individuum, eine Gruppe von Individuen (Kollektivschuld) oder eine Institution befinden kann. In den meisten Kulturen der Welt findet sich ein Konzept der Schuld. (...)Der Zustand der Schuld entsteht, wenn jemand für einen Verstoß gegenüber einer sittlichen, ethisch-moralischen oder gesetzlichen Wertvorstellung verantwortlich ist.[5]

Im Roman Der Vorleser ist die Schuldfrage ein wichtiges Thema. Sie wird immer wieder von Michael erwähnt und ist eng mit der NS-Vergangenheit von Hanna verknüpft. Die Schuld lässt sich aufteilen in die individuelle Schuld der Hauptpersonen, sowie in die Kollektivschuld der Tätergeneration und die Schuld der Folgegenerationen nach der NS-Zeit: Wie schuldig sind die Folgegenerationen? Wie (kollektiv) schuldig ist die Tätergeneration?

3.1. Die Schuld Hannas

Unter Hannas Schuld kann man in zwei verschiedenen Bereichen verstehen: Schuld in ihrem privaten Leben (Schuld gegen Michael) und Schuld in ihrer offiziellen Rolle als KZ-Aufseherin.

Auf der Seite macht Hanna sich schuldig in ihrem privaten Leben: Hanna macht sich im Verlauf der Handlung das erste Mal schuldig, als sie eine pädophile Beziehung mit dem minderjährigen Michael eingeht. Während dieser Beziehung kommt es dazu, dass Hanna Michael im Streit schlägt, wodurch sie sich schuldig macht. Durch die plötzliche Trennung und das Verschwinden von Hanna macht sie sich schuldig, indem sie Michael dazu bringt, sich selbst Vorwürfe zu machen, weil er nicht gewusst hat, wieso sie verschwunden ist. Als sie nach 18 Jahren aus demGefängnis entlassen werden soll, nimmt sie sich am Tag ihrer Entlassung das Leben. So macht sie sicherneut schuldig, da sie Michael ein zweites Mal verlässt.

Und auf der anderen Seite liegt Hannas Schuld in ihrer offiziellen Rolle als KZ-Aufseherin. Es wird in einem Gerichtsprozess klar, dass sie als Aufseherin im Konzentrationslager Krakau ,,Selektionen"[6] durchgeführt hat. Dabei sind von ihr und vier anderen Angeklagten monatlich die schwächsten und nicht mehr arbeitsfähigen Frauen aussortiert und zur Vernichtung nach Auschwitz gebracht worden. Als die Aufseherinnen auf einem ,,Todesmarsch" auf der Flucht vor den Alliierten gewesen sind, ist es zum Unglück gekommen: Um den Gefangenen die Flucht unmöglich zu machen, sind die mehreren hundert Frauen in einer Kirche eingeschlossen worden. Sie sind während eines Bombenangriffs in der Kirche ums Leben gekommen. Deswegen wird ihnen vorgeworfen, für den Tod von mehreren hundert Frauen verantwortlich zu sein. Während des KZ-Prozesses gibt Hanna ihre Schuld zu. Dies führt jedoch dazu, dass die anderen Angeklagten, obwohl sie ebenfalls an der Tat im KZ beteiligt waren, freigesprochen werden. Hanna wird zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

3.1.1 Hannas Analphabetismus in Bezug auf ihre Schuld

Hanna ist vollständige Analphabetin, d. h. sie kann weder lesen noch schreiben. Wenn wir zunächst Hannas Analphabetismus näher Betrachten, so fällt auf, dass hierfür keine Gründe oder Ursachen genannt werden. Über ihre Sozialisation, ihre Kindheit und Jugend in Hermannstadt erfährt der Leser wenig. Sie wird in einigen Eckdaten zusammengefasst, bleibt aber neben ihren politischen Ansichten und Überzeugungen eine weitere Leerstelle in ihrer Biographie. So ist es letztlich nicht möglich, Hanna im Sinne populär-psychologischer Erklärungsschemata als Opfer familiärer bzw. gesellschaftlicher Umstände zu kategorisieren, und ebenso wird die Etikettierung der Täterin als überzeugte Nationalsozialistin vermieden. Der Analphabetismus prägt verschiedene Aspekte von Hannas Leben. Einerseits besteht eine deutliche Relation zwischen ihrer Isolation und Zurückgezogenheit und ihrer Angst vor einer möglichen Bloßstellung als Analphabetin, was sich in der Beziehung zu Michael widerspiegelt. Nicht zufällig verbirgt Hanna dieses Geheimnis auch vor ihm, und erfindet stattdessen Ausreden, reagiert aus der Defensive heraus häufig aggressiv, und verlässt ihn schließlich scheinbar grundlos. Ihre Beziehung zu ihm ist ähnlich wie das spätere Verhalten vor Gericht von einem Mangel an Kommunikationsfähigkeit und –willen geprägt. Die Wahrung ihres Geheimnisses wird so zu einer Priorität, die ihr fast alle Aufmerksamkeit abverlangt, und zu einem erheblichen Misstrauen im Umgang mit anderen Personen führt.

Außerdem hat Hannas fehlende Schreib- und Lesefähigkeit auch deutliche Auswirkungen auf ihr Berufsleben. So wechselt sie häufig den Arbeitsplatz, kann nur einfache Hilfsarbeitertätigkeiten annehmen und lebt in ständiger Furcht vor neuen Aufgaben bzw. einer möglichen Beförderung, die ihre Schwäche aufdecken könnte. Diesem Fluchtmuster entsprechend geht Hanna schließlich auch zur SS und wird Aufseherin in Auschwitz, nicht weil sie eine überzeugte Nationalsozialistin wäre, sondern weil ihr bei Siemens eine Beförderung angeboten wurde, die ihren Analphabetismus offenbart hätte. Der Erzähler resümiert über Hannas Leben prägnant: „Sie kämpfte immer und hatte immer gekämpft, nicht um zu zeigen, was sie kann, sondern um zu verbergen, was sie nicht kann. Ein Leben, dessen Aufbrüche in energischen Rückzügen und dessen Siege in verheimlichten Niederlagen bestehen“(S. 179). Ständig muss sie Situationen und mögliche „Gefahren” antizipieren, um ihr Geheimnis zu wahren. Sie erscheint ungleich mehr als reagierendes denn als handelndes Subjekt. Ihre ganzen Handlungen zeigen immer wieder Reaktionen auf externe Einflüsse an Stelle bewusster verantwortungsvoller Entscheidungen. Konsequenterweise verheimlicht sie dann auch im Gerichtsprozess ihren Analphabetismus, obwohl er sie entlasten würde. Aus Scham, Stolz und Angst vor Bloßstellung erscheint sie als Hauptangeklagte, die angeblich den belastenden Bericht verfasst hat. Der Erzähler und der Leser wissen zu diesem Zeitpunkt aber sehr wohl, dass sie wegen ihres Analphabetismus hierzu unmöglich in der Lage war. Es war ihr noch nicht einmal möglich, die Anklageschrift zu lesen, was im Prozess zu irritierenden Nachfragen führt. Dass „die Angeklagte auf kein Schreiben und keine Ladung reagiert hat” wird allerdings vom Gericht lediglich als weiteres belastendes Indiz gelistet(S. 94).

[...]


[1] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/auschwitz/index.html

[2] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/auschwitz/index.html

[3] Vgl. Ute Herwig: KZ-Aufseherinnen: Zur Sozialpsychologie weiblicher Täterschaft im Nationalsozialismus

[4] http://www.scheffel-gymnasium.de/faecher/deutsch/vorleser/hist_hintergrund.htm#Der%20Majdanek-Prozess

[5] http://de.wikipedia.org/wiki/Schuld

[6] Bernhard Schlink: Der Vorleser. Zürich: Diogenes Verlag 1997. S.102, Anmerkung: Die folgenden im Text vorkommenden Zitate stammen sämtlich aus dem Buch Der Vorleser. Die Seitezahlen werden In Klammer gegeben.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Genauere Betrachtung des Romans "Der Vorleser" von Bernhard Schlink
Hochschule
Ocean University of China  (Deutsches Seminar)
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
27
Katalognummer
V162058
ISBN (eBook)
9783640762958
ISBN (Buch)
9783640763351
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genauere, Betrachtung, Romans, Vorleser, Bernhard, Schlink
Arbeit zitieren
Mina Fu (Autor), 2009, Genauere Betrachtung des Romans "Der Vorleser" von Bernhard Schlink, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162058

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