Erinnerungen an den Sieg in Grabinschriften

Die Schwierigkeiten der Datierung und Zuordnung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

33 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Chronologie

3. Athenische Strafexpeditionen am Ende des 6. Jahrhunderts

4. Erinnerungen an Marathon

5. Fremdling, überbringe die Meldung
5.1. Siegreiche Niederlage am Thermopylen-Pass
5.2. Freiheitskampf zur See

6. Kein Rauch über Tegea

7. Zu Land und zur See am Eurymedon

8. Niederlage und Ende der Dominanz bei Koroneia

9. Teurer Sieg bei Poteidaia

10. Endbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Für große Schlachten der griechischen Geschichte gehören oftmals Grabinschriften von Familienmitgliedern oder der Polisgemeinschaft für die gefallenen Kämpfer zu den wichtigen Quellen über die Kämpfe der einzelnen Stadtstaaten. Doch die Erinnerung allein daran, dass etwas vorgefallen ist, war nicht das Ziel der Inschriften – sie sind fest mit den Schlachten und zu erinnernden Heldentaten der Gefallenen verbunden. Aber wie kann nach Jahrtausenden noch ein Gedenken stattfinden, wenn die Schlachten längst vergessen oder nicht mehr eindeutig zu benennen sind? Schwierigkeiten ergeben sich nicht nur durch Ermangelung weiterer genealogischer Angaben bei der Bezeichnung der womöglich nur in einer gefundenen Quelle überlieferten und so genannten Protagonisten der Kämpfe, sondern überhaupt mit der erschwerten zeitlichen Einordnung der einzelnen Fundstücke und Zeugnisse. Durch fehlende Zeitangaben in den Texten, Beschädigung und Zerstörung der Artefakte oder Ungenauigkeiten bei inhaltlichen Daten zu anderen historischen Ereignissen in der zeitlichen Umgebung der Schlacht und der dafür gedachten Monumente, sorgte und sorgt die Datierung der Fundstücke in der wissenschaftlichen Forschung für Diskussionsstoff rund um die korrekte Einordnung der zu gedenkenden Geschehnisse. Anhand von Beispielen soll in dieser Arbeit aufgezeigt werden, mit welchen Methoden die chronologischen Einordnungen der Fundstücke durchgeführt wurden, wo diese Konklusionen ihre Berechtigung haben und woran bisherige Datierungsversuche scheiterten oder auf Schwierigkeiten stießen. Ebenso wird ein Blick auf die Kämpfe geworfen werden, an welche mal deutlich, und mal weniger eindeutig, mit den Grabschriften erinnert werden soll. Gewählt wurden hierfür von Werner Peek aufgearbeiteten Grabinschriften aus seinem Werk „Griechische Grabgedichte“.[1]

Fremdling, überbringe den Spartanern die Meldung, daß wir hier liegen, ihrem Befehle gehorsam.[2]

Dank der Tapferkeit dieser Männer hier stieg nicht zum Äther empor Rauch vom Brande des weiträumigen Tegea. |³ Es war ihr Wille, die Stadt in Freiheit blühend ihren Kindern zu überlassen; sie selbst sind unter den Vorkämpfern (in vorderster Front) gefallen.[3]

Diese Männer hier verloren am Eurymedon einst ihre herrliche Jugend, im Ringen mit den Vorkämpfern der bogentragenden Meder, |³ Streiter zu Fuß und auf schnellsegelnden Schiffen. Ein herrliches Denkmal ihrer Tapferkeit ließen sie zurück, als sie starben.[4]

Dulder ihr, welch eines Kampfes unverhoffte Entscheidung habt ihr bestanden und euer Leben wider alles Begreifen hingeben müssen im Krieg: |³ nicht durch feindlicher Männer überlegener Stärke, nein, einer der Halbgötter ist euch in göttlichem Angang entgegengetreten |5 und hat euch geschädigt, vollen Bedachtes: „schwer bezwingliche Beute“ jagend, hat er sie den Feinden ins Netz geliefert. Und das nun hat er zu eurem |7 Verderben hinausgeführt, allen Sterblichen aber der Göttersprüche Ausgang als ein Unverbrüchliches festgesetzt, daß sie es bedächten in Zukunft.[5]

Toten zu unsterblichem Gedenken setzten mich die Bürger, kundzutun dieser Männer Tapferkeit hier auch künftigen Geschlechtern |³ und ihre mit den Vorvätern wetteifernde Kraft. Vor der Stadt der Feinde haben sie in ihrem herrlichen Sieg ihr Denkmal empfangen im Tode.

Der Äther hat die Seelen aufgenommen, die Leiber dieser Männer hier die Erde. Vor den Toren von Poteidaia sanken sie dahin. |7 Von den Feinden aber fanden die einen ihr Grab, die anderen flohen und setzten auf feste Mauern ihres Lebens verläßlichste Hoffnung.

Der Männer gedenk in Wehmut die Stadt und das Volk des Erechtheus, die vor Poteidaia gefallen sind, in vorderster Front, |11 Söhne der Athener. Indem sie ihr Leben in die Waagschale warfen, tauschten sie den Preis der Tapferkeit dafür ein und gewannen ihrem Vaterland herrlichen Ruhm.[6]

Des Weiteren werden in dieser Arbeit fünf Inschriften aus der Sammlung „Historische Griechische Inschriften“ verwendet.[7]

(A) [Mit drückenden Fesseln aus Eisen erstickten die Hyb]ris die Söhne [der Athener durch ihre Taten im Kriege, | als sie die Völker der Boioter und der Chalkidier bezwangen] und als Z[ehnten] von ihnen der Pallas (Athena) [diese(s)] Pferde(gespann) [weihten].

(B) [Als sie die Völker der Boioter und der Chalkidier bezwa]ng[en, die Söhn]e der Athener, [durch ihre] Tat[en im Kriege, | erstick]ten sie [mit drückenden Fesseln aus Eisen ihre Hybris] und [weihten als] Zehn[ten] von ihnen [der Pallas] die[se(s)] Pferde(gespann).[8]

Die Athener haben geweiht die Stoa (= Säulenhalle) und die Waff[en u]nd die Schiffsschnäbel, die sie genommen von den Feinden.[9]

[Kallimachos hat mich ge]weiht, der Aphidnaie[r], der Athena, | (den) Bo[ten der Unst]erblichen, die O[lympische Häuser] bewohnen, | [- (der als?) Pole]marcho[s]* der Athener im Kampf | von Ma[rathon (?) -] |5 den Söhnen der Athener [-].[10]

(A) [Die A]then[er (haben dies) dem Apollon Pythi]os als Er[stlingsgaben der Schlacht bei Marathon (geweiht);] v[on den Medern].

(B) Die Athener (haben) d[em] Apollo[n von den Med]ern dies als Er[stlingsga]ben der Sch[lacht] bei Marathon (geweiht).[11]

Bei Pot[eidaia sind folgende gefallen:] | Als unvergängliches [Grabmal für die] Ge[fallenen haben mich die Bürger errichtet,] |zu künden [dieser Männer] Mannhaftig[keit auch Künftigen,] | und der Vorfahren [edle] Kraft, [die für ihre Tapferkeit und Mannhaftigkeit] | als ehrlichen Sieg dieses Denkmal erhielten nach ihrem T[ode]. | Der Aither hat ihre Seelen aufgenommen, ihre Leib[er die Erde;] | vor Poteidaias Toren [fie]len [sie]. | Von den Feinden aber liegen die einen im Grab, d[ie anderen entkamen und] | setzten auf die Mauer ihre sicherste Hoffnung [zu überleben.] | Schmerzlich vermißt ihre Männer diese Stadt und das Vo[lk des Erechtheus,] | die vor Poteidaia in vo[rderster] Linie starben, | Söhne von Athenern. Sie [legten] ihr Leben in die Waagschale, | erwarben sich dafür Verdienste und verhalfen der Heimat zu [Ruhm].[12]

2. Chronologie

Um die Schwierigkeiten bei der Datierung der griechischen Grabinschriften zu betrachten, muss man sich zuerst die Möglichkeiten für Historiker und Archäologen vor Augen führen. Naturwissenschaftliche Laboruntersuchungen können für die in Stein gemeißelten und absichtlich hinterlassenen Traditionsquellen[13] kaum angewendet werden oder verlieren jede mögliche Anwendung dadurch, dass die originalen Epigramme[14] nicht mehr existieren und die Forschung allein auf mittelalterliche Überlieferungen von antiken Abschriften zurückgreifen muss.

Die C14-Datierung,[15] auch bekannt als 14C- oder Radiokarbon-Methode, ist für steinerne Inschriften nicht verwendbar. Mit einer Datierungsgenauigkeit von Plus-Minus 15 bis 40 Jahren bei Proben der vergangenen 10.000 Jahre[16] wäre dieser Test gut geeignet für die Bestimmung von Schlachten bei Inschriften, welche mehrere Interpretationsmöglichkeiten offen lassen – sofern die debattierten Möglichkeiten zeitlich ausreichend auseinander liegen. Die C14-Methode beruht jedoch auf dem Funktionsprinzip, dass das radioaktive Isotop 14C des Kohlenstoff-Atoms natürlich in der oberen Atmosphäre durch Kernreaktionen in der Luft entsteht und schließlich als 14CO2 von Pflanzen durch die Photosynthese aufgenommen wird. Selbiges geschieht auch durch die Nahrungsaufnahme in Tieren. So lagert sich das Isotop in organischen Überresten bis zu deren Absterben ab. Da keine weitere Anlagerung mehr stattfindet, kann anhand der Halbwertszeit des radioaktiven 14C und der Messung des übrigen, spaltbaren Materials, die bisherige Zerfallsdauer zurückberechnet werden.[17] Da in den Steintafeln und Säulen kein organisches Material für eine solche Untersuchung vorhanden ist, kann diese aber auch keine oder nur bei entsprechenden Beifunden eine Anwendung finden.

Weitere naturwissenschaftliche Datierungsvarianten fallen ebenso aus. Das Thermolumineszenzverfahren erreicht nur eine Genauigkeit von etwa 10 Prozent Abweichung des geschätzten Probenalters und ist damit für die genaue Datierung nah bei einander liegender Ereignisse ungenügend – zudem funktioniert diese Methode nur bei gebranntem, oder einem heißen Feuer ausgesetzten Materialien.[18] Eine direkte Datierungsmöglichkeit für das Alter des Materials bietet bei Gestein der Paläomagnetismus,[19] jedoch ist mit dem Alter des Materials noch keine Information darüber gewonnen, wann in einen Stein Inschriften gemeißelt wurden. Größeres Potenzial bei der Datierung zu helfen haben dahingehend die archäologischen Beifunde. Diese Begleitfunde, wie zum Beispiel Münzen, Waffen oder andere Artefakte, können anhand der Erdschicht, in der sie gefunden werden, durch die so genannte Stratigraphie, zur Datierung anderer Gegenstände hinzugezogen werden.[20] Ohne entsprechende Beifunde ist aber auch diese Methode nicht anwendbar.

Da sich die naturwissenschaftlichen Lösungsansätze für Datierungsprobleme erschöpfen, bleibt die zeitliche Einordnung durch den Inhalt vorzunehmen. Der Fundort von Inschriften sollte zur Chronologisierung in Betracht gezogen werden, um größere Zeitdiskrepanzen auszuschließen.

Although some ancient sites, such as Athens, had a continuous history throughout the period of classical antiquity, there are many which did not, and the destruction or foundation of these provides convenient termini ante or post quem which eliminate some of the wider dating possibilities. For instance, an inscription from Olynthus in the Chalcidic peninsula is likely to antedate the destruction of the city by Philip II of Macedon in 348–347 B.C.[21] [Hervorhebung im Original]

Darüber hinaus lassen sich Inschriften auch an der Art des Monuments, für welches sie geschaffen wurden oder an welchem sie angebracht sind, einordnen. Durch die Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern konnten einheitliche Stile zum Beispiel bei Statuen oder Säulen identifiziert werden, um diese dann anhand eindeutig datierbarer Epigraphiken zeitlich einzuordnen. Dadurch ist es nun auch möglich entgegengesetzt durch die periodisierten Kunststile zugehöriger, anderer Artefakte bestimmte Inschriften einzuordnen.[22] Ähnlich in zusammengehörende Zeitperioden können Sprach- und Ausdrucksentwicklungen zusammengefasst werden, wodurch eine Epigraphik auch durch ihren Schreibstil oder die Wortwahl, also wie ausgedrückt wird, was ausgedrückt wird, datiert werden kann.[23] Die Schriftform der Worte selbst lässt sich ebenfalls hinzuziehen,[24] jedoch ist diese Methode nicht sehr akkurat. Zum Beispiel:

[...]


[1] Vgl.: Peek, Werner: Griechische Grabgedichte, Darmstadt 1960, S. 46 – 51. Die Inschriften werden nach Peeks Vorbild durchnummeriert und im Verlauf dieser Arbeit mit ihrer entsprechenden Nummer benannt.

[2] Peek: Griechische Grabgedichte: S. 47.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd.: S. 49.

[6] Peek: Griechische Grabgedichte: S. 49.

[7] Vgl.: Brodersen, Kai u.a.: Historische Griechische Inschriften in Übersetzung. Band I: Die archaische und klassische Zeit, Darmstadt 1992. Die Inschriften werden nach dem Vorbild der Sammlung Nummeriert und im Verlauf dieser Arbeit mit ihrer entsprechenden Nummer benannt.

[8] Brodersen: Historische Griechische Inschriften, S. 13f.

[9] Brodersen: Historische Griechische Inschriften, S. 14.

[10] Ebd.: S. 18f.

[11] Ebd.: S. 19.

[12] Ebd.: S. 71f. Werner Peek bearbeitete die Grabinschrift für die 432 vor unserer Zeitrechnung bei Poteidaia gefallenen Athener in der 12. Inschrift bei: Griechische Grabgedichte, S. 51.

[13] Vgl.: Blum, Hartmut/Wolters, Reinhard: Alte Geschichte studieren, Ulm 2006, S. 40.

[14] Vgl. Ebd.: S. 64f.

[15] Vgl. Ebd.: S. 196f.

[16] Vgl.: Kromer, Bernd: Radiokohlenstoffdatierung. In: Wagner, Günther A. (Hrsg.): Einführung in die Archäometrie, Berlin/Heidelberg 2007, S. 3 – 10, hier S. 5.

[17] Vgl. Ebd.: S. 3.

[18] Vgl.: Kadereit, Annette u.a.: Kaltes Licht aus alten Steinen. Lumineszenzdatierung in der Archäologie. In: Wagner, Günther A. (Hrsg.): Einführung in die Archäometrie, Berlin/Heidelberg 2007, S. 11 – 31, hier S. 21. In Keramiken sind zum Beispiel Backstein oder quarzähnliche Materialien enthalten, mit geringen Mengen radioaktivem Material. Beim Brand der Keramik während der Herstellung entweicht diese radioaktive Energie in Form von Licht. In den folgenden Jahren sammelt sich die Energie wieder an. Wird die Keramik im Labor erneut erhitzt, kann gemessen werden, wie viel Licht freigesetzt wird, wodurch die mittlerweile wieder angesammelte Energie ermittelt werden kann.

[19] Vgl.: Kearey, Philip u.a.: Global Tectonics, 3. Aufl., Singapur 2009, S 64 – 71. Zur Altersbestimmung von magnetischem Gestein und Sedimentablagerungen kann im Gestein die seine Ausrichtung zum Erdmagnetfeld zur Zeit seiner Ablagerung gemessen und damit Rückschlüsse auf sein Alter gezogen werden.

[20] Vgl.: Sinn, Ulrich: Einführung in die klassische Archäologie, Nomos/Sinzheim 2000, S. 65 – 68.

[21] Woodhead, Arthur Geoffrey: The study of Greek Inscriptions, 2. Aufl., Cambridge 1981, S. 53. Vgl. Ebenso: Cook, B. F.: Greek Inscriptions. Reading the Past Vol. 5, Berkeley 1987, S. 14.

[22] Vgl.: Woodhead: The study of Greek Inscriptions, 2. Aufl., S. 54. Ebenso: Cook: Greek Inscriptions, S. 14.

[23] Vgl.: Cook: Greek Inscriptions, S. 14. Ebenso: Woodhead, Arthur Geoffrey: The study of Greek Inscriptions, Cambridge 1959, S. 60 – 62.

[24] Vgl.: Woodhead: The study of Greek Inscriptions, 1. Aufl., S.62 – 66.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Erinnerungen an den Sieg in Grabinschriften
Untertitel
Die Schwierigkeiten der Datierung und Zuordnung
Hochschule
Universität Stuttgart  (Geschichte)
Veranstaltung
Formen der Erinnerung und der Reflexion in der griechischen Kultur
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V162063
ISBN (eBook)
9783640756926
ISBN (Buch)
9783640757190
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Für große Schlachten der griechischen Geschichte gehören oftmals Grabinschriften von Familienmitgliedern oder der Polisgemeinschaft für die gefallenen Kämpfer zu den wichtigen Quellen über die Kämpfe der einzelnen Stadtstaaten. Doch die Erinnerung allein daran, dass etwas vorgefallen ist, war nicht das Ziel der Inschriften – sie sind fest mit den Schlachten und zu erinnernden Heldentaten der Gefallenen verbunden. Aber wie kann nach Jahrtausenden noch ein Gedenken stattfinden, wenn die Schlachten längst vergessen oder nicht mehr eindeutig zu benennen sind?
Schlagworte
Geschichte, Griechenland, Krieg, Schlacht, Epigraphik, Antike, Alte Geschichte, Athen, Sparta
Arbeit zitieren
Sebastian Großhans (Autor), 2010, Erinnerungen an den Sieg in Grabinschriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162063

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