Ein Stoff, aus dem man Menschen macht

La Mettrie, Herder, Krüger


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. La Mettrie

3. Der Mensch eine Maschine

4. Herder

5. Vom Bau der Seele

6. Krüger
6.1 Die unsterbliche Seele
6.2 Die Triebfeder im Traum

7. Endbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Verlauf dieser Arbeit werden La Mettries „Der Mensch eine Maschine“[1], Herders „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele“[2] und Krügers 65. Traum aus seinem Sammelband „Träume“[3] miteinander verglichen. Im Zuge der Bearbeitung dieser Texte soll gezeigt werden, zu welchen Schlüssen die einzelnen Autoren kamen, wo sich ihre Ansätze überschneiden und wie sich diese Ansichten in ein heutiges, naturwissenschaftliches und religiöses Verständnis einfügen.

Diese Arbeit wird aufzeigen, dass die vier wesentlichen Erklärungsversuche des Leib-Seele-Problems des Menschen (oder allgemein der Lebewesen) in den drei ausgewählten Schriften behandelt und erfasst werden. Gleichzeitig ist es das Ziel darauf zu verweisen, dass nach wie vor allgemein überzeugende Ansätze zur Klärung des Problems fehlen und in den vergangenen Jahrhunderten keiner der Erklärungsversuche vollständig widerlegt oder unbestreitbar Bewiesen werden konnte.

2. La Mettrie

Julien Offray de La Mettrie, geboren am 19. Dezember 1709 in Saint-Malo, schrieb 1747 sein Buch „L’Homme Machine“ – Der Mensch als/eine Maschine. Der studierte Arzt, Philosoph und Naturwissenschaftler La Mettrie hielt sich beim Druck seines Buches in Leiden in den Vereinigten Niederlanden auf, nachdem er wegen satirischer Pamphleten aus Frankreich hatte fliehen müssen, und wurde aufgrund des umstrittenen Buches schließlich noch im Jahr 1747 gezwungen auch die Niederlande zu verlassen.[4] „Der Mensch eine Maschine“ wurde zur damaligen Zeit als Skandalwerk betrachtet und ließ die Wogen auch in den vergleichsweise aufgeschlossenen Niederlanden hoch kochen. Glückuttgart 2001Theodor Lücke, .Der verwendetezeigt werden, zu welchen Schlüssen die einzelnen Autoren kamen, wo sich ihre Ansätze hatte La Mettrie mit seinem neuen Gönner Friedrich dem Großen, welcher vom Papst in Korrespondenzen schon als Ketzer angesprochen wurde[5] und dem entsprechend La Mettries erkenntnistheoretischer Materialismus weit mehr zusagte, als christliche Lehren. Bis zu seinem Tod am 21. November 1751 blieb der Atheist La Mettrie am preußischen Hof und unter dem Schutz Friedrichs II.[6]

La Mettrie lehnt im „Der Mensch eine Maschine“ die Vorstellung einer Verbindung zwischen Körper und Seele, besser gesagt das spirituelle Konzept einer unsterblichen Seele überhaupt, radikal ab. „Die Seele ist also nur ein nichtssagender Ausdruck, von dem man keinerlei Idee hat und den ein guter Kopf nur gebrauchen darf, um den Teil zu bezeichnen, der in uns denkt.“[7] Noch genauer wird Le Mettrie, indem er die Seele direkt mit dem Bau des Gehirns verbindet: „Da aber alle Fähigkeiten der Seele von dem eigentümlichen Bau des Gehirns und des ganzen Körpers dermaßen abhängen, daß sie sichtlich nur dieser organische Bau selbst sind, so haben wir hier mit einer vortrefflich eingerichteten Maschine zu tun.“[8] Da La Mettrie die Seele als reine Definition für die eigene Persönlichkeit betrachtet, bedeutet seine Aussage konkreter ausgedrückt, dass die Fähigkeiten des Verstandes bzw. die Persönlichkeit an sich nicht nur durch das Gehirn beeinflusst sind, sondern allein aus der Materie des Körpers entspringen. Dadurch wird die Seele als das ganze Produkt der vielen Fähigkeiten vollständig in Abhängigkeit der Materie und deren Aufbau gebracht.

Theologische Erklärungen für den Mensch lehnte La Mettrie ab. Als rein aus Materie bestehende Maschine, konstruiert mit ineinander greifenden Teilen wie ein Uhrwerk, war La Mettrie die Existenz des Menschen nicht durch Theologen und Metaphysiker zu erklären, sondern wie ihm eine konstruierte Maschine nur von Ingenieuren angemessen erfassbar war, so konnte für ihn die Erkenntnis über den Menschen nur von wissenschaftlichen Experten stammen – wie einem empirisch arbeitenden Arzt.[9]

Zum Entstehungsprozess der Seele (zumindest nach dem, was La Mettrie als Seele versteht) und weswegen sich die einzelnen Teile gerade zu so etwas wie Organen zusammensetzen, sagt er jedoch nichts Konkretes in seiner Schrift aus. Wie also der Unterschied zwischen toter und lebendiger Materie, oder genauer der, die Denken und Handeln hervorbringen kann, zustande kommt und wie aus toter Materie lebendige wurde und wird, erklärt La Mettrie nicht. An dieser Stelle gibt er sich verschlossen und bezieht keine Partei für eine theologische oder eine atheistische Erklärung, für sich selbst jedoch aus praktischen Gründen die naturwissenschaftliche Variante vorziehend.[10] René Descartes Unterscheidung in zwei Substanzen, die sich in Körper und Bewusstsein trennen, sodass Körper und Seele unabhängig voneinander existieren können,[11] lehnte La Mettrie ab, der alles nur aus einer einzigen Materie gebildet sah.[12]

3. Der Mensch eine Maschine

Le Mettrie stellt in „Der Mensch eine Maschine“ fest, dass der Mensch (und auch Tiere) nur „eine Gesamtheit von Triebfedern ist, die sich alle gegenseitig aufziehen, ohne daß man sagen könnte, an welchem Punkt des menschlichen Bereichs die Natur damit angefangen hat.“[13] Mit diesem Ansatz harmonisierender, zusammenarbeitender Triebfedern[14] schlug La Mettrie in seinen Überlegungen bereits vor mehr als 250 Jahren einen Weg ein, der nach heutigem Verständnis durch die Funktion der Körperzellen bestätigt wurde. So schlossen sich im Laufe der Evolution die Einzeller zu größeren Organismen in einer Art Symbiose zusammen, um gegenseitig von einer Aufgabenteilung zu profitieren und immer komplexere, mehrzellige Lebewesen zu formen. Vor mindestens 650 Millionen Jahren konnten so die einstigen Einzeller als komplexere Organismen dadurch von den knapp werdenden Nährstoffquellen im Ozean zu den Küsten abwandern und den dortigen, vielfältigeren Lebensraum als Frühformen der Pflanzen, Pilze und Tiere besiedeln.[15]

Der Bau des Organischen aus Triebfedern selbst ist es nach La Mettrie auch, was den Rückschluss vom Zustand des Körpers auf den Geist oder umgekehrt zulässt.[16] “Die verschiedenen Zustände der Seele stehen also immer in einem Wechselverhältnis zu denen des Körpers.“[17] Noch genauer wird er zu den Einflussnehmenden Ursachen:

Das eine Volk hat einen schwerfälligen und stumpfen Geist, das andere dagegen einen lebhaften, leichten, scharfsinnigen. Woher kommt das, wenn nicht zum Teil von der Nahrung, die es zu sich nimmt, vom Samen der Väter und vom Gemisch der verschiedenen Elemente die im unermeßlichen Luftraum schweben? Der Geist hat wie der Körper seine epidemischen Krankheiten und seinen Skorbut.[18]

Mit dem biomedizinischen Krankheitsmodell wird heute eine ähnliche Ansicht vertreten, wobei angenommen wird, dass der geistige Zustand eines Patienten oder einer Person an sich durch ihre körperliche Verfassung und nur auf diese zurück zu führen ist.

Körperliche und psychische Störungen sind prinzipiell gleichermaßen als Krankheiten anzusehen. Die Krankheit ist gekennzeichnet durch spezifische Symptome. Sie sind auf eine primäre Störung im Sinne eines körperlichen Defekts zurückzuführen. Dieser Defekt liegt in der Person und stellt die eigentliche Krankheit dar. Er ist auf eine eindeutige, biologische Ursache zurückzuführen.[19]

Gegen das rein biomedizinische Modell wendet sich jedoch das in den 70ern und 80ern entwickelte psychosoziale Krankheitsmodell. Die Störung der Psyche wird dabei nicht in Krankheiten gesehen, sondern nur die Symptome an sich als einziges Problem betrachtet, welches wesentlich durch den geistigen Zustand und äußere, soziale Situationen hervorgerufen wird.[20] Das Biopsychosoziale Modell wiederum zielt darauf ab, beide Ansichten zu verbinden, sodass eine Wechselwirkung aus körperlichen und psychischen Ursachen angenommen wird. Beispielsweise wird dabei in Betracht gezogen, dass persönliche Probleme auch genetische Dispositionen auslösen können.[21] Auf den ersten Blick wirkt La Mettries Ansicht mit dem biomedizinischen Model kohärent, bei genauerer Anschauung vertrat er aber bereits eine weit differenziertere Meinung. La Mettrie schließt nicht aus, dass der Geist andere Komponenten des Körpers beeinflusst:

Wenn diese Triebfedern sich voneinander unterscheiden, so nur durch ihre Lage und durch den Grad der Kraft, niemals aber durch ihre Natur. Deshalb ist die Seele nur ein Bewegungsprinzip oder ein empfindlicher materieller Teil des Gehirns, den man, ohne einen Irrtum befürchten zu müssen, als eine Haupttriebfeder der ganzen Maschine ansehen kann: denn sie übt einen sichtbaren Einfluß auf alle anderen aus und scheint auch zuerst geschaffen worden zu sein.[22]

[...]


[1] Für diese Arbeit wurde folgende Übersetzung aus dem Französischen verwendet: La Mettrie, Julien Offray de: Der Mensch eine Maschine. Aus dem französischen übersetzt von Theodor Lücke, Stuttgart 2001.

[2] Für diese Arbeit wurde eine digital abfotografierte Fassung eines Originaldrucks verwendet und es wird im Folgenden als eine Monographie zitiert: Herder, Johann Gottfried von: Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. Bemerkungen und Träume, Riga 1778.

[3] Für diese Arbeit wurde eine digital abfotografierte Fassung des 1754 erschienenen Werkes in einer neuen Auflage von 1765 verwendet und es wird im Folgenden als eine Monographie zitiert: Krüger, Johann Gottfried: Träume, 3. Aufl., Halle (Saale) 1765.

[4] Vgl.: Tetens, Holm: Nachwort. In: La Mettrie, Julien Offray de: Der Mensch eine Maschine. Aus dem französischen übersetzt von Theodor Lücke, Stuttgart 2001, S. 101 - 117, hier S. 101f. Ebenso: Sutter, Alex: Göttliche Maschinen. Die Automaten für Lebendiges bei Descartes, Leibniz, La Mettrie und Kant, Frankfurt am Main 1988, S. 114f.

[5] Vgl.: Grünhagen, Colmar (Hg.): Schlesien unter Friedrich dem Großen. 1740-1756, Breslau 1890 (Bd. 1), NDr. Hildesheim 2006, S. 263.

[6] Vgl.: Tetens: Nachwort, S. 103. Ebenso: Sutter: Göttliche Maschinen, S. 115f. La Mettries Eskapaden wurden am Hof des Königs jedoch nur soweit geduldet, wie sie nicht gegen die Monarchie gingen. So wurde La Mettries „Anti-Seneca“ schließlich auch in Preußen verboten, weil sich der Text für die freie Entfaltung jedes Einzelnen und gegen staatliche Gewalt ausgesprochen hatte.

[7] La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 67.

[8] Ebd.: S. 66.

[9] Vgl.: Tetens: Nachwort, S. 104f.

[10] Vgl.: Sutter: Göttliche Maschinen, S. 131.

[11] Vgl.: Ferber, Rafael: Philosophische Grundbegriffe 2. Mensch, Bewußtsein, Leib und Seele, Willensfreiheit, Tod, Nördlingen 2003, S. 93.

[12] Vgl.: La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 85.

[13] Ebd.: S. 76.

[14] Vgl.: Sutter: Göttliche Maschinen, S. 133.

[15] Vgl.: Wenisch, Thomas: Kurzlehrbuch. Physik Chemie Biologie, München 2005, S. 279. Ebenso: Raven, Peter H. u.a.: Biologie der Pflanzen, 3. Aufl., Berlin/New York 2000, S. 7f.

[16] Vgl.: Tetens: Nachwort, S. 106 - 109. Ebenso: Sutter: Göttliche Maschinen, S. 134f.

[17] La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 31.

[18] La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 30.

[19] Jungnitsch, Georg: Klinische Psychologie. Psychologie in der sozialen Arbeit Band 2, 2. Aufl., Stuttgart 2009, S. 28f.

[20] Vgl.: Jungnitsch: Klinische Psychologie, S. 31.

[21] Vgl. Ebd.: S. 33 - 38.

[22] La Mettrie: Der Mensch eine Maschine, S. 76f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ein Stoff, aus dem man Menschen macht
Untertitel
La Mettrie, Herder, Krüger
Hochschule
Universität Stuttgart  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Konstellationen von Literatur und Naturwissenschaft im späten 18. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V162070
ISBN (eBook)
9783640756889
ISBN (Buch)
9783640757152
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Naturwissenschaft, 18. Jahrhundert, Julien Offray de La Mettrie, Johann Gottfried von Herder, Johann Gottlob Krüger, Germanistik, Philosophie, Religion, Leib-Seele-Problem
Arbeit zitieren
Sebastian Großhans (Autor), 2010, Ein Stoff, aus dem man Menschen macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162070

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ein Stoff, aus dem man Menschen macht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden