Fehlende Gnadengaben

Über die Schwierigkeit der Nachfolgerbeschaffung im Falle charismatischer Herrschaft nach Max Weber.


Essay, 2010

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Fehlende Gnadengaben

Fehlende Gnadengaben

Über die Schwierigkeit der Nachfolgerbeschaffung im Falle charismatischer Herrschaft nach Max Weber.

Gegensätzlicher könnten Erklärungen kaum sein: Ginge es allein nach Heinrich Popitz, so verstünde man unter dem soziologischen Herrschaftsbegriff nicht mehr, als eine Institutionalisierung von Macht. Eine solche Verfestigung innerhalb sozialer Beziehungen, identifiziert der Gesellschaftswissenschaftler dabei in einem Prozess aus drei Tendenzen. Diese befördern die Entpersonalisierung, Formalisierung und Integrierung der Macht und erhöhen somit stufenweise deren Stabilität.1

Betrachtet man den Herrschaftsbegriff hingegen aus der Perspektive Max Webers, in dessen Auffassung Herrschaft bekanntermaßen als „[...] die Chance, für einen Be- fehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden [...]“2 zu ver- stehen ist, wird spätestens beim Blick auf seine idealtypische Unterscheidung der drei Reinformen legitimer Herrschaft, eine gewisse Problemstellung offenkundig. So kann Popitz Stufenmodell die Entstehung von Herrschaft rationellen Charakters - aus Macht und mit Hilfe der drei genannten Tendenzen - vielleicht erklären. Ähnli- ches mag auch noch für den Typus der traditionellen Herrschaft möglich sein. Doch wie soll ein Prozess der Entpersonalisierung und Formalisierung dazu beitragen, Herrschaft charismatischen Charakters zu begründen? Schließlich beruht die Legiti- mitätsgeltung hierbei doch primär „ [...] auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen [...].“3 Wäre auch in diesem Falle das von Popitz propagierte Stufenmodell anwendbar, wäre der Typus der charismatischen Herrschaft von seinen größten Problemen befreit und als eine ehemals vollständig personalisierte Form plötzlich völlig entpersonalisiert. Die schwierige Frage der Nachfolgeregelung würde sich, ob der angesprochenen Formalisierung nicht mehr stellen und der ehemals eigenständige Typus wäre nichts anderes als eine Form tradi- tioneller oder rationeller Herrschaft. Ganz so leicht scheint Heinrich Popitz Konzept also nicht auf die bisherigen Begriffe Max Webers anwendbar zu sein.

Doch wenn charismatische Herrschaft sich nicht durch diese stufenweise erreichte Verfestigung erklären lässt, wie kann sie dann überhaupt über längere Zeit bestehen? Wie kann der charismatische Herrscher für den nötigen Nachfolger sorgen, um seine Position auch nach seinem Tode noch garantiert zu wissen? Auf diese Fragen stieß auch Max Weber, als er die Ausarbeitung seiner Herrschaftstypologie vornahm. Da-bei kam er zu keinem konsistenten Ergebnis, dass sich in rein charismatischer Form würde realisieren lassen. Er musste daher die Frage der Nachfolge mit einer Vielzahl von Möglichkeiten beantworten, die teilweise noch nah am Ideal charismatischer Herrschaft liegen, teilweise jedoch deutlich von diesem entfernt erscheinen. Gemein-sam haben sie einzig die Tatsache, dass sie sich mit der Veralltäglichung des außer-alltäglichen Charakters charismatischer Herrschaft beschäftigen, um sie dadurch zu einer Dauerbeziehung werden zu lassen.4

Insgesamt machte Weber sechs verschiedene Möglichkeiten der Nachfolgerfin- dung aus, die das Problem auf teils ganz verschiedene Weise zu lösen versuchen. Leicht nachvollziehbar ist die Möglichkeit des „Neu-Aufsuchen eines als Charisma- Träger zum Herrn Qualifizierten nach Merkmalen.“5 Doch eine Auslese nach Merk- malen impliziert natürlich, dass eben diese Merkmale auch das Charisma eines Herr- schers ausmachen sollten und ihn deshalb als eine, der Hingebung würdige Person, auszeichnen. Der rein personalisierte Herrschaftscharakter wird in dieser Form zu- rückgebildet und es werden Regelungen traditionalisiert, die darauf abzielen, Perso- nen mit ganz bestimmten Merkmalen und Fähigkeiten zu entdecken. Langfristig wird aus charismatischer dann traditionale Herrschaft. Als ausgesprochen reine Form die- ses Prozesses nennt Weber die Findung eines neuen Dalai Lama.6

Eine zweite Möglichkeit sieht er in Offenbarungen. Dabei leitet sich die Legitimi- tät des neuen Herrschaftsträgers durch den Glauben an die Legitimität der verwende- ten Technik ab. Das könnten beispielsweise Losung, Orakel oder Gottesurteil sein.

[...]


1 Vgl. Popitz, Heinrich: Phönomene der Macht, Tübingen 1992, S. 232 ff

2 Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe, Tübingen 1976, S. 79 f

3 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972, S. 124

4 Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972, S. 143 ff

5 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972, S. 143

6 Vgl. Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1972, S. 143 ff

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Fehlende Gnadengaben
Untertitel
Über die Schwierigkeit der Nachfolgerbeschaffung im Falle charismatischer Herrschaft nach Max Weber.
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die soziologische Theorie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V162099
ISBN (eBook)
9783640779079
ISBN (Buch)
9783640779161
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fehlende, Gnadengaben, Schwierigkeit, Nachfolgerbeschaffung, Falle, Herrschaft, Weber
Arbeit zitieren
Florian Philipp Ott (Autor), 2010, Fehlende Gnadengaben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162099

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