Die FDP weist in ihrer historischen Entwicklung zahlreiche Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen verschiedenen Strömungen und Flügeln auf, die ihre Positionierung in der deutschen Parteienlandschaft maßgeblich beeinflusst haben. Diese Historie ist ausschlaggebend für die derzeitige Gestalt der Partei und hängt mit dem Ergebnis der Bundestagswahl 2009 eng zusammen. Diese Arbeit zeichnet die Auseinandersetzungen in der Vergangenheit im ersten Teil nach und schaut auf die jeweiligen Folgen, die bis heute nachwirken.
Im zweiten Teil wird deutlich, dass der Wahltriumph 2009 gleichsam als bedeutsames Missverständnis zwischen Partei und Wählern interpretiert werden kann. Seine Kurzlebigkeit ist das Ergebnis eines falsch verstandenen Wählerauftrags und fehlenden Vertrauens. Dies wird aus einer genauen Betrachtung des Wahlergebnisses ersichtlich.
Man muss feststellen: Aus der Krise der Volksparteien ist eine umfassende Krise der politischen Repräsentation geworden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Flügelkämpfe in der Geschichte des deutschen Liberalismus
2.1 Die historischen Vorbedingungen der FDP – Liberalismus in Kaiserreich und Weimarer Republik
2.2 Die Entwicklung der FDP in der Bonner Republik: Von ihrer Gründung bis zur Regierung Kohl
2.2.1 Gründung und Ära der bürgerlichen Koalition
2.2.2 Wende und Koalition mit der SPD
2.2.3 Die Rückkehr ins bürgerliche Lager
3 Flügel und Strömungen: Nationalliberal, Altliberal, Sozialliberal, offen Liberal?
4 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse
5 Die neuere Entwicklung der FDP und das Missverständnis 2009/2010
5.1 Die Neuausrichtung der Partei ab 2001
5.2 Die starke Mobilisierung von Wählern vor und während der Bundestagswahl 2009
5.3 Von der Bundestagswahl zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2010 – Wo sind die Mobilisierten hin?
6 Schluss und Fazit – Was sagt uns das Phänomen FDP?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und parteiinterne Struktur der FDP mit einem besonderen Fokus auf den Einfluss verschiedener Flügel und Strömungen auf die taktische Ausrichtung der Partei sowie die Ursachen für ihren Wahlerfolg 2009 und den anschließenden Vertrauensverlust.
- Historische Analyse liberaler Strömungen vom Kaiserreich bis zur Bonner Republik.
- Die taktische Rolle der FDP als Scharnierpartei in verschiedenen Koalitionskonstellationen.
- Parteisoziologische Untersuchung des Wechsels von der Opposition in die Regierungsverantwortung.
- Analyse der Wählerwanderung und der Gründe für das Scheitern der FDP-Strategie 2009/2010.
- Kritische Betrachtung der "Krise der politischen Repräsentation" und der Bindungslosigkeit von Wählern.
Auszug aus dem Buch
2.1 Die historischen Vorbedingungen der FDP – Liberalismus in Kaiserreich und Weimarer Republik
Zunächst gab es im Kaiserreich ab 1871 gar keine zentrale liberale Parteiorganisation. Allerdings lässt sich bereits zu dieser Zeit eine Zweiteilung des noch unorganisierten politischen Liberalismus in Deutschland feststellen: Es gab eine nationalliberale und eine linksliberale Strömung im Deutschen Reich, deren Entwicklungen relativ parallel verliefen. Die Strömungen besaßen jeweils regionale Schwerpunkte, vorzugsweise im protestantischen Deutschland in den Städten unter der Führung liberaler bürgerlicher Honoratioren. M. Rainer Lepsius, auf den diese Ausführungen zurückgehen (vgl. Lepsius 1993: 34, 41 f., 44), weist aber auf die geringe programmatische Bedeutung dieser Unterscheidung hin. Hier wurden Gesinnungsgemeinschaften ohne große Programmloyalität in die eine oder andere Richtung repräsentiert. „Die Distanz zwischen Reichstagsfraktion und lokaler Wahltradition wurde in beiden liberalen Parteien kaum überbrückt, so daß die parlamentarische Taktik keinesfalls unmittelbar auf die Einstellungen der Wähler zurückzuwirken braucht.“ (M. Rainer Lepsius 1993: 41)
Der Erfolg bei den Wählern stieg zunächst an: 1871 erhielt der deutsche Liberalismus den Zuspruch von ca. 1,5 Mio. Wählern und erreichte 1887 mit 2,7 Mio. Wählern seinen Höhepunkt. Danach stagnierte sein Erfolg allerdings, da keine neuen Bevölkerungsgruppen mehr angesprochen werden konnten. Erst 1890, als die Wahlerfolge schon Schwächen offenbarten, entstand bei den Nationalliberalen eine zentrale Parteiorganisation. Bis dahin fußte der Liberalismus auf dem lokalen Prestige einer vorindustriellen Schicht von Honoratioren. Dies waren zumeist Richter, Kommunalbeamte, Professoren, Rechtsanwälte und Redakteure. Bei den Nationalliberalen kamen noch Gutsbesitzer und Unternehmer, bei den Linksliberalen noch Handwerker und Lehrer hinzu. Als diese quasi-ständische lokale Prestigehierarchie zusammenbrach, verlor der Liberalismus an Rekrutierungskraft (vgl. Lepsius 1993: 34, 42).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Vertrauen der Wähler in die kleinen Parteien und stellt die Forschungsfrage nach den inneren Flügeln und taktischen Wandlungen der FDP im historischen sowie aktuellen Kontext.
2 Die Flügelkämpfe in der Geschichte des deutschen Liberalismus: Dieses Kapitel analysiert die historische Entwicklung des Liberalismus vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis hin zur Bonner Republik, wobei insbesondere die taktische Bedeutung der Flügelkämpfe für die Regierungsbeteiligung der FDP hervorgehoben wird.
3 Flügel und Strömungen: Nationalliberal, Altliberal, Sozialliberal, offen Liberal?: Eine zusammenfassende Kategorisierung der verschiedenen liberalen Strömungen und deren jeweiliger Einfluss auf die Positionierung der Partei im deutschen Parteienspektrum.
4 Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse: Die bisherigen Erkenntnisse über die parteiinterne Dominanz der taktischen Ausrichtung gegenüber einer festen Programmatik werden synthetisiert.
5 Die neuere Entwicklung der FDP und das Missverständnis 2009/2010: Untersuchung der Neuausrichtung unter Guido Westerwelle seit 2001, des Wahlerfolgs 2009 und der darauf folgenden politischen Krise in Nordrhein-Westfalen.
6 Schluss und Fazit – Was sagt uns das Phänomen FDP?: Abschließende Betrachtung, die die Rolle der FDP als Interessenpartei kritisch bewertet und die Parteienverdrossenheit im Kontext der Krise der politischen Repräsentation diskutiert.
Schlüsselwörter
FDP, Liberalismus, Parteiengeschichte, Flügelkämpfe, Bundestagswahl 2009, Parteistrategie, Wählerwanderung, Regierungsbeteiligung, politische Repräsentation, Wirtschaftsliberalismus, Sozialliberalismus, Koalitionspolitik, Parteienverdrossenheit, politische Taktik, Parteiensystem.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische und aktuelle Entwicklung der FDP, wobei der Fokus auf dem Einfluss parteiinterner Strömungen und der taktischen Ausrichtung der Partei auf ihren Erfolg und Misserfolg im deutschen Parteiensystem liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die parteisoziologische Analyse der FDP, historische Kontinuitäten liberaler Flügelkämpfe, die Rolle der Partei als Koalitionspartner sowie die Dynamik von Wählerverhalten und politischer Repräsentation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ergründen, warum die FDP zwischen ihrer historischen Rolle als "Scharnierpartei", ihrem Erfolg 2009 und dem nachfolgenden drastischen Vertrauensverlust hin- und hergerissen war und welche taktischen Motive hierfür maßgeblich waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Herangehensweise, ergänzt durch eine parteisoziologische Analyse der Parteistrukturen und eine Auswertung von Daten zum Wählerverhalten im Kontext der Krise der politischen Repräsentation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der liberalen Flügelkämpfe, eine systematische Kategorisierung liberaler Strömungen sowie eine detaillierte Untersuchung der FDP-Entwicklung unter Westerwelle, insbesondere im Hinblick auf die Bundestagswahl 2009.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter umfassen FDP, Liberalismus, Parteistrategie, Koalitionspolitik, Wählerwanderung und Krise der politischen Repräsentation.
Welche Rolle spielten die unterschiedlichen Flügel für die FDP?
Die Flügel (z.B. sozialliberal, nationalliberal, wirtschaftsliberal) dienten meist weniger der programmatischen Fundierung als vielmehr taktischen Manövern, um in wechselnden Koalitionen den Machterhalt zu sichern.
Wie bewertet der Autor das "Projekt 18" und die Westerwelle-Strategie?
Der Autor bewertet diese Strategie als stark taktisch geprägt und warnt vor einer "monoargumentativen Verengung", die zwar kurzfristig Wähler mobilisierte, aber langfristig zu einer programmatischen Lähmung und einem Verlust der Wählerbindung führte.
- Quote paper
- Sebastian Krätzig (Author), 2010, Die FDP im Wandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162107