Zur Darstellung des Dämonischen als psychisches Krankheitsbild im Werk Pieter Bruegels

Tod und Hölle


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Pieter Bruegel und das Dämonische

2. Das Dämonische im Werk Pieter Bruegels
2.1 Der Triumph des Todes
2.2 Der Sturz der gefallenen Engel
2.3 Die tolle Grete
2.3.1 Die Komposition des Gemäldes Die tolle Grete
2.3.2 Die Darstellung des Dämonischen in dem Gemälde Die tolle Grete
2.3.3 Die Darstellung der Figur der tollen Gretein dem Gemälde Die tolle Grete
2.3.4 Historische Vorbilder zur Figur der tollen Grete

3. Das Dämonische als psychisches Krankheitsbild im Werk Pieter Bruegels

4. Bibliografie

1. Pieter Bruegel und das Dämonische

Maler, die graziöse Geschöpfe in der Blüte ihrer Jahre malen und dem Gemalten noch irgendein Element des Charmes oder der Eleganz aufpfropfen wollen, das ihrer freien Phantasie entspringt, verunstalten das ganze dargestellte Geschöpf, werden ihrem Modell untreu und entfernen sich damit im gleichen Maße von der wahren Schönheit. Unser Bruegel ist frei von diesem Makel.[1]

Kein geringerer als der berühmte Geograf Abraham Ortelius (1527-1598) äußerte sich auf diese Weise über den wohl bedeutendsten niederländischen Künstler des 16. Jahrhunderts, über Pieter Bruegel den Älteren, dessen Werk im Zentrum der hier vorliegenden Arbeit stehen soll.

Pieter Bruegels malerisches Oeuvre umfasst lediglich etwas mehr als vierzig Gemälde. Und dennoch überrascht es ob seines geringen Umfangs durch dessen große thematische Vielfalt, die von der reinen Landschaftsmalerei über die Darstellungen von Bauern und Narren bis hin zu religiös-christlichen Motiven und Stoffen reicht. Doch so umfassend sein Werk auch angelegt sein mag und so viel es darüber in den vergangenen Jahren in der kunstgeschichtlichen Forschung zu ergründen gab, so wenig weiß man über den flämischen Maler selbst. Kenntnisse über sein Leben konnten bislang nur aus dürftigen Archivalien und historischen Dokumenten, wie der im Jahre 1604 erschienenen Schrift „Schilder-Boeck“, einer Sammlung von Lebensbeschreibungen niederländischer Maler, des Biografen Carel van Mander (1548-1606), gezogen werden.

Folgt man dem Bericht van Manders, so wurde Pieter Bruegel zwischen 1525 und 1530 als Sohn eines einfachen Bauern geboren. Als Geburtsort nennt der Chronist ein Dorf namens Bueghel in der Nähe von Breda, was bis heute jedoch weder wissenschaftlich bestimmt noch verifiziert werden konnte.[2] 1551 wird „Peeter Brueghel“[3] das erste Mal schriftlich erwähnt. Er tritt als Meister in die St. Lukas Gilde zu Antwerpen ein.

Das im heutigen Belgien gelegene Antwerpen war zu Lebzeiten Pieter Bruegels zu „ein[em] Finanz- und Wirtschaftszentrum der westlichen Welt“[4] geworden, wie es Rainer und Rose-Marie Hagen in ihrem einschlägigen Bildband zum Werk Pieter Bruegels beschreiben:

Die Entdeckung der Seewege um Afrika nach Asien und über den Atlantik nach Amerika machte Antwerpen groß – die alten Handelsrouten übers Mittelmeer verloren, die Häfen der Atlantikküste gewannen an Bedeutung. Antwerpen lag günstig, auch für den Nord-Süd-Verkehr: Seide und Gewürze aus dem Orient, Getreide aus den Ostseeländern. Hinzu kam Wolle aus dem nahen England. Vom Umsatz der Waren, vom schnellen Geldverkehr profitierten auch Künstler und Kunsthandwerker.1560 sollen in Antwerpen 360 Maler gearbeitet haben. Eine ganz ungewöhnlich hohe Zahl. Bei 89000 Einwohnern […] hieße das etwa ein Maler auf 250 Bürger. Mehrere Jahrzehnte lang gab es für Maler nördlich der Alpen keinen besseren Platz als Antwerpen.[5]

1553 tritt Pieter Bruegel von hier eine Reise über Frankreich nach Italien an, die durch erhaltene Skizzen, Zeichnungen und Gemälde belegt ist. Als er zwei Jahre später wieder nach Antwerpen zurückkehrt, beginnt hier seine Zusammenarbeit mit dem Verleger Hieronymus Cock (1510-1570), der zahlreiche druckgrafische Arbeiten nach Entwürfen Pieter Bruegels veröffentlichte. Zu diesen gehören auch die Arbeiten Tugenden und Laster, welche zwischen 1556 und 1557 entstanden sind.

Besonders in der Folge der Druckgrafiken Die sieben Laster aus dem Jahr 1557 lässt sich Bruegels Drang zur Darstellung von Widernatürlichem durch Fabelwesen und Dämonen, die an die Werke eines Hieronymus Bosch erinnern, erkennen. Diese Beschäftigung mit dem Übernatürlichen lässt sich wohl durch den Umstand erklären, dass zu Lebzeiten Pieter Bruegels Teufel und Dämonen als durchaus real erlebt wurden, wie es in Beichtspiegeln und Lebensberichten nachzulesen ist.[6] In dem Kupferstich Die sieben Laster, Ira, der sich heute in der Galleria degli Uffizi in Florenz befindet, stürzt die Personifikation des Zornes, gefolgt von einer mordlustigen Meute, teils Mensch, teils Fabelwesen, mit gezogenem Schwert in der linken und lodernder Fackel in der rechten Hand aus einem Kriegszelt. Zwei Krieger führen dabei einen ungewöhnlich großen Dolch über fünf nackt am Boden liegende Menschen und schneiden diese in Stücke. Ebenso entblößt sind die beiden Gestalten auf dem Dach des Zeltes, aus dem die Gefolgschaft des Zornes strömt. Sie scheinen in Öl zu sieden. Nicht minder grauenerregend erscheint die Szene am rechten Bildrand, wo ein anderer Erdenbewohner auf einem Spieß über dem Feuer geröstet wird. Zwischen all diesen Gräueltaten beugt sich eine Gestalt, deren Schlapphut mit einer Gerte als Zeichen der Gerichtsbarkeit bestückt ist, über ein Fass, in welchem ebenfalls gemeuchelt wird. Auch in dem sich in der Bibliothèque Royal Albert I. in Brüssel befindenden Kupferstich Die sieben Laster, Luxuria treten verschiedenartige Fabelwesen auf. In einem Baumhaus gibt sich hier eine entkleidete Frau an einen Fischmenschen hin, der ihr an die Brust fasst, während sich im Hintergrund ein an Bosch erinnernder Garten der Lüste mit dämonischen Wesen erstreckt. Pieter Bruegel beginnt in diesen druckgrafischen Werken die Tradition des Hieronymus Bosch fortzusetzen. Er liefert befremdende, unnatürliche Landschaften voller phantastischer Gestalten, die sich zum einen spielerisch verzaubert, zum anderen mahnend bedrohlich und unheilbringend gebärden.

Im Jahre 1562 entstehen drei weiter Werke, hierbei handelt es sich allerdings nicht um Entwürfe für Hieronymus Cock, sondern um Ölgemälde, die eine verstärkte Beschäftigung mit der Thematik des Dämonischen aufweisen: Der Triumph des Todes, Der Sturz der gefallenen Engel und Die tolle Grete. Am Beispiel dieser drei Werke, im Besonderen an Bruegels Arbeit Die tolle Grete, soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, ob die Darstellung des Dämonischen im Werk Pieter Bruegels als Ausdruck eines im heutigen Sinne psychiatrischen Krankheitsbildes gelesen werden kann.

Hierbei teilt sich die wissenschaftliche Arbeit in zwei Untersuchungsabschnitte, in deren erstem Teilabschnitt die drei Arbeiten Pieter Bruegels in kunstgeschichtlicher wie auch besonders im Falle von Die tolle Grete kulturwissenschaftlicher Hinsicht einer ausführlichen Betrachtung unterzogen werden, um in einem sich anschließenden zweiten Analyseabschnitt die Bedeutung der Darstellung des Dämonischen zu untersuchen.

Die Analyse stützt sich im Wesentlichen auf den von Fritz Grossmann bereits 1955 herausgegebenen Bildband „Pieter Bruegel. Die Gemälde“ und die beiden 2007 erschienenen umfangreichen Arbeiten von Rainer und Rose-Marie Hagen „Pieter Bruegel d.Ä. um 1925-1969. Bauern, Narren und Dämonen“ und Christian Vöhringer „Meister der niederländischen Kunst. Pieter Bruegel“. Zudem zählen die kunstwissenschaftlichen Aufzeichnungen Heinz Jathos, Reinhard Liess‘ und Jürgen Müllers zu den für diese Arbeit grundlegenden Schriften wie im Besonderen auch Walter Gibsons Aufsatz „Bruegel, Dulle Griet, and sexist politics in the sixteenth century“ und die interdisziplinäre Arbeit „Pieter Bruegels Dulle Griet. Bildniss einer psychisch Kranken“ von Friedrich Panse, Professor für Psychiatrie, und Heinrich Jakob Schmidt, Professor der Kunstgeschichte.

2. Das Dämonische im Werk Pieter Bruegels

Das 16. Jahrhundert war das Zeitalter der Glaubenskriege, des Humanismus und der Wissenschaft. Martin Luther löst durch seine 95 Thesen 1517 in ganz Europa Reformationen aus, König Heinrich VIII von England bricht 1533 mit der katholischen Kirche und Nikolaus Kopernikus veröffentlicht im Jahre 1543 seine Theorie von einem heliozentrischen Weltbild. Es ist die Zeit von Leonardo da Vinci, Jakob Fugger, Erasmus von Rotterdam, Johannes Calvin, Michelangelo, Maria Stuart, Giordano Bruno, William Shakespeare und Miguel de Cervantes. Die Welt wird erforscht, der Himmel neu vermessen, der menschliche Körper untersucht, Tier und Pflanzenwelt katalogisiert.

Das Interesse der Menschen richtete sich auf das, was wir heute Realität nennen. Real jedoch „[…] waren für viele Menschen damals auch Dämonen.“[7] Der naturwissenschaftlichen Forschung war es nicht gelungen, die Mystizismen des Volkes in deren Keim zu ersticken. Denn noch immer waren viele Himmelserscheinungen, Krankheiten und Entstellungen beim Menschen wie auch plötzlich auftretende Seuchen und Missernten sachlich nicht begründbar und wurden dem Teufel, Hexen und Dämonen zugeschrieben. Und so mag es kaum verwundern, dass die Frühe Neuzeit auch von Hexenverfolgungen geprägt war, der tausende Frauen, Männer und auch Kinder, welche vermeintlich mit dem Bösen verbunden waren, zum Opfer fielen.

Diese Beschäftigung mit dem Widernatürlichen, Unbegreiflichen und der Dämonisierung von wissenschaftlich nicht erkenntlich zu machenden Phänomenen schlug sich auch in der Bildenden Kunst dieser Zeit nieder. Neben dem schon erwähnten Hieronymus Bosch und dessen Nachfolgern Jan Mandyn und Pieter Huys, Vertreter der Renaissancemalerei und des nördlichen Manierismus, widmete sich auch Pieter Bruegel der Darstellung von Dämonen. In den drei im Jahre 1562 entstandenen Gemälden Der Triumph des Todes, einer Endzeitvision, in dem Totengerippe die Lebenden mit Sensen dahin mähen, Der Sturz der gefallenen Engel, in welchem der Erzengel Michael dämonische Wesen aus dem Himmel zu vertreiben sucht, und Die tolle Grete, das die leibliche Verkörperung einer volkstümlichen niederländischen Figur zeigt, die sich gegen teuflische Wesen zur Wehr zu setzten hat, tritt diese Thematik besonders deutlich hervor.

[...]


[1] Zitiert nach Hagen, Rainer und Rose-Marie: Pieter Bruegel d.Ä. um 1525-1569. Bauern, Narren und Dämonen, Köln {: Taschen GmbH} 2007. Umschlagseite (vorne).

[2] Siehe auch Herold, Inge: Pieter Bruegel. Die Jahreszeiten, München {: Prestel Verlag} 2002. S. 7.

[3] Zitiert nach Hagen, Rainer und Rose-Marie: Pieter Bruegel d.Ä. um 1525-1569. Bauern, Narren und Dämonen, Köln {: Taschen GmbH} 2007. S. 15.

[4] Hagen, Rainer und Rose-Marie: Pieter Bruegel d.Ä. um 1525-1569. Bauern, Narren und Dämonen, Köln {: Taschen GmbH} 2007. S. 15.

[5] Hagen, Rainer und Rose-Marie: Pieter Bruegel d.Ä. um 1525-1569. Bauern, Narren und Dämonen, Köln {: Taschen GmbH} 2007. S. 15.

[6] Siehe auch Hagen, Rainer und Rose-Marie: Pieter Bruegel d.Ä. um 1525-1569. Bauern, Narren und Dämonen, Köln {: Taschen GmbH} 2007. S. 39.

[7] Hagen, Rainer und Rose-Marie: Pieter Bruegel d.Ä. um 1525-1569. Bauern, Narren und Dämonen, Köln {: Taschen GmbH} 2007. S. 39.

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Details

Titel
Zur Darstellung des Dämonischen als psychisches Krankheitsbild im Werk Pieter Bruegels
Untertitel
Tod und Hölle
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar: Kunst und Wahn
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V162108
ISBN (eBook)
9783640759699
ISBN (Buch)
9783640760091
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Dämonischen, Krankheitsbild, Werk, Pieter, Bruegels, Hölle
Arbeit zitieren
Sarah Schneider (Autor), 2010, Zur Darstellung des Dämonischen als psychisches Krankheitsbild im Werk Pieter Bruegels, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162108

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