Literarische Avantgarden und Nietzsche

Der futuristische Held im Vergleich mit Nietzsches Ideal vom Übermenschen


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG: ERLÄUTERUNG DER THEMENSTELLUNG UND DES VORGEHENS

2. LITERARISCHE AVANTGARDEN
2.1 Problematisierung des Epochenbegriffes Avantgarde
2.2 Der Futurismus als Literarische Avantgarde

3. FRIEDRICH NIETZSCHE
3.1 Grundzüge von Nietzsches Denken
3.2 Nietzsche und Avantgarden

4. NIETZSCHES WIRKUNG AUF DEN FUTURISMUS: NIETZSCHES ÜBERMENSCH UND DER FUTURISTISCHE HELD

5. RESÜMEE

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung: Erläuterung der Themenstellung und des Vorgehens

Die Nietzsche-Rezeption seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zeichnet sich durch eine enorm vielfältige Wirkung aus: Die Philosophie Nietzsches wurde über die Philosophie hinaus auf unterschiedlichste Art und Weise gedeutet, gewertet und für die Zwecke verschiedener (politischer, gesellschaftlicher, ästhetischer, ethi- scher…) ideologischer Anschauungen ge - bzw. be nutzt.

Nietzsche (*1844 †1900) drückt seine philosophischen Gedanken bevorzugt in Aphorismen aus, um so seinen Gedanken beim Leser selbst entstehen zu lassen und durch eindeutige Formulierungen durch Mängel der Sprache bedingten Miss- verständnissen vorzubeugen. Gerade diese Offenheit begünstigt das Entstehen unterschiedlicher Interpretationen – sie führt jedoch im Umkehrschluss dazu, dass Nietzsches Werk nicht ausinterpretiert werden kann, beziehungsweise vor dem Hintergrund spezieller Ideologien mehr oder weniger willentlich missverstanden wird.1

Diese Arbeit versucht aufzuzeigen, wie die Philosophie Nietzsches in den Kontext literarischer Avantgarden allgemein und speziell in den des Italienischen Futuris- mus um Marinetti gestellt wurde bzw. werden kann: An welchen Stellen weist Nietzsches Denken Parallelen zum Konzept der Avantgarden auf? Inwiefern wur- de Nietzsche für die Zwecke der futuristischen Ideologie Marinettis benutzt? Und an welchen Stellen zeigen sich Differenzen?

Einleitend wird die Problematik der Epochenbezeichnung „Avantgarde“ erläutert, um eine Abgrenzung der literaturtheoretischen Begriffe „Avantgarde“ und „Ästheti- zismus“ vorzunehmen. Diese Erklärungen erscheinen mir unter anderem notwen- dig, um später zu zeigen, wie sich Gedankengut Nietzsches generell in den Zu- sammenhang literarischer Avantgarden stellen lässt:

Neben einem Überblick zu den Grundzügen von Nietzsches Denken wird darge- stellt, inwiefern er sich gegen das Prinzip des Ästhetizismus „l´art pour l´art“ in Richtung des avantgardistischen Grundsatzes „l´art social“ wendet. (Kap. 3.)

Anhand von Manifesten Marinettis (Gründungsmanifest, technisches Manifest) wird die Konzeption des Italienischen Futurismus herausgearbeitet: Wogegen stellt sich der Futurismus? Was will der Futurismus? Wie soll es erreicht werden? Die Synthese (Kap. 4.) der vorangegangenen Kapitel stellt die Verbindung zwi- schen Nietzsches und Marinettis Denken her und zeigt Schnittstellen sowie auch Differenzen zwischen beiden auf.

Insbesondere werden hier aus verschiedenen Fachliteraturen Vergleiche von Ma- rinettis Darstellung des „futuristischen Helden Mafarka “ und Nietzsches Entwurf des Übermenschen, vor allem in der literarischen Realisierung durch die Figur des Zarathustra, expliziert. Dabei soll und kann Nietzsche nicht „ausinterpretiert“, son- dern gewissermaßen auf die Thematik angewendet werden – der Fokus liegt auf der eingangs erwähnten „Benutzbarkeit“ Nietzsches.

2. Literarische Avantgarden

Im folgenden Kapitel wird zur strukturellen Einbettung der Thematik auf den Epo- chenbegriff der Avantgarde eingegangen: Zur Klärung der Problematik der Beg- riffsein- und –abgrenzung, insbesondere vom Ästhetizismus, wird der systemtheo- retische Literaturentwurf von PLUMPE (1995) herangezogen. Das zweite Unterkapi- tel soll einen Überblick wesentlicher Grundzüge des Italienischen Futurismus um Marinetti – als erste programmatische Proklamation der Avantgarde – geben.

2.1 Problematisierung des Epochenbegriffes Avantgarde

egriffsgeschichtlich geht der Ausdruck avantgarde (frz.) auf die Militärssprache zurück und lässt sich mit Vorhut übersetzen – bezeichnet wird also ursprünglich der militärische Vortrupp, als kleine aber hochbewegliche Truppeneinheit, die der Sicherung des Hauptheeres und der Aufklärung feindlicher Absichten dient.2 Der Kenntnis des Begriffsursprungs kommt im Rahmen des weiteren Verständnisses der Übernahme des Begriffes in den literatur- und kunsttheoretischen Gebrauch insofern Bedeutung zu, als dass „die militärischen und politischen Bedeutungs- komponenten[…] aus der Verwendung der „Avantgarde“ - Metapher im Kontext von Kunst und Literatur nicht wegzudenken“ sind.3

Befasst man sich mit der Thematik Literarische Avantgarden, so ist es unabding- bar vorab zu klären, welche Spannweite der Begriff Avantgarde als Epochenbe- zeichnung umfasst und von welchen anderen literaturtheoretischen Bezeichnun- gen er gegebenenfalls abzugrenzen ist. PLUMPE warnt vor dem unreflektiertem Gebrauch des Ausdrucks avantgardistische Literatur, indem er auf die „außeror- dentliche Zweideutigkeit“ und auf die Notwendigkeit einer „möglichst präzisen Beg- riffsbestimmung aus der Sicht des modernen Literatursystems“ verweist:4

Durch die Tendenz, jede primär an „Traditionsbruch, Antirealismus und Antiillusio- nismus interessierte Literatur“ als avantgardistisch zu bezeichnen, sieht er die Un- terscheidung zwischen der Literatur des Ästhetizismus, als „Literatur“- Revolution durch Traditionsbruch, und avantgardistischer Literatur, als „Revolu- tions“- Literatur durch Infragestellung von Systemdifferenzierung, gefährdet. Ei- ne adäquate Herangehensweise diese Epochendifferenz zu markieren, bietet der Versuch einer systemtheoretischen Definition des Begriffes literarische Avantgar- de in Abgrenzung zum Ästhetizismus, die im Folgenden nachvollzogen wird. Die Ausführungen dienen später als Ausgangspunkt, um Nietzsches Sichtweise zu erläutern.

Im literarischen Zusammenhang wurde der Begriff Avantgarde 1825 erstmals im Kontext der Utopie eines französischen Sozialismus (Henri de Saint- Simon/Charles Fourier) gebraucht: Um einen religiös fundierten Staatssozialismus zu realisieren, in dem ein friedlicher Interessensausgleich zwischen Arm und Reich intendiert wird, soll avantgardistische Literatur, als forciert rhetorische Lite- ratur, die Gewalt der Rede zur Massenmobilisierung einsetzen. Die Funktion, die Literatur hier mit den Mitteln der Rhetorik erfüllen soll, ist somit von politischer Na- tur.5

Im Zuge der Forderung nach einer Autonomisierung der Literatur und der Kunst als Gesamtes, wurde von verschiedenen Seiten die Eliminierung der Rhetorik, als Mittel zur Erfüllung von Interessen, die außerhalb der Kunst liegen, laut. So pro- testiert beispielsweise Charles Baudelaire, als Programmatiker der Kunstautono- mie, gegen die „Militarisierung der Literatur“ und Théophile Gautier wendet sich gegen die „Instrumentalisierung der Dichtung zum [avantgardistischen] L´art so- cial6: Gefordert wird kontrastierend ein ästhetizistisches L´art pour l´art.

Die offene Konfrontation zwischen avantgardistischen L´art social und ästhetizisti- schen L´art pour l´art interpretiert PLUMPE als einen Beweis der Differenz zwischen beiden Programmen; eine Gegenüberstellung könnte demnach wie folgt ausse- hen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Avantgarde lässt sich aus systemtheoretischer Sicht demnach als eine „Literatur- programmatik […], die die Ausdifferenzierung der Literatur zu einem eigenständi- gen Kommunikationssystem frontal angreift und auf eine entdifferenzierende, Lite- ratur in politische Funktionszusammenhänge einrückende Strategie setzt“7 definie- ren. Die Entdifferenzierung von Leben und Kunst mündet in den Zusammenfall von Medium und Form: Das Werk als Differenz beider verschwindet. Dies findet nicht als „interessante Innovation innerhalb des Systems“, sondern vor dem Hin- tergrund einer „übergreifenden sozialrevolutionären Strategie“8 statt. Avantgarde als Entdifferenzierung bedeutet somit, konträr zur Kunst-Revolution des Ästheti- zismus, Revolutions-Kunst. 9

[...]


1 So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, Nietzsches Vorstellung des „Übermenschen“ im Rah- men nationalsozialistischer Ideologie zum Zwecke des Beweises der biologisch-genetischen Vor- herrschaft einer Herrenrasse umgedeutet.

2 vgl. PLUMPE 1995, S. 178.

3 PLUMPE 1995, S. 179.

4 Ebd. S. 177.

5 vgl. ebd. 1995, S. 180f.

6 PLUMPE 1995, S. 183.

7 Ebd. S. 184.

8 Ebd.

9 Ebd. S. 185.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Literarische Avantgarden und Nietzsche
Untertitel
Der futuristische Held im Vergleich mit Nietzsches Ideal vom Übermenschen
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar II: Literarische Avantgarden
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V162166
ISBN (eBook)
9783640767724
ISBN (Buch)
9783640768042
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sachlich insgesamt sehr überzeugende Ausführungen, die auf sehr gutem wissenschaftlichen Argumentations- und Reflexions-Niveau kritisch differenziert den Zusammenhang zwischen der nietzscheanischen Philosophie und der futuristischen Avantgarden-Problematik erörtern, insbesondere die Darstellung der avantgardistischen Kunstprogrammatik ist positiv zu erwähnen.(Kommentar des Dozenten)
Schlagworte
Avantgarde, Literarische Avantgarde, Nietzsche, Übermensch, futuristischer Held, Futurismus
Arbeit zitieren
Gloria Körner (Autor), 2008, Literarische Avantgarden und Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162166

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