Autorenlesungen als Medium zur Präsentation von Literatur


Hausarbeit, 2009

19 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

INHALT

1. Vorwort

2. Zur Geschichte der Lesung
2.1 Die Lesung in der griechischen Antike
2.2 Die Lesung in der römischen Antike
2.3 Die Lesung im Mittelalter
2.4 Die Autorenlesung ab dem 18. Jahrhundert

3. Die Ansprüche des Rezipienten an die Autorenlesung

4. Die Lesung als Inszenierung des Autors

5. Die Medientheorie Herbert Marshall McLuhans und ihre Anwendbarkeit auf die Autorenlesung
5.1 Understanding Media - The Medium is the Message
5.2 Heiße und kalte Medien 12 5.3 Die Einflüsse der Medien auf den Menschen
5.4 Die Funktion der Sprache bei McLuhan
5.5 Die Autorenlesung - ein heißkaltes Medium?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Verzeichnis der verwendeten Internet-Quellen

1. Vorwort

Diese Hausarbeit hat den Zweck, die praktische Tätigkeit als Autorin und Jurorin zur Auswahl der Sieger des „Buch-Habel-Kurzkrimipreises“ mit den theoretischen Inhalten des Moduls L2 zu verknüpfen. Da die Verfasserin im Rahmen des oben genannten Literaturwettbewerbs, aus dem sie 2007 als Siegerin hervorging, selbst eine Lesung halten musste, stellt sie sich in der vorliegenden Hausarbeit die Frage, inwiefern die Autorenlesung als Medium zur Präsentation von Literatur dient.

Literarische Lesungen haben eine jahrhundertealte Tradition, die von den Rezitationen in der griechischen Antike bis zur heutigen Zeit reichen, in der Autoren ihre Werke im Rahmen von Lesungen einem interessierten Rezipientenkreis näher zu bringen versuchen. In den nachfolgenden Ausführungen soll verdeutlicht werden, dass Lesungen nicht nur die Kunst des Autors vorstellen, sondern dass auch die Rezipienten Intentionen haben und Teilnehmer des literarischen Geschehens werden. Durch diese Kombination wird Literatur dem Rezipientenkreis näher gebracht als durch stilles, eigenes Lesen.

Ein weiterer Anspruch dieser Hausarbeit ist die Verknüpfung des Themas mit der Medientheorie Herbert Marshall McLuhans und der Frage, inwiefern der Autor als Medium fungiert bzw. ob man McLuhans Theorie auf Autorenlesungen anwenden kann. Der kanadische Medientheoretiker wurde bereits in den 1960er Jahren durch seine These „The Medium is the Message“ bekannt. McLuhan meint damit, dass das Wesentliche des Mediums in seiner Form und nicht in dem vom Medium übermittelten Inhalt zu finden sei. Demnach ist die aus dem Medium heraus entstehende Wirkung relevant und nicht die inhaltliche Botschaft.

Abschließend sei angemerkt, dass aus Gründen der besseren Lesbarkeit im gesamten Dokument das grammatische Maskulinum verwendet wird. Gemeint sind jedoch stets beide Geschlechter.

2. Zur Geschichte der Lesung

Um einen Überblick über die Veränderung der Performanz und Intentionen von Lesungen seit der Antike bis zur heutigen Zeit zu geben, folgt hier zunächst ein kurzer Abriss der Geschichte der Lesung.

2.1 Die Lesung in der griechischen Antike

In der griechischen Antike kann die Aufführung von Epen als Vorläufer der heutigen Lesungen betrachtet werden. Diese Epen enthielten Stoffe, die oftmals der Darstellung aristokratischer Werte dienten, aber auch einen erzieherischen oder politischen Anspruch hatten. Vorgetragen wurden die Heldenepen von Wandersängern, die sich der Herausforderung stellen mussten, einerseits lange, bekannte Geschichten vorzutragen, andererseits ihren Vortrag dem jeweiligem Publikum und Anlass anzupassen. Vom 7. Jh. v. Chr. wurden die Homerischen Epen von so genannten Rhapsoden dargebracht, die nicht mehr die Produzenten ihrer Lieder waren (Hose 1999, 41). Bis dahin war die Darstellung eigener Lieder weit verbreitet. Wann der Übergang von den Liedermachern, deren Werke der Vergessenheit zum Opfer fielen, zu den Rhapsoden erfolgte, lässt sich allerdings nicht genau bestimmen (ebd., 47).

Die Anpassung des Vortrags der Rhapsoden an die jeweiligen Feste führte nach und nach zu einer fortschreitenden Professionalisierung der Wandersänger hinsichtlich der Formen von Lesungen (ebd., 41), die sich in einer jeweils spezifischen Untermalung typischer Szenen und Details des Epenstoffs zeigte, so dass je nach Zuhörerschaft und Anlass die Lieder anders klangen.

Der Wille des Zuhörerkreises hatte demnach einen starken Einfluss auf die vorgetragenen Texte und somit auch auf die Performanz. Somit waren die in diesen Texten enthaltenen Vorstellungen beeinflussbar konstruiert. Dies ist in die spätere Schriftform der Literatur als wesentliche Erkenntnis eingeflossen.

2.2 Die Lesung in der römischen Antike

Im antiken Rom waren Lesungen ein fester Bestandteil des Kulturlebens. Hierbei spielte der römische Autor sowohl die Rolle des Verfassers als auch die des Aufführenden (Fantham 1998, 2). Sein Werk wurde somit von ihm geplant und dessen Aufführung von ihm kontrolliert (ebd.).

Literatur war eher für den Vortrag oder die Aufführung konzipiert, weniger für die Lektüre (ebd., 7). Aufführungen für ein Massenpublikum der nach griechischen Vorlagen verfassten Tragödien und Komödien des Livius Andronicus bilden den Beginn der lateinischen Literatur (ebd., 9). Anlass ihrer Aufführung war der Sieg über Karthago im Jahre 240 v. Chr. (ebd.). Auch bis über die Zeit der römischen Republik hinaus enthielten die meisten öffentlichen Deklamationen die Darstellung historischer Ereignisse, durch die man unter anderem auch gemeinschaftsfördernde Ziele verfolgte.

In den darauf folgenden Jahrzehnten entwickelte sich ein reges literarisches Leben. Von Q. Ennius (239 - 169 v. Chr.) wird berichtet, dass er in seinem Haus gelehrte, von Interpretationen begleitete Lesungen dichterischer Werke veranstaltete (ebd., 11). Ähnlich der griechischen Tradition wurden Lesungen auch bei Festmählern gehalten. Der Unterschied lag jedoch darin, dass nicht nur Vorleser und komische Schauspieler neue wie alte, lateinische wie griechische Texte vortrugen, sondern dass die Gastgeber das literarische Programm mit selbstverfassten, selbst vorgetragenen Texten gestalteten (ebd., 13).

Die literarische Gattung der auf sich selbst bezogenen römischen Oberschicht war die politische Autobiographie, die wie Zeitgeschichtsschreibung und politische Reden in diesen Kreisen mündlich und schriftlich zirkulierte (ebd., 12). Da das Beherrschen der Sprachkunst das soziale Prestige erhöhte (und ggf. für entsprechenden Nachruhm sorgte), war das Schreiben und Vortragen politischer Texte durch diese Vorstellung motiviert. Ästhetisch anspruchsvolle Literatur wurde dagegen an Feiertagen und in den außerhalb von Rom gelegenen Villen rezipiert, in denen es einen gesonderten Raum für Lesungen gab (ebd., 200).

Wie Ciceros Briefe für die letzte Generation der römischen Republik, bieten die Briefe von Plinius dem Jüngeren einen detaillierten Einblick in das literarische Leben Roms der Kaiserzeit (ebd., 189). Aus diesen Briefen kann eine Art Verhaltenscodex für das Benehmen der Zuhörerschaft während Lesungen herausgelesen werden. So wurde von den Zuhörern erwartet, dass sie den Vortrag zwecks Stellungnahmen unterbrechen sollten und kritische Hinweise geben konnten, die vom Autor zu beherzigen waren. Auch wurde von Cicero bemängelt, dass das Publikum während einer Veranstaltung nur widerwillig und partiell teilgenommen habe (ebd., 202). Auch höfliche Begeisterung anstelle offensichtlichem Gelangweiltsein wurde von Plinius erwartet, da jene ihm als Zeichen der Großzügigkeit galt (ebd., 203).

Plinius’ verschiedene Anmerkungen zum Thema Lesungen können jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass die Beschäftigung mit Literatur einen anderen Zweck hatte: Fantham weist darauf hin, dass es sich bei den meisten Autoren um aus dem politischen Leben verdrängte Männer handelte und diese durch das Schreiben, das sie in der Schule gelernt hatten, die Zeit bis zum Wiedereintritt in die Politik oder ihre räumliche und gesellschaftliche Abgeschiedenheit kompensieren wollten (ebd., 208).

Der Dichter Apollinaris Sidonius (ca. 430 – 479) schildert in einem Brief nach 450 n. Chr. eine öffentliche römische Lesung und beklagt darin die dürftigen Lateinkenntnisse des Vortragenden. Hieran wird der Verfall der antiken Lese- und Schreibkultur, der durch das Christentum vorangetrieben wurde, deutlich (ebd., 251). Erst im 12. Jahrhundert n. Chr. sollten Menschen außerhalb des Klerus wieder diese Kompetenzen besitzen.

2.3 Die Lesung im Mittelalter

Nachdem das Römische Reich zusammengebrochen war, wurde die literarische Tradition in christlichen Klöstern fortgesetzt. Für das Thema Lesungen soll folgendes Beispiel dienen: In den Klosterregeln des Heiligen Benedikt von Nursia (ca. 480 – 547), die er im von ihm 529 n. Chr. gegründeten Kloster am Monte Cassino verfasste, findet sich in Kapitel 38[1] eine Vorgabe dafür, wie Lesungen bei Tisch zu vollziehen sind:

„1. Beim Tisch der Brüder darf die Lesung nicht fehlen. Doch soll nicht der Nächstbeste nach dem Buch greifen und lesen, sondern der vorgesehene Leser beginne am Sonntag seinen Dienst für die ganze Woche.
2. Wer den Dienst antritt, erbitte nach der Messe und der Kommunion das Gebet aller, damit Gott den Geist der Überheblichkeit von ihm fernhalte.
3. Daher beten alle im Oratorium dreimal folgenden Vers, den der Leser anstimmt: "Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde."
4. So erhält er den Segen und beginnt dann seinen Dienst als Leser.
5. Es herrsche größte Stille. Kein Flüstern und kein Laut sei zu hören, nur die Stimme des Lesers.
6. Was sie aber beim Essen und Trinken brauchen, sollen die Brüder einander so reichen, dass keiner um etwas bitten muss.
7. Fehlt trotzdem etwas, erbitte man es eher mit einem vernehmbaren Zeichen als durch ein Wort.
8. Niemand nehme sich heraus, bei Tisch Fragen über die Lesung oder über etwas anderes zu stellen, damit es keine Gelegenheit zum Unfrieden gibt.
9. Doch der Obere kann zur Erbauung kurz etwas sagen.
10. Der Tischleser der Woche erhält vor Beginn der Lesung etwas Mischwein, und zwar wegen der heiligen Kommunion; auch soll ihm das Fasten nicht zu schwerwerden.
11. Nachher isst er mit denen, die in der Küche oder anderswo ihren Wochendienst haben.
12. Die Brüder dürfen übrigens nicht der Reihe nach vorlesen oder vorsingen, sondern nur, wenn sie die Zuhörer erbauen.“

Mönche lasen zudem auch im Normalfall ihre Manuskripte nicht still, wie das später beim gedruckt vorliegenden Text geschehen ist. Sie murmelten vielmehr die Sätze vor sich hin, um sich diese einzuprägen, weil Manuskripte Einzelstücke waren und man keinen leichten Zugang dazu hatte (Marchand 1999, 178). Die mündliche Überlieferung der Manuskripte hatte demnach eine wichtige Funktion innerhalb und außerhalb der Klostermauern. Dies änderte sich durch die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern von Johannes Gutenberg grundlegend (ebd. 179).

[...]


[1] Quelle hierfür: http://www.mittelalterliche-geschichte.de/handschriftenlesesaal/quellengattungen/ klosterregeln/index.html – Stand 25. August 2009

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Autorenlesungen als Medium zur Präsentation von Literatur
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche Literatur und Medientheorie)
Note
2,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V162203
ISBN (eBook)
9783640758043
ISBN (Buch)
9783640758197
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit schließt eine Lücke, da sie die Autorenlesung nicht als Teil einer größeren Arbeit behandelt, sondern diese in den Mittelpunkt des Interesses stellt. Vor allem die Kapitel, in der die Intentionen des Autors und des Publikums, eine Lesung durchzuführen bzw. zu besuchen, beleuchten, stellen eine Ausnahme auf dem Markt dar.
Schlagworte
Autorenlesungen, Präsentation von Literatur, Autorenlesungen als Medium, Autorenlesung
Arbeit zitieren
Sandra Peruzzi (Autor), 2009, Autorenlesungen als Medium zur Präsentation von Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162203

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