Die Arbeit kristallisiert Hannah Arendts Begrifflichkeit des "Mob", die aus der Klassengesellschaft desintegrierte bürgerliche Unterwelt, aus dem Werk "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" heraus. In Deutschland war der Mob insbesondere Frontorganisation (SA), aber auch leitender Kopf auf mittlerem Niveau der nationalsozialistischen Bewegung (z.B. Ernst Röhm), katapultiert aus der Erwerbsgemeinschaft durch kapitalistische Krisen. Als Paria war der Mob ein entscheidendes Charakteristikum zur Bedingung der totalen NS-Herrschaft, der in Arendts Gesamtwerk oft übersehen wird.
Wie sich der Mob auf rassisch-völkischer Grundlage über den überseeischen zum kontinentalen Imperialismus entwickeln konnte und dass es ihn auch in England oder Frankreich gegeben hat, ist ein Schwerpunkt der Arbeit. Am Beispiel der Dreyfus-Affäre in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts kann jedoch aufgezeigt werden, wo die Unterschiede zwischen der Herrschaft des Mob auf den französischen Strassen liegt und der Verweigerung des Bildungsbürgertums, sich diesem zu unterstellen. In der Weimarer Republik ging die politisch-ökonomische Elite einen Pakt mit dem Mob ein, was zum Ende der ersten deutschen Republik und zur Festigung des nationalsozialistischen Systems führte.
Auch für die heutige Zeit ist der Mob ein "Demokratieindikator", eine Möglichkeit aus der Geschichte zu erkennen, wie legitim ein pluralistisches Gemeinschaftswesen durch seine Träger, die Bürger, noch ist. Gemäß Hannah Arendts Ausspruch: "Was in Zeiten des Friedens als Verbrechen gilt, ist in Zeiten der Krise höchstens ein moralisches Vergehen".
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Erster Teil: Die Begrifflichkeit des Mob
1.1 Was ist der „Mob“
1.2 Hannah Arendts Begriff des Mob
Zweiter Teil: Der Mob - vom Imperialismus bis zur totalen Herrschaft
2.1 Der Mob in Südafrika
2.2 Der Mob und der Pan- Germanismus
2.3 Der Mob und die Masse
Dritter Teil: Mob und Masse am Beispiel der Dreyfus- Affäre
3.1 Zwei Beispiele der dritten Republik
3.2 Der Prozess um den Hauptmann Dreyfus
3.3 Der Mob anhand Arendts Abschnitt, Kapitel und gesamten Werk
Schluss:
4.1 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des „Mobs“ als gesellschaftliche Kraft, die den Übergang von der bürgerlichen Unterwelt zur totalen Herrschaft begünstigt. Ausgehend von Hannah Arendts Werk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wird analysiert, wie der Mob in verschiedenen historischen Kontexten – vom Imperialismus in Südafrika bis zur Dreyfus-Affäre in Frankreich – als antidemokratisches Element agierte und den Weg für totalitäre Bewegungen ebnete.
- Definition und Charakterisierung des Mob-Begriffs nach Hannah Arendt.
- Die Rolle des Mobs im imperialistischen Zeitalter und in den Panbewegungen.
- Analyse der Dreyfus-Affäre als „Generalprobe“ für totalitäre Tendenzen des 20. Jahrhunderts.
- Unterscheidung zwischen „Mob“ und „Masse“ im Kontext totalitärer Herrschaft.
- Das Potenzial des Mobs als Akteur in modernen antidemokratischen Bewegungen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Der Prozess um den Hauptmann Dreyfus:
Die Affäre um jenen jüdischen Artillerie- Hauptmann spiegelt die Gefahren und Vorteile einer Republik wieder, die sich am Rande des Faschismus bewegt und Kraft (jakobinischen) Patriotismus den Weg der parlamentarischen Republik zurückgewinnt.
Die Dreyfus- Affäre ist so interessant für die Betrachtungsweise des Mob, weil „von der Oktoberrevolution bis zum Nationalsozialismus“ im 20. Jahrhundert, fast jede „Tragödie“ (z. B. die Pariser Kommune) und jede „Farce“ (so die Dreyfus- Affäre) eine „Generalprobe“ (Arendt) in Frankreich im 19. Jahrhundert erfuhr.
Der Spionagefall der sog. „Dreyfus- Affäre“ in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts spiegelt nicht nur wieder, durch welche gesellschaftspolitischen Begebenheiten Situationen entstehen können, die das parlamentarische Leben der Republik in Form institutioneller Machtlosigkeit gefährden können, sondern auch, wie sich der Antisemitismus durch Unterstützung des Mobs anhand eines einzigen „tagespolitisch“ relevanten Themas in eine wirksame Waffe verwandeln kann. Dieser Spionagefall, „der Frankreich über Jahrzehnte erschütterte und fast an den Rand des Aufruhrs brachte“ (Piekalkiewicz), gerade in den Jahren von 1897 – 1899, löste eine unvorhergesehene Welle des Nationalismus und des Antisemitismus aus und kennzeichnete die destruktive Gefahr von Mob- Bewegungen, denen in transformatorischer Weise auch die Weimarer Republik unterliegen sollte. Da die Dreyfus- Affäre nie völlig aufgeklärt werden konnte, mag hier eine kurze Beschreibung der vorgefallenen Ereignisse hilfreich sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, den Mob als bürgerliche Unterwelt zu verstehen, die den Übergang zur totalen Herrschaft vorbereitete, und stellt das Vorgehen der Arbeit anhand der Dreyfus-Affäre vor.
1.1 Was ist der „Mob“: Dieses Kapitel differenziert zwischen dem allgemeinen Begriff der aufgebrachten Volksmenge und dem spezifischen, ideologisch geprägten Mob-Begriff.
1.2 Hannah Arendts Begriff des Mob: Hier wird Arendts Verständnis des Mobs als „Unterwelt der Bourgeoisie“ und als Symptom für soziale Unsicherheit und ökonomische Perspektivlosigkeit dargelegt.
2.1 Der Mob in Südafrika: Untersucht wird die Rolle des Mobs bei der Etablierung rassistischer Herrschaftsstrukturen in den südafrikanischen Kolonien im Zeitalter des Imperialismus.
2.2 Der Mob und der Pan- Germanismus: Analysiert wird die Verbindung zwischen Mob, Antisemitismus und völkischem Nationalismus in den kontinental-imperialistischen Panbewegungen.
2.3 Der Mob und die Masse: Erläutert den Unterschied zwischen dem aktiven, zerstörerischen Mob und den atomisierten Massen als Basis totalitärer Bewegungen.
3.1 Zwei Beispiele der dritten Republik: Analysiert die gesellschaftlichen Zersetzungsprozesse in Frankreich durch den Panama-Skandal und den Antisemitismus nach 1870.
3.2 Der Prozess um den Hauptmann Dreyfus: Beschreibt den Spionagefall als „Generalprobe“ für totalitäre Mechanismen und die Instrumentalisierung des Mobs im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
3.3 Der Mob anhand Arendts Abschnitt, Kapitel und gesamten Werk: Synthetisiert die Bedeutung des Dreyfus-Kapitels im Gesamtzusammenhang von Arendts Theorie zur totalen Herrschaft.
4.1 Schlusswort: Resümiert die Entwicklung des Mobs von seiner Rolle im Imperialismus bis zur Einbindung in den totalitären Staatsapparat und warnt vor der Aktualität dieser Gefahr.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, Mob, Masse, Totalitarismus, Imperialismus, Dreyfus-Affäre, Antisemitismus, Pan-Germanismus, völkischer Nationalismus, Parlamentarismus, Bourgeoisie, politische Radikalisierung, Weimarer Republik, Massenmobilisierung, Gesellschaftstransformation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des „Mobs“ als eine soziale und politische Kraft, die laut Hannah Arendt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung totalitärer Herrschaft spielt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der Mob-Begriff nach Arendt, der Imperialismus in Südafrika, der Aufstieg antisemitischer Panbewegungen sowie die gesellschaftspolitischen Krisen der Dritten Französischen Republik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Rolle des Mobs als Vorbote und Akteur totalitärer Herrschaft zu ergründen und aufzuzeigen, wie dieser die parlamentarische Demokratie destabilisiert.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden textanalytischen Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Hauptwerk „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ sowie ergänzender historischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, eine historische Untersuchung der imperialistischen Mob-Entwicklung und eine Fallstudie zur Dreyfus-Affäre in Frankreich.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Mob, Masse, Totalitarismus, Dreyfus-Affäre, Antisemitismus und das Konzept der „Generalprobe“ für das totalitäre 20. Jahrhundert.
Warum ist die Dreyfus-Affäre laut Arendt so bedeutsam?
Die Affäre dient als „Generalprobe“ für das 20. Jahrhundert, da sie erstmals die politische Instrumentalisierung von Antisemitismus durch einen organisierten Mob im öffentlichen Raum demonstrativ vorführte.
Was unterscheidet den Mob von der Masse in Arendts Theorie?
Während die Masse die breite, politisch neutrale Schicht darstellt, ist der Mob ein bewusster, destruktiver Teil innerhalb dieser Masse, der durch irrationale politische Ideologien aktiv handelt.
- Arbeit zitieren
- Torben Ehlers (Autor:in), 2001, Der arendt'sche Mob, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162223