Was genau zeichnet das norwegische Mediensystem aus, sodass es in verschiedenen Untersuchungen positiv abschneidet, und welche Aspekte davon könnten andere Länder übernehmen? Diese Fragen sollen durch die vorliegende Arbeit behandelt werden. Um die Forschungsfrage zu beantworten, wird zunächst der Begriff Mediensystem definiert und abgegrenzt. Darauf aufbauend werden verschiedene Kriterien zur Charakterisierung von Mediensystemen beschrieben.
Im Anschluss werden die zuvor erläuterten Aspekte auf das norwegische Mediensystem angewendet. Dazu werden das Regierungssystem und der historische Kontext Norwegens dargestellt, die Medienfreiheit und -regulierung analysiert, die Medienfinanzierung und Eigentumsstrukturen untersucht sowie das Nutzerverhalten und die Medienrezeption betrachtet. Die Arbeit befasst sich insbesondere mit diesen Aspekten, da auf diese Weise sowohl die medienproduzierenden, -konsumierenden als auch -regulativen Elemente des Mediensystems untersucht werden.
Abschließend wird die Forschungsfrage aufgegriffen und beantwortet. Zudem werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, welche Aspekte des norwegischen Mediensystems von anderen Ländern übernommen werden könnten und welche Problematiken dabei auftreten können.
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3. Anwendung auf das norwegische Mediensystem
4. Diskussion und Fazit
Literaturverzeichnis
1. Einleitung
45, so viele Medienschaffende wurden zwischen dem 01.01.2023 und dem 01.12.2023 aufgrund ihrer journalistischen Tätigkeit getötet. Hinzu kommen 521 Inhaftierte Medienschaffende und 138 die entweder entführt oder verschwunden sind (Reporter ohne Grenzen e. V. [RSF], 2023a, S. 3). Diese Zahlen lassen auf Missstände in verschiedenen Ländern und Mediensystemen schließen. Unterstützt wird diese Annahme durch die Rangliste der Pressefreiheit, die jährlich von Reporter ohne Grenzen e. V. veröffentlicht wird und Daten aus 180 Ländern beinhaltet. Laut dieser Rangliste sind die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende in 70% der Länder der Welt mindestens problematisch und in 31 Ländern wird die Lage der Pressefreiheit sogar als „sehr ernst“ eingestuft (RSF, 2023b).
Ein Land sticht jedoch positiv hervor: Norwegen. Das skandinavische Land belegte 2023 bereits zum siebten Mal in Folge Platz 1 von 180 auf dieser Rangliste. Dabei wird das Land insbesondere für seinen hohen Grad an Pressefreiheit und wenig Gewalt gegenüber Medienschaffenden gelobt (RSF, 2023b; RSF, o.J.a). Auch bei anderen Ländervergleichen schneidet Norwegen gut ab. Im Reuters Institute Digital News Report 2023 gaben 53% der Befragten an, dass sie den meisten der Nachrichtenmedien vertrauen würden. Damit belegte Norwegen Platz 8 von 46 im Bereich Medienvertrauen (Newman et al., 2023, S. 89). Zudem gibt es eine große Medienzufriedenheit, da es nur ein niedriges Level an Kritik gegenüber den Medien gibt. Nur fünf Länder erreichen in diesem Untersuchungspunkt einen besseren Wert (Newman et al., 2023, S. 41).
Daher stellt sich also die Frage, was das norwegische Mediensystem genau auszeichnet, sodass es positiv bei verschiedenen Untersuchungen abschneidet und welche Aspekte davon andere Länder übernehmen könnten. Diese Fragen sollen durch die vorliegende Arbeit behandelt werden.
Um die Forschungsfrage zu beantworten, wird zunächst in Kapitel 2.1 der Begriff Mediensystem definiert und abgegrenzt (Thomaß, 2013, S. 12.-19). Darauf aufbauend werden in Kapitel 2.2 verschiedene Kriterien zur Charakterisierung von Mediensystemen beschrieben (Blum, 2014, S. 294-296).
In Kapitel 3 wird die Arbeit, die im vorigen Kapitel beschriebenen Aspekte auf das norwegische Mediensystem anwenden. Dazu werden in Kapitel 3.1 das Regierungssystem und der historische Kontext Norwegens beschrieben (Schubert & Klein, 2018, S. 243). Anschließend wird in Kapitel 3.2 die Medienfreiheit- und -regulierung in Norwegen analysiert (Skogerbo & Karlsen, 2021, S. 91-100), Kapitel 3.3 behandelt die Medienfinanzierung und Eigentumsstrukturen (Künzler et al., 2013, S. 33-35) und Kapitel 3.4 geht auf das Nutzerverhalten und die Medienrezeption ein (Newman et al., 2023, S. 88-89). Die Arbeit befasst sich insbesondere mit diesen Aspekten, da auf diese Weise sowohl die medienproduzierenden, -konsumierenden sowie -regulativen Elemente des Mediensystems untersucht werden.
Kapitel 4 wird die Forschungsfrage abschließend aufgreifen und beantworten. Zudem werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, welche Aspekte des norwegischen Mediensystems von anderen Ländern übernommen werden könnten und welche Problematiken dabei auftreten könnten.
2. Mediensysteme
2.1 Definition Mediensystem
Das Wort Mediensystem setzt sich aus den beiden Begriffen Medien und System zusammen, daher sollten diese Begriffe im ersten Schritt genauer erläutert werden. Medien definiert Saxer als technische Transportsysteme für bestimmte Zeichensysteme. Sie sind komplexe Organisationen, welche eigene Ziele verfolgen, eigene Organisationsstrukturen ausbilden und sowohl funktionale als auch dysfunktionale Leistungen für die Gesellschaft erbringen. Zudem sind sie als soziale Institutionen in die politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Verhältnisse der Gesellschaft mit eingebunden (1999, S. 5-7).
Als System bezeichnet man die Zusammenstellung aus grundlegenden Einzelelementen, die ein Ganzes ergeben. Ein System besteht folglich aus verschiedenen Teilen. Je nach Umfang des Systems kann es sich auch aus einzelnen Subsystemen bzw. Systemkomponenten zusammensetzen. Die einzelnen Systembestandteile stehen dabei in verschiedenen Beziehungen untereinander, wodurch sie dem System zuordbar und von der Umwelt abgrenzbar sind (Thomaß, 2013, S. 13).
Aufbauend auf diesen Erläuterungen lässt sich ein Mediensystem als die Gesamtheit öffentlicher und aktueller Medien innerhalb eines abgegrenzten Gebiets definieren. Da jedes Land eine eigene Rechtsprechung hat, wird als Abgrenzung zur Umwelt häufig die Grenzen eines Nationalstaates genutzt. So spricht man z. B. über das deutsche oder das schweizerische Mediensystem (Blum, 2014, S.18; Thomaß, 2013, S. 19).
Mediensysteme weisen dabei immer eine bestimmte Struktur auf, die durch die einzelnen Elemente des Mediensystems und deren intermediären Beziehungen zueinander geprägt wird. Zudem stehen Mediensysteme immer in vielfältigen Austauschbeziehungen mit ihrer Umwelt und werden durch diese beeinflusst. Dazu gehören andere gesellschaftliche Teilsysteme wie Kultur, Wirtschaft oder Politik, vor- und nachgelagerte Märkte, wie die Werbewirtschaft oder Telekommunikationsunternehmen sowie andere Mediensysteme oder internationale Organisationen, wie die Europäische Union (Künzler & Jarren, 2010, S. 219-221).
2.2 Kriterien zur Charakterisierung von Mediensystemen
Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, besteht ein Mediensystem aus verschiedenen Elementen. Folglich gibt es unterschiedliche Aspekte und Kriterien anhand derer man ein Mediensystem untersuchen und bewerten kann.
Ein Aspekt ist die historische Entwicklung des Landes, da diese das Mediensystem mitprägt und sich bei ständig wechselnden Regierungssystemen keine stabile Medienkultur herausbilden kann (Blum, 2014, S. 296; Künzler & Jarren, 2010, S. 220). Ein Ansatz, um die historische Entwicklung eines Landes zu bewerten, ist die Anzahl der Wechsel des Regierungssystems zu betrachten, die es seit Beginn des 20. Jahrhunderts gab. Dabei ist eine möglichst niedrige Anzahl an Systemwechseln als positiv zu werten, da sich so Strukturen besser entwickeln und stabilisieren können (Blum, 2014, S. 296-304).
Ein weiteres wichtiges Kriterium, das das Mediensystem beeinflusst, ist das Regierungssystem des jeweiligen Landes. Je nachdem, ob ein Land demokratisch, autoritär oder totalitär geführt wird, ist auch das Mediensystem unterschiedlich strukturiert. Ein demokratisches Regierungssystem bietet hierbei positive Rahmenbedingungen für das Mediensystem, während autoritäre und totalitäre Systeme eher negative Rahmenbedingungen bieten (Blum, 2014, S. 304-309).
Ein bedeutender Baustein eines Mediensystems ist die Medienpolitik und -regulierung. Hierbei ist vor allem der Grad der Medien- und Pressefreiheit einer der wichtigsten Bewertungsgrundlagen, also inwieweit die Medien frei und kritisch berichten können, ohne dafür vom Staat belangt zu werden. Bei der Bewertung der Medien- und Pressefreiheit dient die Anzahl der Eingriffe des Staats in das Mediensystem als Indikator, wobei eine niedrige Anzahl von Eingriffen als positiv zu werten ist. Unter staatliche Eingriffe werden bspw. Zensur, Einschüchterung von Journalisten durch staatliche Akteure oder Strafrechtsbestimmungen gezählt. Eng verknüpft mit dem Kriterium der Medienfreiheit ist auch die Facette der Staatskontrolle über die Medien, also der rechtliche Rahmen, in dem die Medien arbeiten und wie groß der inhaltliche Einfluss des Staates auf die Medien ist (Blum, 2014, S. 314-331).
Neben der medienpolitischen Ebene muss auch die medienproduzierende Ebene eines Mediensystems betrachtet werden. Hierbei spielt insbesondere der Medienbesitz eine wichtige Rolle, da die Inhalte auch durch die Eigentümer beeinflusst werden. Insgesamt ist es immer kritisch zu sehen, wenn einzelne Organisationen oder Institutionen einen zu hohen Marktanteil haben, weil bei einer starken Konzentration von Marktmacht weniger Wettbewerb entsteht und so die publizistische Vielfalt eingeschränkt wird (Knoche, 2013, S. 136-137). Besonders kritisch ist es, wenn viele oder alle Medien in Staatsbesitz sind (Blum, 2014, S. 329-331). Ein weiterer bedeutender Aspekt im Bereich der Medienproduktion ist die Medienfinanzierung. Hier unterscheidet man zwischen drei Finanzierungsmodellen. Das erste Modell ist die Marktfinanzierung, bei der sich das Medienunternehmen ausschließlich aus selbst erwirtschafteten Erträgen, wie bspw. Werbung oder Sponsoring finanziert. Die zweite Möglichkeit ist eine Mischfinanzierung durch den Markt und Staatsbeiträge. Hierbei finanziert sich das Medienunternehmen aus selbst erwirtschafteten Erträgen und Staatsbeiträgen, wie bspw. Fördergeldern. Das letzte Finanzierungsmodell ist die Staatsfinanzierung. Hierbei erhält das Medienunternehmen alle finanziellen Mittel durch den Staat (Blum, 2014, S. 332-333).
Die bisherigen Kriterien bezogen sich vor allem auf die medienpolitische sowie medienproduzierende Ebene. Ein weiteres einflussreiches Kriterium ist jedoch auch die Medienrezeption bzw. das Nutzerverhalten innerhalb eines Mediensystems, da die Mediennutzer durch ihr Rezeptionsverhalten auch die Medienunternehmen beeinflussen. Bei diesem Aspekt wird betrachtet, wie gut der Zugang zu Medien innerhalb des Mediensystems ist, welche Medien vorwiegend genutzt werden und in welchem Ausmaß diese genutzt werden. Bei all diesen Punkten gibt es große Unterschiede zwischen den verschiedenen Mediensystemen, die vor allem auf den Entwicklungsgrad der einzelnen Weltregionen zurückzuführen sind, wobei aber auch der kulturelle Kontext Einfluss hat (Hasebrink, 2013, S. 162-177).
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- Anonym (Author), 2024, Norwegen als Vorbild für andere Länder? Eine Untersuchung des norwegischen Mediensystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1622817