Der Totentanz im Spätmittelalter

Die Säkularisierung der Buße im Angesicht der Bedrohung durch den plötzlichen Tod, erläutert am Beispiel des ‚Berner Totentanzes‘ und des ‚Deutschen, vierzeiligen Totentanzes‘


Hausarbeit, 2010

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zur Bedeutung des plötzlichen Tods im Spätmittelalter

3. ÜberdenTotentanz
3.1. Gattungseinordnung
3.2. Gattungskonstituierende Merkmale
3.3. Zur Säkularisierung der Buße, nachvollzogen am „Berner Totentanz“ und „Oberdeutschen, vierzeiligen Totentanz“

4. Fazit

1. Einleitung

Schon die Vorsokratiker diskutieren im ersten Jahrtausend vor Christus die Endlichkeit menschlichen Lebens.[1] Und auch in den folgenden 3000 Jahren bestimmt die Spannung zwischen dem gelebten Diesseits und dem Wissen um dessen irdische Vergänglichkeit und ein sich anschließendes unbekanntes Jenseits das menschliche Denken. „Media vita in morte sumus“ heißt es noch vor der Wende zum zweiten Jahrtausend unserer Zeitrechnung. Luther greift den Gedanken circa ein halbes Jahrtausend später wieder auf und schreibt: „Mitten wyr ym leben sind / mit dem tod vmbfangen.“[2]. Nach noch einmal so vielen Jahren schließt Rilke sein Schlussstück mit den Worten: "Der Tod ist groß. / Wir sind die Seinen / lachenden Munds. / Wenn wir uns mitten im Leben meinen, / wagt er zu weinen / mitten in uns.“[3]. Der Tod gehört, soviel steht fest, zu den Gedankenmotiven, die den Menschen Zeit seiner Existenz beschäftigen. Denn er ist Teil seiner unmittelbaren Wahrnehmungs- und damit Konstituente seiner Erfahrungswelt. Er ist omnipräsent, immer gleichermaßen ein Gedanke im Hier und Jetzt wie auch ein Gedanke an das Danach. Es liegt also auf der Hand, dass die Reflexion des Todes im Sein des Menschen ebendessen Kulturgeschichte entscheidend geprägt hat und weiterhin prägen wird.

Die vorliegende Arbeit beleuchtet mit den sogenannten Totentänzen die ikonografische und literarische Verarbeitung des Todesmotivs durch die spätmittelalterliche Gesellschaft. Den mittelalterlichen Menschen, so DüSELDER und S CHMIDT, prägte insbesondere die Angst vor einem plötzlichen Tod und vor „dem, was danach folgte“:

Die hohe Sterblichkeit, durch Epidemien oder Naturkatastrophen ausgelöste Mortalitätskrisen, gaben dem Tod seinen Platz im Leben der Menschen. Die Glaubens- und Vorstellungswelt einer noch tiefgreifend von Kirche und Religiosität geprägten Gesellschaft beeinflußte hingegen die Bewältigung des Todes.[4]

Wie genau diese Bewältigung des Todes im Spätmittelalter ausgesehen hat, welchen gesellschaftlichen Umständen sie insbesondere Rechnung trug und wie sie sich in einer Lesart der Totentänze widerspiegelt, soll diese Arbeit offenlegen. Dazu wird eingangs auf die Bedeutung des plötzlichen Tods für die spätmittelalterliche Gesellschaft eingegangen werden. Hier muss auch eine kritische Reflexion der Ergebnisse und Thesen der Forschung zu den Mortalitätskrisen des 14. und 15. Jahrhunderts den Rahmen für die mentalitätsgeschichtliche Argumentation der Arbeit bereitstellen.

Anschließend sind im Rahmen der Einführung der Gattung des Totentanzes wesentliche Forschungsansätze zu benennen und ihre Relevanz für das Thema der vorliegenden Arbeit einzuschätzen. Von diesen Überlegungen ausgehend benennt und erläutert die vorliegende Arbeit wesentliche gattungskonstituierende Merkmale: die Ständereihe, die Figur des Todes und das Motiv des Tanzes. Auf Grundlage bis dorthin getroffener Erkenntnisse kann im darauffolgenden Schritt untersucht werden, inwiefern in den spätmittelalterlichen Totentänzen eine Säkularisierung der Buße einsetzt. An dieser Stelle rücken insbesondere der „Oberdeutsche, vierzeilige Totentanz“, entstanden um 1465, und der „Berner Totentanz“, verfasst zwischen 1516 und 1519 von Niklaus Manuel Teutsch, in den Fokus der exemplarischen Betrachtung.

Schließlich wird deutlich, dass sich eine Ende des 14. Jahrhunderts vor dem Hintergrund der Pandemie und ihrer Nachwirkungen verdichtende Kollektivangst vor dem Ableben ohne die vorherige Erteilung der Sterbesakramente und Absolution auf das der Gesellschaft immanente Bild der Buße ausgewirkt und zu deren Säkularisierung beigetragen hat. Anspruch der Arbeit muss es auch sein, das zeigt die heute sehr komplexe und zum Teil kontroverse sozialhistorische, literaturwissenschaftliche und medizinische Pestforschung, unterschiedlichen Theorien Gehör zu verschaffen. Es wird versucht, deren wesentliche Erkenntnisse in einen Erkenntnisstrang zu führen. Dabei berücksichtigt die Arbeit abweichende Haltungen der Forschung sowie zurzeit noch bestehende unklarheiten, insofern diese aktuell Verhandlungsthema sind, an gegebenen Stellen.

2 Zur Bedeutung des plötzlichen Tods im Spätmittelalter

Unter Bezugnahme auf die spätmittelalterliche Inschrift am Tor des Oldenburger Gertrudenfriedhofes „O ewich is so lanck“ charakterisieren DÜSELDER und S CHMIDT die mittelalterliche Einstellung zum Tod als von Furcht vor dem

Jüngsten Gericht und dem Gedanken an das Jenseits bestimmt.[5] Die christliche Lehre verspricht dem Menschen des Spätmittelalters nach seinem Tod die Auffahrt gen Himmel, die Verdammnis in die Hölle oder seine Läuterung im Fegefeuer. In einem vom Jüngsten Gericht unabhängigen, nicht mit der leiblichen Auferstehung verbundenen Partikulargericht entscheidet sich der Weg der Seele nach dem körperlichen Tod. [6] Analog zu den Beobachtungen Le Goffs bestätigt auch Hascher-Burger unlängst in der Analyse einer spätmittelalterlichen kirchlichen Liedersammlung die mentalitätsimmanente Verschränkung des Partikular- und Endgerichts. Aufbauend auf Burgers Beobachtung einer dem spätmittelalterlichen Menschen eigenen christlichen Endzeiterwartung, führt die Autorin aus, ist ebenletztere „von Hoffnungen und Ängsten in Bezug auf die eigene Zukunft nicht zu trennen.“. [7] Eine Verdammnis nach dem Tode im Rahmen des Partikulargerichts kam ewigen Höllenqualen gleich, allenfalls die Läuterung im Fegefeuer versprach noch das Auffahren gen Himmel, spätestens am Tag der leiblichen Auferstehung, am Tag des Jüngsten Gerichts.[8]

Tatsächlich darf diese historische ,christliche‘ Hoffnung und Überzeugung nicht unterschätzt werden. Dem Partikulargericht als entscheidende Instanz geht nunmehr eine verstärkte Reflexion eigenen Wirkens, eigener Taten im Diesseits nach. Der Buße und Umkehr vor dem leiblichen Tod kommt jetzt besondere Bedeutung zu. Die Furcht vor dem Tod ohne die vorherige Erlangung der Absolution und der sterbesakramente ist eine Kollektivfurcht des spätmittelalterlichen Christentums. Analog dazu musste sich die Angst vor dem plötzlichen Tod und einem ungewissen Jenseits verstärken.[9] Aber wie trägt die Annahme einer solchen Mentalitätsentwicklung zum Verständnis der Totentänze bei?

Im Spätmittelalter sieht sich der Mensch neben den allzeit allgegenwärtigen Katastrophen und unmittelbaren Bedrohungen wie Krieg, Naturgewalten und Krankheiten einer besonders unausweichlichen Gefahr plötzlichen Todes ausgeliefert: der Diffusion der Pest. Zwar sind Epidemien schon seit der Antike überliefert, jedoch setzt Mitte des 14. Jahrhunderts ein bis dato einmaliges europäisches Massensterben ein. Allein die große europäische Pandemie von 1348 bis 1353, heute als der Schwarze Tod bezeichnet, kostet zwischen 20 und 25 Millionen Menschen in Europa, darunter auch 10 Prozent der Bevölkerung auf deutschsprachigem Boden, das Leben.[10] Ursächlich für diese Entwicklung, soweit herrscht heute in der Forschung weitestgehend Einigkeit, sind die ab Beginn des 14. Jahrhunderts stetig wachsenden Handelswege, der damit einhergehende Personenverkehr und die Verbreitung der Ratten als Infektionsträger.[11] Als medizinisch-historisch gesichert gilt die sehr kurze Inkubationszeit von circa sieben Tagen. Ganze Landstriche und Städte werden innerhalb weniger Monate nahezu entvölkert. [12]

Diese Pandemie mit den noch über mehr als drei Jahrhunderte zahlreich folgenden Pestwellen initialisiert wesentliche gesellschaftliche Veränderungen in der spätmittelalterlichen Gesellschaft. Sie ist nicht etwa alleiniger Auslöser, sondern vielmehr traumatisches Schlüsselereignis, in dessen Zenit und Nachfolge sich verschiedene Spannungen entladen. Denn nicht nur, dass das Auftreten neuer Pestwellen schon seit 1350 vorhergesagt werden kann und erwartet wird ,[13] erschüttern währenddessen auch politische, ökonomische und geistige Umwälzungen Europas Boden.[14] Die Christenheit führt im Jahr 1348 allein fünf verschiedene Kriege, die nicht zuletzt auf Grund der Erfindung der Pulverwaffe eine nie dagewesene Brutalität erreichen und deren Kosten zugleich das europäische Finanzsystem durch Bankenzusammenbrüche in Flandern und Italien stark belasten. Zudem steht das Feudalrecht zunehmend in der Kritik, während das Patriziat seine Vormachtstellung in den Städten langsam an den Mittelstand verliert[15], die Folge: „Zweifel und Zukunftsangst quälten Klerus und (die wachsende, Anmerkung des Verfassers) Stadtbürgerschaft.“.[16] Gleichzeitig wächst die humanistische Kritik an der Scholastik und gebiert eine neue Vorstellung von Kultur und Wissenschaft. Die Verbreitung der Uhrmechanik schließlich innoviert die Zeitmessung, der sich die Organisation des sozialen Verbunds in den Städten und zunehmend auch auf dem Land schnell und verbindlich verpflichtet.[17]

Bedingt durch die Pest erlebt nun ganz Europa die größte länderübergreifende Vermögensumschichtung seiner Geschichte durch Vererbung, Besitzübernahme und Besitzliquidation. Davon profitieren, wie Bergdolt aufzuzeigen vermag, zum Teil auch die unteren Stände ökonomisch [18], genauso wie sie aber auch in ihrer Mentalität, ihrer Einstellung zum Sein und Leben, damit auch zum Tod geprägt werden. Insbesondere Bocaccio beschreibt wohl aus Sicht seiner Zeit zwei wesentlich prägende christlich-moralische Grundtendenzen in der Auslegung und im Umgang mit der Pest seitens des Volks. So stand die Überzeugung der „maßvollen Lebensweise“ und der Vermeidung des Genusses gegen die des maßlosen Genusses und des Schwelgens im Hier und Jetzt der Zeit.[19] Wie sind diese Spannungen zu erklären, die offensichtlich einer Säkularisierung der Buße als eine Grundvoraussetzung vorausgehen? Hierzu sollen einige wesentliche Überlegungen angestellt werden.

Wie prägend muss eine Zeit sein, in der die Kirche zunächst noch europaweit mehrtägige Messen, Almosen und Prozessionen zur Bekämpfung der Pest anordnet, diese aber schließlich untersagt - nachdem beobachtet wird, wie sich nach derartigen Massenzusammenkünften die Seuche ausweitet? Nicht selten wurde Sterbenden die Absolution aus Angst vor Ansteckung verweigert, vielerorts schloss sich den Überlebenden inmitten des Sterbens keine verfügbare kirchliche Struktur mehr auf, auf deren religiösen Beistand sie hätten zurückgreifen können.[20] Es ist offensichtlich, dass die Beobachtung einer kirchlichen ohnmacht vor der Bedrohung eines so allgegenwärtigen Todes auch eine tiefschürfende ohnmacht der Bevölkerung nach sich gezogen haben muss. Nicht zuletzt durch die fortwährende Flucht der Geistlichen, Ärzte, eigentlich sämtlicher Würdenträger, sowie das zeitweise Erliegen des Begräbniswesens waren „Standes- und Solidargemeinschaften [...] ihren Aufgaben und Idealen nicht mehr gewachsen.“[21]. Das, so resümiert Bergdolt auf Grundlage der Analyse zahlreicher Quellen, betraf Vertreter des Patriziats, der Zünfte, Adlige, Kirchliche, Bauern, schlichtweg Vertreter aller Stände, gleichermaßen. [22] Selbst der Bindung durch Verwandtschaftsverhältnisse entsagte eine Mehrzahl der Menschen aus Angst vor dem Pesttod, wie Bocaccio festhält.[23] Wie weit die vorherrschende Sozialstruktur aber tatsächlich zerfiel, zeigt sich schließlich in einer vom Bischof von Bath 1343 erlassenen Anweisung, jeder könne und solle im Angesicht seines Todes einem jeden beichten, sei es einem ,Laien‘ oder einer Frau.[24] Eine folgenreiche Entscheidung, bedenkt man ihre Tragweite. In diesem Moment übergibt die Kirche ihren Anspruch auf die Erteilung der Sterbesakramente und die Absolution an die Weltlichkeit. Liegt hier der Beginn eines sich abzeichnenden Übergangs von der religiösen Kollektivangst vor dem Partikulargericht hin zur weltlichen Individualangst vor dem Tod als Vernichter der eigenen physischen Existenz?

Weder der Klerus als Vertreter des Glaubens also, genauso wenig aber die Wissenschaft konnten den Menschen die Krankheit erklären oder ihnen Schutz bieten. Das Pestgutachten der Pariser Universität von 1348 erklärt die Seuche vielmehr zum Resultat einer ungünstigen Konstellation der Planeten Mars, Jupiter und Saturn im Sternzeichen des Wassermanns und rät zu „longe et cito“. [25] Diesen Ratschlag befolgen in zahllosen Städten und Regionen große Teile der Ärzte, Prediger, Wohlhabenden, insbesondere Adeligen. [26] Das Motiv der Flucht und des Versteckens vor der Pest gebiert schließlich auch zahlreiche bis heute erhaltene literarische Werke.

[...]


[1] Erste Auseinandersetzungen philosophischer Natur mit dem Tod als der Vergänglichkeit menschlichen Lebens gehen u. a. zurück auf Demokrit (ca. 460 - 370 v. Chr.), vgl. Löbl, Rudolf (1987): Demokrits Atomphysik. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 57.

[2] Vgl. Liederkunde zum evangelischen Gesangsbuch. Heft 9. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004, S. 70 ff.

[3] Rilke, Rainer Maria (1928): Das Buch der Bilder. Leipzig: Insel-Verlag.

[4] DÜSELDER, Heike; Schmidt, Heinrich (1995) "O ewich is so lanck". Der Tod in der Frühen Neuzeit, in: Einblicke. Forschungsmagazin der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Nr. 22. Internet: URL http://www.presse.uni-oldenburg.de/einblicke/22/ewich.de. Stand 10.09. 2010.

[5] Eine Untersuchung, die Düselder und Schmidt in diesem Zusammenhang zu stützen vermag, stellt Luise Hallof an, siehe: Hallof, Luise (1992): Die Inschriften der Stadt Jena bis 1650, in: Die deutschen Inschriften, Bd. 33: Berliner Reihe, Bd. 5. Wiesbaden: Reichert.

[6] ludicum particulare und iudicum universale gehen in ihrer Nennung zurück auf Thomas Aquin und Papsterlässe Mitte des 13. Jahrhunderts, die sich ihrerseits bereits auf frühchristliche Jenseitsvorstellungen beziehen. Eine breite und kritische Untersuchung zur Bedeutung und Geschichte des funktionalen Zusammenhangs zwischen Partikulargericht, Universalgericht und Bildender Kunst unter Einbeziehung mentalitätsgeschichtlicher Zusammenhänge bietet Wegmann, vgl. Wegmann, Susanne (2003): Auf dem Weg zum Himmel. Das Fegefeuer in der deutschen Kunst des Mittelalters. Köln: Böhlau-Verlag, S.5; S. 30 ff; S.171 ff.

[7] Vgl. Hascher-Burger, Ulrike (2007): Singen für die Seligkeit. Studien zu einer Liedersammlung der Devotio moderna, in: Brill‘s Series in Church History, Vol. 28. Leiden: Koninklijke Brill, S. 70.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. Assmann, Jan; Trauzettel, Rolf (Hg.): Tod, Jenseits und Identität. Perspektiven einer naturwissenschaftlichen Thanatologie. Freiburg, München: Karl Alber Verlag 2002, S. 378.

[10] Vgl. Vasold, Manfred (2003): Die Ausbreitung des Schwarzen Todes in Deutschland nach 1348, in: Historische Zeitschrift, Oldenbourg, München 277, S. 304. Endgültiger Tiefstand der Bevölkerung Europas ist nach Bergdolt erst um 1400 erreicht, siehe: Bergdolt, Klaus (2000): Der schwarze Tod in Europa. Die große Pest und das Ende des Mittelalters. München: C.H. Beck, S. 192. Einige Quellen sprechen aufgrund der Analyse von Zinsbüchern und Tauf- und Sterberegistern sogar von der Dezimierung der europäischen Bevölkerung um nahezu ein Drittel.

[11] Vgl. McCormick, Michel (2003): Rats, Communications, and Plague: Toward an Ecological History, in: Journal of Interdiscipinary History XXXIV, Vol. 1, S. 3. Als sicher gilt die Entstehung der Pandemie im Chinesischen Reich, ihre Ausbreitung über die mongolischen Landhandelswege und das Genueser Handelsnetz auf die gesamte Mittelmeerküste und damit die deutschen Hafenstädte über England bis nach Skandinavien. Nicht abschließend geklärt ist heute, welcher Erreger verantwortlich war und wie sich die Pest medizinisch übertrug. Verschiedene alternative Theorien sind nicht zuletzt aufgrund der nach heutigen Erkenntnissen der Pestforschung mehr als überdurchschnittlich hohen Verbreitungsgeschwindigkeit der Seuche im Spätmittelalter entstanden. Als Träger des Virus gilt nachwievor die Ratte, auch wenn einzelne Studien insbesondere in damaligen Pestregionen Englands und Schottlands zeigen, dass Rattenpopulationen dort faktisch nicht vorhanden waren. Im Allgemeinen wird heute oft relativierend von der Möglichkeit einer Vielzahl verschiedener Krankheiten ausgegangen, deren Nennung in Primärquellen unter dem Namen der Pest erfolgte. Herlihy nahm Mitte der Achtziger zunächst an, der verantwortliche Virus könne nicht mehr ermittelt werden. Junge Forschungen an den Zähnen Pestkranker aus spätmittelalterlichen, sogenannten Pestgräbern und Studien von Sterberegistern schottischer Dörfer aus dem 15. Jahrhundert versuchen unter Anlehnung an Erkenntnisse der modernen Medizin genaue Rückschlüsse auf die Pest des Spätmittelalters zu erlangen. Die Forschungslandschaft lebt zurzeit von vielen interessanten Kontroversen, hat in den letzten Jahren eine Vielzahl sozialwissenschaftlicher und medizinischer Thesen zur Entstehung der Pest hinterfragt und in den nächsten Jahren sind interessante Ergebnisse zu erwarten.

[12] Vgl. Vasold, Manfred (2003): Die Pest. Stuttgart: Theiss, S. 19.

[13] Vgl. ebd., S. 36 f. Vasold spricht von einer bereits damals vielerorts beobachteten Wiederkehr der Pest alle 9 bis 12 Jahre. Auch wenn Ibs die Verheerung und Auswirkungen der Pest als wesentlich geringfügiger betrachtet, decken sich seine Forschungsergebnisse zum (Wieder)Auftreten der Pest in Schleswig-Holstein mit den Ergebnissen der Quellenanalyse durch Vasold, siehe: Ibs, Jürgen Hartwig (1994): Die Pest in Schleswig-Holstein von 1350 bis 1547/48. Eine sozialgeschichtliche Studie über eine wiederkehrende Katastrophe, in: Kieler Werkstücke, Reihe A: Beiträge zur schleswig-holsteinischen und skandinavischen Geschichte, Bd. 12. Frankfurt am Main: Peter Lang.

[14] Vgl. Bergdolt 2000, S. 31.

[15] Vgl. ebd., S. 191.

[16] Ebd., S. 31.

[17] Vgl. ebd., S. 31 f.

[18] Vgl. ebd., S. 191 f.

[19] Vgl. Bergdolt, Klaus (Hg.): Die Pest 1348 in Italien. Fünfzig zeitgenössische Quellen. Heidelberg: Manutius 1991, S. 42 f.

[20] Vgl. VASOLD 2003, S. 142.

[21] Bergdolt 2000, S. 181.

[22] Vgl. ebd., S. 81.

[23] Vgl. Bergdolt 1991, S. 52.

[24] Vgl. Bergdolt 2000, S. 88 f.

[25] Vgl. Fetzner, Ulrich; Kessler, Oliver; Schaps, Klaus-Peter (Hg.): GK2. Das Zweite - kompakt. Medizinische Querschnittbereiche. Heidelberg: Springer Medizin Verlag 2008, S. 32. Diese Erklärung erschien zu damaligem Zeitpunkt durchaus nicht unwissenschaftlich, bestand das medizinische Wissen und Studium im Spätmittelalter aus astrologischen Betrachtungen. Die Heilung von Krankheiten wie die Kenntnis vom menschlichen Körper waren ein im Gros theoretisches Wissen. Herlihy sieht in der Bedrohung durch den plötzlichen Tod in Form der Pest eine wesentliche Ursache für die Entstehung einer praktischen Medizin.

[26] Vgl. VASOLD 2003, S. 148.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Totentanz im Spätmittelalter
Untertitel
Die Säkularisierung der Buße im Angesicht der Bedrohung durch den plötzlichen Tod, erläutert am Beispiel des ‚Berner Totentanzes‘ und des ‚Deutschen, vierzeiligen Totentanzes‘
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
„Jenseitige Welten und Jenseitsvorstellungen im Mittelalter“
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V162282
ISBN (eBook)
9783640758739
ISBN (Buch)
9783640759125
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Totentanz, Spätmittelalter, Säkularisierung, Buße, Angesicht, Bedrohung, Beispiel, Totentanzes‘
Arbeit zitieren
Michael Schwark (Autor), 2010, Der Totentanz im Spätmittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162282

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