Untersucht werden die verschiedenen Formen naturpädagogischen Wirkens und Einflusses auf die Sinnesentwicklung von Kindern. Im Vordergrund der Betrachtung steht eine besonders freilassende Form der Naturpädagogik.
Vor jeder inhaltlichen Auseinandersetzung mit den Themen Naturpädagogik und Sinne und ihrem Zusammenhang, sind einige begriffliche Klärungen notwendig. Allein schon ersterer Begriff liefert reichlich Anlass zu Missverständnissen, was deutlich wird, wenn man seine Bestandteile „Natur“ und „Pädagogik“ gesondert betrachtet. Von welcher Natur ist hier die Rede und welcherart sind die pädagogischen Inhalte? Können die Vorstellungen über diese beiden Gegenstände schon in die unterschiedlichsten Richtungen laufen, so steht man dann vor einer neuen Aufgabe, fügt man sie zu einem Begriff zusammen. Wie lassen sich Verbindungen herstellen zwischen einem Bild von der Natur und dem Anspruch, in dieser zum Wohl des Menschen pädagogisch aktiv zu werden? Als Brücke könnte die Beschäftigung mit den menschlichen Sinnen dienen, sie wären gleichsam in einer Vermittlerrolle bei der Begegnung des Menschen mit der Natur. Auch der Sinnesbegriff bedarf wiederum einer Klärung, insofern sich die Frage stellt, welche Sinne gemeint sind und von welchen Vorstellungen über die menschlichen Sinne ausgegangen wird. Als Fundament der Betrachtungen dient hier die Sinneslehre Rudolf Steiners, bei welcher sich einige Berührungspunkte ausserhalb der Anthroposophie in der Medizin, der Entwicklungspsychologie und in der Philosophie finden lassen.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- 1. Natur und Pädagogik
- 1.1. Ein neuer Naturbegriff
- 1.2. Naturpädagogik in der Stadt
- 1.3. Aktionsräume
- 1.4. Freiraum als Entwicklungsraum
- 2. Eine umfassendere Lehre von den Sinnen
- 2.1. Vier Sinne in Bewegung
- 2.2. Die Kraft der Beziehungen
- 3. Naturpädagogische Praxis
- 3.1. Erfahrungsberichte
- 4. Schlussbetrachtung
- Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Zusammenhang von Naturpädagogik und der Entwicklung der Sinne. Das Hauptziel ist es, für eine Pädagogik zu plädieren, die die menschlichen Sinne auf eine Weise anspricht, die dem Individuum ermöglicht, seinen Platz in der Welt zu finden und sich in einem größeren Seinszusammenhang zu spüren, abseits rein sozialer Definitionen.
- Begrifflichkeiten von "Natur" und "Pädagogik" im Kontext der Sinnesentwicklung.
- Die Sinneslehre Rudolf Steiners als fundamentale Basis der Betrachtung.
- Die Notwendigkeit und Bedeutung ungestalteter Naturräume, insbesondere im urbanen Kontext.
- Die vier unverhandelbaren Quellen kindlicher Entwicklung: Unmittelbarkeit, Freiheit, Widerständigkeit und Verbundenheit.
- Die Analyse der vier leiblichen Sinne (Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn) und ihre seelische Dimension.
- Praktische Beobachtungen und Erfahrungsberichte zur naturpädagogischen Praxis in verschiedenen pädagogischen Einrichtungen.
Auszug aus dem Buch
Vier Sinne in Bewegung
Bevor eine zusammenfassende Betrachtung der vier unteren Sinne erfolgt, ist es ratsam, diese einzeln in ihrem sinnlichen und seelischen Erleben anzuschauen. Der Tastsinn: „Wir konstatieren das Sein der äusseren Welt gerade durch den Tastsinn“ (Rudolf Steiner zit. Nach K. König, S.26). Albert Soesman spricht von einem Erwachen mithilfe des Tastsinns, „dass ein Teil von mir selbst wach wird an einem Teil, an etwas von der Welt“ (Die zwölf Sinne, Freies Geistesleben, 2011, S.20). Das Tasten lässt uns also zweierlei gleichzeitig erleben, die Existenz von etwas ausserhalb meiner selbst und die Existenz meiner selbst; der Tastsinn bedient sich der Welt, um die eigene Körperlichkeit zu erleben (A. Soestman, S.24). Dieser Vorstellung vom Tasten als einer grundlegenden Erfahrung liegt offensichlich mehr zugrunde, als lediglich das angenommene übliche Erkunden der Welt. Wenn man Säuglinge beobachtet, wie sie tastend in ihrer Umwelt unterwegs sind, ist man versucht anzunehmen, dass der Tastsinn sich auf die Hände beschränkt. Die Leistung dieses Sinnes ist aber viel umfassender, da er sich über die Haut des gesamten Körpers erstreckt und ein Tasterleben eben nicht nur über die Hände vermittelt sondern über den ganzen Leib. Erst in dieser erweiterten Betrachtung, wird auch die Vorstellung eines Erwachens an der äusseren Welt nachvollziehbar; erst im Spüren meines ganzen tastenden Körpers, werde ich meiner Begrenzung und damit dem Haben eines abgeschlossenen Leibes bewusst. Kinder ergreifen ja eben ihre Umwelt nicht nur mit den Händen, sondern sie reiben sich mit ihrem ganzen Körper an den sie umgebenden Flächen; es ist ein körperlich vollständiges Sich-spüren. Der Lebenssinn: In Karl Königs Worten, ist es die Leistung dieses Sinns, dass der Mensch sich mit seinem Leib als ein Einheitliches erlebt (K.König, S.31). Im Gegensatz zum Tastsinn, der uns die Erfahrung unseres Leibes als etwas getrenntes von der Umwelt vermittelt, lässt uns der Lebenssinn eine Ganzheit in unserem Körper erfahren: „Diese Ganzheit empfinden wir als unser den Raum erfüllendes Eigensein“ und, „dass ich mich mit meinem Leib indentifiziere Ich und mein Leib sind Eins“ (K.König, S.31). So werden die gesamten den Leib durchziehenden Lebensprozesse als uns zugehörig empfunden, was wir allzuoft erst wahrnehmen, wenn uns der Lebenssinn eine Störung mitteilt. Neben einem allgemeinen Wohlbehagen – „man fühlt sich wohl in seiner Haut“, wie der treffende Ausspruch dazu lautet – sind es ein Unwohlsein und auch Schmerzen, die uns auf unangenehme Weise an die Verbundenheit mit unserem Körper erinnern. Im Zusammenhang mit dem Schmerzempfinden wird auch deutlich, welche Auswirkungen eine Störung des Lebenssinnes haben kann. Fällt die Meldung über Schmerzen aus, bzw., können keine empfunden werden trotz einer Verletzung, ist nachvollziehbar, dass ein Kind, ohne die Befähigung Schmerzen zu empfinden, eigentlich nicht ohne permanente Aufsicht sein kann, weil die Gefahr einer Selbstverletzung ständig droht. Der Lebenssinn fungiert in dieser Hinsicht wie ein Warnsystem (A.Soestman, S.38). Wenn man dieses Warnsystem umfassender begreift, könnte man in seinen Meldungen die Aufforderung herauslesen: Kümmer dich um dich selbst, um deinen Leib, denn dir geht es nicht gut.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung betont die Notwendigkeit begrifflicher Klärungen zu Naturpädagogik und Sinnen und legt die anthroposophische Sinneslehre Steiners als Grundlage fest, um eine Pädagogik zu fördern, die den Menschen hilft, seinen Platz in einem größeren Seinszusammenhang zu finden.
1. Natur und Pädagogik: Dieses Kapitel diskutiert unterschiedliche Naturbegriffe, kritisiert die Urbanisierung und hebt die Bedeutung ungestalteter Naturräume in der Stadt für die kindliche Entwicklung hervor, basierend auf vier essentiellen Entwicklungsquellen: Unmittelbarkeit, Freiheit, Widerständigkeit und Verbundenheit.
2. Eine umfassendere Lehre von den Sinnen: Hier wird die Sinneslehre Rudolf Steiners, insbesondere die vier leiblichen Sinne (Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn), als Fundament für die seelische Entwicklung des Menschen erläutert und ihre Rolle beim Aufbau von Beziehungen zur Umwelt und zum Selbst betont.
3. Naturpädagogische Praxis: Das Kapitel beleuchtet die praktische Umsetzung naturpädagogischer Konzepte anhand eigener Beobachtungen und Erfahrungsberichte aus Hortgruppen und einem Waldkindergarten, wobei die Bedeutung des freien Spiels in unstrukturierten Naturräumen unterstrichen wird.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass unstrukturierte Naturräume in harmonischem Zusammenspiel mit pädagogisch gestalteten Aktivitäten ihren vollen Wert entfalten und kritisiert ein überbehütendes Verhalten Erwachsener, das die natürliche Entwicklung der Kinder aus Angst behindert.
Schlüsselwörter
Naturpädagogik, Sinnesentwicklung, Rudolf Steiner, anthroposophische Sinneslehre, Unmittelbarkeit, Freiheit, Widerständigkeit, Verbundenheit, Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn, ungestaltete Räume, freies Spiel, kindliche Entwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht, wie Naturpädagogik die Entwicklung der menschlichen Sinne fördert, und plädiert für eine Pädagogik, die es Kindern ermöglicht, ihren Platz in der Welt und in einem größeren Seinszusammenhang zu finden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Definition von Natur und Pädagogik, die Sinneslehre Rudolf Steiners, die Bedeutung ungestalteter Naturräume im urbanen Kontext, die vier Quellen kindlicher Entwicklung und deren praktische Anwendung in der Naturpädagogik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Überzeugung zu untermauern, dass eine Pädagogik erforderlich ist, die die menschlichen Sinne anspricht, um dem Menschen die Möglichkeit zu geben, seinen Platz in der Welt und sich selbst in seiner Lebendigkeit in einem größeren Seinszusammenhang zu spüren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse bestehender Theorien (insbesondere der anthroposophischen Sinneslehre und entwicklungspsychologischer Ansätze) und untermauert diese durch qualitative Erfahrungsberichte und Beobachtungen aus der naturpädagogischen Praxis.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Konzepte von Natur und Pädagogik, eine detaillierte Auseinandersetzung mit der umfassenderen Lehre von den Sinnen nach Rudolf Steiner – insbesondere den leiblichen Sinnen – und praktische Erfahrungsberichte aus der naturpädagogischen Arbeit mit Kindern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Naturpädagogik, Sinnesentwicklung, Rudolf Steiner, anthroposophische Sinneslehre, Unmittelbarkeit, Freiheit, Widerständigkeit, Verbundenheit, Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn, Gleichgewichtssinn, ungestaltete Räume, freies Spiel, kindliche Entwicklung.
Warum wird ein "neuer Naturbegriff" für die Naturpädagogik als notwendig erachtet?
Ein "neuer Naturbegriff" ist notwendig, um über traditionelle, oft romantisch idealisierte Naturvorstellungen hinauszugehen und auch städtische Räume, die „ungestaltete Naturdynamik“ aufweisen, als wertvolle Entwicklungsräume für Kinder zu betrachten, da die meisten Menschen in urbanen Gebieten leben.
Welche Bedeutung haben "ungestaltete Naturflächen" für die Entwicklung von Kindern?
Ungestaltete Naturflächen sind für die kindliche Entwicklung von großer Bedeutung, da sie freie Entfaltung, unreglementierte Aktivitäten und sinnliche Erfahrungen ermöglichen, welche essenziell für die Ausbildung von Selbstbestimmung, Kreativität und einem tiefen Bezug zur Umwelt sind.
Wie unterscheidet sich die anthroposophische Sinneslehre von der klassischen Auffassung der Sinne?
Die anthroposophische Sinneslehre nach Rudolf Steiner geht von zwölf Sinnen aus, die in geistige, seelische und leibliche Sinne unterteilt sind, während die klassische Auffassung meist nur die fünf oder erweiterte physische Sinne betrachtet. Der entscheidende Unterschied liegt in der Verbindung der Sinnesleistungen mit dem seelischen Erleben des Menschen.
Welche Rolle spielen Erwachsene in der naturpädagogischen Praxis im "freien Spiel"?
Erwachsene spielen im freien Spiel eine begleitende und unterstützende Rolle. Sie schaffen das schützende Umfeld und stellen ungestaltete Räume bereit, mischen sich aber zurückhaltend ein, damit die Kinder ihre Fähigkeiten selbst entdecken, sich selbst organisieren und ihre Umwelt eigenständig gestalten können.
- Arbeit zitieren
- Carsten Liedtke (Autor:in), 2023, Wie Naturpädagogik die Entwicklung der Sinne fördert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1622856