Frühkindliche Förderung der Sinnes- und Selbstwahrnehmung in Kindertagesstätten

Meine Ansichten über eine optimale Ausrichtung der frühkindlichen Förderung


Diplomarbeit, 2009
93 Seiten, Note: 1,15

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Annäherung an die Thematik
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Zum Verständnis der Begriffe „Sinnes- und Selbstwahrnehmung“
2.1 Sinneswahrnehmung
2.2 Selbstwahrnehmung

3. Sinnesfunktion und Beziehungserleben als ganzheitlicher Aspekt frühkindlicher Entwicklung
3.1 Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung
3.2 Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung
3.2.1 Die visuelle Wahrnehmung
3.2.2 Die auditive Wahrnehmung
3.2.3 Die taktile Wahrnehmung
3.2.4 Die olfaktorische Wahrnehmung
3.2.5 Die gustative Wahrnehmung
3.2.6 Die vestibuläre Wahrnehmung
3.2.7 Die kinästhetische Wahrnehmung
3.2.8 Wahrnehmungsstörungen durch umweltbedingte Ursachen
3.3 Motorische Entwicklung
3.4 Entwicklungen der Persönlichkeit

4. Frühkindliche Förderung der Selbst- und Sinneswahrnehmung in Kindertagesstätten am Beispiel der Montessori - und Reggio -Pädagogik
4.1 Montessori- Pädagogik
4.1.1 Montessoris Gedanken zum Umgang mit Kindern
4.1.2 Kurzbeschreibung der bekannten Montessori- Materialien
4.1.3 Möglichkeiten der frühkindlichen Förderung im Sinne von Montessori
4.2 Reggio - Pädagogik
4.2.1 Merkmale der Reggio-Pädagogik
4.2.2 Transfermöglichkeiten des reggianischen Ansatzes in deutsche Kindertagesstätten

5. Meine Ansichten über eine optimale Ausrichtung von Kindertagesstätten hinsichtlich der frühkindlichen Förderung der Selbst - und Sinneswahrnehmung
5.1 Erziehungskultur im Sinne von Jesper Juul - Förderung der Selbstwahrnehmung
5.1.1 Die persönliche Verantwortung
5.1.2 Die persönliche Sprache
5.1.3 Anerkennung
5.1.4 Integrität und Kooperation
5.1.5 Erziehungskultur im Sinne von Jesper Juul - Zusammenfassung
5.2 Material und Räumlichkeiten - Förderung der Sinneswahrnehmung
5.2.1 Die Orientierung im Raum
5.2.2 Raumbereiche
5.2.3 Lebendige Raumgestaltung
5.2.4 Der Außenbereich
5.2.5 Material

6. Resümee

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Annäherung an die Thematik

Bei der Suche nach einem Thema für meine Diplomarbeit bin ich von meinen eigenen Interessen als Mutter sowie von dem Wunsch als Sozialpädagogin mit Kindern arbeiten zu wollen, beeinflusst worden. Nach diesem Studium muss ich mich um eine adäquate Betreuungslösung für meine Tochter bemühen. Es gibt zwei Möglichkeiten: die Betreuung bei einer Tagesmutter oder in einer Kindertagesstätte. Diese werben mit verschiedenen Angeboten zur frühkindlichen Förderung um die Gunst der Eltern.

Da ich als Mutter diesem immensen Angebot an Förderungsmöglichkeiten für mein Kind ausgesetzt bin, ist es mitunter schwierig zu entscheiden, welches Angebot wirklich das „Richtige“ und inwiefern es überhaupt relevant für die gesunde Entwicklung meines Kindes ist! Ist zu viel Förderung vielleicht sogar schon eine Überforderung für das Kind? Bei meinen Recherchen nach passender Literatur für meine Diplomarbeit stieß ich dann auf ein Buch von Jesper Juul - „ Das kompetente Kind“. Er beschreibt eine Erziehungskultur, die ich mir für mein Kind wünsche. In seinen Ausführungen geht es unter anderem darum, die Integrität der Kinder nicht zu verletzen und seine eigenen Grenzen zu erkennen. Er misst der Selbstwahrnehmung und dem damit verbundenen Selbstgefühl einen großen Stellenwert zu.1 Ich stellte mir die Frage, ob bei den gesamten Angeboten, die den Eltern unterbreitet werden, ihr Kind bestmöglich zu fördern, auch die Förderung der Selbstwahrnehmung des Kindes beachtet wird? Desweiteren gibt es verschiedene Ansätze der Pädagogik für das Kind, die in diversen Kindertagesstätten praktiziert werden.

Wird dabei auch die Selbstverantwortung des Kindes berücksichtigt oder spricht man hauptsächlich eine „pädagogische“ Sprache, die vielleicht das Kind in ein fremdbestimmtes Korsett zwängt? Natürlich ist es mir als Mutter ein Anliegen, meinem Kind die Möglichkeit zu bieten, sich in seiner Selbst- und Sinneswahrnehmung positiv zu entwickeln.

Auch als angehende Sozialpädagogin möchte ich gewappnet sein für die Arbeit mit Kindern, um ihnen einen guten Start in die Zukunft zu ermöglichen.

Welche Förderung ist also optimal, gerade in Kindertagesstätten, für das Anliegen aus Kleinkindern selbstverantwortliche und -bewusste Kinder werden zu lassen?

1.2 Aufbau der Arbeit

Zunächst möchte ich zum Verständnis die Begriffe „Selbst- und Sinneswahrnehmung“ erklären und dann auf die Entwicklung des Kindes nach der Stufentheorie von Piaget eingehen und die Entwicklung im Speziellen beschreiben. In Kinderbetreuungseinrichtungen werden verschiedene Konzepte hinsichtlich der theoretischen und praktischen Pädagogik angewendet und ich möchte die für mich als wichtig Erachteten im Blickwinkel der frühkindlichen Förderung der Sinnes- und Selbstwahrnehmung darstellen.

Anschließend werde ich aus meiner Sicht- mit Bezug auf Ausführungen von Jesper Juul - beschreiben, wie eine Kindertagesstätte konzipiert sein sollte, um Kindern eine optimale Förderung der Sinnes- und Selbstwahrnehmung angedeihen zu lassen. Zwischenzeitlich werde ich meine Arbeit mit einigen Beispielen aus der eigenen Praxis mit meiner Tochter ergänzen.

Ich benutze den Begriff „Erziehende“ für Eltern und Erzieher(innen) gleichermaßen, der Begriff „Betreuer“ stellt die Mitarbeiter einer Kindertagesstätte dar.

2. Zum Verständnis der Begriffe „Sinnes- und Selbstwahrnehmung“

Im Folgenden möchte ich die Begriffe „Sinnes- und Selbstwahrnehmung“ nach meinem Verständnis erklären.

2.1 Sinneswahrnehmung

Unter Sinneswahrnehmung verstehe ich die bewusste und unbewusste Kommunikation mit unserer Umwelt. Wir nehmen unsere Welt mit Hilfe der Sinne wahr. Bestimmte Reize füttern uns mit Informationen. So erhalten wir zum Beispiel bei einem Spaziergang an einem verregneten Tag im Sommer verschiedene Informationen durch sinnliche Reize: über die Nase (der Geruch der Natur bei Regen), über die Haut (Regentropfen im Gesicht), über die Ohren (das Prasseln des Regens) und über die Augen (Pfützen, Regentropfen auf Blattwerk, vielleicht ein Regenbogen, etc.). In ihrer Gesamtheit können einzelne Sinneswahrnehmungen als ganzheitliche Wahrnehmung bezeichnet werden.2

2.2 Selbstwahrnehmung

Selbstwahrnehmung ist nach meinem Verständnis die Wahrnehmung der eigenen Person- das Ich. Eine gesunde Selbstwahrnehmung ist verbunden mit dem Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Wünsche. Bei einer ausreichend sicheren Wahrnehmung seiner Selbst und des damit verbundenen Selbstgefühls ist der Mensch in der Lage, sein Leben selbstbestimmt zu führen. Dieser Mensch kennt seine Grenzen, beachtet sie und beschützt seine Integrität gegenüber äußeren Einwirkungen. Er handelt selbstverantwortlich und unabhängig von fremdbestimmten Werten.

Kommt es zu einer Störung der Selbstwahrnehmung, beispielsweise bei anhaltender Verletzung der Integrität, so ist auch das Selbstgefühl gestört. Menschen mit dieser Störung unterliegen einer Selbsttäuschung. Sie setzen sich oft über ihre Grenze hinweg oder lassen zu, dass ihre Grenze von anderen überschritten wird. Ihnen fällt es schwer Eigenverantwortung zu übernehmen und ihr Leben richtet sich nach fremdbestimmten Werten. Was andere denken und sagen ist wichtiger (und richtiger) als die eigenen Wünsche und Bedürfnisse.

Auf Dauer führt diese Lebensweise zu Unzufriedenheit, Depressionen und sozialen Problemen.3

3. Sinnesfunktion und Beziehungserleben als ganzheitlicher Aspekt frühkindlicher Entwicklung

Um etwas über die Wahrnehmung von Kindern schreiben zu können, möchte ich vorab klären, wie Kinder wahrnehmen und wie sich diese Wahrnehmung mit dem Heranwachsen weiter entwickelt und verändert.

Die Wahrnehmung der Sinne des Menschen sowie seiner Selbst wirken zusammen mit der Entwicklung in vielen anderen Bereichen, z.B. in der Motorik, Kommunikation oder auch im Emotionalen, und bilden so ein Ganzes. Geben wir dem Kleinkind keine Reize während seines Heranwachsens, so kann es zu Defiziten kommen. Ein Kind, das kaum beachtet wird und nur wenig Liebe bekommt entwickelt sich beispielsweise emotional anders als ein Kind, welches die gesamte elterliche Zuneigung erfährt. Ein Säugling, der tagsüber nur in seinem Laufstall liegt, ohne Anreize von außen, wird sich kognitiv und daraus resultierend auch motorisch langsamer entwickeln und seine Umwelt anders wahrnehmen als ein Säugling, der herumgetragen wird oder dem der gesamte Raum mit kindgerechten Anreizen zur Verfügung steht.4

„ Das Neugeborene gestaltet von Anfang an seine Entwicklung mit. Es ist von Natur aus aktiv, aufgeschlossen und neugierig und wird aus sich heraus tätig. Es signalisiert seinen Bezugspersonen, was es braucht und wofür es sich interessiert.“5

Es ist sicher, dass Kinder sich weiter entwickeln, jedoch sind sie in ihrer Entwicklung auf die Begleitung ihrer Eltern oder Betreuer angewiesen. Die Qualität der Entwicklung und die Förderung der Selbst- und Sinneswahrnehmung hängen zum großen Teil vom Umfeld des Kindes ab.

Wenn man mit Kindern arbeitet oder sich als Elternteil mit seinem Kind beschäftigt, sollte man sich darüber im Klaren sein, was ein Kind überhaupt ist, wie unterschiedlich sind die Entwicklungsschritte vom Neugeborenen zum Kleinkind?

Noch vor einigen Jahren wurden Neugeborene als hilflose, Reflex- und Instinktgesteuerte Wesen dargestellt, vor einigen Jahrzehnten sprach man ihnen sogar die Fähigkeit ab, ihre Umwelt wahrzunehmen oder gar Schmerz zu empfinden.6

Ein Neugeborenes ist aber schon viel kompetenter als von vielen Menschen angenommen wird. Sicher ist es als solches hilflos und handelt reflex - und instinktartig, aber noch viel mehr als das tritt es mit seiner Umwelt in Verbindung. Es teilt sich mit durch Schreien, Weinen oder freudiges „Gurren“. Es kann sich ausdrücken und möchte uns auf seine Weise darauf aufmerksam machen, ob es Hunger hat, die Windel gewechselt werden sollte, ob es Schmerzen hat, müde ist oder ob es einfach die Nähe und Wärme der Mutter benötigt, um sich wohl zu fühlen. Und während seiner Entwicklung wird es immer kompetenter und lernt stetig Neues.7

„Entwicklung ist Veränderung im Verlauf der Zeit. In der menschlichen Entwicklung lösen sich Phasen des vermeintlichen Stillstandes (Stagnation oder Stabilisierung) und Phasen der offenkundigen Veränderung ab.“8

Die Entwicklung des Kindes in den ersten drei Jahren ist spannend und wunderbar für jedes Elternpaar. Zu keiner anderen Lebenszeit, abgesehen von der Entwicklung im Mutterleib, vollzieht der Mensch so große Sprünge in seinem Dasein.

Auch für mich als Mutter ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell die Entwicklung vorangeht und wie meine Tochter ihre Umwelt und sich in dieser Welt wahrnimmt. Man kann bei der Betrachtung der frühkindlichen Entwicklung auf verschiedene Theorien zurückgreifen, die uns dieses Wunder erklären wollen. Entwicklungsprozesse können beispielsweise aufeinander aufbauen wie bei dem bekannten Stufenmodell von Piaget oder die Entwicklung in einem speziellen Bereich beschreiben.

3.1.Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung

Der Schweizer Jean Piaget ist einer der bedeutendsten Entwicklungspsychologen des 20. Jahrhunderts und ich möchte auf ihn und seine Erkenntnisse etwas ausführlicher eingehen, da seine Arbeiten für andere Forscher größtenteils als Inspiration und als Anstoß für spätere Forschungen dienten.9 Nach Auffassung von H.Kasten ist eine der bekanntesten Stufentheorien Piagets Theorie der Entwicklung des menschlichen Denkens und Schlussfolgerns. Piaget sah die kognitive Entwicklung des Menschen als selbstkonstruktiven Prozess, der sich stets durch die Interaktion zwischen Subjekt (Kind) und Umwelt vollzieht.

Nach Piagets Ausführungen ist der Mensch bereits als Säugling aktiv und kompetent, das menschliche Denken und damit verbundene Handeln entwickelt sich in Stufen, welche aufeinander aufbauen.10 „ Jede Stufe bildet ein integriertes Ganzes und bereitet den Weg für die folgende Stufe, auf der die Elemente der vorangegangenen Stufe zu einem neuen qualitativen Ganzen organisiert werden.“11 Die Stufen in Piagets Modell werden außerdem immer in derselben Reihenfolge durchlaufen und gelten für alle Gesellschaften und Kulturen. Sie können nicht übersprungen werden, jedoch vom Individuum langsamer oder schneller durchlaufen werden und das Erreichen der höchsten Stufe wird nicht vorausgesetzt. Jede Stufe beinhaltet eine Anfangs- und Endphase, so dass sich ein stabiles Gleichgewicht einpendeln kann, damit eine kompetente Auseinandersetzung mit der sozialen und gegenständlichen Umwelt dem Individuum ermöglicht werden kann.

Piaget beschreibt die kognitive Entwicklung des Menschen vom Säugling zum Erwachsenen in vier Stadien.

1. Sensomotorisches Stadium (1. und 2. Lebensjahr)
2. Voroperatorisches Stadium (2. bis 7. Lebensjahr)
3. Konkret- operatorisches Stadium (7. bis 11. Lebensjahr)
4. Formal-operatorisches Stadium ( ab dem 11. oder 12. Lebensjahr)12

Da ich mich auf die frühkindliche Entwicklung der Wahrnehmung des Selbst und der Sinne beziehe, möchte ich nur auf das Sensomotorische und das Voroperatorische Stadium eingehen.

Piaget beschreibt das Sensomotorische Stadium als eine Vorstufe des Denkens. Der Säugling nimmt Reize wahr und verknüpft diese mit den passenden Reaktionen. Dieses Stadium ist von dramatischen Veränderungen für das Kind geprägt, es entwickelt sein Verhalten von einem Reflexartigen zu einem Zielgerichteten, man könnte auch sagen, dass in dieser Phase sich die Intelligenz des Kindes entfaltet.13

„ In diesem Prozess der Abkehr des Kindes von der Egozentrik und der Hinwendung zur Sozialität, ..., sieht Piaget das Charakteristikum der frühkindlichen Entwicklung.

Piaget kann aufgrund seiner im natürlichen Kontext vorgenommenen Beobachtungen sechs Teil-Stadien in den ersten beiden Lebensjahren des Kindes unterscheiden.“14

Im ersten Stadium (0- ca. 1 Monat) geht es um die Betätigung und Einübung der Reflexe. Der Säugling lernt seine angeborenen Reflexe zu verändern und anzupassen, beispielsweise kann das Kind nach einiger Zeit besser trinken als kurz nach der Geburt. Er hat seinen Saugreflex verfeinert und somit ein Verhalten erworben, welches über das Reflexhafte hinausgeht.15

Ich möchte hier auf ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung als Mutter zurückgreifen.

Meine Tochter musste kurz nach der Geburt auf die Intensivstation und erlernte dort, entgegen meinem Willen und ohne mein Wissen, das Saugverhalten an der Flasche und am Schnuller, noch bevor ich die Möglichkeit hatte sie an meine Brust zu gewöhnen.

Ihr fiel es dann schwer, normal an meiner Brust zu trinken, so dass ich ein Stillhütchen nehmen musste. Nach drei Wochen geduldiger Übungen und in der Ruhe des häuslichen Umfeldes konnte ich sie endlich ohne Hilfsmittel stillen. Sie hatte ihr reflexartiges Saugverhalten dem Angebot angepasst und eine Methode erworben, die uns beide zufrieden stellte. Wie von H. Kasten dargestellt, treten im 2. bis 4. Lebensmonat primäre Kreisreaktionen auf. Bestimmte Verhaltensmuster stabilisieren sich, da das Baby entdeckt, dass ein Verhalten ein interessantes Körpergefühl hervorruft, beispielsweise das Daumenlutschen.

Im 5. bis 8. Lebensmonat entwickeln sich sekundäre Kreisreaktionen, die Umwelt des Kindes steht im Mittelpunkt des Interesses und nicht mehr nur der eigene Körper. Verhaltensweisen werden beibehalten und zur Gewohnheit, wenn sie für das Baby interessante Effekte in seiner Umwelt auslösen.

Im vierten Stadium, welches bis zum 12. Lebensmonat besteht, lernt das Kleinkind seine erworbenen Verhaltensweisen zu koordinieren und zielgerichtet einzusetzen. Im fünften Stadium (13. bis 18. Lebensmonat) treten dann tertiäre Kreisreaktionen auf. Sie bestehen aus Wiederholungen und Variationen von Handlungen an Gegenständen. Das Kleinkind erforscht differenzierter die Objekte in seinem Umfeld und experimentiert mit den Möglichkeiten, die ihm der Gegenstand bietet.16

Meine Tochter hat zu Weihnachten einen gefederten und sehr stabilen Puppenwagen von der Oma bekommen. Sie schiebt ihn gerne durch die Wohnung und hat auch schon versucht, ihn hinter sich herzuziehen. Da es ihr scheinbar zu umständlich war, schiebt sie ihn hauptsächlich, egal von welcher Seite. Außerdem transportiert sie damit ihre Habseligkeiten von einem Ort zum anderen und benutzt ihn selbst als Sitzplatz, indem sie auf die Sitzfläche klettert und dann die Beine baumeln lässt. Sie hat herausgefunden, dass der Wagen „wippt“, wenn sie die Beine stärker bewegt. Außerdem fand sie durch Experimentieren heraus, dass man die Reifen per Handbewegung schnell drehen kann, wenn man den Wagen auf die andere Seite kippt. Zudem benutzt sie den Wagen als Erhöhung indem sie ihn an Schränke heran schiebt und dann auf ihn klettert, um die sonst für ihre Körpergröße zu hoch gelegenen Schubladen oder Türen zu öffnen.

Im sechsten und letzten Stadium (19. bis 24. Lebensmonat) von Piagets Theorie verlagert sich das Herumexperimentieren immer mehr nach innen. Es vollzieht sich der Übergang zum Denken, das Kind baut eine innere Vorstellung von Verhaltensketten auf. Es lernt ein entstandenes Verhaltensschema auf andere Situationen zu transferieren.17

Auch hier kann man das Beispiel mit dem Puppenwagen heranziehen. Meine Tochter hat eine innere Vorstellung davon, dass sie die Schublade öffnen kann, wenn sie den Wagen in Position schiebt und auf ihn klettert um an die Schublade zu gelangen. Zu Beginn des Voroperatorischen Stadiums tritt an die Stelle der externen Exploration nun allmählich das interne Explorieren: das Denken. Das kindliche Experiment mit Versuch und Irrtum wird durch eigens erdachte Lösungsstrategien ersetzt, die sensomotorische Periode ist beendet. Dies wird durch das Einsetzen von Zeichen und Symbolen ermöglicht, die das Kind in seiner Vorstellung verwendet.18 „Die Vorstellungsinhalte werden dabei immer präziser, weil sie nach und nach durch Zeichen ersetzt werden bzw. durch Wörter und Zahlen, welche die konkreten Vorstellungsinhalte sehr genau beschreiben.“19

Was genau sich das Kind denkt und zu seinem Handeln bewegt, bleibt dem Betrachter verborgen. Im Verlauf des dritten Lebensjahres erwirbt das Kind immer mehr Wissen und wird dadurch stetig unabhängiger von der unmittelbaren Gegenwart. Sein Verständnis für zeitliche Abschnitte wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft reift heran und es kann sich immer schneller und flexibler auf neue Situationen einstellen. Dabei ist es aber noch stark an seinem eigenen Denken und Fühlen gebunden. Es kann noch nicht unterscheiden zwischen sich und seinem Willen und den anderen objektiven Dingen der Außenwelt.20 „Es ist besonders zwischen zwei und vier Jahren noch egozentrisch, d.h. es kann noch nicht den Blickwinkel eines anderen einnehmen und bemüht sich noch nicht, seine Mitteilungen an die Bedürfnisse des Gegenübers anzupassen. Auch im Wahrnehmungsbereich ... weiß das Kind noch nicht, dass es verschiedene Ansichten von unterschiedlichen Perspektiven aus gibt, es hält seine aktuelle Sicht für die einzige Ansicht, nicht für eine unter vielen.“21 Erst wenn Kinder das Kindergarten- oder Vorschulalter erreicht haben, bekommen sie allmählich eine Vorstellung davon, dass ihr Gegenüber eine eigene Innenwelt mit Wünschen und Bedürfnissen hat und dass diese Welt sich beträchtlich von ihrem eigenen Selbst unterscheiden kann.22

So inspirierend Piagets Theorie auch für nachkommende Forscher gewesen sein mag, so gibt es auch Kritiker an seinem Stufenmodell, da seine Erkenntnisse nicht hinreichend untersucht worden sind.23

3.2 Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung

Die Sinne des Menschen sind von Geburt an funktionstüchtig, die Zusammenarbeit entwickelt sich aber erst in den ersten Lebenswochen und -monaten und bedarf ständiger Anregungen, da es sonst zu Wahrnehmungsstörungen kommen kann.24 R. Zimmer unterscheidet zwischen den Grundwahrnehmungsbereichen des Seh-, Tast-, Hör-, Geschmacksund Geruchssinnes sowie dem Gleichgewichtssinn und die kinästhetische Wahrnehmung.25 Piaget vertritt die Ansicht, dass es für das Baby ebenso viele Welten wie Sinneskanäle gibt und geht somit von differenzierten Erfahrungen der sinnlichen Wahrnehmung aus.26 In Anlehnung an Piagets Forschungen wurde von F. Affolter ein hierarchisch aufgebautes Strukturmodell zur Entwicklung der Wahrnehmung beschrieben.

Ihr beschriebener Entwicklungsprozess besteht aus drei Stufen und setzt sich aus der intramodalen Stufe, der intermodalen und der serialen Stufe zusammen.

Modales lernen bedeutet dabei soviel wie das Lernen in nur einem Sinnesgebiet und ist in der ersten Stufe gekennzeichnet durch zunehmende qualitative und quantitative Veränderungen in der sinnlichen Leistung des Kindes.

Erst in der intermodalen Stufe kommt es Affolter zufolge zu einer Integration der einzelnen Sinnesbereiche und mit fortschreitender Handlungsfähigkeit gelingen dem Kind dann in der serialen Stufe Handlungsverbindungen, da es dann aufeinander folgende Reize aus allen Sinnesgebieten miteinander verknüpfen kann.27 Eine andere Auffassung vertritt M. Dornes, der dem Kind von Geburt an die Kompetenz zuspricht, über mehr Fähigkeiten zu verfügen als allgemein angenommen wird.

Nach experimentellen Untersuchungen in der Säuglingsforschung ist Dornes zu dem Schluss gekommen, dass die mit verschiedenen Sinnesorganen gemachten Wahrnehmungen von Anfang an miteinander in Beziehung gesetzt werden. Diesen Prozess nennt er „Kreuzmodale Wahrnehmung“.

Die verschiedenen Sinne werden miteinander koordiniert und auf diese Weise nimmt das Kind seine Umwelt einheitlich wahr. Die Vorstellung der kreuzmodalen Wahrnehmungsfähigkeit vertritt also die Auffassung, dass ursprünglich Ganzheiten wahrgenommen werden, die erst im Laufe der Entwicklung vom Kind ausdifferenziert und isoliert werden können.28

Den Theorien nach Piaget und Affolter zufolge nimmt das Kind Sinnesempfindungen zunächst isoliert wahr und setzt sie erst infolge der Entwicklung zu einem Ganzen zusammen.29 Im weiteren Kapitel möchte ich auf die einzelnen Wahrnehmungssysteme eingehen.

3.2.1 Visuelle Wahrnehmung

„Für Kinder stellt die sinnliche Wahrnehmung den Zugang zur Welt dar. Sie ist die Wurzel jeder Erfahrung, durch die sie die Welt jeweils für sich wieder neu aufbauen und verstehen können Wahrnehmen ist ein aktiver Prozess, bei dem sich das Kind mit allen Sinnen seine Umwelt aneignet und sich mit ihren Gegebenheiten auseinandersetzt.“30 Die Entwicklung der Wahrnehmung am Beispiel des Sehsinns stellt dar, wie differenziert sich die Sinneswahrnehmung in kürzesten Zeitabständen verändern kann.

Aus physiologischer Sicht umfasst die visuelle Wahrnehmung die Fähigkeit, optische Reize aufzunehmen, sie zu unterscheiden, zu verarbeiten, einzuordnen und bei entsprechender Interpretation darauf zu reagieren.

Es lassen sich verschiedene Bereiche der visuellen Wahrnehmung unterscheiden:

Figur-Grund-Wahrnehmung (ausgewählte Reize bilden eine Figur innerhalb unseres Wahrnehmungsfeldes, unwichtige Reize bilden den ungenau wahrgenommenen Hintergrund), Visumotorische Koordination (die Fähigkeit, das Sehen mit Bewegungen zu koordinieren), Wahrnehmungskonstanz (ein Gegenstand wird als der gleiche aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen), Raumlagen und räumliche Beziehungen (die Fähigkeit vor, hinter und seitlich wahrzunehmen und daraus sich ergebend Objekte in Bezug auf sich selbst und zueinander wahrzunehmen), Form- und Farbwahrnehmung und schließlich das visuelle Gedächtnis (sich an Gesehenes erinnern können).31

Während der ersten Monate macht das Neugeborene hinsichtlich der Fähigkeit verschiedene Helligkeitsstufen zu unterscheiden enorme Fortschritte. Gegen Ende des zweiten Monats hat es bereits ungefähr das Niveau eines Erwachsenen erreicht und bildet somit die Voraussetzung für die Wahrnehmung von Kontrasten (Figur- Grund-Wahrnehmung). Die Formwahrnehmung verändert sich gegen Ende des zweiten Monats signifikant. Das Neugeborene betrachtet beispielsweise nun viel intensiver ein Gesicht oder auch kontrastreiche Objekte.32

Ich möchte hier auf ein Beispiel aus der Praxis mit meiner Tochter zurückgreifen. Wir hatten ihr Babyzimmer in einem angenehmen und hellen Erdton gestrichen und weinrote Sterne in verschiedenen Größen an die Wand gemalt. Meine Tochter fixierte oft diese Sterne. Ich konnte im Verlauf der Zeit beobachten, wie diese Fixierung immer genauer wurde. Auch ein Bild mit Zebras im Wohnzimmer erweckte immer wieder die Aufmerksamkeit und wurde ausgiebig betrachtet.

Ich nehme an, dass sie bei den Sternen erst den Unterschied zwischen hellem Hintergrund und dunklem Objekt wahrgenommen hat und sie dann nach und nach die Form und auch die Farbunterschiede erkannt hat.

Basierend auf H.Kasten ist ein Baby mit etwa sechs Monaten im Allgemeinen in der Lage Formen wiederzuerkennen, auch wenn diese in einer anderen Position angeboten werden. Im Alter von zwei Monaten können Säuglinge die Farben Rot, Grün und Blau von Weiß unterscheiden (Farbwahrnehmung). Die Differenzierung von Nuancen im Spektralbereich gelingt ihnen etwa ein bis zwei Monate später. Hartmut Kasten zufolge wird angenommen, dass Säuglinge bereits mit vier Monaten das gesamte Spektrum der Farben wahrnehmen können. R. Zimmer behauptet, dass es ungeklärt ist, ob Babys Farben genauso wahrnehmen wie Erwachsene. Das Kind kann erst mit 3- 4 Jahren alle wichtigen Farben unterscheiden, es kommt aber oft noch zu Verwechselungen in der Bezeichnung.33 Trotz der unterschiedlichen Behauptungen macht dieses Beispiel der Wahrnehmungsentwicklung anhand des Sehsinns deutlich, wie kompetent schon Säuglinge sich ihre Umwelt aneignen und mit ihr lernen.

„Sie verfügen über sozusagen vorinstallierte Methoden der Wahrnehmungsstrukturierung, die ihnen helfen, sich in der Welt, in der sie hineingeboren wurden, zu orientieren.“34

3.2.2 Auditive Wahrnehmung

Die auditive Wahrnehmung erfolgt bereits im Mutterleib, etwa ab dem fünften Monat kann der Fetus Geräusche differenziert wahrnehmen: das Kind hört den Herzschlag der Mutter, ihre Atem- und Verdauungsgeräusche, ihre Stimme und seine Pulsfrequenz reagiert, wenn in unmittelbarer Nähe Töne erklingen. Ich habe während der Schwangerschaft an einem Seminar teilgenommen, in dem zum Teil lautstark musiziert wurde, größtenteils mit Schlagzeug und Percussion und mit schnellen Rhythmen. Jedesmal hat meine Tochter den „Krach“ mit Strampeleinlagen begleitet.

Nach der Geburt konnte ich eine Vorliebe für schnelle Rhythmen und „Krach“ machen, indem sie beispielsweise Schranktüren zuschlägt oder mit Töpfen oder sonstigen Behältern „trommelt“, bei ihr beobachten.

Bei der Geburt ist das Gehör des Neugeborenen schon so gut entwickelt, dass es beim Erklingen von Tönen Unterschiede in deren Dauer und Intensität wahrnehmen kann. Es kann durch kontinuierliche oder rhythmische Klänge beruhigt werden und es ist kurz nach der Geburt in der Lage Töne zu lokalisieren.35 Das auditive System gibt uns die Möglichkeit Töne, Geräusche und Klänge wahrzunehmen und zwischen ihnen zu unterscheiden. Es hat außerdem eine grundlegende Funktion für die menschliche Kommunikation, da es die Voraussetzung für die Entwicklung der Sprache ist.36

“ Die auditive Wahrnehmungsfähigkeit eines Kindes ist sowohl von seiner Aufmerksamkeit als auch von der Fähigkeit, Reize zu unterscheiden, zu lokalisieren und in einem Bedeutungszusammenhang (z.B. Sprachverständnis) zu bringen, abhängig.“37 Bereiche der auditiven Wahrnehmung sind R. Zimmer zufolge die auditive Aufmerksamkeit (Konzentration auf Reize), die auditive Figur-Grund-Wahrnehmung (Reize aus dem Hintergrund lösen können), auditive Lokalisation (eine Geräuschquelle räumlich einordnen können) und Diskrimination (Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Lauten und Tönen erkennen und zuordnen können), die auditive Merkfähigkeit (Speichern, Wiedererkennen und Abrufen von Gehörtem) sowie das Verstehen des Sinnbezuges (inhaltliches Zuordnen von Gehörtem und Erkennen der Bedeutung).

Die Fähigkeiten in diesen Bereichen der auditiven Wahrnehmung werden im Verlauf der ersten Lebensmonate bei ausreichender Stimulans trainiert, soll heißen im normalen Alltag und nicht in einer geräuscharmen oder „klangüberfluteten“ Umgebung laufend verbessert.38

3.2.3 Taktile Wahrnehmung

Die Haut ist das wichtigste Organ des Menschen. Sie ist das größte sensorische Organ und hat mehrere physiologische Funktionen. Sie dient als Schutzfunktion, zur Regelung des Wärmehaushalts, ist Träger des Stoffwechsels indem sie Schlacken durch die Schweißdrüsen abgibt, sie ist ein Atmungs- und das wichtigste Sinnesorgan. Die Hautoberfläche besteht aus einer großen Anzahl von sensorischen Wahrnehmungsrezeptoren. Diese sind Empfänger von verschiedenen Reizen wie etwa Schmerz, Temperatur, Vibration, Druck, Zug oder Berührung.39

Renate Zimmer sagt über die taktile Wahrnehmung: „Über den Tastsinn nehmen wir passiv mithilfe mechanischer Reize (Berührungen) wahr, gleichzeitig findet jedoch auch eine aktive Erkundungswahrnehmung statt.“40 Der Tastsinn bzw. die taktile Wahrnehmung wird in verschiedene Wahrnehmungsbereiche unterteilt und entwickelt sich vor allen anderen Sinnessystemen. Bereits ein acht Wochen alter Embryo reagiert auf Stimulationen der Nase, Lippen und des Kinns.

Die Berührungsempfindlichkeit (Berührungswahrnehmung) entwickelt sich vom Kopf ausgehend zum Unterkörper und den Extremitäten. Für das Ungeborene ist die Haut das wichtigste Sinnesorgan, da er durch sie in Kommunikation mit der (Gebär-)Mutter steht und auch nach der Geburt bleibt die Haut das wichtigste Kommunikationsorgan.

Ein Säugling kann durch die Art, wie er gehalten, gestreichelt oder gedrückt wird, unterscheiden, ob die Person ihm gegenüber liebevoll oder gleichgültig eingestellt ist. Bei der Geburt ist das Gesicht Berührungen gegenüber empfindlicher als jeder anderer Körperteil. Die Schmerzempfindlichkeit (Schmerzwahrnehmung) ist kurz vor und nach der Geburt aus einem biologischen Schutzmechanismus heraus niedrig, passt sich aber dem „Normalen“ schnell an.41 Schmerzempfinden ist ein wichtiger Informant über die Umwelt. Nur so können wir feststellen, ob ein Kontakt sicher ist oder nicht oder dass wir gerade in Begriff sind uns eine Verletzung zuzuziehen. Ich habe mal einen Bericht über eine Krankheit gesehen, die sich Kongenitale Analgesie nennt, bei der Menschen von Geburt an schmerzunempfindlich sind. Dieses ist insoweit gefährlich, weil die Kinder beim Toben oder Erkunden ihrer Umwelt ihre Grenzen nicht spüren und es des Öfteren zu Schnittwunden und Knochenbrüchen oder anderen, sogar lebensgefährlichen, Verletzungen kommen kann.42

Unser Schmerzempfinden ist also lebenswichtig, da wir dadurch vor gefährlichen Situationen gewarnt werden können.

„Um solche Situationen einschätzen zu können, brauchen Kinder unmittelbare sinnliche Erfahrungen, die oft viel nachhaltiger wirken als Belehrungen und Ermahnungen durch die Erwachsenen.“43 Die Temperaturwahrnehmung hat sich bereits bei der Geburt herausgebildet. Sie erfolgt entweder durch direkten Hautkontakt und versteht sich als taktiler Wahrnehmungsprozess, oder durch die Registrierung der Lufttemperatur, wobei es sich hier jedoch um einen Teil des Temperaturregulierungssystems des Körpers handelt. Die Wahrnehmung von Kälte und Wärme ist von subjektiven Voraussetzungen abhängig und unterliegt Täuschungen, da die Konsistenz gefühlter Objekte unterschiedlich wahrgenommen werden kann: beispielsweise fühlt sich Holz trotz gleicher Temperatur wärmer an als Metall.

Die Wahrnehmung von Kälte und Wärme eines Objekts hängt ebenso von der Temperatur der Haut ab, die ihn berührt. Eine kalte Hand erfühlt einen kalten Gegenstand anders als eine warme Hand: das erfühlte Objekt erscheint der kalten Hand wärmer, wogegen die warme Hand den Gegenstand als kalt empfindet.44 „Die Hand ist Teil des Tastsinns und zugleich auch Werkzeug. Sie kann greifen, streicheln, schlagen, formen, bauen, nehmen, geben etc. Dies verdeutlicht auch den engen Zusammenhang von Tast- und Bewegungssinn Die unmittelbare Kombination von Erkunden und Verändern ist bei anderen Sinnessystemen wie Sehen und Hören nicht gegeben.“45

Unsere Extremitäten sind Sinnesorgane, die uns bei Erkundungen dienen (Erkundungswahrnehmung) und zugleich Ausführungsorgane, insbesondere unsere Hände. Man kann einen Gegenstand erfühlen, man kann seine Form, die Größe, das Gewicht, seine Beschaffenheit und seine Temperatur mit der Hand wahrnehmen. Auch die Füße besitzen einen hohen Grad an Unterscheidungsvermögen, diese Fähigkeit wird im Alltag aber so gut wie nie benutzt. Jedoch kann man bei Menschen, die ohne Arme aufgrund einer Amputation oder von Geburt an leben, feststellen, dass sie ihre Füße zum Greifen, Malen, Schreiben, Basteln und Werken benutzen können. Auch der Mund kann als hervorragendes Tastorgan betrachtet werden. Zunge, Lippe und Gaumen sind sehr sensibel für das Ertasten von Formen, von der Beschaffenheit oder anderen Eigenschaften von Objekten. Kleinkinder haben deswegen ein sehr großes Bedürfnis alles in den Mund zu stecken um mehr darüber zu erfahren.46

Meine Tochter lebt diese orale Phase noch immer aus. Sie hat beispielsweise im Verlauf der Zeit die Sohlen meiner Hausschuhe ertastet, etliche Eicheln, Kastanien, Blätter, Steine und Blumen auf orale Weise kennengelernt. Vor kurzem hat sie ein Stoffhund in einem Laden derart fasziniert, dass er mit allen Sinnen erkundet werden musste. Da sein Gesicht schließlich ganz nass war vom Speichel meiner Tochter, habe ich ihn kurzerhand gekauft. In Anlehnung an Montessoris Gedanken zu einer kindlichen Welt47 wäre es doch auch mal eine Anregung für den Einzelhandel ihre Geschäfte kinderfreundlich zu gestalten, indem sie solche Stofftiere o.ä. als Muster für etwaige Sinneserfahrungen zur Verfügung stellen. Bei Gefallen könnte der Handel auf Objekte vom Lager zurückgreifen und der Kunde sieht sich nicht genötigt zu kaufen oder gar seinem Kind den sinnlichen Umgang zu verbieten.

[...]


1 Siehe dazu auch 5.1. Erziehungskultur im Sinne von Jesper Juul, S. 64ff.

2 Siehe dazu auch 3.2 Entwicklung der sinnlichen Wahrnehmung, S.15ff; vgl. dazu auch Wikipedia- die freie Enzyklopädie: Sinneswahrnehmung, www.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung.

3 Siehe dazu auch 5.1 Erziehungskultur im Sinne von Jesper Juul, S.64ff; vgl. dazu auch Wikipedia-die freie Enzyklopädie: Selbstwahrnehmung, www.wikipedia.org/wiki/Selbstwahrnehmung .

4 Siehe hierzu vertiefend Spitz, 1974, Vom Säugling zum Kleinkind.

5 Kasten, 2007, S.13.

6 Vgl. Meichsner, Frankfurter Allgemeine, Artikel vom 29.04.2009, 1. Absatz, www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/173117.html.

7 Siehe hierzu vertiefend Weöres/ Anders , 2006, Schwanger mit Nelly.

8 Kasten, 2007, S.14f.

9 Vgl. Garz, 2008, S. 51f.

10 Vgl. Kasten, 2007, S. 41.

11 Kasten, 2007, S.41.

12 Vgl. Kasten, 2007, S. 42; vgl. auch Garz, 2008, S.68, zit. nach Piaget, 1973, S.62ff.

13 Vgl. Garz, 2008, S.68.

14 Garz, 2008, S.68, zit. nach Piaget/Inhelder, 1977, S.11.

15 Vgl. Garz, 2008, S.69.

16 Vgl. Kasten, 2007, S. 43f; vgl. dazu Garz, 2008, S.69ff, zit. nach Piaget, 1975, S.59ff, S.154.

17 Vgl. Kasten, 2007, S. 43.

18 Vgl. Kasten, 2007, S. 45.

19 Kasten, 2007, S. 47.

20 Vgl. Kasten, 2007, S.47.

21 Gudjons, 2003, S. 120.

22 Vgl. Kasten, 2007, S. 48.

23 Vgl. Böhm,2005, S.498.

24 Siehe dazu auch 3.2.8 Wahrnehmungsstörungen durch umweltbedingte Ursachen, S.31ff.

25 Vgl. Zimmer, 2005, S.56ff.

26 Vgl. Zimmer, 2005, S.52, zit. nach Piaget, 2002.

27 Vgl. Zimmer, 2005, S.53, zit. nach Affolter, 1975, S.3.

28 Vgl. Zimmer, 2005, S.54f, zit. nach Dornes, 2001.

29 Vgl. Zimmer, 2005, S.52f.

30 Zimmer, 2005, S. 16.

31 Vgl. zu diesem Abschnitt Zimmer, 2005, S.69ff.

32 Vgl. Kasten, 2007, S.98.

33 Vgl. Kasten, 2007, S.98f; a.M. Zimmer, 2005, S.72f.

34 Laewen, S.55, In: Laewen/ Andres (Hrsg.), 2002.

35 Vgl. zu diesem Abschnitt Zimmer, 2005, S.92.

36 Vgl. Zimmer, 2005, S.86.

37 Zimmer, 2005, S.90.

38 Vgl. Zimmer, 2005, S.91f, zit. nach Eggert/Peter,2005; zit. nach Breitenbach,1995.

39 Vgl. Zimmer, 2005, S.104f, zit. nach Montagu, 2004.

40 Zimmer, 2005, S. 106.

41 Vgl. zu diesem Abschnitt Zimmer, 2005, S. 110f.

42 Vgl. o.V., Wenn nichts mehr schmerzt, www.gesundheit.de/krankheiten/schmerz/analgesie-und-hypoalgesie/index.html.

43 Zimmer, 2005, S. 110.

44 Vgl. zu diesem Abschnitt Zimmer, 2005, S.108f, zit. nach Gibson, 1982, S.168.

45 Zimmer, 2005, S.107.

46 Vgl. zu diesem Abschnitt Zimmer, 2005, S.107f.

47 Siehe dazu auch 4.1.1 Montessoris Gedanken zum Umgang mit Kindern, S.38ff.

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Frühkindliche Förderung der Sinnes- und Selbstwahrnehmung in Kindertagesstätten
Untertitel
Meine Ansichten über eine optimale Ausrichtung der frühkindlichen Förderung
Hochschule
Hochschule Emden/Leer
Note
1,15
Autor
Jahr
2009
Seiten
93
Katalognummer
V162302
ISBN (eBook)
9783640781454
ISBN (Buch)
9783640781362
Dateigröße
778 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Als Mutter kann man zwischen einigen frühkindlichen Fördermöglichkeiten im Bereich der Sinneswahrnehmung wählen. Natürlich möchte man nur das Beste für sein Kind. Wird aber bei allen Fördermöglichkeiten die Selbstwahrnehmung des Kindes berücksichtigt? Wie genau kann man die Selbstwahrnehmung des Kindes fördern? Welche Entwicklungsschritte des Kleinkindes sind dabei zu berücksichtigen? Worauf sollte ich als Mutter bei der Wahl einer Betreuungsstätte für mein Kind achten? Gibt es vielleicht schon das ultimative Erziehungskonzept? Antworten auf diese Fragen finden Sie in meiner Diplomarbeit.
Schlagworte
Frühkindliche, Förderung, Sinnes-, Selbstwahrnehmung, Kindertagesstätten, Meine, Ansichten, Ausrichtung, Wahrnehmung, Entwicklung, Montessori, Reggio, Piaget, Jesper Juul, Juul, Erziehung
Arbeit zitieren
Jessica Logemann (Autor), 2009, Frühkindliche Förderung der Sinnes- und Selbstwahrnehmung in Kindertagesstätten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162302

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