Die Darstellung von Sprache und Gewalt in Uwe Timms Kolonialroman "Morenga"


Bachelorarbeit, 2009

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Erzähltheoretischer Teil: „Morenga“ typologisch und narratologisch
1. Zu Entstehungsgeschichte, Inhalt und Form des Kolonialromans „Morenga“
1.1 Warum Kolonialroman? Ein kurzer Überblick über den Inhalt
1.2 Zur Typologie des Kolonialromans „Morenga“
1.2.1 Erzählsituationen
1.2.2 Polyperspektivität
1.3 Zeitstruktur und Montage des Kolonialromans „Morenga“
1.4 Entstehungsgeschichte und Handlungsraum

II. Historisch-soziologischer Theorieteil: Kolonialismus, Gewalt, Sprache
2. Kurzer Abriss der Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs
3. Definitionen und Modifikationen von Gewalt
3.1 Gewalt als physische und psychische Herrschaft
3.2 Gewalt, die sprachlich, körperlich und politisch auftritt
3.3 Sprache als Gewalt: Ansätze und Blickrichtungen
3.3.1 Gewalt und Sprache
3.3.2 Gewalt der Sprache
3.3.3 Gewalt durch Sprache
4. Wie Sprache zum Instrument kolonial-rassistischer Gewalt wird
5. Gewalt bei Peter Kropotkin und Walter Benjamins Gewaltkritik

III. Analyseteil: Sprache und Gewalt in Timms „Morenga“
6. Darstellungen der Gewalt der Sprache im dokumentarischen Teil
7. Darstellungen der Gewalt durch Sprache im fiktiven Teil
7.1 Sprachliche Strategien der Gewalt in der Figurenrede
7.2 Fremdspracherwerb als Mechanismus einer Entfremdung von Gewalt
8. Darstellungen gewaltiger Sprache im episodischen Teil

Resümee

Literaturverzeichnis

Einleitung

Insbesondere hat mich an diesem historischen Stoff interessiert, wie eine Emotionslosigkeit entstehen konnte, die dazu führte, daß andere Menschen geprügelt, gehenkt und erschossen wurden, daß man sie verdursten ließ. Die Wissenschaft kann über solche Ereignisse abstrakt sprechen, aber eben nicht in der Art, daß sie von den Lesenden auch emotional abgetastet werden können. Ich halte es für eine große Qualität von Literatur, daß sie Gefühle nicht nur beschreibt, sondern in der Lektüre nachvollziehbar macht.

Uwe Timm. Zit. n. HAMANN, CHRISTOF / TIMM, UWE: „Einfühlungsästhetik wäre ein kolonialer Akt“. Ein Gespräch. In: SpritZ 168 (2003). S. 450-462.

Durch die polyperspektivische Form der literarischen Annäherung Uwe Timms an den historischen Gegenstand des Kolonialkriegs zwischen den Truppen des Deutschen Reichs und den Ethnien im Südwesten Afrikas am Anfang des 20. Jahrhunderts versucht der Autor des Romans „Morenga“, die Barriere zwischen dem subjektiven Moment des Romans und dem Geschichtsverlauf von Mensch und Welt zu überwinden. Ihm gelingt eine Montage authentischer Dokumente, die den Roman wie eine Chronik lesen lassen und er blendet diese wiederum gegen die narrative Strategie der Fiktion. Sprache und Gewalt perspektivieren eine kulturelle Divergenz und Alterität. Mittels verschiedener sprachlicher Strategien in Bezug auf Gewalt erzählt der Roman, wie Sprache zum Instrument kolonial-rassistischer Gewalt wird. Ein kulturwissenschaftlicher Ansatz unter Einbeziehung der Blickrichtungen von Geschichtswissenschaft, Gewaltphilosophie, Gewaltsoziologie, Kulturgeschichte und historischer Linguistik kann dabei das Fundament der Untersuchung bilden, die von der literaturtheoretischen Betrachtung „Morengas“ eingeleitet wird.

Diese Bachelorarbeit stellt die Frage nach den sprachlichen Strategien kolonialer Gewalt in „Morenga“ und nach der Repräsentation von Sprache als einem Instrument kolonial-rassistischer Gewalt. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die dem genannten Ansatz der Kulturwissenschaft entlehnten Blickrichtungen der sprachlichen Codierung und Repräsentation von Gewalt: der Gewalt durch Sprache, in der Sprache und mit der Sprache. Diese Arbeit kann in ihrem Umfang zwar weder die umfassende Darstellung der zahlreichen, komplexen und diskutierten Theorien und Verwendungen des Begriffes Gewalt, noch eine vollständige Analyse der Repräsentationen kultureller Alterität, ihrer sprachlichen Strategien und literarischen Rezeptionen, noch eine intertextuelle und interkulturelle Untersuchung deutscher (Post-)Kolonialliteratur leisten. Der Analyse der Darstellung sprachlicher Gewalt sei jedoch ein kurzer Überblick über die Kolonialgeschichte des Deutschen Kaiserreichs sowie die unumgängliche erzähltheoretische Analyse des Romans vorweggeschickt. Auf den Gewaltbegriff bei Pjotr Kropotkin und die Kritik der Gewalt Walter Benjamins eingehend, wird außerdem der Mechanismus einer Entfremdung von der Gewalt bei den Protagonisten des Romans untersucht. Schließlich orientiert sich die Analyse der Codierung und Repräsentation von Sprache und Gewalt an der Dreigliedrigkeit des Kolonialromans: auf der Folie des dokumentarischen, des fiktiven und des phantastisch-episodischen Erzählstranges werden ausgewählte Textverweise exemplarisch zur Analyse herangezogen. Darüber hinaus wird auf die Verwendung des Begriffes Kolonialroman für „Morenga“ als ein aus interkultureller und postkolonialer Perspektive verfasster Roman eingegangen.

Auch wenn diese Arbeit mit Blick auf die Gewalt von Kolonialherren eine Gewalt in der Form von Widerstand und Auflehnung der Kolonisierten weitestgehend ausblendet und sich auf die Darstellung der genannten Phänomene von Sprache und Gewalt in der Geschichte der deutschen Kolonisatoren konzentriert, wurde doch Wert auf eine möglichst breitgefächerte und interdisziplinäre Berücksichtigung moderner Fachliteratur verschiedener Blickrichtungen gelegt. Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei auf die Monografien und Aufsätze von Autoren, wie Jost Hernand, Michael Hofmann, Peter Horn, Paul Michael Lützeler und Ingo H. Warnke sowie Joseph Gomsu, David Simo und Lacina Yeo. Sie repräsentieren den Versuch einer Multiperspektivität auf die sprachlichen Phänomene, Codierungen und Repräsentation direkter, struktureller und kultureller Gewalt sowie den Anspruch der Interdisziplinarität für die kulturwissenschaftliche Lösung einer literaturwissenschaftlichen Problematik.

I. Erzähltheoretischer Teil:

„Morenga“ typologisch und narratologisch

Einer Untersuchung der Charakteristik und Konzeptualisierung der Gewalt in Bezug auf Sprache in Uwe Timms Roman „Morenga“1 schicke ich eine kurze, aber notwendige erzähltheoretische Betrachtung vorweg, die auch für die Greifbarkeit der einführend formulierten Fragestellung hilfreich ist.

1. Zu Entstehungsgeschichte, Inhalt und Form des Kolonialromans „Morenga“

Als Uwe Timm 1978 erstmals seinen Roman „Morenga“ veröffentlicht, in dem er sich mit dem historischen Gegenstand des deutschen Kolonialkriegs gegen die Nama und Herero kritisch beschäftigt, präsentiert er ein beispielhaftes Werk postkolonialer deutscher Literatur und nimmt so eine Vorreiterrolle ein, was die öffentliche Auseinandersetzung mit dem deutschen Kapitel europäischer Kolonialgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrifft. Er bemüht sich zugleich, das Phänomen der eurozentrisch ausgeprägten Ideologie einer Kulturüberlegenheit, des Rassismus und der Brutalität eines militaristisch geprägten „tugendhaften Deutschseins“ in der späten deutschen Geschichte in der Öffentlichkeit präsent zu machen.2

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 weist die deutsche Literatur über Süd-West-Afrika in erster Linie eurozentrische Kennzeichen des abenteuerlich Heldenhaften, Missionarischen, Zivilisationsbringenden auf. Nach dem Weltkrieg und dem Verlust der Kolonien kommen rachelüsterne und verbitterte Züge hinzu.3 An die wilhelminische Rhetorik eines „Platzes an der Sonne“ gelehnt und alle rassistischen und sozialdarwinistischen Vorstellungen einer „weißen Herrenrasse“ aufgreifend, sehen die „Schutztruppe“ und die Gesellschaft in ihrer Zeit sowie die Rezeption in Foto, Film und

Literatur ihr zweifelloses Recht und Gesetz, selbst Gott ausnahmslos auf ihrer Seite - und man versteht sich nachgerade in der literarischen Rezeption als Wohltäter, Befreier, Zivilisations- und christlicher Heilsbringer. Ein neuer Höhepunkt dieses Selbstverständnisses findet unter nationalsozialistischer Herrschaft Einzug in die deutsche Literatur. Nun ist ganz offen und rücksichtslos vom „Lebensraum“ einer „überlegenen weißen Rasse“ und der „Vernichtung“ der „blutdurstigen Neger“ die Rede.4 Selbst in der demokratischen Nachkriegszeit Westdeutschlands - sofern denn die Geschichte des deutschen Kolonialismus überhaupt in der Öffentlichkeit thematisiert wird - leben Anschauungen fort, die den wilhelminischen Imperialismus verharmlosen oder sogar gutheißen.5 Eine Historizität oder gar Literatur aus der Perspektive der Kolonisierten, der afrikanischen Opfer, zumindest aber eine kritische Verarbeitung der Kolonialgeschichte stehen im Grunde bis 1978 nicht zur Verfügung bzw. zur Debatte. Eine bedeutende Ausnahme bildet lediglich die Kolonialgeschichtsforschung in der DDR: die Abhandlungen über die deutsche Kolonialherrschaft und den Aufstand der Herero und Nama (in der historischen Kolonialliteratur als „Hottentotten“ bezeichnet) u.a. des Historikers Horst Drechsler (1966) thematisieren kritisch die Gewalt gegen die Ethnien im Südwesten Afrikas, ihre Versklavung und Ausrottung, ihren bewaffneten Widerstand als Reaktion auf imperialistische Aggression, verzweifelt geführt von ihren Kapitänen Samuel Maharero, Hendrik Witbooi oder Jakob Morenga. Vor allem diese Perspektive, aber auch die Konfrontation mit der Kolonialrezeption der „Persilschein- Generation“ der Väter um 1968 veranlassen Uwe Timm, die Herausforderung einer neuen und kritischen Betrachtung des deutschen Kolonialismus literarisch anzunehmen und nach seinem Debütroman „Heißer Sommer“ (1974) mit „Morenga“ die von der Öffentlichkeit verschwiegene, ausgeblendete oder verdrängte Zeit deutscher Kolonialherrschaft literarisch zu problematisieren sowie Täter und Opfer beim Namen zu nennen.6

1.1 Warum Kolonialroman? Ein kurzer Überblick über den Inhalt

Kann Timms „Morenga“ erstens als ein aus kulturwissenschaftlicher Sicht wichtiger Beitrag zum postkolonialen Diskurs aus deutscher Perspektive verstanden werden, so stellt er zweitens aus literaturgeschichtlicher Sicht eine konsequente und kritische Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus dar. Vor dem Hintergrund der Ereignisse des Aufstands der Herero und der Nama gegen die deutsche Kolonialbesatzung in Namibia, dem damaligen Deutsch-Südwest-Afrika, in den Jahren 1904 bis 1908 führt uns Timms Roman vermittels historischer und mit Quellen belegter Vorgänge, der Geschichte von dem jungen Veterinärmediziner Johannes Gottschalk sowie mit weiteren phantastischen Episoden in die Zeit des deutschen Kolonialismus ein. Der Roman gliedert sich also in drei Erzählstränge oder -ebenen: (1) den dokumentarischen, (2) den fiktiven und (3) den episodischen Teil. Im Verlauf dieser Arbeit gliedere ich die zuvor beschriebene Untersuchung der Darstellung von Sprache und Gewalt anhand der Textbelege in eben jene drei Teile.

Die von Timm ausgeführte literarische Verarbeitung und Nachbildung der realen Geschichte besteht auf der Ebene des Dokumentarischen aus durch den Autor gesichteten Quellen verschiedener Archive (z.B. des ehemaligen Reichskolonialamtes), so z.B. behördlichen Schriftverkehrs, wie das Antwortschreiben General von Trothas auf ein Telegramm des Reichskanzlers von Bülow hinsichtlich der Unentbehrlichkeit der „Eingeborenen“ für Ackerbau, Viehzucht und Bergbau:

[…] Ich bin gänzlich anderer Ansicht. Ich glaube, daß die Nation als solche vernichtet werden muß. (12. Dezember 1904, RKolA 2089) (32)

Diese militärischen Briefe, Telegramme, Befehle sowie die Auszüge einschlägiger Forschungsliteratur, die Berichte von Zeitgenossen etc. stellen das Fundament des dokumentarischen Erzählstrangs und damit die historisch-dokumentarische Untermauerung des ganzen Romans dar. Timm informiert den Leser anhand dieser wissenschaftlichen Darstellungen und macht ihn so mit den historischen Fakten vertraut.7 Auf der Ebene des Fiktiven dagegen erzählt Timm die Geschichte Johannes Gottschalks, Sohn eines Kolonialwarenhändlers, Tiermediziner der Kaiserlichen Armee und ab 1905 Freiwilliger der Kaiserlichen Schutztruppe in Deutsch-Südwest-Afrika. Der Protagonist Gottschalk hat, als er in Afrika als Veterinäroffizier und Angehöriger des Expeditionskorps zur Niederschlagung des Aufstands der Nama und Herero an Land geht, zunächst weder moralische Bedenken, noch hegt er Zweifel an Legitimation und Berechtigung eines deutschen kolonialen Anspruchs und seiner militärischen Durchsetzbarkeit. Unmittelbar nach seiner Ankunft wird er mit den inhumanen Bedingungen der Menschen in der Kolonie sowie mit dem aggressiv brutalen, rassistisch verachtenden und militaristisch entwürdigenden Umgang der Deutschen mit den Einheimischen konfrontiert. So beginnt er die Berechtigung des Widerstandes der Herero und Nama, das gewaltsame Vorgehen der Schutztruppe sowie seine eigene Verantwortung als Truppenangehöriger zu hinterfragen. Vor allem durch Gottschalks Tagebuchaufzeichnungen erfährt der Leser8 von einem Entwicklungs- und Lernprozess9, der den Protagonisten veranlasst, mit den kolonisierten Menschen (auch den Aufständischen) zu sympathisieren, sogar ihre Sprache zu erlernen sowie schließlich die koloniale Unterdrückung im Allgemeinen und den Vernichtungskrieg gegen die Nama und Herero im Besonderen abzulehnen. In seinem Entwicklungsprozess beeinflusst wird Gottschalk vom Unterveterinär Wenstrup, der ihm seine Überzeugungen als Anarchist und Antimilitarist diskret mitteilt, irgendwann spurlos in der Wüste verschwindet und sein Buch „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“10 des bekannten russischen Anarchisten und Theoretikers Pjotr A. Kropotkin für Gottschalk zurücklässt. Während sich letzterer den Schriften Kropotkins annimmt, steigern sich die übrigen Truppenangehörigen in eine rasende Gewalt, in Rassismus, Deprivation und Alkoholismus. Schließlich wendet sich Gottschalk von der Truppe ab; jedoch scheitert er daran, die Kluft zwischen beiden Kulturen zu überwinden und er kehrt konsterniert, nachdem er seinen Truppendienst quittiert, in die deutsche Heimat zurück. An der Handlung des Romans nehmen neben den fiktiven Figuren Gottschalk und Wenstrup auch historische Personen teil11: der Oberbefehlshaber General Lothar von Trotha, die Kapitäne und Widerstandskämpfer Jakob Morenga und Samuel Maharero sowie - und das macht die retrospektiven Einschübe im Hinblick auf die frühe Kolonialzeit der ersten christlichen Missionare und europäischen Händler aus - der Händler Klügge und der Missionar Gorth, zwei Figuren innerhalb des dritten, episodischen Erzählstrangs. In diesem rekonstruiert Timm die Zeit vor 1904, als deutsche Missionare und Händler begannen, sich im Südwesten Afrikas niederzulassen. Die drei Kapitel „Landeskunde“ stellen solche legendenhaften, phantastischen und episodischen Einfügungen dar, die z.B. vom skrupellosen Klügge und seinem Branntweinfass erzählen.12 Die Frage nach der Bezeichnung „Morengas“ als Kolonialroman lässt sich nunmehr anhand der Lesart beantworten, nach der er einerseits ein historischer Roman ist, andererseits nicht den Anspruch erhebt, eine geschichtswissenschaftliche Darstellung des Aufstands der Nama und Herero zu sein. Vielmehr illustriert er als Kunstwerk die vielen Facetten, Folgen und Gräuel des deutschen Kolonialismus und offenbart auf diese Weise die Gewalt legitimierenden - und auch vernichtende Gewalt und Genozid legitimierenden - Konstruktionen, wie sie sich in der Kolonialliteratur finden.13 14

1.2 Zur Typologie des Kolonialromans „Morenga“

1.2.1 Erzählsituationen

Üben wir nun einen kurzen Blick vom kontextzentrierten Ansatz des Kolonialismus und Postkolonialismus hin zu einem textzentrierten Ansatz der Erzählsituationen im „Morenga“, so bietet sich uns die hilfreiche Einführung des Oberbegriffs der „Sprechsituation“ für die Erzählsituation einerseits und die „Besprechsituation“ andererseits von Lutz Hagestedt an, der u.a. die These aufstellt, dass sich zum einen ein mentalitätsgeschichtlicher Wandel zwischen dem Ende der 1960er und dem Beginn der 1990er Jahre in Uwe Timms Romanen erkennen lässt, zum anderen ein Teil der Bedeutung eines literarischen Textes in der sprachlichen Präsentation der Geschichte (histoire) liege, ein weiterer Teil darin, wie über diese Präsentation im Erzähl-discours reflektiert werde.15

Hagestedt vergleicht die Erzählstrategie in „Morenga“ mit denen der Tatsachenliteratur der 1960er, wie sie vor allem in der amerikanischen „Faction-Literatur“ zum Ausdruck komme und er konstatiert, dass sich der Roman „Morenga“ ebenso nach einer spezifischen Schablone realitätshaltiger Literatur erfassen lasse, dass die Montage des Fiktiven mit dem Faktisch-Realen sowohl Spannung und Literarität erzeuge, als auch den Bezug zur Geschichte (histoire) bewahre.16 Die „Sprechsituation“ des Romans Morenga ist Hagestedt zufolge dargestellt als kapitelweiser Turnus von Erzählsituation und „Besprechsituation“, als stetiger Wechsel von dokumentarischer Darstellung komplexer Sachverhalte und erzählender Darstellung der Vergangenheit. Als Beispiele ließen sich (1) für den Modus des „Besprechens“ das Kapitel „Gefechtsbericht 1“, z.B.:

Anfang Januar 1905 begann die Großoffensive gegen die im Aobgebiet sitzenden Witbooi-Hottentotten. Oberst Deimling hoffte, die Witbooi mit den inzwischen eingetroffenen Verstärkungen in einer konzentrischen Operation vernichten zu können (zerschmeißen). Getrennt marschieren, vereint schlagen. (M 85) und (2) für den Modus des Erzählens das Kapitel „Wenstrups Verschwinden“ heranziehen, z.B.:

Hier in Keetmannshoop fühlte sich Gottschalk erstmals seit seiner Abreise aus Hamburg wohl. So hatte er sich den Krieg in Südwest vorgestellt, nicht bequem, aber beschaulich und doch abwechslungsreich. (M 45)

Hagestedt erläutert seine These der „Sprechsituationen“ und des damit verbundenen Spannungsaufbaus desweiteren an Beispielen, die eine unterschiedliche Benutzung der Tempora verdeutlichen, und er konstatiert:

In der Erzählsituation dominieren die „Tempora der erzählten Welt“ (Präteritum, Plusquamperfekt), in der Besprechsituation die „Tempora der besprochenen Welt“ (Präsens, Perfekt).17

1.2.2 Polyperspektivität

Ein Sprecher, der die Ereignisse durchweg aus seiner Perspektive darstellt, der also personalisierbar und für den gesamten Text identifizierbar wäre, existiert im Roman nicht. Stattdessen gibt es eine allwissende Sprechinstanz des dokumentarischen Erzählens und „Besprechens“, d.h. ein abstrakte Instanz des Erzählens, die zum einen historische Ereignisse aus tradierten Quellen projiziert oder Ereignisse direkt schildert, zum anderen anonym und allgegenwärtig ist. Damit gelingt Uwe Timm eine Montage authentischer, den Roman wie eine Chronik zu lesen lassender Dokumente, die er gegen die narrative Strategie der Fiktion blendet.18 Uwe Timms Kunst des Erzählens ist meines Erachtens gerade, wechselnde Erzählebenen, unklare Erzählerstandorte und mehrere Perspektiven in Szene zu setzen. Daher kann ein vollständiges Vorhaben, Erzählperspektiven einzuordnen und mit einer Typologie (z.B. nach Stanzel) festzuhalten, vermutlich nur teilweise gelingen. Als Verständnishilfe oder Hintergrundaspekt bei der folgenden Untersuchung der Darstellung von Sprache und Gewalt - also auch bei dem kontextorientierten Versuch, anhand des Romans historische und soziale Zusammenhänge (Kolonialismus, Gewalt und Postkolonialismus) zu begreifen - ist das Wissen um die wechselnden Erzählebenen und die Polyperspektivität freilich sinnvoll. Aus der Perspektive des Lesers geht es dabei um die Konfrontation mit der deutschen Kolonialgeschichte und mit rassistischer Gewalt, aber auch - und das zeigt der noch genauer zu betrachtende Nama- Spracherwerbs durch Wenstrup und Gottschalk - um eine utopische oder zumindest scheinbar fern der Realität stehende Erzählung einer interkulturellen Begegnung.19

1.3 Zeitstruktur und Montage des Kolonialromans „Morenga“

Auf 444 Seiten der hier zugrunde gelegten dtv-Ausgabe des Romans „Morenga“ von 2008 wird das Romangeschehen in einer Zeitspanne von über fünfzig Jahren - nämlich die Jahre vor 1852 bis zum Tod Jakob Morengas 1907 - erzählt. 20 Eine präzisere Betrachtung der erzählten Zeit erfordert jedoch einen differenzierten Blick auf die drei Erzählebenen. Die Montage der Erzählebenen sowie die Montage der erzählten Zeit führen uns zu einem besseren Verständnis der zu untersuchenden Phänomene der Gewalt in der Sprache, da sie einen Einblick in die Ästhetik des Erzählens Uwe Timms gewähren. Erzählungen, so Timm, werden für den Leser nämlich erst dann interessant, wenn bestimmte Dinge hervorgehoben werden, das heißt auch sprachlich besonders und neu gekennzeichnet werden, wenn der Zeitlauf nicht dem realen Vorkommnis entsprechend linear nacherzählt wird, sondern Umkehrungen stattfinden, wodurch wiederum neu und anders interpretiert wird. Das Erzählen löst die Chronologie auf, die im alltäglichen Geschehen unumstößlich ist. Sie löst sie auf, um die vergangene Zeit zu einer neuen erzählten Zeit wieder zusammenzubauen. Dieser zeitliche Umbau setzt ganz wesentliche interpretierende Akzente. So werden die alltäglichen Dinge und Ereignisse aus ihrem Zu-Fall durch das Erzählen herausgehoben und neu gedeutet.21

[...]


1 TIMM, UWE: Morenga. Roman. 8. Aufl. München: dtv. 2008. Die im Folgenden hinter den Zitaten stehenden Ziffern sind Seitenangaben dieser Ausgabe.

2 Vgl. HOFMANN, MICHAEL: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn: Wilhelm Fink / UTB. 2006. S. 170f.

3 Vgl. HERMAND, JOST: Afrika den Afrikanern! Timms Morenga. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. v. Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. In Zusammenarb. mit Keith Bullivant. Köln: Kiepenheuer & Witsch. 1995. S. 47f.

4 Vgl. ebd. S. 50. Hermand führt beispielhaft die Bücher „Südwestafrika einst und jetzt“ von Hugo Blumhagen (1934) und „Kampf um Raum und Brot. Deutsches Soldatentum in Südwestafrika“ von Franz von Gaertner (1941) an.

5 Vgl. HERMAND, JOST: Afrika den Afrikanern! Timms Morenga (wie Anm. 3). S. 50f.

6 Vgl. ebd. S. 49-55.

Vgl. insb. auch YEO, LACINA: Uwe Timms Morenga - Paradigma eines deutschen Beitrags zum postkolonialen Diskurs. In: Weltengarten. Deutsch-afrikanisches Jahrbuch für interkulturelles Denken. Hrsg. v. Leo Kreutzer und David Simo. Hannover: Revonnah. 2006. S. 67-73.

Vgl. auch LÜTZELER, PAUL MICHAEL: Einleitung: Der postkoloniale Blick. In: Der postkoloniale Blick. Deutsche Schriftsteller berichten aus der Dritten Welt. Hrsg. v. Paul Michael Lützeler. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. 1997. S. 7-33.

7 Vgl. HOFMANN, MICHAEL: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung (wie Anm. 2). S.173.

8 Die ausschließliche Verwendung der maskulinen Formen (z.B. „der Leser“) geschieht in dieser Arbeit der besseren Lesbarkeit und Einfachheit halber und schließt die femininen Formen (z.B. „die Leserin“) mit ein.

9 Rainer Kußler verdeutlicht ähnlich Heinrich Roths Lernstufenkonzeption einen vierstufigen Lernprozess und reduziert ihn auf folgende wesentliche Bereiche: „auf Gottschalks Motivation, auf die fremde Kultur als Lernobjekt, auf seine Art des Umgangs mit diesem Objekt und auf seinen Lernerfolg.“ Vgl. hierzu KUßLER, RAINER: Interkulturelles Lernen in Uwe Timms Morenga. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. v. Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. In Zusammenarb. mit Keith Bullivant. Köln: Kiepenheuer & Witsch. 1995. S. 65-92, insb. S. 69.

10 KROPOTKIN, PETER: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Übersetzt, hrsg. u. mit einem Vorwort versehen von Gustav Landauer. Leipzig: Theodor Thomas. 1908. Mit einem weiteren Vorwort versehen u. 1975 erneut hrsg. v. Roel van Duyn. 2. Aufl. Berlin: Kramer. 1977.

11 Vgl. YEO, LACINA: Uwe Timms Morenga (wie Anm. 6). S. 68f.

12 Vgl. HOFMANN, MICHAEL: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung (wie Anm. 2). S.173.

13 BREHL, MEDARDUS: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur. In: Genozid und Gedächtnis. Hrsg. v. Institut für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhruniversität Bochum. München: Wilhelm Fink. 2007. S. 140.

14 Das typologische Modell der Erzählsituationen nach Franz Karl Stanzel soll hier im Folgenden zur überblicksartigen Analyse des Romans herangezogen werden. Vgl. daher STANZEL, FRANZ KARL: Theorie des Erzählens. 7. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. 2001.

15 HAGESTEDT, LUTZ: Von essenden Sängern und singenden Ochsen. Sprechsituationen bei Uwe Timm. In: Die Archäologie der Wünsche. Studien zum Werk von Uwe Timm. Hrsg. v. Manfred Durzak und Hartmut Steinecke. In Zusammenarb. mit Keith Bullivant. Köln: Kiepenheuer & Witsch. 1995. S. 245- 266. Hier insb. S. 245.

16 Vgl. ebd. S. 246f.

Vgl. auch WOLF, GREGORY H.: Morenga. By U. Timm. In: SHR Southern Humanities Review 37 (2003). Heft 4. S. 377-381.

17 Vgl. HAGESTEDT, LUTZ: Von essenden Sängern und singenden Ochsen (wie Anm. 15). S. 247.

18 Vgl. HOFMANN, MICHAEL: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung (wie Anm. 2). S.172.

19 Vgl. ebd. S. 176.

20 Die in diesem Abschnitt kurz behandelten Sachverhalte und Ansätze einer strukturalistischen erzähltheoretischen Analyse der Zeitstruktur und der Montage orientieren sich an Theoretikern der Narratologie, wie Gérard Genette. Sie sollen einen Beitrag leisten zu einer möglichst umfassenden Darstellung des eingangs umschriebenen und in den folgenden Abschnitten behandelten Problems der Gewalt durch Sprache im Kolonialroman „Morenga“.

Vgl. dazu FLUDERNIK, MONIKA: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Aufl. Darmstadt: WBG. 2008.

Vgl. auch KOCH, HANS-ALBERT: Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung für Anfänger. 2. Aufl. Darmstadt: WBG. 2004. Insb. Kap. 9.2 „Strukturalistische Narrativik“. S. 94-97.

21 TIMM, UWE: Erzählen und kein Ende. Köln: Kiepenheuer & Witsch. 1993. S. 102f.

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Details

Titel
Die Darstellung von Sprache und Gewalt in Uwe Timms Kolonialroman "Morenga"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Deutsches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
43
Katalognummer
V162303
ISBN (eBook)
9783640767670
ISBN (Buch)
9783640767953
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Note des Erstprüfers: sehr gut (1,0) Note des Zweitprüfers: sehr gut (1,3)
Schlagworte
Timm, Morenga, Gewalt, Kolonialismus, Kolonialliteratur, Deutsches Kaiserreich, Namibia, Herero, Nama
Arbeit zitieren
Ingo Roetgers (Autor), 2009, Die Darstellung von Sprache und Gewalt in Uwe Timms Kolonialroman "Morenga", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162303

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