Rationierung und Priorisierung von medizinischen Leistungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutschland

Kriterien und Modelle der Rationierung und Priorisierung im Kontext einer gerechtig-keitsethischen Gesundheitsversorgung


Hausarbeit, 2010

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung

1. Definitorische Grundlagen
1.1. Rationalisierung
1.2. Rationierung
1.2.1. Allokationsebenen nach Engelhardt
1.2.2. Rationierungsformen
1.3. Priorisierung
1.4. Zusammenhänge von Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung

2. Sollte aus wohlfahrtsökonomischer Perspektive rationiert werden?
2.1. Positiv
2.2. Normativ

3. Prinzipien, Kriterien und Modelle der Rationierung und Priorisierung
3.1. Kriterienmodelle zur Rationierung medizinischer Leistungen
3.2. Kriterienmodelle zur Priorisierung medizinischer Leistungen

4. Grundlagen des Sozialstaates und gerechtigkeitsethische Theorien
4.1. Sozialstaatsprinzipien
4.2. Gerechtigkeitsethische Theorien
4.3. Allokationsethik in der öffentlichen Gesundheitsversorgung - Normative Kriterien- und Modellbewertung
4.3.1. Präferierende Rationierungsformen
4.3.2. Vor- und Nachteile einer Altersrationierung
4.3.3. Inhaltliche Kriterien einer Vier-Stufen-Priorisierung

5. Schlussbemerkung

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Rationierungsformen differenziert nach Allokationsebenen

Abb.2: Dreiecksverhältnis Rationalisierung, Rationierung und rationale Allokation

Abb.3: Zusammenhänge zwischen Rationierung und Priorisierung - Zwei Modelle

Abb.4: Zulässige Priorisierungskriterien - Vier-Stufen-Modell

Anhang-Abb.1: Bedingungen , Strategien und Umgang mit der Ressourcenknappheit in der ÖFFENTLICHEN GESUNDHEITSVERSORGUNG

Tabellenverzeichnis

Anhang-Tab.1: Soziale Rationierungskriterien bei der Allokation von Gesundheitsgütern

Anhang-Tab.2: Soziomedizinische Rationierungskriterien bei der Allokation von Gesundheitsgütern

Anhang-Tab.3: Medizinische und medizinische Hilfskriterien zur Rationierung bei der Allokation von Gesundheitsgütern

Anhang-Tab.4: Personenbezogene Rationierungskriterien bei der Allokation von Gesundheitsgütern

Anhang-Tab.5: Formale und inhaltliche Kriterien einer gerechten Prioritätensetzung

Einleitung

Die Finanzierungsproblematik der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutsch­land wird sich aufgrund externer Umweltbedingungen und interner Bedingungen im Gesundheitswesen in den kommenden Jahren weiter intensivieren (vgl. Schirmer & Fuchs 2009). Zu den kontrovers diskutierten externen und internen Bedingungen werden in der Wissenschaft insbesondere die Faktoren der demographischen Ent­wicklung, eine abnehmende Qualität der sozialen Netze, die veränderten Ansprü­che der Patienten und deren Angehörigen, die fehlenden ökonomischen Anreizsys­teme für Patienten und Anbieter, eine zunehmende Spezialisierung der Medizin, ein allgemein medizin-technischer Fortschritt, die epidemiologische Transition, nicht vorhandene sektorenübergreifende Versorgungskonzepte, erhebliche Mana­gementdefizite und eine zunehmende Diskrepanz zwischen steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen diskutiert (vgl. Marckmann 2008; Offermanns 2007; Schirmer & Fuchs 2009).

Die aufgeführten Faktoren (siehe Anhang-Abb.1) werden zu einer erhöhten Nach­frage nach Gesundheitsleistungen und einem verminderten Angebot von Ressour­cen beitragen, die die Ressourcenknappheit in der öffentlichen Gesundheitsversor­gung verstärken wird (vgl. Marckmann 2008). Als Strategien zum Umgang mit der Mittelknappheit werden drei grundlegende Lösungen, die der Erhöhung der Mittel im Gesundheitswesen, die der Effizienzsteigerung (Rationalisierung) und die der Leistungsbegrenzung (Rationierung), vorgeschlagen. Ein vierter potentieller Lö­sungsansatz, die der medizinischen Prioritätensetzung (Priorisierung), wird über­dies vermehrt in der deutschsprachigen Literatur angeführt und im internationalen[1] Kontext bereits angewendet (vgl. Buyx et al. 2009; Marckmann 2008; Wohlgemuth et al. 2009).

Im Zusammenhang mit den vier Lösungsansätzen stellt sich zunächst die erste Frage: Nach welchen Grundprinzipien eine gerechte Gesundheitsversorgung zu organisieren ist? Nach Kersting (2007) und Marckmann (2008) sollte aus ökonomi­scher und ethischer Perspektive die Allokation von medizinischen Versorgungsleis­tungen nicht alleine dem Markt überlassen werden. Die Argumente des Marktver­sagens, der transzendentale Charakter des Gutes Gesundheit und das Vertragsar­gument unterstützen eine einkommensneutrale und solidargemeinschaftlich finan­zierte, öffentlich organisierte Gesundheitsversorgung (vgl. Kersting 2007; Marckmann 2008). Die Entscheidung für eine zumindest teilweise staatlich regulier­te Gesundheitsversorgung beantwortet jedoch nicht die zweite Frage: Nach wel­chen Verfahren und Kriterien die verfügbaren Ressourcen alloziiert werden sollten?

Aus Public Health-Perspektive nimmt die gerechtigkeitsethische Allokation von Gesundheitsgütern aufgrund einer zunehmenden Finanzierungsproblematik einen zentralen Stellenwert in der gesundheitspolitischen Diskussion ein. Deshalb soll in dieser Arbeit der Fragestellung nachgegangen werden welche Rationierungskri­terien und Priorisierungsmodelle zur Alllokation von Gesundheitsgütern vor­handen sind und wie exemplarisch einzelne Kriterien im Kontext einer ge­rechtigkeitsethischen Gesundheitsversorgung normativ zu bewerten wären?

Hierzu werden im ersten Kapitel definitorische Grundlagen und Zusammenhangs­modelle von Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung einleitend vorgestellt. Im zweiten Kapitel wird aus positiver und normativer Sicht die Frage, „ob aus wohl­fahrtsökonomischer Perspektive rationiert werden sollte?“, beantwortet, um die Notwendigkeit der hier gestellten Fragestellung hervorzuheben. Im Anschluss wer­den die in der wissenschaftlichen Literatur am häufigsten diskutierten formalen und inhaltlichen Allokationskriterien und Prinzipien einer möglichen Rationierung (Kap. 3.1) und Priorisierung (Kap. 3.2) von medizinischen Gesundheitsleistungen vorge­stellt. Das vierte Kapitel stellt die im Zusammenhang mit einer gerechtigkeitsethi­schen Gesundheitsversorgung diskutierten grundlegenden Sozialstaatsprinzipien (Kap. 4.1) und theoretischen Konzeptionen (Kap. 4.2) vor, bevor diese im Kontext der zuvor vorgestellten Rationierungs- und Priorisierungskriterien normativ bewer­tet (Kap. 4.3) werden. Bei der normativen Bewertung wird sich allgemein auf die zu präferierenden Rationierungsformen, dem exemplarischen Rationierungskriterium „Alter“ sowie den inhaltlichen Kriterien einer potentiellen Prioritätensetzung konzen­triert. Abschließend erfolgen im fünften Kapitel eine Zusammenfassung der Ergeb­nisse und eine kritische Stellungnahme zu potentiellen Konsequenzen, die aus der Beantwortung der Fragestellung hervorgehen könnten.

1. Definitorische Grundlagen

Um ein einheitliches Begriffsverständnis zu schaffen, werden vorab die primären definitorischen Grundlagen und deren spezifischen Zusammenhänge für eine öf­fentliche Gesundheitsversorgung dargestellt.

1.1. Rationalisierung

Rationalisierung bezieht sich explizit auf den Umgang mit begrenzten Ressourcen. Maßnahmen der Rationalisierung zielen auf eine dauerhafte und dynamische Effi­zienz- und Produktivitätssteigerung beim Leistungserstellungsprozess ab (vgl. Fuchs et al. 2009; Wohlgemuth et al. 2009). Unwirksame oder weniger wirksame Maßnahmen, die die gleichen Kosten verursachen wie alternative Maßnahmen können so erkannt und gestrichen[2] [3] werden, „(...) ohne das den Patienten Notwen­diges oder Nützliches vorenthalten werden muss“ (Fuchs et al. 2009, S. A554). Die Gesundheit, die individuelle Lebensqualität und die Qualität der Versorgung wer­den hierdurch nicht beeinträchtigt (vgl. Buyx et al. 2009; Schirmer & Fuchs 2009).

Insgesamt nutzen Rationalisierungsmaßnahmen potentielle Wirtschaftlichkeitsre­serven aus, um eine Nutzenmaximierung aufgrund einer Optimierung der Input­Relation zu erlangen (vgl. Offermanns 2007). Diese Effizienzsteigerung bezieht sich nicht nur auf den organisatorischen und verwaltungstechnischen Bereich, son­dern darüber hinaus auch auf therapeutische und diagnostische Verfahren im Gesundheitswesen (vgl. Fuchs et al. 2009). Rationalisierungsmaßnahmen können folglich als durch die Vernunft begründete sinnvolle Handlungen, die darauf abzielen, bei gleichbleibendem finanziellem Aufwand das Versorgungsniveau zu erhöhen oder bei geringerem finanziellem Aufwand das Versorgungsniveau zu halten“ (Fuchs et al. 2009, S. A554) definiert werden. Nach Wohlgemuth et al. (2009) stellt die Rationalisierung eine Option dar, um den zunehmenden finanziellen Ressourcenmangel im Gesund­heitswesen zu begegnen. Demgegenüber stehen Mack (2001) und Fuchs et al. (2009), die davon ausgehen, dass mit dem ausschließlich vorhandenen Rationali­sierungspotential das finanzielle Ressourcendefizit nicht auszugleichen sein wird.

1.2. Rationierung

In der wissenschaftlichen Literatur lassen sich verschiedene normative sowie de­skriptive Begriffsbestimmungen der Rationierung mit unterschiedlichen Abgren­zungskriterien identifizieren (vgl. Mack 2001).

Kühn (1991) definiert Rationierung als die ökonomische, juristische und ethisch legitimierte Verweigerung medizini­scher Leistungen auch dann, wenn sie klinisch anerkannt sind und ihr Nutzen un­bestritten ist“ (Kühn 1991, S. 3f), wohingegen die Zentrale Ethikkommission (2000) die Rationierung als ,,(...) die Verweigerung von ,an sich notwendigen‘ bzw. ,gesundheitlich notwendi­gen‘, gesellschaftlich verfügbaren und aus Patientensicht akzeptablen Leistungen aus Gründen der Mittelknappheit (ZEKO 2000, S. A-1019) versteht. Bei der Definition von Kühn steht das Abgrenzungskriterium der legitimier­ten Verweigerung und bei der ZEKO die Mittelknappheit im Fokus (vgl. Rothgang 2007). Beiden normativen Abgrenzungskriterien müssten bei einer ökonomischen (ZEKO 2000) sowie bei einer juristischen und ethischen Bewertung (Kühn 1991) des Rationierungsbegriffes per se negativ ausfallen, weil das Menschenrecht auf Gesundheit und das Wirtschaftlichkeitsgebot3 des Sozialgesetzbuches verletzt werden würden (vgl. Mack 2001).

Eine erste deskriptive Definition determiniert Rothgang (1999) mit der Formulie­rung, dass mit Rationierung ein Prozess gemeint ist, ,,(...) bei dem einzelne Patienten oder ganzen Patientengruppen medizinische und/oder paramedizinische Leistungen vorenthalten werden, obwohl diese geeig­net sind, den Gesundheitszustand der Betroffenen zu verbessern bzw. eine Ver­schlechterung zu verhindern oder zu verzögern (,medizinisch sinnvolle‘ Leistun­gen)“ (Rothgang 1999, S. 134).

Diese Definition beinhaltet nicht die normativen Abgrenzungskriterien der Legitima­tion sowie der Mittelknappheit (vgl. Rothgang 2007). Mit dem Begriff der .medizi­nisch sinnvollen' Leistungen den Rothgang (1999) beschreibt, wird das Abgren­zungskriterium des zuvor angeführten Wirtschaftlichkeitsgebots begrifflich umgan­gen, jedoch nicht das Kriterium des Menschenrechts auf Gesundheit. Um den Be­griff der Rationierung jedoch völlig bewertungsoffen je nach Rationierungsform und deren Auswirkungen für die Betroffenen ethisch diskutieren zu können, bedarf es Vgl. hierzu §12 SGB V (Walhalla Fachredaktion 2009, S. 396).. nach Mack (2001) einer rein deskriptiven Begriffsbestimmung. Mack definiert Rati­onierung im Gesundheitswesen als die [öffentliche] Zuteilung bzw. die Verteilung von knappen und begrenzt vor­handenen Gesundheitsgütern ebenso wie pflegerischer oder medizinischer Maß­nahmen unter der Bedingung, dass die Nachfrage größer ist als das Angebot“ (Mack 2001, S. 21).

Bei der Definition von Mack steht allein die Entwicklung von potentiellen Gerechtig­keitskriterien für die Ver- und Zuteilung von medizinischen, menschenrechtlichen und pflegerischen Grundgütern zur Versorgung der jeweiligen Gesellschaft im Fo­kus der Debatte (vgl. Mack 2001). Der von Mack definierte Rationierungsbegriff stellt für die Beantwortung der in dieser Arbeit zu bearbeitenden Fragestellung die geeignetste Grundlage für weitere gerechtigkeitsethische Bewertungen und Dis­kussionen, in Bezug auf potentielle Rationierungs- und Priorisierungsmodel­le/formen, dar und wird infolgedessen als Ausgangspunkt fortführender Erläuterun­gen festgesetzt.

Um die gerechtigkeitsethischen Auswirkungen einer Rationierung und Priorisierung von Gesundheitsleistungen kritisch diskutieren zu können bedarf es weiterhin einer vollständigen Übersicht denkbarer Rationierungsformen sowie deren Einteilung in die jeweiligen Allokationsebenen.

1.2.1. Allokationsebenen nach Engelhardt

Zur Einteilung der verschiedenen Rationierungsformen „(...) wird primär ein Vier- Stufen-Modell verwendet, welches auf Tristram H. Engelhardt zurückgeht [vgl. En­gelhardt 1988] (...)“ (Kamm 2006, S. 23f). In diesem Ebenenmodell werden vier Allokationsstufen (siehe Abb.1), Makroebene I und II und Mikroebene I und II, von­einander unterschieden (vgl. Kamm 2006). Die Higher-level macroallocational choices (Makroebene I) sind Entscheidungen der globalen Ressourcenverteilung der öffentlichen Gesundheitsausgaben am Bruttosozialprodukt. Auf dieser Ebene steht die Gesundheitsversorgung in Konkurrenz mit anderen vom Staat finanzierten Aufgabenbereichen (vgl. Lay & Hansmeier 2004; Kamm 2006). Mit den Lower-level macroallocational choices (Makroebene II) wird das Gesamtbudget für die Gesundheitsversorgung auf unterschiedliche Sektoren, wie beispielsweise für Prä­vention, Therapie oder auch Rehabilitation, entsprechend den gesundheitspoliti­schen Zielen verteilt. Bei der Mikroebene I (Higher-level microallocational choices) werden die Prinzipien zur Verteilung der Ressourcen festgelegt. Hier steht insbe­sondere die Kriterienfindung zur Ressourcenverteilung für die spezifischen Patien- tengruppen im Vordergrund. Die direkte Verteilung von Leistungen an den einzel­nen Patienten charakterisiert die Mikroebene II (Lower-level microallocational choices) (ebd.).

„Allgemein lässt sich eine strukturelle Abhängigkeit dieser vier Ebenen konstatie­ren: Veränderungen auf einer Ebene beeinflussen die Gestalt der anderen“ (Kamm 2006, S. 24). Die Beeinflussung unterscheidet Schöne-Seifert (1988) zudem noch in anonym-abstrakte und in direkt-persönliche Entscheidungen. „Sie identifiziert die Mikroebene II als direkt-persönliche Allokationsebene, die anderen bezeichnet sie als anonym-abstrakt“ (Kamm 2006, S. 25).

Zu den vier Allokationsstufen nach Engelhardt (1988) fügt Wallner (2003) eine wei­tere Ebene, die der internationalen Forschungsallokation, hinzu. Auf der Ebene der internationalen Forschungsallokation wird den Fragen nachgegangen, nach wel­chen Medikamenten geforscht und welche auf dem Markt eingeführt werden sol­len? Wallner (2003) schreibt dieser fünften Ebene, aufgrund der zunehmenden Bedeutung von pharmazeutischen und medizintechnischen Allokationen, eine im­mer gewichtigere Rolle zu (ebd.). Um die fünfte Ebene in das Vier-Stufen-Modell von Eberhardt zu integrieren, könnte die Makroebene I nach supranationaler und nationalstaatlicher Zuständigkeit (siehe Abb.1) differenziert werden, sodass die Ebene der internationalen Forschungsallokation der supranationalen Makroebene I zuzuordnen wäre.

1.2.2. Rationierungsformen

Die quantitative Festlegung der Gesundheitsressourcen4 auf der Makroebene I wird von Breyer & Schultheiss (2002) als primäre Rationierung bezeichnet. Demgegen­über steht die sekundäre Rationierung, die die Ver- und Zuteilung der Ressourcen innerhalb des Gesundheitssystems auf der Makroebene II sowie den Mikroebenen I und II beschreibt (siehe Abb.1). Weiterhin wird noch zwischen direkter (personen­orientierter) und indirekter (ressourcenorientierte) Rationierung unterschieden. Die direkte Rationierung findet auf der Mikroebene II statt, und ist durch die direkte Vorenthaltung von bestimmten Gesundheitsressourcen im Arzt-Patienten­Verhältnis gekennzeichnet. Bei übergeordneten Allokationsentscheidungen auf der Mikroebene I und den Makroebenen I und II, wobei der Patient keine Rolle spielt, Mit Gesundheitsressourcen sind auch die Ressourcen von Wallner (2003) angespro­chen, die der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie zuzuordnen sind.

sondern statistische Wahrscheinlichkeiten, wird von indirekter Rationierung ge­sprochen (ebd.).

Abb.1: Rationierungsformen differenziert nach Allokationsebenen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Kamm (2006), S. 27.

Außerdem wird zwischen harter und weicher Rationierung auf der Makroebene I differenziert (vgl. Kamm 2006). Unter harter Rationierung wird die Festlegung eines vorab definierten solidarischen[4] Versorgungsniveaus, welches nicht durch einen privaten Zukauf von Leistungen überschritten werden darf, verstanden (vgl. Fuchs et al. 2009; Rothgang 1999, 2009). Gegenüber der harten, darf bei der weichen Rationierung das zuvor festgelegte Versorgungsniveaus über einen privat finanzier­ten Hinzukauf von Leistungen ergänzt werden (ebd.).

Der Ausschluss von Patienten oder Patientengruppen von bestimmten Leistungen nach von außen objektiv festgelegten Kriterien auf der Mikroebene I wird nach Fuchs (1998) als explizite Rationierung definiert. Wenn objektive Kriterien fehlen, dann spricht Fuchs von implizierter Rationierung auf der Mikroebne II. Die implizite Form der Rationierung ist das Resultat von Budgetierungen und anderen finanziel­len Anreizsystemen, welche von den Leistungserbringern direkt erfolgt (vgl. Roth- gang 2009). Darüber hinaus werden im Zusammenhang mit der expliziten und im­pliziten Rationierung auch die Rationierungsformen der offenen und verdeckten Rationierung auf der Mikroebene II von Fuchs (1998) determiniert. Offene Rationie­rung soll die Transparenz der festgelegten Kriterien unter,,(...) medizinischen, öko­nomischen, ethischen und sozialpolitischen Aspekten (...)“ (Fuchs 1998, S. 44, zitiert nach Kamm 2006, S. 30) gewährleisten. Bei der verdeckten Rationierung hingegen besteht keine Transparenz der angewendeten Zuteilungskriterien (ebd.).

1.3. Priorisierung

Bei einer Priorisierung werden ,,(...) Listeneinträge mithilfe eines oder mehrerer Kriterien in eine Rangfolge ihrer Wichtigkeit gebracht“ (Buyx et al. 2009, S. 202). Der Ordnungsrahmen[5] der Priorisierung bildet eine Prioritäten-Skala, die die Ver­sorgungsleistungen nach Prioritätsrängen[6] differenziert. Niedriger eingestufte Leis­tungen werden höher eingestufter Prioritäten nachgeordnet. Die Nachordnung der Leistungen wird als Gegenteil der Priorisierung dekliniert und Posteriorisierung ge­nannt (vgl. ZEKO 2000; Buyx et al. 2009). Diese mehrstufig, priorisierte Rangreihe bildet den Ausgangspunkt für die Methoden zur individuellen gesundheitlichen Be­handlung bestimmter Krankheitsfälle, Krankheitsgruppen und Versorgungsziele (vgl. Fuchs et al. 2009). Nach Meyer (2009) kann die Prioritäts-Skala bereits eine Form der direkten Rationierung sein, muss sie aber nicht, weil sie gleichermaßen auch eine Form der Rationalisierung, der Aufwärtspriorisierung[7], oder der Verbes­serung der Versorgungsqualität darstellen kann.

Wenn eine Prioritäten-Skala für einen zuvor eingeschränkten Versorgungsbereich wie zum Beispiel für Herzerkrankungen eingeführt wird, definiert dies eine vertikale Priorisierung der Versorgungsleistungen. Übergreifende Prioritäten in verschiede­nen Krankheitsgruppen oder bei Versorgungszielen werden hingegen als horizon­tale Priorisierungen bezeichnet (ebd.).

1.4. Zusammenhänge von Rationalisierung, Rationierung und Priori­sierung

Den Zusammenhang zwischen Rationalisierung und Rationierung etabliert Güntert (1999) mit dem Begriff der .rationalen Allokation'. Mit der rationalen Allokation wird ein strategisches Dreiecksverhältnis beschrieben, welches ,,(...) auf eine Steige-

Definitorische Grundlagen Zusammenhänge von Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung rung des systemischen Gesamtnutzens des Gesundheitssystems abzielt und ein gesellschaftliches Wohlfahrtsoptimum erreichen möchte“ (Wallner 2003, S. 521).

Es handelt sich hierbei um rationale Entscheidungen auf der Makroebene, die den zweckdienlichen Einsatz von begrenzten Ressourcen steuern soll. Die Rationie­rung zielt hierbei auf die Effizienz der zu bereitstellenden Leistungen, in Abhängig­keit des Finanzierungspotentials, und die Rationalisierung auf die quantitative Ver­besserung der Input-Relation des Ressourceneinsatzes ab (siehe Abb.2). Das Er­gebnis beider Faktoren bildet die Effektivität in Bezug auf die rationale Allokation (vgl. Offermanns 2007).

Abb.2: Dreiecksverhältnis Rationalisierung, Rationierung und rationale Allokation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Offermanns (2007), S. 50.

Desweiteren beschreibt Mayer (2009) den Zusammenhang von Rationierung und Priorisierung aus zwei unterschiedlichen Perspektiven (siehe Abb.3). Zum eine aus der Sicht der expliziten Priorisierung und zum anderen aus der Rationierungsper­spektive (vgl. Mayer 2009). Während die Priorisierungsperspektive eine normative Funktion darstellt und sich dazu eignet Priorisierungsprozesse in der Medizin zu steuern und Priorisierung als eine notwendige Voraussetzung einer expliziten Rati­onierung ansieht (vgl. ZEKO 2000), stellt das Modell der Rationierungsperspektive eine deskriptive[8] Funktion dar, mit der in der Gesellschaft latent vorhandene Priori- sierungen und Priorisierungskriterien erkannt werden können (vgl. Mayer 2009). Beide Modelle ,,(...) zeigen dabei den zentralen Stellenwert von Priorisierung in der medizinischen Ressourcenallokation auf“ (Mayer 2009, S. 234f).

[...]


[1] Zur internationalen Anwendung und Diskussion der Priorisierung von medizinischen Leistungen vgl. auch Meyer & Raspe (2009), Preusker (2004, 2007) und Sabik & Lie (2008).

[2] Z.B. unnötige Operationen oder Röntgenaufnahmen (vgl. SVR 2001).

[3] Vgl. hierzu §12 SGB V (Walhalla Fachredaktion 2009, S. 396)..

[4] Mit Gesundheitsressourcen sind auch die Ressourcen von Wallner (2003) angesprochen, die der pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie zuzuordnen sind

[5] Wird obligatorisch über Steuern und/oder Beiträgen finanziert (vgl. Rothgang 1999, 2009).

[6] In Bezug auf die ,,(...) Vorrangigkeit bestimmter Indikationen, Patienten- gruppen oder Verfahren vor anderen“ (ZEKO 2000, S. A-1019).

[7] „An deren oberen Ende steht das, was nach Datenlage und öffentlichen Konsens höchste Priorität hat“ (ZEKO 2000, S. A-1019).

[8] Hierunter sind die Einführungen neuer nützlicher Technologien zu verstehen (vgl. Mayer 2009).

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Rationierung und Priorisierung von medizinischen Leistungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutschland
Untertitel
Kriterien und Modelle der Rationierung und Priorisierung im Kontext einer gerechtig-keitsethischen Gesundheitsversorgung
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
40
Katalognummer
V162322
ISBN (eBook)
9783640759767
ISBN (Buch)
9783640760145
Dateigröße
727 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rationierung, Priorisierung, medizinische Leistungen, öffentliche Gesundheitsversorgung, Gerechtigkeit, Ethik, Kriterien, Modelle
Arbeit zitieren
Sebastian Sauer (Autor), 2010, Rationierung und Priorisierung von medizinischen Leistungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162322

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