Die Finanzierungsproblematik der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutschland wird sich aufgrund externer Umweltbedingungen und interner Bedingungen im Gesundheitswesen in den kommenden Jahren weiter intensivieren (vgl. Schirmer & Fuchs 2009). Zu den kontrovers diskutierten externen und internen Bedingungen werden insbesondere die Faktoren der demographischen Entwicklung, eine abnehmende Qualität der sozialen Netze, die veränderten Ansprüche der Patienten und deren Angehörigen, die fehlenden ökonomischen Anreizsysteme für Patienten und Anbieter, eine zunehmende Spezialisierung der Medizin, ein allgemein medizin-technischer Fortschritt, die epidemiologische Transition, nicht vorhandene sektorenübergreifende Versorgungskonzepte, erhebliche Managementdefizite und eine zunehmende Diskrepanz zwischen steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen diskutiert (vgl. Marckmann 2008; Offermanns 2007; Schirmer & Fuchs 2009).
Die aufgeführten Faktoren werden zu einer erhöhten Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und einem verminderten Angebot von Ressourcen beitragen, die die Ressourcenknappheit in der öffentlichen Gesundheitsversorgung verstärken wird (vgl. Marckmann 2008). Als Strategien zum Umgang mit der Mittelknappheit werden drei grundlegende Lösungen, die der Erhöhung der Mittel im Gesundheitswesen, die der Effizienzsteigerung (Rationalisierung) und die der Leistungsbegrenzung (Rationierung), vorgeschlagen. Ein vierter potentieller Lö-sungsansatz, die der medizinischen Prioritätensetzung (Priorisierung), wird überdies vermehrt in der deutschsprachigen Literatur angeführt (vgl. Buyx et al. 2009; Marckmann 2008; Wohlgemuth et al. 2009).
Im Zusammenhang mit den vier Lösungsansätzen stellt sich die erste Frage: Nach welchen Grundprinzipien eine gerechte Gesundheitsversorgung zu organisieren ist? Nach Kersting (2007) und Marckmann (2008) sollte aus ökonomischer und ethischer Perspektive die Allokation von medizinischen Versorgungsleistungen nicht alleine dem Markt überlassen werden. Die Argumente des Marktversagens, der transzendentale Charakter des Gutes Gesundheit und das Vertragsargument unterstützen eine einkommensneutrale und solidargemeinschaftlich finanzierte, öffentlich organisierte Gesundheitsversorgung. Die Entscheidung für eine zumindest teilweise staatlich regulierte Gesundheitsversorgung beantwortet jedoch nicht die zweite Frage: Nach welchen Verfahren und Kriterien die verfügbaren Ressourcen alloziiert werden sollten?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Definitorische Grundlagen
1.1. Rationalisierung
1.2. Rationierung
1.2.1. Allokationsebenen nach Engelhardt
1.2.2. Rationierungsformen
1.3. Priorisierung
1.4. Zusammenhänge von Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung
2. Sollte aus wohlfahrtsökonomischer Perspektive rationiert werden?
2.1. Positiv
2.2. Normativ
3. Prinzipien, Kriterien und Modelle der Rationierung und Priorisierung
3.1. Kriterienmodelle zur Rationierung medizinischer Leistungen
3.2. Kriterienmodelle zur Priorisierung medizinischer Leistungen
4. Grundlagen des Sozialstaates und gerechtigkeitsethische Theorien
4.1. Sozialstaatsprinzipien
4.2. Gerechtigkeitsethische Theorien
4.3. Allokationsethik in der öffentlichen Gesundheitsversorgung – Normative Kriterien- und Modellbewertung
4.3.1. Präferierende Rationierungsformen
4.3.2. Vor- und Nachteile einer Altersrationierung
4.3.3. Inhaltliche Kriterien einer Vier-Stufen-Priorisierung
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Herausforderungen der Finanzierung und Ressourcenknappheit im deutschen Gesundheitswesen und analysiert, welche Rationierungskriterien und Priorisierungsmodelle ethisch gerechtfertigt angewendet werden können, um eine normativ fundierte Allokation von Gesundheitsleistungen zu gewährleisten.
- Grundlegende Begriffsbestimmungen von Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung.
- Wohlfahrtsökonomische Analyse der Notwendigkeit von Leistungsbegrenzungen.
- Kritische Diskussion ethischer Kriterienmodelle für die Ressourcenverteilung.
- Normative Bewertung von Rationierungsmodellen im Kontext sozialstaatlicher Gerechtigkeitstheorien.
Auszug aus dem Buch
1.1. Rationalisierung
Rationalisierung bezieht sich explizit auf den Umgang mit begrenzten Ressourcen. Maßnahmen der Rationalisierung zielen auf eine dauerhafte und dynamische Effizienz- und Produktivitätssteigerung beim Leistungserstellungsprozess ab (vgl. Fuchs et al. 2009; Wohlgemuth et al. 2009). Unwirksame oder weniger wirksame Maßnahmen, die die gleichen Kosten verursachen wie alternative Maßnahmen können so erkannt und gestrichen werden, (...) ohne das den Patienten Notwendiges oder Nützliches vorenthalten muss“ (Fuchs et al. 2009, S. A554). Die Gesundheit, die individuelle Lebensqualität und die Qualität der Versorgung werden hierdurch nicht beeinträchtigt (vgl. Buyx et al. 2009; Schirmer & Fuchs 2009).
Insgesamt nutzen Rationalisierungsmaßnahmen potentielle Wirtschaftlichkeitsreserven aus, um eine Nutzenmaximierung aufgrund einer Optimierung der Input-Relation zu erlangen (vgl. Offermanns 2007). Diese Effizienzsteigerung bezieht sich nicht nur auf den organisatorischen und verwaltungstechnischen Bereich, sondern darüber hinaus auch auf therapeutische und diagnostische Verfahren im Gesundheitswesen (vgl. Fuchs et al. 2009).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die zunehmende Finanzierungsproblematik im deutschen Gesundheitswesen und führt in die Lösungsansätze Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung ein.
1. Definitorische Grundlagen: Dieses Kapitel definiert und differenziert die Begriffe Rationalisierung, Rationierung und Priorisierung sowie deren Allokationsebenen.
2. Sollte aus wohlfahrtsökonomischer Perspektive rationiert werden?: Es wird untersucht, ob Rationierungsmuster bereits existieren und ob eine Rationierung aus wohlfahrtökonomischer Sicht normativ wünschenswert ist.
3. Prinzipien, Kriterien und Modelle der Rationierung und Priorisierung: Das Kapitel stellt die wichtigsten ethischen Kriterien und Modelle zur Steuerung der Ressourcenallokation vor.
4. Grundlagen des Sozialstaates und gerechtigkeitsethische Theorien: Hier werden soziale und ethische Theorien dargelegt, um Rationierungs- und Priorisierungsmodelle normativ zu bewerten.
5. Schlussbemerkung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst und die Notwendigkeit einer transparenten gesellschaftlichen Diskussion über die Allokation von Gesundheitsgütern betont.
Schlüsselwörter
Rationierung, Priorisierung, Rationalisierung, Gesundheitsversorgung, Allokation, Gerechtigkeitsethik, Sozialstaat, Gesundheitswesen, Ressourcenknappheit, Kosteneffektivität, Medizinische Leistungen, Ethik, Budgetierung, Patientenwohl, Versorgungsqualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der zunehmenden Ressourcenknappheit im deutschen Gesundheitswesen und den ethischen Strategien, wie medizinische Leistungen gerecht verteilt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind Rationierung, Priorisierung, ökonomische Effizienzsteigerung (Rationalisierung) und die ethische Fundierung der Ressourcenallokation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, bestehende Rationierungskriterien und Priorisierungsmodelle zu identifizieren und diese exemplarisch aus einer gerechtigkeitsethischen Perspektive normativ zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse der wissenschaftlichen Fachliteratur zu ethischen Theorien, gesundheitsökonomischen Prinzipien und existierenden Modellen zur Allokation von Gesundheitsleistungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die definitorischen Grundlagen, wohlfahrtsökonomische Hintergründe, verschiedene Kriterienmodelle der Rationierung und Priorisierung sowie eine normative Bewertung dieser Modelle vor dem Hintergrund sozialstaatlicher Prinzipien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rationierung, Priorisierung, Gerechtigkeitsethik, Ressourcenallokation und Kosteneffektivität.
Was besagt das Vier-Stufen-Modell der Priorisierung?
Das Vier-Stufen-Modell der ZEKO klassifiziert medizinische Leistungsansprüche nach ihrer Dringlichkeit und ethischen Zulässigkeit, von der Lebensrettung bis hin zur allgemeinen Stärkung von Körperfunktionen.
Wie unterscheidet sich Rationierung von Rationalisierung?
Während Rationalisierung auf Effizienzsteigerung ohne Qualitätsverlust abzielt, bedeutet Rationierung eine tatsächliche Leistungsbegrenzung bzw. den Vorenthalt medizinisch wirksamer Behandlungen.
- Quote paper
- Sebastian Sauer (Author), 2010, Rationierung und Priorisierung von medizinischen Leistungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162322