Künstliche Menschen

Die Differenzierung zwischen Künstlichem und Menschlichem anhand zweier Filmbeispiele


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prometheus geistige Erben

3. Der künstliche Mensch im Film
3.1. James Whales„Frankenstein“
3.1.1. Inhaltsangabe
3.2. Ridley Scotts „Blade Runner”
3.2.1. Inhaltsangabe

4. Analyse
4.1. Die Differenzierung zwischen Künstlichem und Menschlichem
4.2. Erfindungsgeist

5. Abschlussbetrachtung

6. Literatur

7. Filme

1. Einleitung

Für das Horrorgenre steht das zu übermittelnde Gefühl des Grauens, der Angst oder des Ekels im zentralen Vordergrund und thematisiert dabei meist den Tod.[1] Menschen bezahlen beispielsweise bei Geisterbahnbesuchen oder bei Kinovorstellungen für die Konfrontation mit dieser Empfindung und den daraus resultierenden Lustgewinn.[2] In zahlenreichen Horrorfilmen sieht man in diesem Zusammenhang oft aus dem Tod hervorgehende Wesen, die den Menschen Unheil und Zerstörung verkünden oder auch die Flucht einzelner Überlebender vor den Untoten.

Während sich hier eine Vielzahl von Darstellungen mit der Zielsetzung beschäftigt, dem Menschen als Lebewesen den Tod zu bringen, war es auf der anderen Seite schon immer ein kulturübergreifender Menschheitstraum dem göttlichen Schöpfungsgedanken nachzueifern und ein lebendiges Ebenbild aus totem Material zu erschaffen, nicht auf dem natürlichen Weg, durch einen zuvor stattgefunden Zeugungsakt und Geburt, sondern unter künstlichen Bedingungen. Bereits in der griechischen Mythologie beschäftigten sich zahlreiche Geschichten mit der Erschaffung künstlichen Lebens, deren Inhalt noch heute von aktueller Brisanz ist und nahrhaften Gesprächsstoff bei Diskussionen in Bereichen der modernen Genforschung oder bei der Entwicklung humanoider Roboter bietet. Aber auch für das Kino ist diese Thematik speziell im Bereich der Science-Fiction und des Horrors nicht mehr weg zu denken und wird mit ansehnlicher Beliebtheit in vielfacher Modifikation immer wieder aufgegriffen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Erschaffung künstlicher Menschen unter der schwerpunktmäßigen Betrachtung des Motivs der Künstlichkeit und ihrer Differenzierung zum Menschlichen. Ich werde diese Materie nicht in ihrer Vollständigkeit behandeln, da das den Rahmen einer Hausarbeit überschreiten würde. Ich versuche stattdessen anhand zweier ausgewählter Filme die Fragestellung, was den Menschen von seinem künstlichen Ebenbild unterscheidet und das interpersonelle Verhältnis zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung zu erläutern. Ich werde dazu keine umfassende Filmanalyse beider Werke präsentieren, sondern diese nur anhand der Untersuchungskriterien abtasten. Für die Bearbeitung meines Sachverhaltes habe ich mich für James Whales „Frankenstein“,[3] sowie für Ridley Scotts „Blade Runner“[4] entschieden. Ich behandele die genannten Verfilmungen und nicht ihre literarischen Vorlagen, da heutzutage die meisten klassischen Mythen und Legenden über die Kinoleinwand vermittelt werden und so am besten und schnellsten an Popularität gewinnen. Desweiteren verinnerlichen beide Filme denselben prometheischen Mythos, den der Erschaffung lebendiger Menschen, und veranschaulichen ein ähnliches feindseliges Verhältnis zwischen Schöpfer und Schöpfung. Ich betrachte zwei Genres, die des klassischen Horrorfilms und der Science-Fiction, welche sich beide im Bereich des Phantastischen ansiedeln, einem Zweig, in dem die Aufhebung von Naturgesetzen in einem visionären Raum legitimiert ist, nicht zwangsläufig begründet werden muss und Sachverhalte aufgezeigt werden können, die in der heutigen Zeit meist (noch) nicht möglich sind.[5]

Zu Beginn gebe ich eine kurze Übersicht über unterschiedliche Vorstellungen zur Erschaffung künstlicher Menschen vergangener Epochen aus verschiedenen Bereichen der Literatur, Wissenschaft und Kunst, die meiner Meinung nach die literarischen Vorlagen meiner ausgewählten Filme entscheidend prägten. Folgend stelle ich jeweils beide Filme in einer kurzen Zusammenfassung vor. In der nachstehenden Analyse werden diese auf die Untersuchungskriterien meiner Fragestellungen geprüft. In der Abschlussbetrachtung meiner Hausarbeit setze ich die herausgearbeiteten Erkenntnisse in Bezug zur aktuellen Forschung. Ich hoffe mit dieser Darstellung eine interesseweckende Einsicht in die Thematik der künstlichen Menschen geben zu können.

2. Prometheus geistige Erben

Kaum ein anderer Mythos wie der des Prometheus[6] konnte von der Antike bis heute über alle Zeitalter und Fachrichtungen hinaus vergleichbar an seiner Faszination festhalten. Prometheus gehörte zu dem vorolympischen Göttergeschlecht der Titanen. Er ersehnte die von den Tieren belebte irdische Welt nicht den Olympiern allein zu überlassen, weshalb er auf die Erde ging und den Menschen aus Ton und Wasser formte, der als göttliches Ebenbild dort fortan existieren sollte. Mit der zusätzlichen Gabe des Feuers hat er den Menschen die Möglichkeit zur kulturellen und handwerklichen Entfaltung verliehen. In einer weiteren griechischen Legende wird von Hephaistos,[7] dem olympischen Schmiedegott berichtet, der in seiner Schmiede nicht nur Schmuck, Waffen und Werkzeuge für die Bewohner des Olymps herstellte, sondern sich zur Unterstützung goldene, mechanische Dienerinnen schuf.

Die Einflüsse dieser antiken Legenden lassen sich auch im Mittelalter wiederfinden. Paracelsus verfasste um 1530 in seiner Schrift "De natura rerum” eine Anleitung zum Wachstum eines künstlichen, durch chemische Verfahren geschaffenen „kleinen Menschen“, dem sogenannten Homunculus, deren vollständige Ausreifung nach 40 Wochen in einem Glasgefäß vollbracht sein sollte. Pferdemist, Sperma und Blut bildeten demnach die Ausgangsmaterialien für diesen speziellen „Fäulnisprozess“.[8]

Die Erfindung des rein mechanischen, durch Getriebe betriebenen Räderuhrwerks zeigte im 18. Jahrhundert neuartige Möglichkeiten in der Erforschung der Physik und Technik in Kombination mit dem kreativen Erfindungsgeist der Menschen auf, so dass der Glauben heranzog, auf diese Weise ein menschliches Wesen, rein mechanisch und künstlich erschaffen zu können, das Menschlichkeit simuliert.[9] Der Oberbegriff für solche Kunstwesen ist „Android“, abgeleitet von den griechischen Wörtern „äner“ („Mann“, „Mensch“) und „èidos“ („Aussehen“, „Gestalt“) und beschreibt „des Menschen Abbild“.[10]

Im Zuge dieser Entwicklung wurden Automaten konstruiert, die menschliche Verhaltenseigenschafften imitierten.[11] Descartes betonte als einer der ersten das Zusammenspiel von Körper und Geist beim Menschen und setzte die Funktion der Automaten mit dem Verhalten von Tieren gleich. Automaten und Tiere seien komplett durch situative Gegebenheiten determiniert, deren Verhaltensweisen aus Reflexen bestehen und auf die äußere Umwelt reagieren. Dem gegenüber steht der Mensch, der denkend und vernunftgeleitet Leib und Seele miteinander vereint.[12]

Ende des 18. Jahrhundert bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts behandelten auch zahlreiche literarische Werke das Motiv des künstlichen Menschen, so zum Beispiel in Form eines Homunculus, in Goethes „Faust - Der Tragödie zweiter Teil“,[13] oder verkörpert durch einen Androiden, wie der weibliche Tanzautomat Olympia in E.T.A Hoffmanns „Der Sandmann“.[14]

Die Automaten des 18. Jahrhunderts dienten in erster Linie zur Dekoration oder wurden zu Unterhaltungszwecken ausgestellt.[15] Sie waren nur für einen ganz speziellen Bewegungsablauf konstruiert und als mechanisches Produkt klar vom menschlichen Original zu erkennen. Erst mit Karel Capek's Theaterstück „R.U.R.“ (Rossums-Universal-Robots)[16] aus dem Jahre 1920, kam es durch das Wort „Roboter“ (abgeleitet aus dem Slawischen für „arbeiten“) zu einer zeitlosen geistigen Modifikation des einfachen Automaten und war besonders für die Filmindustrie, gerade im Bereich der Science-Fiction wegweisend, da nun den Kunstprodukten langsam neue Rollen- und Funktionen zugeschrieben wurden. Ihre mechanischen Aufgaben hielten jetzt Einzug im Dienstleistungsbereich. Die Roboter und Androiden in den Science-Fiction Filmen verrichten dabei, in einer schon übermenschlichen Qualität, fest vorprogrammierte oder komplexe Aufgaben und werden im Gegensatz zu den Automaten der Vorzeit als differenzierte Maschinen dargestellt. So sollen sie den Menschen in den meisten Filmen körperlich schwere Arbeiten abnehmen oder werden auch meist in gefährlichen Bereichen und Gebieten eingesetzt. Hephaistos erschaffene Kunstwesen können durchaus als Prototypen der menschenähnlichen Automaten, Roboter und Androiden angesehen werden. Die Vollendung des künstlichen Menschen veranschaulicht in vielen Science-Fiction Filmen ein Android, der in seiner Perfektion seinem Schöpfer vom äußeren Erscheinungsbild trügerisch ähnlich sieht und nicht mehr auf die Simulation einzelner menschlicher Bewegungen beschränkt ist, sondern meist über das gesamte Verhaltenskompendium der menschlichen Spezies verfügt.[17]

Das daraus resultierende Motiv der Differenzierung zwischen Menschlichem und Künstlichem und die Annahme von Paracelsus zur Herstellung eines Homunculus, oder besser gesagt eines unter künstlichen Bedingungen gezüchteten Menschen, werden in dem Film „Blade Runner“[18] aufgegriffen. Durch die moderne medizinische Forschung weiß man heute, dass Blut und Sperma Träger des genetischen Codes sind. Durch das manipulative Eingreifen der Gen-Technik in die von Paracelsus bereits erwähnte genetische Substanz, ist die Geburt aus der Retorte keine altmodische Vision mehr sonder inzwischen praktizierte Realität.

Auch Frankensteins geistige Mutter, Mary Shelly, bediente sich des Wissens der modernen wissenschaftlichen Forschung ihrer Epoche in Bereichen der Anatomie oder der galvanistischen Elektrizitätslehre ihrer Epoche und griff bisweilen reale Entwicklungen im Vorfeld auf. Erst einige Jahrzehnte vor Veröffentlichung ihres Romans, brachte der italienische Arzt Luigi Galvani Froschschenkel zum Zucken, als er zwecks miteinander verbundener Metalle die Nerven- oder Muskelfasern berührte.[19]

Beide Filme vereinen somit den modernen und technischen Erfindungsgeist jener Zeit, der sich in der intellektuellen Herausforderung, einen Menschen auf rein künstlichem Wege erschaffen zu können und mit dem Forscherdrang der jeweiligen epochalen Fortschritte, in wissenschaftlichen Bereichen der Medizin oder Technologie, begründen lässt.

[...]


[1] vgl. Baumann, Hans D. (1989). Horror - Die Lust am Grauen. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S.83

[2] vgl. ebd., S.36

[3] Frankenstein, James Whale (Regie), Universal Pictures, 1931

[4] Blade Runner, Ridley Scott (Regie), Warner Bros., 1982

[5] vgl. Baumann, Hans D. (1989). Horror - Die Lust am Grauen. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S.98 ff.

[6] vgl. Drux, Rudolf (2001). Künstliche Menschen; in: Spektrum der Wissenschaft 6/2001, S.68

[7] vgl. ebd.

[8] vgl. ebd., S.72

[9] vgl. Drux, Rudolf (1994). Die Geschöpfe des Prometheus - Der künstliche Mensch von der Antike bis zur Gegenwart. Bielefeld: Kerber Verlag, S.16

[10] vgl. ebd.

[11] vgl. Mraček, Wenzel (2004). Simulierte Körper. Vom künstlichen zum virtuellen Menschen. Köln: Böhlau Verlag, S.101

[12] vgl. ebd., S.91

[13] Goethe, J. W. (1832) Faust

[14] Hoffmann, E.T.A. (1887) Der Sandmann

[15] vgl. Drux, Rudolf (2001). Künstliche Menschen; in: Spektrum der Wissenschaft 6/2001, S.71

[16] vgl. Jestram, Heike (2000). Mythen, Monster und Maschinen. Köln: Teiresias-Verlag., S.94

[17] vgl. Bammé, u.a. (1983) Maschinen-Menschen - Mensch-Maschinen. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, S.27

[18] Blade Runner, Ridley Scott (Regie), Warner Bros., 1982

[19] vgl. Jestram, Heike (2000). Mythen, Monster und Maschinen. Köln: Teiresias-Verlag., S.66

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Künstliche Menschen
Untertitel
Die Differenzierung zwischen Künstlichem und Menschlichem anhand zweier Filmbeispiele
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kulturwissenschaften )
Veranstaltung
From Hell. Kulturgeschichte(n) des Horrors
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V162345
ISBN (eBook)
9783640759521
ISBN (Buch)
9783640759934
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Künstliche, Menschen, Differenzierung, Künstlichem, Menschlichen, Filmbeispiele
Arbeit zitieren
Oliver Labza (Autor:in), 2010, Künstliche Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162345

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