Das Konzentrationslager als Extremform einer totalen Institution

Totale Institutionen und die Machtordnung des Konzentrationslagers


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1, 6


Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Die Begriffe Institution, Organisation und totale Institution
1.1 Begriff Institution
1.2 Organisation
1.3 Die totale Institution

2. Die totale Institution nach Goffman
2.1. Besondere Merkmale einer totalen Institution
2.1.1. Geregelter Ein- und Austritt
2.1.2. Sozialstruktur totaler Institutionen
2.1.3. Charakterformung in totalen Institutionen
2.1.3.1 Angriffe auf das Selbst
2.1.3.2 Looping
2.1.3.3 “Akkulturation” und “bürgerlicher Tod”
2.1.3.4 Rollenverhalten
2.1.3.5 Signifikante Andere
2.1.4 Anpassungsstrategien in einer totalen Institution

3. Das Konzentrationslager als totale Institution
3.1 Ideologische Grundlage des Terrorregimes im Konzentrationslager
3.2 Das Konzentrationslager als totale Institution
3.2.1 Regelung des Ein- und Austritts
3.2.2 Raum und Zeit
3.2.3 Systematische Demütigung der Häftlinge
3.2.4 Soziale Strukturen
3.2.5 Klassifikationssystem
3.2.6 Vereinsamung in der anonymen Masse
3.2.7 Machtstaffelung oder das System der “Selbstverwaltung” des Konzentrationslagers
3.2.8 Zerstörung durch Verelendung bis zum Tod
3.2.8.1 Der Muselmann als Leitfigur der Verelendung
3.2.8.2 Zerstörung durch Arbeit
3.2.8.3 Terrorstrafen und Gewaltexzesse.
3.2.9 Anpassungsmechanismen in Konzentrationslagern.
3.3 Zweck des Konzentrationslagers: Ideologische vs. ökonomische Motive

4. Zusammenfassung: Das Konzentrationslager als extreme Form einer totalen Institution

5. Schluß

0. Einleitung

Im folgenden soll das Konzentrationslager in seinen Eigenschaften als totale Institution dargestellt werden. Unter dem Begriff einer totalen Institution lassen sich nach Goffman viele verschiedene Institutionen wie psychiatrische Krankenhäuser, Gefängnisse, Klöster und auch Konzentrationslager einschließen. Das Konzentrationslager aber geht über den Begriff einer totalen Institution fast noch hinaus und ist ein Beispiel für Terror und Vernichtung durch eine moderne Organisation. Einem Versuch einer theoretischen Untersuchung muss man folgendes vorwegnehmen: Die Ereignisse, die in den Konzentrationslagern geschahen sind grundsätzlich unverstehbar und von unvergleichlichem Ausmaß der Verbrechen, für die der Name Ausschwitz ein steht.

Zuerst soll auf die Begriffe Institution, Organisation und totale Institution und ihre Merkmale eingegangen werden. Danach soll das Konzentrationslager auf die Kriterien einer totalen Instititution untersucht werden. Dabei möchte ich besonders auf den, bei Goffman detailliert beschriebenen Prozess der Charakterformung in einer totalen Instititution eingehen.

1. Die Begriffe Institution, Organisation und totale Institution

1.1 Begriff Institution

“Der Begriff “Institution” gehört mit zu den wichtigsten Grundkonzepten der Soziologie überhaupt.”[1] Der Rechtstheoretiker und Philosoph Maurice Hauriou und Emile Durkheim begriffen Institution als soziale Tatsachen, “in denen sich die einer Rechtsordnung zugrunde liegenden Leitideen unmittelbar verkörpern und mit den Sanktionen der gesellschaftlichen und staatlichen Macht verbunden werden.”[2] Institutionalisierung findet statt, sobald habitualisierte Handlungen durch Typen von Handelnden reziprok typisiert werden. Jede Typisierung, die auf diese Weise vorgenommen wird, ist eine Institution.[3]

Begründer des Begriffs Institution ist Emile Durkheim. Laut Durkheim handelt es sich bei den soziologischen Tatbeständen, wie Durkheim Institutionen nennt, um eine Form des “sozialen Zwangs”, der “von bestimmten Gewohnheiten, sozialen Überzeugungen und Gebräuchen ausgehe und von außen her auf die Menschen einwirke.”[4] Laut Durkheim weisen Institutionen zwei wichtige Merkmale auf: Zum einen Glaubensvorstellungen, und damit verbundene Verhaltensweisen der Akteure, die aber nicht nach dem Belieben der Akteure gestaltet sind, sondern durch die Gesellschaft geregelt sind, und sogar erzwungen werden. Durkheim geht sogar noch weiter in seiner Begründung der Soziologie: “...die Soziologie kann also definiert werden als die Wissenschaft von den Institutionen, deren Entstehung und Wirkungsart. “[5] (Durkheim, Emile, könig. ) So ist die Soziologie bis heute die Wissenschaft von der Beschreibung und Erklärung der unzähligen verschieden Institutionen der Gesellschaft .Die Mitglieder einer Institution haben die Regeln und die Institutionen selbst geschaffen und reproduzieren sie immer weiter in ihren Handlungen.

1.2 Organisation

Eine Organisation ist ein, für einen bestimmten Zweck eingerichtetes soziales Gebilde mit einem formell- institutionell vorgegebenenem Ziel und einer “institutionell vorgegebenen Verfassung”. Dabei sind Organisationen soziale Gebilde, die – unter anderem - auf der Grundlage institutioneller Regeln aufgebaut sind, aber auch noch Merkmale aufweisen, die darüber hinausgehen. Eine Organisation verfügt über eine Grenze zwischen ihrer internen Sphäre und der Außenwelt und verfolgt gemeinsame Ziele. Die Absicherung der Regeln in einer Institution und einer Organisation erfolgt durch Sanktionen- ob es sich um direkte Sanktionen handelt oder ob die Sanktion “nur” darin besteht, das die eigenen Interessen nicht erreicht werden können, erscheint es dem Individuum vorteilhafter, den institutionellen Regeln zu folgen. Organisationen sind weiterhin gekennzeichnet von einem hohen Grad an Bürokratie und interner Organisation. Max Weber unterscheidet noch weiterhin den Begriff der “Legitimität” einer Ordnung. Die Legitimität ist eine subjektive Einstellung der Akteure zu den Regeln. Sanktionen und Legitimität bilden so die Grundlage der Geltung der institutionellen Ordnung. Organisationen prägen wie keine anderen sozialen Gebilde das Bild der modernen Gesellschaft.

Eine Organisation ist somit ein soziales Gebilde, in dem eine Mehrzahl von Menschen zu einem bestimmten Zweck und unter einer bestimmten Verfassung bewusst zusammenwirkt. In einer Organisation werden die Kriterien der Mitgliedschaft, Bedingungen des Ein- und Austritts und die, von den Akteuren zu erbringenden Leistungen und eventuellen Gegenleistungen der Institution definiert. Innerhalb der Organisation machen die Akteure alles, was von ihnen verlangt wird. Die Organisation ist unabhängig von ihren Akteuren- und dadurch besonders leistungsfähig. “Der Zweck und das Ziel von Organisationen besteht in der kollektiven Erstellung spezieller Ressourcen und Leistungen. “[6]

1.3 Die totale Institution

Während eine Institution aus der soziologischen Perspektive viele verschiedene Ausprägungen annehmen kann, ist eine totale Institution von bestimmten Kriterien gekennzeichnet, wie eine fehlende räumliche Trennung von Arbeit, Wohnung und Freizeit, einem genauen Tagesablauf und einem Plan zur Erreichung des angeblichen Zwecks der Institution. Eine totale Institution verfügt über ein allumfassendes Regel- und Sanktionssystems. In der modernen Gesellschaft herrscht normalerweise eine soziale Ordnung, bei der die Individuen an verschiedenen Orten schlafen, arbeiten und ihre Freizeit gestalten - und dies mit verschieden Menschen und unter verschiedenen Autoritäten. Diese Trennung ist in einer totalen Institution aufgehoben. Außerdem ändert sich das Verhältnis des Individuums zur Arbeit grundlegend. Eine totale Institution ist so eigentlich keine Institution, sondern eine Organisation.

2. Die totale Institution nach Goffman

“Eine totale Institution lässt sich als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen[7] Goffmann nennt als Beispiel für totale Institutionen Gefängnisse, Kasernen, Klöster, Konzentrationslager, Internate, Krankenhäuser, etc. Seine Studie konzentriert sich besonders auf psychiatrische Kliniken. Das besondere Kriterium dieser Einrichtungen ist ihr totalitärer Charakter.

Totale Institutionen weisen laut Goffman meist mehr oder weniger stark folgende Kriterien auf: 1. Alle Angelegenheiten des Lebens finden an ein und demselben Ort statt und unter der derselben Autorität. 2. Die Mitglieder der Institution führen alle Tätigkeiten ihres Alltags in Gesellschaft von Menschen in der gleichen Situation wie sie selbst, aus.

3. Alle Phasen des Alltags sind genau geplant. Die Abfolge der Tätigkeiten wird autoritär vorgeschrieben.4. Alle Tätigkeiten sind in einem allumfassenden Plan vorgeschrieben, der dazu dienen soll, die offiziellen Ziele der Institution zu erreichen.[8]

In totalen Institutionen ist der Ein -und Austritt meist streng geregelt oder gar nicht vorgesehen- die Institution ist durch Mauern, Bewachung, Zäunen etc. von der Außenwelt abgeschnitten.

Alle Lebensbereiche finden am selben Ort statt, zusammen mit allen anderen Menschen der gleichen Umgebung, so stellen totale Institutionen eine Art “Welt für sich” dar. Alle Bereiche des Tagesablaufs sind genau geplant und reglementiert. Sowohl der Tagesablauf als auch die Bedürfnisse der Insassen werden vorausgeplant, ohne die Insassen selbst davon in Kenntnis zu setzen.

Auch die Arbeit hat eine andere Bedeutung in totalen Institutionen als außerhalb: Die Arbeit wird nicht wegen der Entlohnung durchgeführt, sondern durch institutionellen Zwang. Die Arbeit kann auch zum Beispiel nur aufgrund der Androhung von physischer Züchtigung ausgeführt werden. Es kommt zu einer Zerstörung der Arbeitsmoral vorher arbeitsorientierter Menschen.

2.1. Besondere Merkmale einer totalen Institution

“Totale Institutionen sind soziale Zwitter, einerseits Wohn-und Lebensgemeinschaft, andrerseits formale Organisation.”[9]

2.1.1. Geregelter Ein- und Austritt

“Institutionen wählen ihre Mitglieder aus oder schließen sie aus nach einer Vielfalt formaler Regeln und informeller Gesetze.”[10] Und das besonders in einer totalen Institution. Vorraussetzungen für den Eintritt in Institutionen können Geschlecht oder Alter, besondere Fähigkeiten, persönliche Merkmale, Charaktereigenschaften oder bewusste Wahl und persönliche Entscheidungen sein. Auch informelle Kriterien spielen bei der Aufnahme in Institutionen eine Rolle.

2.1.2. Sozialstruktur totaler Institutionen

Die soziale Struktur totaler Institutionen ist in die zwei Gruppen Personal und Insassen unterteilt. Wobei die Insassen die ganze Zeit ihres Aufenthalts in der Institution verbringen, hat das Personal Kontakt zur Außenwelt. Beide Gruppen stehen sich meist feindlich gegenüber, das Personal blickt auf die Insassen herab, die Insassen fühlen sich oft schuldig. Bei Insassen, die sehr gut in der Ausbildung von Bewältigungsstrategien sind, kommt es zur sekundären Anpassung und einer Ausbildung zu Subkulturen in der Einrichtung der Institution. Oft bilden totale Institutionen ausgehend vom Personal formelle oder informelle Klassifikationen aus. Durch diese Klassifikationen wird eine Rangordnung ausgebildet und die Insassen und teilweise auch das Personal nach Rang klassifiziert.

2.1.3. Charakterformung in totalen Institutionen

“Totale Institutionen sind die Treibhäuser, in denen unsere Gesellschaft versucht, den Charakter von Menschen zu verändern.”[11]. Institutionen erwählen Personen nicht nur oder schließen sie aus, sie formen sie auch.

2.1.3.1 Angriffe auf das Selbst

Schon bei Eintritt in eine totale Institution wird das neue Mitglied gedemütigt. So wird der Insasse oft solange gedemütigt, bis er sich dem Willen unterwirft. Es kommt so zu starken Veränderungen der Moral der Person bis hin zur Brechung des Willens schon kurz nach Eintritt.

Unter den Bedingungen der totalen Institution ist die Identität des Einzelnen gefährdet: alles, was die Insassen sie an persönlichen Dingen mitgebracht haben, wird ihnen weggenommen: Statt Kleidung gibt es Uniformen, die Haare werden geschnitten, das Verhalten muss angepasst werden, Verlust der Privatsphäre und persönlichem Besitz. Der Insasse stellt fest, das durch die Schranke, die ihn von der Außenwelt trennt, bestimmte Rollen für ihn verloren sind.

Durch verschiedene Formen der Verunreinigung und Verunstaltung finden systematische Angriffe auf das “selbst” eines Menschen statt.

[...]


[1] Vgl. Luckmann, Thomas (1993)S. 123ff

[2] Esser, Hartmut (2000) S. 3

[3] Peter L.Berger, Thomas Luckmann ( 2007/[1966]) S. 58

[4] Vgl. Durkheim, Emile, herausg. König, Rene. In Esser, Hartmut (2000) S. 4

[5] Vgl. Durkheim, Emile, herausg. König Rene, In Esser, Hartmut (2000) S. 4

[6] Esser, Hartmut. (2000) S. 239

[7] Goffman, Erving (1972) S. 11

[8] Vgl. Goffman, Erving (1972) S. 17

[9] Goffman, Erving (1972 S. 23

[10] Gerth/Mills S. 145

[11] Goffman, Erving (1972) S. 23

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Konzentrationslager als Extremform einer totalen Institution
Untertitel
Totale Institutionen und die Machtordnung des Konzentrationslagers
Hochschule
Pädagogische Akademie der Diözese Innsbruck in Stams  (Institut für Soziologie und Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar
Note
1, 6
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V162352
ISBN (eBook)
9783640759538
ISBN (Buch)
9783640759910
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Beschreibung des Konzentrationslagers als totale Institution und dessen Machtordnung nach Wolfgang Sofsky.
Schlagworte
Konzentrationslager, Extremform, Institution, Totale, Institutionen, Machtordnung, Konzentrationslagers
Arbeit zitieren
Sonja Uhl (Autor), 2010, Das Konzentrationslager als Extremform einer totalen Institution, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162352

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