Die Anfangsgeschichte der Zigeuner in Deutschland unter Berücksichtigung des öffentlichen Diskurses des 15. und 16. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Quellen

2. Der Begriff “Zigeuner”

3. Die Herkunft der Zigeuner und ihr Eintreffen in Deutschland

4. Schutzbriefe

5. Zigeunerverfolgung zu Beginn der frühen Neuzeit
5.1 Das Einsetzen der öffentlichen Diskriminierung
5.2 Verordnungen gegen die Zigeuner
5.3 Gründe für die geringe Durchsetzbarkeit der Verordnungen

6. Ausblick

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis
8.1 Lexika und Wörterbücher
8.2 Quellen
8.3 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Diese Arbeit soll einen Überblick über die Anfangsgeschichte der „Zigeuner“ im Hinblick auf den deutschsprachigen öffentlichen Diskurs des 15. und 16. Jahrhunderts geben. Da in den Köpfen vieler Menschen noch heute das Stereotyp des räuberischen und gefährlichen „Zigeuners“ verankert ist, soll herausgearbeitet werden, wie es eigentlich zur Entstehung einer solchen Einschätzung kommen konnte, wobei das Augenmerk auf die Schreiber früher Chroniken und Abhandlungen gerichtet werden soll. Was schrieben sie über die „Zigeuner“ und wie ordneten sie die “neuen Fremden” ein? Außerdem ist die Frage zu beantworten, ob die Autoritäten bereits zu Beginn der Einwanderung gegen die „Zigeuner“ eingestellt waren oder ob sich diese Einstellung erst allmählich entwickelte. Ferner sollen die Verordnungen, die gegen die „Zigeuner“ erlassen wurden, ins Visier genommen werden, da die Geschichte dieser ethnischen Minderheit schließlich von Verfolgungen geprägt ist.

Durch die fehlende Schriftlichkeit und die Abgeschlossenheit ihrer Kultur gegenüber der meist ablehnend-feindlichen Außenwelt, stehen Binneninformationen von den „Zigeunern“ selbst praktisch nicht zur Verfügung, so dass hier lediglich mit Quellen von Nicht-„Zigeunern“, den sogenannten Gadschos[1] gearbeitet wird. Da es in dieser Arbeit allgemein um „Zigeuner“ in Deutschland gehen soll, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht der Fehler der Übergeneralisierung gemacht wird. Andreas Hundsalz weist darauf hin, dass “[…] die Unterschiede zwischen verschiedenen Gruppen […] z. T. so groß [sind], daß sich die Verhaltensweisen ihrer Mitglieder nicht ohne weiteres miteinander vergleichen lassen.“ [2] Da es auf Grund der Quellenlage aber nicht möglich ist, eine „Zigeunergruppe“ über Jahrhunderte hinweg erforschend zu begleiten, sollte diese Mahnung beim Lesen der Arbeit immer im Hinterkopf bleiben.

Was die verwendete Literatur betrifft, so wurde vorwiegend mit der Quellensammlung Reimer Gronemeyers und seiner gemeinsam mit Georgia A. Rakelmann herausgegebenen „Zigeunermonographie“, wie auch mit der Dissertation von Martin Ruch gearbeitet, wobei anzumerken ist, dass moderne, umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen über die „Zigeuner“ im Deutschland des 15. und 16. Jahrhunderts fast völlig fehlen.

Bevor nun mit der eigentlichen Thematik, der Anfangsgeschichte der „Zigeuner“, begonnen wird, ist im zweiten Kapitel zunächst auf den Begriff des “Zigeuners” einzugehen. Wichtige Fragen wie: Warum wird diese Bezeichnung hier verwendet? Wie ist der Begriff entstanden?, dürfen und können nicht übergangen werden, so dass sie hier zunächst ins Visier genommen werden sollen. Danach geht es im dritten Kapitel um das spannende Thema der Herkunft der „Zigeuner“ und ihrem Eintreffen in Deutschland, mit dem sich seit je her Chronisten, Historiker und Theologen beschäftigten, so dass hauptsächlich ihre Ansichten, also die des 15. und 16. Jahrhunderts dargelegt werden sollen. Zur Vervollständigung werden abschließend aber auch die Erkenntnisse der Folgezeit erörtert. Als nächstes soll im vierten Kapitel näher auf die Schutzbriefe eingegangen werden, die die „Zigeuner" angeblich bei ihrem Auftauchen in Deutschland mit sich führten, um später anhand dieser Thematik die Frage beantworten zu können, ob sie schon von Beginn an Diskriminierungen ausgesetzt waren. Auch die zeitgenössischen Chronisten kommen hier zu Wort. Im fünften Kapitel geht es dann um die Beschäftigung mit der „Zigeunerverfolgung“ zu Beginn der Frühen Neuzeit. Das Einsetzen der öffentlichen Diskriminierung, die Verordnungen gegen die Zigeuner und die geringe Durchsetzbarkeit dieser Verordnungen spielen dabei eine Rolle, so dass hier vorwiegend mit juristischen Quellen dieser Zeit gearbeitet wird. Am Ende der Arbeit soll es zur Abrundung des Themas noch einen kurzen Ausblick geben, der sich damit beschäftigt, wie die „Zigeuner“ in der Folgezeit behandelt wurden und wie die „Geschichte der Verfolgungen“ bis zur Nazizeit verlief. Abschließend werden die eingangs gestellten Fragen in der Schlussbetrachtung zu beantworten versucht. Sie soll größtenteils eine kurze Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse darstellen.

1.1 Quellen

Um nun noch kurz auf die wichtigsten hier verwendeten Quellen zu sprechen zu kommen, so sind die des Hermann Cornerus und des Andreas von Regensburg aus dem frühen 15. Jahrhundert von besonderer Bedeutung, da sie im Hinblick auf die Ankunft der „Zigeuner“ zeitgenössisch sind. Alle anderen Dokumente mit denen hier gearbeitet wurde, entstanden über ein Jahrhundert später, in der Zeit des Humanismus. Ein Vertreter dieser Epoche ist der Gelehrte Sebastian Münster, der eine Professur für hebräische Literatur[3] inne hatte. In dieser Arbeit taucht er an verschiedenen Stellen auf, wobei aber seine Beschäftigung mit den „Zigeunern“, quasi stellvertretend für die der Zeit des Humanismus, höchstens wohlwollend als vorwissenschaftlich bezeichnet werden kann. Er steht in der negativ über „Zigeuner“ berichtenden Tradition. Wie Martin Ruch nachweist, stützt Münster sich auf die „Saxonia“ des Albert Krantz aus dem Jahre 1520. Die Gegenüberstellung zeigt einen fast gleichen Wortlaut. Krantz wiederum benutzte unter anderem die literarische Vorlage des bereits erwähnten Hermann Cornerus. Demgegenüber gibt es aber auch einen Überlieferungszweig, bei dem die „Zigeuner“ unter anderem von dem Chronisten Johannes Stumpf in seiner Züricher Chronik aus dem Jahre 1548 positiv geschildert werden. Ruch zeigt auf, dass sich auch diese Tradition bis auf das Jahr 1418 zurückführen lässt.[4]

Der Grund, weshalb sich schließlich die negative Traditionslinie durchsetzen konnte, ist, dass die Kosmographie Münsters ungeheure Popularität erreichte. Durch ihre weite und auflagenstarke Verbreitung hatte sie unglücklicherweise eine prägende Wirkung für alle folgenden „Zigeunerforscher“.[5]

2. Der Begriff “Zigeuner”

Bei dem Begriff des “Zigeuners” handelt es sich um einen historischen Quellenbegriff, den Andreas von Regensburg bereits zum Jahre 1424 in seinem Diarium verwendet hat: “Item hiis temporibus quedam gens Ciganorum, volgariter Cigäwner vocitata, in terris nostris vaga exulabat.”[6] Allerdings weist Fricke entgegen vieler anderer Forscher darauf hin, dass es sich bei dem Wort nicht nur um eine Fremdbezeichnung handelt, da sich auch viele der Betroffenen bei gerichtlichen Untersuchungen selbst “Zigeuner” nannten.[7]

In ihrer eigenen Sprache nennt sich die hier zu behandelnde Gruppe “Sinti” oder “Roma”, was “Menschen” bedeutet. Diese Begriffe treten in den historischen Quellen nicht auf. Im engeren Sinne versteht man unter “Sinti” die hauptsächlich in Deutschland, Frankreich und Italien lebenden Gemeinschaften, als “Roma” bezeichnen sich die in Süd- und Osteuropa lebenden, Romanes sprechenden Angehörigen.[8] Daraus ist ersichtlich, dass es sich bei den “Sinti” und “Roma” um zwei streng voneinander getrennte Gruppen handelt, die starke Unterschiede in ihrer Kultur und Sprache aufweisen.[9] Mit dem heute sehr negativ besetzten Begriff des “Zigeuners” werden “Sinti” und “Roma” in ihrer Gesamtheit angesprochen. Die Wissenschaftsgeschichte verwendet den Begriff des “Zigeuners” zur Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes, so dass er auch hier angewendet werden muss. Außerdem sollte darauf hingewiesen werden, dass mit der Änderung des Namens auch die von Verfolgung und Diskriminierung geprägte Geschichte der “Zigeuner“ in Vergessenheit geraten könnte, die uns aber doch als Mahnung im Gedächtnis bleiben sollte. Da nun geklärt ist, für wen die Bezeichnung “Zigeuner” steht und aus welchen Gründen der Begriff benutzt wird, ist es von nun an nicht mehr notwendig, diesen weiterhin mit Anführungsstrichen zu versehen.

Was nun die etymologische Ableitung des Begriffs betrifft, so tauchte im Deutschland des 16. Jahrhunderts die sprachwissenschaftlich unhaltbare Auffassung auf, dass sich Zigeuner aus den Worten “Zieh Gauner” entwickelt habe, was soviel bedeutet wie “Gauner, der umherzieht”.[10] Dies ist eindeutig falsch, da in anderen europäischen Ländern Sinti und Roma auch als Zigeuner bzw. als “Cyganie” in Polen, in Italien als “Cingari”, in Schweden als “Zigeunere” und als “Tsiganes” in Frankreich bezeichnet werden. In diesen Ländern ist die deutsche Ableitung nicht nachvollziehbar.[11]

In der aktuellen Forschung nehmen einige Autoren die Herleitung aus dem persischen Wort cingari, was mit Schmied übersetzt wird, an. Verschiedene Quellen belegen, dass die Zigeuner zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert aus Indien nach Persien eingewandert sind. Allerdings wird aus ihnen nicht klar, ob alle Zigeuner Schmiede waren oder weshalb sie als solche bezeichnet wurden.

Andere Forscher halten daher die Ableitung aus dem griechischen Wort athinganoi für schlüssiger , das für eine gnostische Sekte mit Ursprüngen in Indien steht und wörtlich übersetzt “die Unberührbaren“ heißt. Die so genannten ‚Athinganen‘ traten im 8. und 9. Jahrhundert auf und wurden der Zauberei beschuldigt. Möglich wäre, dass sich die Zigeuner dieser christlichen Religionsgemeinschaft angeschlossen haben, sicher ist diese Vermutung aber nicht,[12] so dass abschließend festgestellt werden muss, dass die Forschung bis heute keine allgemein anerkannte Antwort auf die Prägung und die Bedeutung des Wortes “Zigeuner” gefunden hat.

3. Die Herkunft der Zigeuner und ihr Eintreffen in Deutschland

Im frühen 15. Jahrhundert trafen die ersten größeren Zigeunersippen in Deutschland ein. Als Gründe für die Wanderungen dieses Volkes führt Martin Ruch in seiner Dissertation zur Zigeunerforschung äußere Faktoren wie Kriege, Vertreibung, Verfolgung sowie ökonomische Zwänge an.[13] Im Urkundenbuch der Stadt Hildesheim ist festgehalten: “1704 den Tataren auf der Schreiberei wo man ihre Briefe prüfen wollte, ein halbes Stübbchen Wein gegeben.“[14] In den ersten Dokumenten, die über die neuen Fremden berichten, finden sich noch viele verschiedene Bezeichnungen für sie. Sie werden in Stadtrechnungsbüchern, Chroniken und Ratsprotokollbüchern unterschiedlicher Orte Tataren, Heiden, Sarazenen oder Zigeuner genannt. Ob es sich wirklich in allen Fällen um Zigeuner gehandelt hat, ist unklar.[15]

Über ihre Herkunft notiert der Dominikanermönch Hermann Cornerus in seiner Chronik zum Jahr 1417, dass eine Fremdenschar aus dem Osten nach Alemannien gekommen sei, die von Lüneburg nach Preußen zog und dann Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald durchstreifte.[16] Ein weiterer zeitgenössischer Bericht ist der des Chronisten Andreas von Regensburg, der zum Jahr 1426 in seinem Diarium schreibt: “Hec gens a partibus Ungarie erat oriunda dicebatque se exulare in signum sive memoriam fuge domini in Egiptum, dum fugeret a facie Herodis, qui eum querebat ad occidendum.” [17] Die Abstammung der Zigeuner wird bei ihm also als aus Ungarn kommend bestimmt. Bei der hier zitierten Textstelle versteht sich die Wanderung der Zigeuner aber auch als Erinnerung, als Zeichen, das an die Flucht Jesu nach Ägypten erinnert. Auch Cornerus hat das Wandern der Zigeuner durch eine ihnen auferlegte Bußfahrt zu erklären versucht. Über ihre Herkunft notiert er, dass sie aus „[…] östlichen Landstrichen nach Alemannien“ gewandert seien.[18]

[...]


[1] Gronemeyer, Reimer, Zigeuner, S. 10

[2] Hundsalz, Andreas, Stand der Forschung über Zigeuner und Landfahrer, S. 16

[3] Wippermann, Wolfgang, Wie die Zigeuner, S. 57

[4] Ruch, Martin, Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen “Zigeunerforschung” von den Anfängen bis 1900, S. 56 bis 63

[5] Wippermann, Wolfgang, Wie die Zigeuner, S. 59

[6] von Regensburg, Andreas, abgedruckt in: Gronemeyer, Reimer, Zigeuner im Spiegel früher Chroniken und Abhandlungen, S. 19

[7] Fricke, Thomas, Zigeuner im Zeitalter des Absolutismus, S. 11

[8] Unabhängige Expertenkommission Schweiz - Zweiter Weltkrieg, S. 10

[9] Fricke, Thomas, Zigeuner im Zeitalter des Absolutismus, S. 11

[10] Strasky, Severin, Das Sittliche und das Andere, S. 132

[11] Wippermann, Wolfgang, Wie die Zigeuner, S. 51f.

[12] Wippermann, Wolfgang, „Wie die Zigeuner“, S. 50f.

[13] Ruch, Martin, Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen “Zigeunerforschung” von den Anfängen bis 1900, S. 30

[14] Hildesheimer Stadtrechnungen V, 318, in: Ruch, Martin, Zur Wissenschaftsgeschichte der deutschsprachigen “Zigeunerforschung” von den Anfängen bis 1900, S. 464

[15] Gronemeyer, Reimer, Die Zigeuner, S. 26

[16] Cornerus, Hermann, abgedruckt in: Gronemeyer, Reimer, Zigeuner im Spiegel früher Chroniken und Abhandlungen, S. 15

[17] von Regensburg, Andreas, abgedruckt in: Gronemeyer, Reimer, Zigeuner im Spiegel früher Chroniken und Abhandlungen, S. 19

[18] Cornerus, Hermann, abgedruckt in: Gronemeyer, Reimer, Zigeuner im Spiegel früher Chroniken und Abhandlungen, S. 15

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Anfangsgeschichte der Zigeuner in Deutschland unter Berücksichtigung des öffentlichen Diskurses des 15. und 16. Jahrhunderts
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften)
Veranstaltung
Zigeuner, Juden, unehrliche Leut’: Randgruppen in der frühneuzeitlichen Gesellschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V162466
ISBN (eBook)
9783640761944
ISBN (Buch)
9783640762200
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anfangsgeschichte, Zigeuner, Deutschland, Berücksichtigung, Diskurses, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Katrin Bänsch (Autor), 2008, Die Anfangsgeschichte der Zigeuner in Deutschland unter Berücksichtigung des öffentlichen Diskurses des 15. und 16. Jahrhunderts , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162466

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