Die Hauptschule als Sprungbrett oder Abstellgleis


Seminararbeit, 2010

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung–Die Hauptschule unter Beschuss

2 DIE HAUPTSCHULE IM DEUTSCHEN SCHULSYSTEM
2.1 GRUNDLAGEN DES DEUTSCHEN SCHULSYSTEMS
2.2 DIE HAUPTSCHULE
2.3 LEISTUNGSKOMPETENZEN DER HAUPTSCHÜLER

3 DIE MEDIALE BERICHTERSTATTUNG ÜBER „PROBLEMSCHULEN“

4 HAUPTSCHÜLER UND IHRE SELBSTWAHRNEHMUNG
4.1 KOLLEKTIVES UND PERSONELLES BEWUSSTSEIN
4.2 DIE SOZIALE IDENTITÄT
4.3 STUDIE ZU SELBSTBEZOGENEN KOGNITIONEN BEI HAUPTSCHÜLERN
4.3.1 FORSCHUNGSGEGENSTAND DER STUDIE
4.3.2 METHODE
4.3.3 ERGEBNISSE
4.3.4 FALLBEISPIEL
4.3.4.1 DER FALL „DEMIR“ - METHODIK
4.3.4.2 DEMIRS LEBENSWELT
4.3.4.3 FALLANALYSE

5 DIE REPRODUKTION DES NEGATIVIMAGES
5.1 DIE LEHRERSEITE
5.1.2 METHODIK
5.1.3 ERGEBNISSE
5.2 FALLBEISPIEL
5.2.1 DER FALL „SAAVIK“
5.2.2 DER FALL SAAVIK - METHODIK
5.2.3 SAAVIKS LEBENSWELT
5.2.4 TIEFERGEHENDE BETRACHTUNG DER SCHULLAUFBAHN
5.2.5 FALLANALYSE

6 KONZEPTE FÜR DEN WEG AUS DEM NEGATIVIMAGE
6.1 STRUKTUR DER KLASSENSTUFEN
6.2 HILFE BEI DER BERUFSORIENTIERUNG
6.3 PROJEKTE
6.4 GESAMTBETRACHTUNG DER MITTELSCHULE EICHSTÄTT

7 FAZIT

8 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung -Die Hauptschule unter Beschuss

Im deutschen, drei-gliedrigen Schulsystem, bestehend aus Gymnasium, Realschule und Hauptschule, ist die letztgenannte die am meisten kritisierte Einrichtung. Sie steht sowohl einer strukturellen Debatte gegenüber, die die komplette Abschaffung der Hauptschule fordert, aber auch die Schüler dieser Schulart selbst geraten oft in den Fokus von hitzigen Debatten. Spätestens seit die Lehrer der ehemaligen Berliner Rütlischule einen Brandbrief an den Berliner Senat sendeten, in dem sie die Zustände an ihrer Schule darstellten und kritisierten, werden Hauptschüler auch in großem Maße stigmatisiert. Auf den speziellen Fall der Rütlischule wird später in dieser Arbeit noch gesondert behandelt.

Die weitreichenden Kritiken an der Schulform Hauptschule betreffen nicht nur viele Politiker, Lehrer und Eltern, sondern vor allem die Schüler. Wie der Titel verrät, liegt das Hauptinteresse dieser Arbeit darin darzustellen, ob die Hauptschule in ihrer jetzigen Formen den Schülern genügend Perspektiven zur psychischen und fachlichen Entwicklung bietet oder ob die Hauptschule mittlerweile zu einem Sammelbecken für die geworden ist, die im gesellschaftlichen System immer zu den Verlierern gehören werden. Nach Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gilt rund ein Fünftel eines Hauptschuljahrgangs, der auf den Arbeitsmarkt strömt, als „bildungsarm“. Etwa zehn Prozent verlassen die Hauptschule gar völlig ohne Abschluss, wodurch insgesamt ein Viertel eines Altersjahrgangs durch zu geringe Kompetenz schwer in das folgenden Berufsleben zu integrieren ist (vgl. Deutsches Jugendinstitut – Internetlink).

In dieser Arbeit soll zuerst eine Einordnung der Hauptschule in das Bildungssystem Deutschlands versucht werden. Es werden vor allem Ergebnisse der großen Bildungsstudie PISA vorgestellt und weitergehende Ergebnisse zusammengefasst.Im dritten Kapitel werden Einblicke in die mediale Berichterstattung über Hauptschulen dargestellt. In diesem Kapitel wird auch genauer auf die Thematik der Rütli Schule eingegangen. In den Kapiteln 4 und 5 werden die Auswirkungen u.a. der öffentlichen Wahrnehmung und Berichterstattung auf die personelle und kollektive Identität der Hauptschüler anhand einiger Studien aufgezeigt. Vor allem in diesen Kapiteln sollen Fallbeispiele angeführt werden, um Problematiken besser aufzuzeigen. In Kapitel 6 werden erfolgreiche Konzepte der Hauptschulen vorgestellt, welche dem Negativimage entgegenwirken. Im letzten Kapitel wird ein Fazit über die gegenwärtige Situation der Hauptschule versucht und es soll zusammenfassend die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit vor Augen führen.

2 Die Hauptschule im deutschen Schulsystem

2.1. Grundlagen des deutschen Schulsystems

Das deutsche Schulsystem ist in mehrere Bereiche gegliedert. Es schreibt den jeweiligen Bundesländern im Zuge des Förderalismus die Kulturhoheit zu. Bildung und das Bildungssystem sind damit Ländersache. In ganz Deutschland besteht eine gesetzliche Schulpflicht, die Kinder und Jugendliche zu einem Mindestschulbesuch auffordert. Auch dieses Gesetz ist dennoch kein Bundesgesetz, sondern lediglich in den jeweiligen Landesverfassungen verankert. Zu unterscheiden ist zwischen der Vollzeitschulpflicht und der Berufsschulpflicht. Die Vollzeitschulpflicht dauert in der Regel bis zum Abschluss des 9. Schulbesuchsjahres, in einigen Bundesländern bis zum Abschluss des 10. Schulbesuchsjahres. Der Begriff Schulbesuchsjahr ist nicht mit der Jahrgangsstufe zu verwechseln (Beispiel: Für einen Schüler, der zweimal sitzengeblieben ist, endet die Vollzeitschulpflicht am Ende der 7. bzw. 8. Klasse). Übersprungene Klassen werden hingegen anerkannt, so dass die Vollzeitschulpflicht dennoch nach Klasse 9 bzw. 10 endet. Die Berufsschulpflicht beginnt nach Ablauf der Vollzeitschulpflicht. Die Berufsschulpflicht kann entweder durch die Teilnahme an einer Berufsausbildung, durch Bildungsgänge an einer Berufsbildenden Schule oder durch den Besuch der Sekundarstufe I oder der Sekundarstufe II einer Allgemeinbildenden Schule erfüllt werden. In der Regel endet die Berufsschulpflicht mit dem Ende der Berufsausbildung oder dem zwölften Schulbesuchsjahr. Die näheren Details und weitere Alternativen zum Nachkommen der Berufsschulpflicht unterscheiden sich je nach Bundesland (vgl. u.a. Bayerische Landesverfassung).

Auch unterschieden werden muss zwischen der Schulpflicht und der Bildungspflicht. Die Bildungspflicht sieht lediglich vor, dass Minderjährige in vorgegebenen Abständen Leistungsnachweise in Form von Prüfungen erbringen müssen, die einen altersgerechten Leistungsstand nachweisen. Dies ermöglicht u.a. die Möglichkeit für Eltern, bei stattgegebenem Antrag, ihre Kinder selbst zu unterrichten. Die Schule beginnt mit der Grundschule: Die Grundschule umfasst die so genannte Primarstufe: die Klassenstufen eins bis vier. Danach folgt – je nach Bundesland – der Übergang in die Sekundarstufe einer weiterführenden allgemein bildenden Schule (die Hauptschule, die Realschule (Mittelschule), das Gymnasium, Gesamtschule) oder in die Orientierungsstufe. Die vier Jahre Grundschule sind für alle gleich. Dann können sich die Schüler eine weitere Schulform auswählen: Hauptschule, Realschule und Gymnasium. In einigen Bundesländern sind diese drei Zweige in der Gesamtschule vereinigt. Dort besuchen die Schüler zunächst eine Orientierungsstufe (Klasse 5 und 6), in der sie und ihre Eltern die Entscheidung für einen bestimmten Schultyp noch überdenken oder ändern können (vgl. u.a. van Ackeren/Klemm 2009).

2.2. Die Hauptschule

Die Hauptschule umfasst in der Regel die Klassenstufen 5 bis 9 bzw. 10 im Bereich der Sekundarstufe Iund wird mit dem Hauptschulabschluss (Berufsschulreife) abgeschlossen. Sie existiert noch in sechs Bundesländern als eigenständige Schulform. In diesen Ländern gilt sie als Regelschule, muss somit von den Schulträgern obligatorisch angeboten werden und ist zugleich Pflichtschule, „weil alle schulpflichtigen Schüler und Schülerinnen, die keine andere […] Vollzeitschule besuchen, zum Besuch der Hauptschule verpflichtet sind“ (Bronder et al. 1998: 9).

Die Hauptschule geriet in den letzten Jahren immer mehr in die Kritik, da sie die Schüler stigmatisiere und nur noch als Auffangbecken oder Brennpunktsschule für Bildungsverlierer galt. Viele Bundesländer sind bereits dazu übergegangen, ihre Hauptschulen umzubenennen und strukturell zu verändern. In Baden-Württemberg zum Beispiel werden zum Schuljahr 2010/2011 die sogenannten Werkrealschulen eingeführt. Diese werden dann als vierte Schulform neben Gymnasium, Realschule und Hauptschule für die Hauptschüler eingeführt, die durch gute Leistungen in einer 10ten Klasse die Möglichkeit bekommen, den Abschluss der mittleren Reife zu erlangen. Dort regt sich aber bereits Kritik an Umsetzung und Sinn dieser Umgestaltung: „Die Zuständigkeiten sind undurchsichtig. Das Land sagt, es schließe keine Schule. Die Städte berufen sich auf die Vorgaben des Landes. Die Lehrer sagen, bei dem Programm gehe es weniger um Pädagogik denn ums Geld.“ (Stuttgarter Zeitung „Die Hauptschule stirbt langsam“ vom 13.09.2010). In Berlin sind die Hauptschulen mittlerweile, zusammen mit den Real- und Gesamtschulen, zur integrierter Gesamtschule verschmolzen. In etlichen Bundesländern ist die Hauptschule als eigenständige Schulform entweder abgeschafft oder, wie im Fall der neuen Bundesländer, gar nicht erst errichtet worden. Sie existiert jedoch weiterhin in Form eines teilintegrierten Bildungsganges, das heißt die Bundesländer müssen durch ihr Schulsystem sicherstellen, dass der Hauptschulabschluss erworben werden kann.Im Saarland wurden die Hauptschulen durch die Erweiterten Realschulen ersetzt, in denen die Schüler in den Klassen 5 und 6 gemeinsam unterrichtet und ab der 7. Klasse in verschiedene Zweige aufgeteilt werden (Haupt- bzw. Realschulzweig). Ähnliche Wege gingen Thüringen mit der Einführung der Regelschule, Sachsen mit der Errichtung der Mittelschule, Mecklenburg-Vorpommern mit der Einrichtung Regionaler Schulen sowie Sachsen-Anhalt und Bremen mit der Zusammenlegung des Haupt- und Realschulbildungsganges in sogenannten Sekundarschulen.

2.3. Leistungskompetenzen der Hauptschüler

In mehreren Wellen wurden die in Deutschland sehr bekannten Pisa Studien durchgeführt, die von der OECD in Auftrag gegeben wurden. Diese Studien sollen die Schulleistungen 15-Jähriger ermitteln und miteinander vergleichen. Die Untersuchungen werden jeweils in Abständen von drei Jahren durchgeführt, wobei jede Welle ein bestimmtes Lehrgebiet untersucht. Im Jahr 2000 stand die Lesekompetenz im Mittelpunkt, im Jahr 2003 Mathematik und 2006 die Naturwissenschaften. Dieser Zyklus wird fortwährend wiederholt. Ebenfalls wird in jedem Jahr zum genannten Hauptthema ein Querschnittsthema untersucht. 2000 handelte es sich dabei um Lernstrategien und selbstreguliertes Lernen, 2003 um Problemlösung und 2006 um die informationstechnische Grundbildung. Die Ergebnisse der Pisa Studie 2009 werden allerdings erst im Dezember 2010 veröffentlicht und liegen demnach noch nicht vor.

Die OECD selbst schreibt zu den Ergebnissen der momentan aktuellsten Studie 2006: „Bedingt durch das gegliederte Schulsystem bestehen in Deutschland große Leistungsunterschiede zwischen den Schulen. Diese sind ungefähr doppelt so groß wie im OECD-Mittel; Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund zeigen deutliche geringere Leistungen als einheimische Schüler und das über die sozioökonomischen Effekte hinaus“ (OECD 2007- Internet). Die schlechtesten Ergebnisse stammenzum Großteil vor allem von den Hauptschulen, da wir hier nicht nur die leistungsschwächsten Schüler finden, sondern auch die Kinder mit Migrationshintergrund überproportional vertreten sind. Die Lesekompetenz der Hauptschüler liegt im Durchschnitt auf Kompetenzstufe 1 oder noch darunter. Nahezu 40 Prozent der 15jährigen kommen über das Basisniveau nicht hinaus und geltensomit schlicht als nichtausbildungsfähig (vgl. ebd.).

Es gibt aber auch eine andere Betrachtungsweise in Bezug auf die Pisa Ergebnisse. Der Arbeitskreis Hauptschule e.V. schreibt in einem veröffentlichten Memorandum zu der Pisa Studie 2000, die für Hauptschüler ähnliche Ergebnisse wie die Studie von 2006 geliefert hatte:

„Dass in Vergleichsstudien die Schüler der Hauptschule in ihren Mittelwerten in allen überprüften Kompetenzbereichendeutlich unter denen der Schüler an Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasium liegen, überrascht nicht. Denn wenn ein System möglichst homogene Lerngruppen in separierten Schularten zusammenfasst, weil die Annahme besteht, so funktioniere es am effektivsten, dann muss die Hauptschülerschaft quasi selbstverständlich die leistungsschwächsteGruppe sein. Auffällig und bemerkenswert sind dagegen die erheblichen Überschneidungen im Leistungsspektrum derSchulen, obschon von Seiten der Schuladministration ebenso wie von der Politik immer wieder der Eindruck erwecktwird, der enorme Aufwand an selektiven Maßnahmen sichere eine "begabungs-" und leistungsgerechte Verteilung der Schüler auf die Bildungswege der Sekundarstufe I.“ (Arbeitskreis Hauptschule e.V. : 342). Demgegenüber stellt Jürgen Baumert in der 3. PISA-Studie fest: Die Ergebnisse mehrerer Schulleistungsstudien belegen, „dass sich die Fachleistungen von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Schulformen weit überlappen“ (Baumert 2003: 291). Auch die Bundeszentrale für politische Bildung unterstreicht dieses Ergebnis: „Beide Studien [PISA und IGLU] verzeichnen eine große Überschneidung der Leistungen mit einer Streuung über mehrere Kompetenzstufen. Das heißt beispielsweise, dass 10 Prozent der besten Schülerinnen und Schüler aus der Hauptschule nach den Testwerten der PISA-Studie [2000] sogar zum mittleren Leistungsbereich am Gymnasium gehören würden“ (BpB-Internet).

3 Die mediale Berichterstattung über „Problemschulen“

Im März 2006 beschlossen die Lehrer der Rütli Schule in Berlin einen Brief an den Berliner Senat zu richten, in dem sie die unhaltbaren Zustände an ihrer Hauptschule öffentlich machen wollten. Sie berichteten u.a. davon, „dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber. Notwendiges Unterrichtsmaterial wird nur von wenigen Schüler/innen mitgebracht. Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den Flurwänden gerissen. Werden Schüler/innen zur Rede gestellt, schützen sie sich gegenseitig. Täter können in den wenigsten Fällen ermittelt werden“ (Lehrerbrief 2006- Internetlink). Weiter heißt es: „In vielenKlassen ist das Verhalten im Unterricht geprägt durch totale Ablehnung des Unterrichtsstoffesund menschenverachtendes Auftreten. Lehrkräfte werden gar nicht wahrgenommen,Gegenstände fliegen zielgerichtet gegen Lehrkräfte durch die Klassen, Anweisungen werdenignoriert. Einige Kollegen/innen gehen nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen, damitsie über Funk Hilfe holen können“ (ebd.).

Diese erschreckenden Aussagen gelangten in die Medien und es entbrannte eine wahre mediale Hetzjagd auf Schüler und Lehrkräfte der Schule. Täglich gab es neue Zeitungsartikel und Fernsehberichte, die vor allem junge, männliche Schüler mit Migrationshintergrund darstellten, die Journalisten anpöbelten und attackierten. In Berichterstattungen anerkannter medialer Formate wie der ZDF-Sendung Frontal.21, wurde die Problematik pauschalisiert und ausgeschlachtet. Es war die Rede von „verweigerter Integration“ und von „Einwanderern, die ihre Kinder gezielt nicht in das Bildungssystem eingliedern wollen“ (Frontal21 Bericht „Verweigerte Integration – Ausländerpolitik am Ende“ vom 04.04.2006). Viele Medien der Boulevardpresse zogen mit und es entstand ein enormer Druck auf die Schüler mit Migrationshintergrund in ganz Deutschland, die als Schuldige der Bildungsarmut Deutschlands dargestellt wurden.

Erst nach und nach kamen die Methoden der Boulevardjournalisten durch Berichte anderer Medien ans Licht, die beschrieben, dass viele der skandalösen Bilder medienwirksam inszeniert wurden. Die Zeit erwähnt es in einem Dossier vom 06.04.2006 eher beiläufig: „An einem dieser seltsamen Tage vor der Berliner »Terrorschule«, an denen dutzende Kameraleute und Fotografen hinter arabischen und türkischen Halbwüchsigen herhetzen und manche Reporter 120 Euro für gestellte Gangster-Gesten zahlen(…)“ (Die Zeit „Ist die Rütli noch zu retten?“ vom 06.04.2006).

Einen ähnlichen Fall gab es an der Gesamtschule Mümmelmannsberg in Hamburg. Die ZDF-Sendung ZDF.reporter hatte am 29.03.2006, parallel zu den Ereignissen an der Rütlischule, einen Bericht über gewalttätige Jugendgangs in einem sozialen Brennpunkt Hamburgs gesendet. In den Jugendgangs waren Schüler der genannten Schule und wurden den Klischeevorstellungen entsprechend dargestellt. Sie verhielten sich asozial, neigten stark zu Gewalttaten und wirkten perspektivlos und aggressiv. Wie die taz am 08.04. 2006 allerdings berichtete, hatten die gezeigten Schüler in denjeweiligen Szenen nur geschauspielert und wurden dafür sogar bezahlt: „Die gezeigten Schüler allerdings berichteten nun ihren Lehrern, dass die Bilder inszeniert worden seien und sie von der Reporterin dafür Geld bekommen hätten. Schulleiter Reinsch fordert eine Gegendarstellung und will die Sache vor den Presserat bringen. Die Redaktion von ZDF.reporter räumte daraufhin ein, dass ihre Produktionsfirma 200 Euro an einen „jugendlichen Informanten“ und 100 Euro an eine Familie, die ihre Wohnung für Dreharbeiten bereit stellte, gezahlt habe (taz „...und Action!“ vom 08.04.2006). In der FAZ sagte einer der gezeigten Akteure: „Die haben uns richtig gekauft. Erst haben sie gesagt, sie wollten viel Positives über den Stadtteil sagen, dann wollten sie Action sehen. Wir sollten so tun, als würden wir uns prügeln und Drogen kaufen. Ich habe das so gemacht, wie die das haben wollten.“ (FAZ „Schule der Gewalt“ vom 08.04.2006)

Auch wenn in den genannten Fällen oftmals Aussagen auf andere Aussagen treffen, ist die negative Beeinflussung der öffentlichen Meinung über das beschriebene Schülerklientel nicht von der Hand zu weisen. Auch wenn sich die seriöse Presse größtenteils um objektive Berichterstattung (in dieser Sache) bemühte, so bleiben aber Medien des Sensations- und Skandaljournalismus, wie die Bildzeitung mit ihrer großen Auflage, meinungsgenerierende Faktoren für einen breiten Teil der Öffentlichkeit. Die negative Berichterstattung erfolgte nicht nur im Zuge des Themas Gewalt an Schulen, sondern auch auf anderen Gebieten, beispielsweise durch die Ergebnisse der PISA Studien und dem enthaltenen Hinweis auf das Abschneiden der Hauptschüler. Wie sich unter anderem der mediale Druck und die öffentliche Meinung auf die Hauptschüler auswirken, wird in den nächsten beiden Kapiteln ebenfalls von Bedeutung sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Hauptschule als Sprungbrett oder Abstellgleis
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V162469
ISBN (eBook)
9783640766734
ISBN (Buch)
9783640766970
Dateigröße
695 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hauptschule, Sprungbrett, Abstellgleis
Arbeit zitieren
Timo Evers (Autor), 2010, Die Hauptschule als Sprungbrett oder Abstellgleis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162469

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