Hans Rothfels und die Kontinuität seines Geschichtsbildes anhand ausgewählter Publikationen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Hans Rothfels und die Kontinuität seines Geschichtsbildes anhand ausgewählter Publikationen

1. Einleitung

Das Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung der Entwicklung des Geschichtsbildes von Hans Rothfels vor dem Hintergrund seiner Biographie und der Zäsuren der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Dazu wird im Folgenden eine Untersuchung seiner Positionen vor 1933, insbesondere im Zusammenhang mit seiner wissenschaftlichen und politischen Beschäftigung mit Ost-Mitteleuropa und den dort lebenden deutschen Minderheiten, sowie seiner Rolle nach 1945 vor dem Hintergrund seiner Zeit im Exil, seiner Bedeutung für die deutsche Widerstandsforschung und seiner Rolle als Remigrant, insbesondere für die deutsche Historikerzunft nach dem Nationalsozialismus, vorgenommen.

Dies soll vornehmlich anhand der Auswertung von – auch bereits von den Zeitgenossen als solche wahrgenommene – besonders symbolträchtiger Äußerungen geschehen. Die Quellenlage kann als relativ gut bezeichnet werden, obwohl Rothfels Nachlass, der sich im Bundesarchiv in Koblenz befindet, nicht öffentlich zugänglich ist. Aufgrund seiner herausragenden Rolle in der deutschen Geschichtswissenschaft und seiner engagierten Stellungnahmen zu politischen Fragen vor und nach 1933/39 haben sowohl die Person als auch der Historiker Hans Rothfels bereits häufig das Interesse von Zeithistorikern auf sich gezogen. Die in Aussicht gestellte Biographie von Jan Eckel steht allerdings bedauernswerterweise noch aus.[1] Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf Publikationen und Vorträge, da Rothfels Geschichtsbild nicht von seiner Intention, es politisch wirksam zu vermitteln, getrennt werden kann. Öffentliche und politische Wirksamkeit waren ein zentrales Anliegen im Rahmen seiner geschichtswissenschaftlichen Arbeit.

Über die Positionen von Hans Rothfels vor 1933 ist kürzlich eine Kontroverse entbrannt. Ausgangspunkt war das Buch von Ingo Haar „Historiker im Nationalsozialismus“. Heinrich August Winkler wandte sich daraufhin in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte vehement gegen die Darstellung von Rothfels als dem „einzige[n] Historiker, der die Osthilfe und die Siedlungskampagne der deutschen Reichsregierung durch ein geschlossenes Geschichtsbild zu rechtfertigen wusste“[2] ; vielmehr sei er, der Gruppe der „konservativen Vernunftrepublikaner“[3] zuzurechnen. Nach der Erwiderung von Haar[4] eskalierte die Kontroverse[5]. Aktuell haben sich nun auch eine Reihe anderer Historiker zu diesem Thema geäußert, worauf im Folgenden näher eingegangen werden wird. Da die Biographie von Rothfels als Grundlage eines Verständnisses seines Geschichtsbildes unerlässlich ist, soll sie zu Beginn kurz umrissen werden.

2. Kurzbiographie

Hans Rothfels wurde am 12. April 1891 in Kassel als Sohn eines jüdischen Rechtsanwaltes und Notars geboren.[6] 1910 konvertierte er zur evangelisch-lutherischen Kirche. Rothfels studierte zunächst in Freiburg, dann in München und Berlin und kehrte nach seiner Dienstzeit beim Militär 1910/11 nach Freiburg zurück, wo er in der Folge zum engeren Schülerkreis von Friedrich Meinecke gehörte.

Rothfels wurde von Meinecke, dessen Buch „Weltbürgertum und Nationalstaat“ 1908 erschienen war, entscheidend geprägt. Conze geht soweit zu sagen, er sei durch ihn „nicht nur zum Studium der Geschichte angeregt, sondern durch ihn zum Historiker geworden“.[7] Meineckes Werk habe, wie Rothfels selbst rückblickend feststellte, „auf eine jüngere Generation gewirkt, die an dem nationalen Pathos der konventionellen Geschichtsschreibung ebenso wenig genüge fand wie an dem hausbackenen Positivismus oder dem aesthetisierenden Impressionismus jener Tage.“[8] So wurde Rothfels Arbeitsweise stark von Meineckes ideengeschichtlicher Methode beeinflusst.

1914 ging er als Kriegsfreiwilliger an die Front, wo er bereits im November desselben Jahres einen schweren Reitunfall hatte, bei dem er ein Bein verlor.

Im Frühjahr 1916 überzeugte ihn Meinecke, wie Rothfels sich später ausdrückte, von „einer Verbindungsmöglichkeit zwischen der noch unausgelöschten militärischen Aktionslust [...] und der wissenschaftlich-theoretischen Beschäftigung – die Synthese hieß Clausewitz“.[9] Zu diesem Thema promovierte er 1918 bei Herrmann Oncken; die Arbeit wurde in erheblich erweiterter Form 1920 veröffentlicht.[10]

Während er 1920-1923 im Potsdamer Reichsarchiv arbeitete und ab 1923 auch als Privatdozent an der Berliner Universität tätig war, habilitierte er sich bei Friedrich Meinecke über das diplomatiegeschichtliche Thema der englischen Bündnispolitik Bismarcks.

1926 nahm er eine Professur an der Königsberger Albertina Universität an, wo er achteinhalb „fruchtbare“[11] Jahre verbrachte. In diese Zeit fiel das „Hineinwachsen in eine ‘neue wissenschaftliche Haltung’, die den Vorsätzen entsprach, ‘mit denen meine Generation aus dem Felde zurückkehrte’“.[12] Gleichwohl distanzierte er sich von jeder emotionalen Hochspielung der Frontkämpfererfahrung.

Außerdem wurde er in dieser Zeit durch die besondere Lage der „Grenzlanduniversität“ geprägt. Hier war er direkt mit den Konsequenzen des Krieges und mit einer Region konfrontiert, deren geschichtliche Prägung durch eine einzigartige „völkische Gemengelage“ ihn rasch faszinierte. „Methodisch blieb der Ordinarius für Neuere Geschichte und nunmehrige Direktor des historischen Seminars der Meineckeschen Tradition der ideengeschichtlichen Methode gewiss verpflichtet; politisch machte er vor und nach 1933 aus seiner konsequenten politischen Haltung kein Geheimnis, er war, wie man es heute nennen würde, ein engagierter Wissenschaftler, kein Rothfels im Elfenbeinturm – engagiert rechts!“[13]

Bis zum Juli 1934 lehrte Rothfels in Königsberg, dann wurde der „Fall Rothfels“ für die Nationalsozialisten zu einer Prinzipienfrage. Nachdem sich Rothfels zunächst auf eine Ausnahmeklausel im „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ gestützt hatte, die ihn als Frontkämpfer schützte, musste er dann 1934 aufgrund seiner jüdischen Abstammung doch die Universität verlassen; 1936 folgte das Schreibverbot, 1938 das Bibliotheksverbot, welches ihn auf das Härteste traf[14] und eine kurzfristige Verhaftung während der Reichspogromnacht.

Im August 1939, zwei Wochen vor Kriegsausbruch, verließ er – seiner Familie nachfolgend – Deutschland in Richtung England, wo er eine kurze Zeit als Research Fellow am St. Johns College in Oxford verbrachte, bevor er in Anbetracht des sich fortsetzenden Krieges in ein Internierungslager auf der Isle of Man gebracht wurde. 1940 übersiedelte er als Gastprofessor an die Brown University in Providence, um dann 1946 einen Lehrstuhl für europäische Geschichte an der Universität Chicago zu erhalten.

1947 erhielt Rothfels Rückrufe der Universitäten Erlangen und Heidelberg, kam aber erst im Sommer 1949 zu einer Vorlesungsreise im Rahmen des „US-Reoriantation Program“ erstmals nach Deutschland zurück. Schließlich kehrte er im Sommersemester 1951 dauerhaft nach Deutschland zurück und wurde Professor in Tübingen, wobei er 1953 und 1956 auch noch in Chicago lehrte. Rothfels war der einzige emigrierte deutsche Historiker, der nach dem Krieg wieder eine Professur in Deutschland annahm. 1959 emeritierte er und verstarb 1976 in Tübingen. Auf die weiteren Tätigkeiten nach 1945 wird im Rahmen seines Wirkens in dieser Zeit eingegangen.[15]

3. Hans Rothfels in den Jahren vor 1933/39

3.1 Die Zeit in Königsberg

Rothfels wurde 1926 zum ordentlichen Professor und Direktor des historischen Seminars an der Albertus Universität berufen. Die Phase seines Wirkens in Königsberg hat er später als eine Zeit „stärkster Prägekraft“ bezeichnet.[16] In Königsberg war er mit den geographischen Folgen des Versailler Vertrages praktisch konfrontiert; die Lage der „Grenzlanduniversität“[17] bedeutete für den

dezidiert politischen Historiker – das Objektivitätspostulat lehnte er ab[18] – eine besondere Herausforderung: „Als Historiker wollte er hier das Erbe der Bismarckschen Politik fruchtbar machen und als politischer Erzieher, als der er sich verstand, auf die Neugestaltung der Region Einfluss nehmen. Er bekannte sich zu einer ‘kämpfenden Wissenschaft’.“[19]

3.2 Der Vortrag auf dem Historikertag in Göttingen 1932

Rothfels setzte sich intensiv mit der „völkischen Gemengelage“ der Region auseinander. Besonders spektakulär war sein Vortrag „Bismarck und der Osten“ auf dem Göttinger Historikertag 1932. Hier vertrat er die These, dass im Osten des Reiches im Gegensatz zu Westeuropa Nationalstaaten keine Perspektive darstellten: „Hier ist der Nationalstaat lebensfremde Doktrin, ist das Nichtzusammenfallen, das nothafte Draußenstehen von Millionen Deutscher zumal – nicht nach den heutigen Grenzen, wie sich versteht, sondern dem Wesen nach – naturgegebene Lage und fruchtbares Prinzip zugleich, wenn anders diese Situation geistig angeeignet wird .“[20] Er konstatierte einen direkten Zusammenhang mit der Politik Bismarcks, den er in euphemistischer Weise zum Vordenker eines föderalen Konzeptes für Ost-Mitteleuropa stilisierte.[21]

Für Rothfels, der wie die überwiegende Zahl der deutschen Historiker den Versailler Frieden kategorisch ablehnte,[22] „klafften Staatsfriede und Völkerfriede (nirgends) so weit auseinander“[23] wie in dieser Region. Er beanspruchte deshalb eine Führungsrolle für die deutschen Bevölkerungsgruppen: „Um den Osten vor dem ‘Chaos’ zu bewahren, mußte es seiner Ansicht nach zu einer ‘organischen Neuordnung nach der Reife der Volkskräfte und nach dem Grade der Leistung kommen’, wobei die Deutschen dasjenige Volk darstellten, das am innigsten seit Jahrhunderten in den Lebensprozeß des Ostens verflochten sei.“[24]

[...]


[1] Hans-Christian Petersen: „Ostforscher“-Biographien, in: ZfG 9 (2001), S. 827-829.

[2] Ingo Haar: Historiker im Nationalsozialismus, Göttingen 2000, S. 121.

[3] Heinrich August Winkler: Hans Rothfels-Ein Lobredner Hitlers?, in: VfZ 49 (2001), S. 643-652, S. 645; auch Rothfels selbst hat sich später augenscheinlich nicht dieser Gruppe zugeordnet: Hans Rothfels: Die Geschichtswissenschaft in den Dreissiger Jahren, in: Andreas Flitner (Hg.): Deutsches Geistesleben und Nationalsozialismus, Tübingen 1965, S. 90-107, S. 94.

[4] Haar: Quellenkritik oder Kritik der Quellen?, in: VfZ 50.3 (2002), S. 497-506.

[5] Winkler: Geschichtswissenschaft oder Geschichtsklitterung?, in: VfZ 50.4 (2002), S. 635-652.

[6] Werner Conze: Hans Rothfels, in: HZ 237 (1983), S.311-360, S. 312.

[7] Ebd., S. 313.

[8] Ebd.

[9] Conze, Rothfels, S. 315.

[10] Ebd.; auf die autobiographischen Züge dieser Studie hat Hans Mommsen hingewiesen, ders.: Hans Rothfels, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Deutsche Historiker IX, Göttingen 1982, S. 127-147, S. 131.

[11] Wolfgang Neugebauer: Hans Rothfels (1891-1976), in: Dietrich Rauschning/ Donata von Nerèe, (Hg.): Die Albertus Universität in Königsberg und ihre Professoren, Berlin 1995, S. 245-256, S. 248.

[12] Mommsen, Rothfels, S. 131.

[13] Neugebauer, Rothfels, S. 248/249.

[14] Mommsen: Geschichtsschreibung und Humanität. Zum Gedenken an Hans Rothfels, in: Wolfgang Benz/ Hermann Graml (Hg.): Aspekte deutscher Außenpolitik im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1976, S.9-27, S.20.

[15] Ausführlich: Conze, Rothfels, S. 349ff.

[16] Rothfels: Siebenhundert Jahre Königsberg, in: ders.: Zeitgeschichtliche Betrachtungen, Göttingen 1959, S. 17-39, S. 19.

[17] S. dazu Rothfels: Die Albertina als Grenzlanduniversität, in: ders.: Bismarck, der Osten und das Reich, 2. Aufl., Stuttgart 1962 (zuerst 1935), insbesondere S. 220/221.

[18] U. a. Rothfels, Bismarck, der Osten und das Reich, S. 222; ders., Geschichtswissenschaft, S. 106; Karen Schönwälder: Historiker und Politik. Geschichtswissenschaft und Nationalsozialismus, Frankfurt/M.-New York 1992, S.53; vgl. außerdem: Christoph Cornelißen, „Schuld am Weltfrieden“, in: Gerd Krumeich (Hg.): Versailles 1919, Essen 2001, S. 237-258, S. 253.

[19] Schönwälder, Historiker, S. 53.

[20] Rothfels: Bismarck und die Nationalitätenfragen des Ostens, in: HZ 147 (1933), S. 89-105, S. 105; Haar zitiert diese Stelle sinngemäß falsch, wenn er behauptet, Rothfels habe geäußert, dass das „‘Draußenstehen von Millionen’ von Deutschen (...) eine ‘lebensfremde Doktrin’ sei“, Haar, Quellenkritik, S. 102.

[21] Vgl. zu dem, was Rothfels hier als ‘föderale Struktur’ versteht, Peter Thomas Walther: Von Meinecke zu Beard: Die nach 1933 in die USA emigrierten deutschen Neuhistoriker, New York 1989, S. 60; zur „autonomen Ostseite“ des Reiches s. auch Bernd Faulenbach: Ideologie des deutschen Weges, München 1980, S. 75.

[22] Solche Kritik von Rothfels auch noch 1965, Geschichtswissenschaft, S. 96.

[23] Ders.: Ostraum, Preußentum und Reichsgedanke, Leipzig 1935, S. VI.

[24] Cornelißen, Weltfrieden, S. 254.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Hans Rothfels und die Kontinuität seines Geschichtsbildes anhand ausgewählter Publikationen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Friedrich-Meinecke-Institut (FMI) )
Veranstaltung
Haupseminar Exil und Transfer. Beziehungen zwischen Deutschland und den USA im 20. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V162584
ISBN (eBook)
9783640774975
ISBN (Buch)
9783640774920
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans Rothfels, Zeitgeschichte, Opposition gegen Hitler, Widerstand, Widerstandshistoriographie, Historiker, Geschichtsschreibung
Arbeit zitieren
Timo Metzner (Autor), 2003, Hans Rothfels und die Kontinuität seines Geschichtsbildes anhand ausgewählter Publikationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/162584

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